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Interesse nicht identisch ist mit dem öffentlichen, der individuelle Nutzen nicht immer dem der Gesellschaft entspricht, so fällt auch das individuelle Bewusstsein nicht mit dem socialen zusummen. In Beziehung zur Gesellschaft hat das individuelle Bewusstsein dieselbe Bedeutung, wie halbbewusste oder unbeTusste Willensacte des Menschen zu seinem bewussten Willen. Wie im Menschen nur ein geringer Theil seiner inneren und ässeren Thätigkeiten, wie seine physische und geistige Ent

ickelung nur in einzelnen Momenten mit Bewusstsein erfolgt, Wo kommen auch in der Gesellschaft nur zum kleinsten Theil

die Handlungen ihrer Glieder, nur die augenfälligeren Erscheiungen und Ereignisse, die hervorragenderen Persönlichkeiten zum Bewusstsein der ganzen Gesellschaft, als organische Einheit. – Die Regierung ist der höchste Repräsentant des socialen Berusstseins jeder Gesellschaft. Die Regierung, als souveräne Wacht, als Verkörperung der socialen Einheit, nimmt in sich die Willen der einzelnen Glieder der Gesellschaft auf und Telekürt den Gesammtwillen unmittelbar oder durch Vermittelung erschiedener Organe auf die einzelnen Glieder zurück. r die Regierung ist, wie überhaupt jedes Organ, nur im ohne einen geringen Theil der ganzen Summe von Reflexen, die zwischen den einzelnen den Organismus durchkreuzenden Wien stattfinden, aufzunehmen. Je höher entwickelt die Ge*schaft ist, desto vielseitiger und in desto grösserer Fülle "pfängt die Regierung Reflexe von allen Theilen des Orgamus, und um so thätiger und zweckmässiger wirkt sie auf selben zurück. Dasselbe findet auch in höher entwickelten rischen Organismen statt. Der entwickelte Mensch denkt r, als ein beschränkter; ein höheres Thier verhält sich wusster zu seiner Umgebung und seinen eigenen Bedürfnissen, * ein niederes. Auch hier besteht wieder die ganze Differenz or in der Stufe der Entwickelung. Aus den Versuchen von Ed. Weber, Flourens, Cl. Bernard, senthal und Anderen geht hervor, dass jeder Nervenknoten "Apparat ist, der die Fähigkeit besitzt, nicht nur eine Beung, eine Schwingung, einen Reflex zu übertragen, sondern *lben auch festzuhalten, in sich anzuhäufen, zu verarbeiten " vor der Uebertragung umzuändern. Und das gilt nicht * Von unwillkührlichen, sondern auch von vorher gewollten Bewegungen. Bestätigt wird diese Ansicht durch die Entdeckung des sogenannten Hemmungsnervencentrums des Herzens: Nervenknoten, von denen aus die auf anderem Wege reflektorisch angeregten Bewegungen des Herzens verlangsamt werden. Dass es zahlreiche derartige Hemmungsnervenknoten giebt, ist mehr als wahrscheinlich. Dass wir durch äussere Reize hervorgerufene Reflexbewegungen durch unseren Willen zu unterdrücken im Stande sind, ist bekannt und wird durch die tägliche Erfahrung bestätigt.

Jetzt denke man sich, der Mensch sei nichts Anderes, als ein nur mehr entwickelter Knoten eines ganzen Nervensystems, denke man sich alle eine sociale Gruppe, eine Gesellschaft, einen Staat bildenden Individuen seien nichts als Theile eines solchen Nervensystems, gleich den einzelnen zu einer galvanischen Batterie gehörenden Elementen; man zerlege die Thätigkeit einer jeden einzelnen Person und die wechselseitige Thätigkeit aller Glieder der Gesellschaft in verschiedene Thätigkeitsacte, und man wird sich überzeugen, dass zwischen den Nervenreflexen in der Gesellschaft und in jedem anderen Organismus der ganze Unterschied nur in den verschiedenen Fähigkeitsgraden der Nervencentren besteht, die Nervenreflexe aufzunehmen, festzuhalten, umzuändern und weiter zu übertragen.

