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Deutschland Wurzel gefaßt hatte, auch in Schweden Eingang. Bereits im Jahre 1803 wurde Hananriss das Haupt einer literarischen Verbindung, deren Zweck die Verbreitung umfaffenderer Ideen in der Kritik war, als diejenigen, bei denen man sich bisher hatte begnügen lassen. 1807 stiftete Atterbom zu upala die Gesellschaft Aurora, die für Schweden im neunzehnten Jahrhundert ungefähr das wurde, was der Göttinger Hainbund für Deutschland in der zweiten Hälfte des achtzehnten. 1809 er langte das Land die Preßfreiheit wieder, deren es unter Gustav IV. beraubt war, eine Erwerbung, die nicht wenig dazu beitrug, die literarische Revolution, deren Ausbruch sich nicht mehr verkennen ließ, zu “: Nicht lange darauf gaben die Anhänger Leopold’s ihre „Literatur-Zeitung“ heraus, ein Tageblatt, das Anekdoten, Sagen, Novellen und einige ästhetische Abhandlungen von magerer Ausbeute enthielt. Hammarsköld und Atterbon warfen sich als Ritter der neuen Schule zu Gegnern dessel ben auf. Der Eine redigierte den „Polyphem“, der Andere den „Phosphoros“, der sich in kurzem eines so glänzenden Erfolges erfreute, daß die Romantiker diesen Namen zu ihrem Feldgeschrei machten und sich Phosphoristen nannten. So war der Krieg eingeleitet und drohte, von Tage zu Tage heftiger und bitterer zu werden. Was Mann gegen Mann auszufechten hatte, wurde bald allgemeiner Parteikampf, und beißende EpiF" befeuerten den Streit der Theorieen. Aber in diesem treite war die Literatur - Zeitung nicht der Stärkere. Die Phosphoristen siegten eben sowohl durch ihren Eifer, des Geg ners Blößen zu zeigen, als durch ihr Talent, und das Publikum schien sich auf ihre Seite zu neigen. Sie wurden unterstützt von zwei der ausgezeichnetsten Kritiker, welche Schweden jemals her vorgebracht hat, Thorid und Ehrensvärd, und von mehreren jungen Dichtern, die mit einer frischen und kühnen Einbildungskraft glänzende Eigenschaften des Styls verbanden. Zu ihnen gehörte unter Anderen Elgström, der in der Blüche seiner Jahre starb und einige schmelzende Elegieen hinterließ, Im Jahre 1811 fanden die Phosphoristen eine neue Stütze an der Gesellschaft Iduna, die Geier, Tegnér, Alfzelius und Ling zu Stockholm gründeten. Die Aufmerksamkeit des Publikums auf die nur allzu lange vergessenen alten Denkmäler der Schweiz dischen Literatur zurückzuführen, war Hauptzweck derselben. Sie gab eine Sammlung heraus, in der Geijer Poesie en von echt vaterländischem Gepräge dichtete, Tegner die Schönheiten und den Ruhm Schwedens besang, Alfzelius eine Uebertragung der Edda bekannt machte. So lehnte sich die romantische Schule an die Ueberlieferungen der Vergangenheit und an die Ahnungen der Zukunft. Zugleich suchte sie sich durch ein gründliches Stur dium des klassischen Alterthums zu befestigen, lieferte verständ liche und treue Uebersetzungen. Homer's und Virgil's, so wie Ab handlungen über die Poetik der Alten, die durch richtige Auffassung und Entwickelung ihrer Grundsätze sich allenthalben Einang verschafften. – Ge ' ist der Krieg '', die ährung, die der Streit beider Schulen hervorbrachte, hat sich gelegt und der Beobachter, der über die Wahlstatt schreitet, kann, um die Heftigkeit des Kampfes zu ermessen, Trümmer von bei den sammeln, wie man von einem Schlachtfelde die Lanzensplit ter und goldenen Sporen der Ritter aufliest. Der Redacteur des klassischen Journals, Herr Walmark, hat einige Gelegenheits-Broschüren hinterlassen, deren Andenken allein die Meß-Kataloge bewahren, und eine Schwedische Anthologie, die ihm keine andere Mühe gekostet hat, als von hier und da mit ziemlich ungeschickter Hand die Dichtungen verschiedener eiträume aufzugreifen und sie ohne literarische Notizen, ohne iographieen zusammen drucken zu lassen. – Die beiden Hauptedäcteure der Iduna, Geijer und Tegner, sind heute zwei der größten Lichter Schwedens. Hammarsköld, der Redacteur des Polyphem, hat unter vielen anderen zwei vortreffliche Schriften verfaßt, die eine „über das Studium der Philosophie“, die an dere „über die Geschichte der Schwedischen Literatur.“*) – Ehrensvärd und Thorild ' den Grund zu der neueren Kritik, und Atterbom, das erklärte Haupt der Phosphoristen, hat diesen Rang durch seine philosophischen Werke und Poesie enge rechtfertigt. *)

