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geselligen Lebens tritt das ideelle Element, der geistige Factor in der Gestalt des menschlichen freien Willens verhältnissmässig sehr viel mehr hervor als es in Betreff aller anderen Naturerscheinungen der Fall ist. – Eben weil der Wille des Menschen von allen in Raum und Zeit wirksamen Kräften sich am allerwenigsten durch bestimmte materielle Regeln und Gesetze beschränken lässt, eben deshalb, weil er frei ist, so hatten alle gesellschaftlichen Erscheinungen, sogar in den Augen scharfsinniger Beobachter, lange Zeit den Charakter vollständiger Zufälligkeit. Der Auf- und Niedergang der Sonne, die Abwechselung von Licht und Finsterniss, die Zeiten des Jahreswechsels folgen einander auf der Erde stets in bekannter fester Ordnung, während in der Geschichte der Menschheit Krieg und Frieden, Barbarei und Aufklärung, Gewalt und Recht mit einander Wechselten, dem Anschein nach nur abhängig vom Willen und von der Wirksamkeit einzelner Persönlichkeiten oder von Richtungen, in die ganze Stämme und Völkerschaften, oft ganz unbeWusst, einschlugen. – Die organischen Wesen entwickeln sich auf der Erde nur unter bekannten Bedingungen, in bestimmten läträumen, innerhalb fester Grenzen, über die sie nie hinausgehen, und einander erzeugend, geben sie scheinbar ganz dieselben Früchte und Samen, aus denen sie selbst entstanden. – Etwas völlig Anderes zeigt uns anscheinend die Geschichte der Entstehung und Entwickelung der menschlichen Gesellschaft. Die Perioden des Entstehens und Untergehens von Staaten und Völkom, die Grenzen ihres Umfangs und ihrer Entwickelung, die einzelnen Erscheinungen ihres Lebens und Wirkens, alles Dieses eigt anscheinend nichts Geregeltes, nichts vernünftig-Gesetzmässiges. Daher war anfänglich auch nur eine mehr oder weniger Wstematische Aufzählung von historischen Thatsachen möglich, ohne dass sich irgend ein wesentlicher Zusammenhang zwischen ihnen auffinden liess, oder sie allgemeinen unwandelbaren Gesetzen untergeordnet werden konnten. Doch es fragt sich: betrachtete anfänglich der Mensch nicht auch die ihn umgebende materielle Welt eben so? Trugen nicht anfänglich auch die um ihn her statthabenden Naturerscheinungen in seinen Augen den Stempel der Zufälligkeit und völligen Zusammenhanglosigkeit? Die Kürze der Wintertage im Vergleich "u denen des Sommers erklärten die Griechen dadurch, dass

elios, voll Verlangen sich in den Armen seiner Geliebten zu Gedanken über die Socialwissenschaft der Zukunft. I. 2

erwärmen, seine Rosse schneller in den Ocean trieb. Die Winde wurden Aeolus oder Boreas zugeschrieben, je nachdem es einem oder dem andern von ihnen einfiel seine Lungen in Bewegung zu setzen. Die Ursache und der Zusammenhang dieser und vieler andern Erscheinungen, die vormals den menschlichen Geist in abergläubische Furcht versetzten oder ihn zu falschen Voraussetzungen veranlassten, sind jetzt aufgedeckt und erklärt durch die Wissenschaft. So erklärte Darwin, indem er das Gesetz der natürlichen und geschlechtlichen Zuchtwahl entdeckte, auf naturgemässem Wege eine Menge Erscheinungen der organischen Natur, die bisher für unmittelbare Kundgebungen übernatürlicher Kräfte galten. Und die Naturwissenschaft hat auch jetzt noch lange nicht ihr letztes Wort gesprochen. Auch jetzt bietet die Natur eine Menge derartiger Erscheinungen dar, deren volles und allseitiges Verständniss für den Menschen ein noch nicht zu enträthselndes Geheimniss ist, oder die sich als Folge so complicirter Ursachen erweisen, dass es dem Menschen unmöglich wird deren verwirrtes Gewebe zu verfolgen oder zu entwirren. – Wenn gegenwärtig der Astronom auf viele tausend Jahre voraus berechnen kann, zu welcher Zeit und an welchem Punkte der Himmelsgegend sich dieser oder jener Planet unseres Sonnensystems befinden wird, so ist andrerseits kein einziger Meteorologe im Stande mit unbedingter Glaubwürdigkeit nicht nur nicht für einige Tage, sondern nicht einmal für wenige Augenblicke das Erscheinen und die Stärke eines Windes, eines Gewitters oder Nordlichtes vorher zu bestimmen. Der erfahrenste Landwirth ist nicht fähig mit Sicherheit die Quantität und Qualität der zukünftigen Ernte vorherzusagen. Aber dessen ungeachtet hängt das Auftreten und die Stärke eines Windes, Gewitters oder Nordlichtes wie die Entwickelung des organischen Lebens auf der Erdoberfläche von eben so festen Gesetzen ab, wie die Bewegung der Himmelskörper. Der Unterschied liegt nur darin, dass die Bewegung der letzten durch eine einfache Ursache – die allgemeine Schwerkraft bedingt wird, während eine Störung des Gleichgewichts unserer Atmosphäre, die Vertheilung der Electricität in derselben und das Entwickeln der Pflanzen von einer 80 grossen Menge von Bedingungen abhängig sind, dass der Mensch bis jetzt ausser Stande ist sie zu fassen und vorherzusehen. Dasselbe gilt auch in Bezug auf die Erscheinungen in der menschlichen Gesellschaft. In ihr, wie in der Natur, giebt es,