Die zwischen höheren Wirbelthieren stattfindenden Reflexe zeigen einen weniger complicirten Charakter, als die, von welchen die gegenseitige Thätigkeit der in der Gesellschaft lebenden Menschen abhängt. Der Affe wiederholt die vor seinen Augen ausgeführten Bewegungen und lernt sie ab. Er besitzt nicht die Fähigkeit, sich das Gesehene mit Bewusstsein anzueignen, die Eindrücke in sich festzuhalten und sie selbstständig in einem solchen Grade zu verarbeiten, wie der Mensch es thut. Der Instinkt der niederen Thiere, der Bienen, Ameisen u. dergl. m. entwickelt sich unter dem Einfluss eben solcher, zwischen den gemeinschaftlich lebenden Individuen statthabenden Reflexe, aber nur unter einfacheren Bedingungen. Steigen wir solchergesta immer weiter hinab auf der endlosen Stufenleiter der Wesen, so gelangen wir schliesslich zur einfachen Uebertragung des mechanischen Stoffes von einem Körper auf den anderen, der gleichfalls nichts Anderes, als einen Reflex darstellt, nur dass derselbe ohne festgehalten oder modificirt zu werden, übertragen wird, wenn der den Stoss ertheilende und der ihn empfangende Körper sich unter gleichen Bedingungen befinden. –

Dasselbe findet in Wirklichkeit, nur unter complicirteren Verhältnissen, unter den einzelnen Menschen in der Gesellschaft statt. Angeregt durch die Worte meines Gesellschafters, das (ehörte überlegend und zu einer Erwiederung mich entschliessend,

setze ich zur Antwort die entsprechenden Muskeln in Thätigkeit.

Angeregt von dem Verlangen nach Nahrung, oder einem anLehmbaren Vorschlag zur Ausführung einer Arbeit, zur Theil

ahme an einer industriellen Unternehmung, stelle ich mir se, zur Erlangung des Zweckes geeigneten Mittel vor und

ersetze, indem ich die Arbeit vornehme oder den geforderten Dienst leiste, meine Muskeln wiederum eben so in Thätiget. In allen diesen Fällen findet nur eine complicirtere Um*zung der Kraft statt, eine Umsetzung, die mit der Aufnahme s Eindruckes von aussen beginnt und mit der Rückwirkung auf die Aussenwelt endigt. Die in dem Festhalten, der Verstärkung, Abschwächung oder Abänderung der äusseren BeWegung bestehende Thätigkeit des Nervensystems zeigt nur eine reatire Differenz im Vergleich zu dem, was zwischen allen "ganischen und unorganischen Naturkörpern vor sich geht. alsiren wir in solcher Weise die concrete und collective Tätigkeit aller Glieder der Gesellschaft, so kommen wir zum Schlusse, dass diese Thätigkeit der Wechselwirkung zwischen einzelnen Nervencentren in jedem Nervensystem vollständig homolog ist.

Als bester Beweis dafür, dass Nervenreflexe nur eine Modiotion des einfachen mechanischen Stosses, eine complicirtere regung darstellen, dient die Bildung der Nerven selbst.

Herbert Spencer in seinen »Grundzügen der Biologie« schilert sie folgendermassen:

"Nehmen wir an, der organische Urstoff, das Protoplasma, halte zwei oder mehr Colloidsubstanzen in Mengung oder er lockerer Verbindung, so lässt sich folgern, dass jede durch en sogenannten Stimulus erzeugte, noch so kleine Aufhebung * Gleichgewichts sich, wenn die das Protoplasma zusammenzenden Theile nicht gleichmässig vertheilt sind und einzelne ihnen leichter oder mit geringerem Bewegungsverlust, als übrigen, einer isomeren Umgestaltung unterliegen, in einzelnen Richtungen weiter differenzirt werde, als in den übrigen; besonders aber wird sie sich nach den Stellen hin, wenn solche überhaupt vorhanden sind, fortpflanzen, die vorzugsweise Theilchen enthalten, welche ohnehin schon zur Zeit ihrer Metamorphose in theilweiser Bewegung begriffen sind. Nun fragt es sich, welche Strukturveränderungen hat jene durch die Gleichgewichtsstörung der kleinsten Theile erzeugte Welle zur Folge? Wie aus den mit so grosser Schnelligkeit sich in den Colloidsubstanzen verbreitenden Umwandlungen ersichtlich, sind die einer gewissen Veränderung ihrer Form unterlegenen Theilchen fähig, den benachbarten Theilchen gleicher Art eine ähnliche Formveränderung mitzutheilen; – die Ursache, die eine jede Aenderung in der Vertheilung bewirkt, pflanzt sich fort und ruft eine neue Aenderung der Vertheilung hervor.«