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dieser Gesang sehr wohl, und sie lachten ' laut auf, als der Narr bei dieser Gelegenheit sich nicht enthalten konnte, auszurufen: „Nu, nu, auch das Lied weiß schon, wie sie auf Geld vereffen sind; nur inner nehmen, immer nehmen. Freigebig sollt Ihr seyn? Ja, freigebig, um Anderen zu schaden. Sollte auch ich doch vorher für nichts und wieder nichts Prügel erhalt ten.“ – „Schon gut, schon gut, Narr“, sagte lachend der Okol nitsch; „wenn Du mich deshalb für geizig hältst, daß ich Dich nicht genug geschlagen habe, und wenn Du deshalb auf mich zärnest, so sei ruhig, ein anderes Mal werde ich Dich beffer. bedenken.“ Wo aber ist Sophia's Ring? Der vorletzte wird herausgenommen, und immer ist es nicht der ihrige: dieser blieb zuletzt nach; einen solchen letzten Ringe wird gewöhnlich etwas Widerwärtiges prophezeit, obwohl es Leute gibt, die das Gegentheil behaupten. Wie sollte dieser Zweifel nun entschieden werden? Die Mäna wollte Sophia's Ring schnell herausnehmen, stieß zufällig an den Tisch, die Schüffel # zu Boden und ging entzwei, das Waffer strömte auf die Diele, und Sophia's Ring rollte vor Aller Augen dahin. Dies war ein schlechtes Zeichen; einen Mann bekommt sie schon nicht, und Gott weiß, welches Unglück ihr sonst noch bei vorsteht! Alle waren erschüttert, am meisten aber die Näna. „So eyd doch ruhig“, rief eine Frau aus; „wäre die Schüffel ganz geblieben und der Ring herausgefallen, so würde es freilich nicht #" gewesen seyn; # sieht ja aber, daß die Schüffel in Scherben daliegt: dies verkündet unserer lieben Sophia eine glänzende Zukunft.“ „Wie freue ich mich, daß Du reich werden sollt“, flüsterte eine Freundin ihr ins Ohr. – „Ach Liebe“, antwortete Sophia, „an Reichthum denke ich am wenigsten, denn dabei ist man oft arm an Glück.“ Inzwischen war Mitternacht schon lange vorbei; die Gäste hatten sich herrlich belustigt. In Folge der eifrigen Bewirthung der Hausbesitzer konnten der Okolnitsch und sein Schwager nur mit Mühe in ihre Schlafkammer gelangen. Sie legten sich zu Bette und schliefen wie die Todten. Am nächsten Tage wachten sie gegen Mittag auf. „Nun, Bruder, dagegen läßt sich nichts sagen, wir sind gestern gut bewirthet worden“, sagte Trochaniotoff zu seinem Gefährten, als er sich von seinem Lager erhob. „Und die Tochter, die Tochter, wie schön ist sie! Weißt Du wohl, Leonty“, fuhr er mit leiserer Stimme fort, „daß es mich einigermaßen beunruhigt, daß sie so überaus schön ist; Du bist ein gescheidter Mensch und hat wohl emerkt, daß unser Verwandter Ilja Miloslawski eine seiner öchter gern als Zaarin sehen würde; ihm würde es gewiß nicht angenehm seyn, wenn wir mit einem so schönen Mädchen, wie Sophia, erschienen.“ – „Wahr ist es freilich“, antwortete der Ofolnitsch; „von ganzer Seele würde ich meinen Verwandten beistehen, wenn ich fähe, daß mir meine Dienste später zehnfach belohnt würden; wir müffen uns aber in Acht nehmen, daß wir uns nicht täuschen. Wie Du weißt, sind nicht wir allein zur Brautschau ausgesendet; es kommen vielleicht bis 200 zusammen; wenn nun der Zaar eine Andere als Miloslawki's Tochter er wählt, so haben wir das Nachsehen. Gefällt ihm aber Sophia, so kommt es uns zu gut, daß wir sie auffanden. Ist Miloslawski damit unzufrieden, fo er seinen Verstand zusammennehmen Und sehen, wie er seine Tochter anbringt, während wir das Unt frige für Sophia thun.“ – „Du hast Recht“, erwiederte der Fär „wir wollen unserem Wirth den wahren Grund unseres Herkommens mit heilen und ihm sagen, daß er mit seiner Tochter nach Moskau reisen solle. Doch, ich glaube, er kommt zu uns, ich höre eine Stimme.“ In diesem '' trat Wsewoloschky ins Zimmer, erkundigte sich nach der Gesundheit seiner Gäste und wie sie die Nacht zugebracht hätten? Nachdem er eine befriedigende Antwort erhalt ten, ladete er fe zu fich ins Zimmer ein, um ein Becherchen Kräuterbranntwein zu leeren und dazu zu effen, was der Himmel bescheert hattc. – „Dank für Deine Güte, Ruf Wladimirowitsch“, anworteten die Gäste, „Dein Anerbieten schlagen wir nicht ab. Indeffen wollen wir Dir zuvor den eigentlichen Zweck unseres Hierfeyns mittheilen: unser Vater, der Zaar, wünscht sich zu vernählen; wir sehen uns nach einer Braut um, die wir, ohne zu erröthen, Zaarin nennen können. Vielleicht bestimmt der Himmel. Deine Tochter dazu; eine schönere sahen wir nicht und fordern Dich daher auf, mit ihr nach Moskau zu kommen.“ Der gute Wsewoloschky verlor fast die Befinnung, als er diese Neuigkeit hörte. Er liebte freilich seine Tochter über Alles, und für ihn war sie eine unübertreffliche Schönheit; jedoch war es ihm nie in den Sinn gekommen, daß sie eine Zaarin werden könne. – Ohne mich über die hierauf folgende Unterhaltung weit ter auszulassen, sage ich nur, daß er bald forteilte, um seiner Frau und Tochter diese Nachricht mitzutheilen. Sie waren nicht weniger - erstaunt als er. Die liebenswürdige, anspruchslose Sophia glaubte anfänglich, man habe seinen Scherz mit ihr; sie hielt sich gar nicht für so reizend, daß der Zaar fiel allen Mädchen Rußlands vorziehen und zu feiner Gemahlin erwählen könne. Ihre Mutter war vor Entzücken außer sich und die alte Nana nahe daran, vor Freude den Verstand zu verlieren.