in der weitesten und strengsten Bedeutung des Wortes, keinen absoluten Zufall, und kann es in Wirklichkeit keinen geben. Wie in der materiellen Welt, so auch in Bezug auf die menschiche Gesellschaft nennen wir zufällig nur die Erscheinungen, welche, obgleich sie sich in unzertrennlichem nothwendigem Zusammenhang mit den ihnen vorhergehenden befinden, doch in diesem oder jenem vorkommenden Fall nicht von uns vorhergesehen oder erkannt werden. Doch, so sagt man, wenn es auch als unbestreitbares Axiom anzuerkennen ist, dass sowohl in der materiellen Welt, als auch in der Gesellschaft es in Wirklichkeit keine absolut zufällige Erscheinung geben kann, so folgt daraus noch nicht, dass die menschliche Gesellschaft zum Gegenstande der Wissenschaft gemacht werden kann, gleich der organischen oder unorganischen Natur. Der Zusammenhang zwischen den Erscheinungen und ihrer gegenseitigen Wirkung in der Gesellschaft kann derartig Complicirt sein, dass namentlich aus diesem Grunde die Erkenntus desselben für den menschlichen Verstand unmöglich wird; dem im letzten Fall werden die factisch nicht zufälligen Erscheinungen immer in den Augen des Menschen für zufällige gehalten. Wir wollen sehen auf welchem Wege es möglich ist feste Gesetze zu entdecken, die der menschlichen Gesellschaft als Grundlage dienen und die Wirkung der im gesellschaftlichen 0ganismus vorhandenen Kräfte bedingen.

III.

Kraft, als Ursache der Erscheinungen in der Natur und Gesellschaft.