»Angenommen, die Nervencolloidsubstanz sei eine solche, deren Theilchen beim Durchgange einer Welle von starker Hebung ihre Form verändern, nach dem Durchgange derselben aber zu ihrer früheren Form zurückkehren, so dass diese den neu auftretenden Verhältnissen gegenüber eine grössere Widerstandsfähigkeit zeigt. Was wird die Folge sein? Offenbar, dass die Theilchen von Neuem bereit sein werden, sich isomerisch umzugestalten, wenn ein neuer Stimulus einwirkt; wie vorher werden sie ihre Umgestaltung vorzugsweise dahin verbreiten, W0 sie zahlreicher angehäuft sind; wie früher, werden sie nach Bildung neuer Theilchen von ihrem eigenen Typus streben; wie früher, werden sie zu der Linie zurückkehren, die sie ein nahmen, zu der Linie, auf der die Fortpflanzung der Gleichgewichtsstörung am leichtesten stattfindet. Eine jede Wiederholung dieses Vorgangs wird, indem sie den Endpunkt des Weges, auf dem die Bewegung der kleinsten Theilchen einher“ schreitet, weiter wegrückt und den Anfangspunkt deutlicher hervortreten lässt, die Vergrösserung, Integrirung, die genaue Bestimmung dieses Weges, d. i. sie wird die Bildung einer Leo tungslinie, einer Linie, auf der Eindrücke den Nerven durch laufen, befördern.«

Man braucht nur die Ausdrücke: Stimulus durch Stoss und Reflex; Gleichgewichtsstörung durch Bewegung und Erregung" ersetzen, und das Band ist gefunden, das die Wechselwirkung zwischen Menschen in der Gesellschaft und die mechanisch" Triebkraft oder den Zusammenstoss unorganischer Körper zu einem Ganzen verbindet. Durch die Annahme von Nervenreflexen wird die merkwürdige Erscheinung sittlicher Epidemien, an denen alle Epochen der Entwickelungsgeschichte der Menschheit so reich sind, erärlich. Mackay in seinen »Ertr. popular Delusions« lässt sich über dieselben folgendermassen aus: »Ganze Gesellschaftsgruppen ergreift plötzlich irgend eine Manie, und Millionen von Menschen unterliegen ihrem Einfluss: bei einem Volke erscheint sie als äne alle Klassen, von den niedrigsten bis zu den höchsten ergreifende Begier nach Kriegsruhm; ein anderes verliert plötzich in Folge eines religiösen Wahns gleichsam alle vernünftige Leberlegung, und beide kehren zum Normalzustande erst wieder zurück, nachdem Ströme von Blut vergossen sind und eine leiche Ernte von Seufzern und Thränen ausgesäet worden, deren Einsammlung den Enkeln zufällt.« Ganz besonders bemerkbar machen sich solche krankhafte Erscheinungen beim Auftreten neuer religiöser Ideen. So ziehen sie Sekten der Gnostiker im zweiten, und der Manichäer im dritten Jahrhundert n. Chr. die Aufmerksamkeit auf sich durch ihre schnelle Verbreitung und die Hartnäckigkeit, mit der ihre Anhänger alle Verfolgungen und Martern ertrugen. Im vierten ahrhundert entstand das Mönchswesen und artete in kurzer Zeit in ascetische, von einem an Wahnsinn grenzenden Fanaismus begleitete Selbstquälerei aus. Im siebenten Jahrhunder erscheint der, ganz Central- und West - Asien und einen Theil Europas in seinen Strudel hineinreissende Muhaedanismus. Einen noch ausgesprocheneren pathologischen Charakter aben einzelne sittliche Epidemien des Mittelalters. Im zehnten Jahrhundert bemächtigte sich eine sonderbare ank von den verderblichsten Folgen der Geister der Menschen. s verbreitete sich nämlich die Ueberzeugung von dem nahe erorstehenden Ende der Welt und, alle bürgerlichen und verandtschaftlichen Bande zerreissend, übergaben Tausende alle re Habe der Kirche und machten sich nach Palästina auf den Weg, wo sie sich für weniger gefährdet, als an anderen Orten, "ähnten. Sonnen- und Mondfinsternisse wurden für unmittelare Verkündiger des allem Lebenden bevorstehenden Verderbens gesehen, die Städte verlassen, und in Höhlen oder zwischen

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