Der Okolnitsch und sein Schwager hatten die Absicht, sich gleich auf den Weg zu machen; aber der Hausherr überredete sie, noch einen Tag zu bleiben und sich von der Reife zu erhol len, mit den Versprechen, am nächsten Tage selbst mit seiner Familie nach Moskau zu fahren. Sie blieben. – Nach einem reichlichen Mittagsmahl ruhten. Alle ein Stündchen aus und fuhr ren dann spazieren. Nach ihrer Rückkehr bis zur Ankunft neuer, wie am Abend vorher verkleideter Gäste gaben die jungen Leute sich einander Rähsel auf. Diese waren freilich nicht so kompli z1irt "# aber gerade deshalb vielleicht um so schwerer zu errathen. Zum Beispiel: Zwei Spitzen, zwei Ringe, in der Mitte ein Stift. – Klein und rund bewahrt es das ganze Haus. – Das erste ist eine Scheere und das zweite ein F" Es #" aber auch schwerere Räthel. Eine von den anwesenden rauen, die fich darüber ärgerte, daß ihre Tochter unter funfzig nicht eines errieth, während Sophia oft so glücklich war, gab, um diese in Verlegenheit zu bringen, folgendes Räthel auf: „Was fliegt ohne Flügel, was läuft ohne Füße, was brennt ohne Feuer, was thut weh ohne Verwundung?“ – Den Finger an ihre rosigen Lippen gelegt, sann Sophia etwas nach und rief dann aus: „Ich hab's, ich hab's! – Ohne Flügel fliegt der Sturm, ohne Feuer brennt die Sonne, ohne verwundet zu seyn, leidet das Herz der Wahrsager.“ – Alles rief ihr Beifall zu; auch der Okolnitsch murmelte vor sich hin; „Wahrhaftig, das ist ein Wunder und kein Mädchen; sie verdient Zaarin zu feyn.“ – Doch genug von den ferneren Belustigungen dieses Tages; fie glichen den gestrigen. Ich wollte nur mit einigen Worten unsere ehemaligen Swäcki schildern; wenn diese Schilderung ' würde ich mich sehr freuen; ich fürchte nur, man könnte ich langweilen, wenn man es länger vor Augen behält. Wir wollen mit Wsewoloschky's nach Moskau und sehen, was dort geschieht.