Eine jede materielle und so auch denn jede gesellschaftliche Erscheinung ist die Folge, das Resultat irgend einer vorausgegangenen wirksamen Ursache, welche wir Kraft nennen. So ist die Schwere der Körper auf der Oberfläche der Erde eine scheinung, die hervorgeht aus der Anziehungskraft der Erde, sie ist das Resultat der Wirkung dieser Kraft. So ist der Werth der in der Gesellschaft circulirenden Güter eine Erscheinung, die hervorgeht aus dem persönlichen Interesse der einzelnen Glieder der Gesellschaft, aus dem Bestreben die zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse dienenden Gegenstände sich anzueignen. Die Wirkung einer Kraft erkennen wir nur aus ihren Folgen, aus ihren Resultaten. Eine und dieselbe Kraft bringt nicht selten die verschiedenartigsten Erscheinungen hervor und andrerseits geben verschiedene Kräfte oft ein gleiches Resultat. So wirkt die Electricität bald anziehend, bald abstossend, so kann unter Umständen, so wie die Wärme, auch die Kälte zur Ursache der Ausdehnung eines Körpers werden. In der Gesellschaft kann das auf ein und dasselbe Ziel gerichtete Streben zweier oder mehrer Persönlichkeiten oder socialen Gruppen in einem Fall gemeinsames Zusammenwirken zur Folge haben, in einem andern ein feindseliges Entgegenwirken. Der sociale Fortschritt kann bei einem Volke aus dem Vorherrschen der höheren Schichten der Gesellschaft über die niederen entspringen, bei einem anderen dieses Vorherrschen die Ursache des Verfalls und der Zerrüttung abgeben. Die Auswanderung eines Theils der Bevölkerung eines Landes kann die Folge ungewöhnlicher Entwickelung der Industrie sein, welche Menschenhände durch Maschinen ersetzt; unter andern Umständen ist sie die Folge innerer ökonomischer Zerrüttung, welche die Masse des Volks der Existenzmittel beraubt. Erhöhung des Preises der Erzeugnisse kann unter Umständen hervorgehen aus Verstärkung der Nachfrage, Erweiterung des Kredits oder vergrössertem Angebot, unter andern Umständen aus Mangel an Vertrauen. Diese zum Vorschein kommenden Widersprüche entstehen dadurch, dass in der Natur wie in der Gesellschaft die Kräfte nur in Ausnahmsfällen unabhängig von einander wirken und dass sowohl die materiellen als gesellschaftlichen Erscheinungen zum grossen Theil die Resultate der Wechselwirkung von Kräften verschiedener Natur und nicht gleicher Tendenz sind. Je nach der Zusammensetzung der aus den einzelnen Kräften hervorgehenden Resultate erfolgen verschiedenartige, bisweilen entgegengesetzte Wirkungen. Daher ist es, um die Natur und Tendenz einer jeden einzelnen Kraft für sich zu ergründen, unumgänglich nöthig, eine Wirkung von der Wirkung einer anderen von ihr verschiedenen Kraft zu trennen und so aus der Gesammtwirkung auszuscheiden; dann ergiebt sich do

Resultat der Einzelwirkung einer jeden Kraft in ihrer vollen Reinheit; dann erst enthüllt sich das Gesetz ihrer unabhängigen Wirkung. – In einigen Zweigen der Naturwissenschaft lässt sich dieses Ziel durch physikalische und chemische Experimente erreichen: der Chemiker in seinem Laboratorium, der Physiker in seinem Kabinet, indem sie die Wirkung einer Kraft von der der andern trennen und eine jede isoliren, erhalten Resultate, aus denen sie die Gesetze der chemischen Verwandtschaft, der mechanischen Wechselwirkung u. s. w. ableiten. Behufs Zerlegung des Wassers in seine Bestandtheile trennt der Chemiker das Wasser durch die Wände eines Gefässes von denen dasselbe umgebenden Körpern und nur unter dieser Bedingung erhält er stets das gleiche Resultat, die gleiche Menge Sauerstoff und Wasserstoff; im entgegengesetzten Fall würden sich die atmosphärischen Gase und andern Substanzen dem Wasser beimischen und die Ergründung der chemischen Zusammensetzung desselben unmöglich machen. – Zur Feststellung des Fallgesetzes der Körper zur Überfläche der Erde muss der Physiker vor Allem einen luftleeren Raum sich beschaffen, sonst ändert die Reibung der Atmosphäre, die nicht der Masse, sondern der Oberfläche des fallenden Körpers proportional ist, die Geschwindigkeit seines Falls und giebt Resultate, die nicht zur Entdeckuug eines allgemeinen Gesetzes führen. In andern Zweigen der Naturkunde lassen sich keine Experimente anstellen, wie z. B. in der Geologie, Astronomie, Meteorologie. Hier muss sich der Mensch auf obachtung, Vergleiche und analytische Schlussfolgerungen beschränken. Das was der Chemiker und Physiker in seinem Laboratorium, in seinem Kabinet herbeiführt, die Trennung der zufälligen Umstände und Bedingungen von den wesentlichen, die klirung der Einzelkräfte und die Resultate ihrer Wirkungen Von einander, das thut der Astronom, der Geologe, der Meteoroge in seinem Geiste. Der Geologe, der die Ordnung beobachtet, in der an verschiedenen Orten die verschiedenen Schichten er Erdrinde auf einander folgen, zerlegt in Gedanken unseren aneten in die ihn zusammensetzenden Theile. Indem er diese der jene Erscheinung der Wirkung dieser oder jener Kraft zuchreibt, bemüht er sich im Geiste theilweise und mit Abgrenng der Erscheinungen das zu reproduciren, was vor seinen gen durcheinander in einer gemeinschaftlichsn Masse daliegt, müht sich folgerecht das wiederaufzubauen, was auf unserem

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