E n g l a n d. Bibliographie.

Bunyan's Pilgrim's Progress, with a Life, by R. Southey.
The Englishman's Greek Concordance.
The Fergusons, or, Woman's Love and the World's Favour. – 2 Q3de.
The Greek Mission, or Sixteen Years in Malta, Greece and the lonian Isles.
– Vom Prediger S. S. Wilson.
Hours of Sadness, or Instruction and Comfort for the Mournier.
Illustrations of Mechanics. – Von H. Moseley.
Influence of the Corn Laws. – Von J. Wilson.
The Juvenile Naturalist. – Von B. H. Draper.
An Old Tale and Often "Told.
Our Great High Priest. – Von L. Cor.
Popular Songs of Ireland. – Von T. Crofton Croker.
Rudiments of Architecture. – Von J. Gwillt.

School Botany, or an Explanation of the Character and Differences of Plants, for the use of Student. – Von Prof. Lindley. Mit 150 Holzschnitten

Treatine on Bridges, Vaults and Arches. – Von E. Creafo. Erste Abthellung. Fol.

Mannigfaltig es

Britisches Kolonial - Reich. Nach Herrn Montgomery Martin haben Englands überseeische Besitzungen einen Flächen Inhalt von 2200 ü00 Engl. Quadratmeilen und eine Küstenlänge von 20.000 See Meilen. "Die Bevölkerung beträgt 105 Millionen Seelen, so daß etwa 50 Köpfe auf die Engl. Quadratmeile kommen. Es befinden sich darunter 800.000 Lutheraner und Kalvinisten, 700.000 Diffenters, 1 Millionen Römisch-katholische, Griechischkatholische, Syrer c, 26 Millionen Muhammedaner und 75 Mil lionen Hindus. Die Militairmacht in den Kolonieen beträgt 56,000 Mann regulaire Europäische Truppen, 156.000 Mann re gulaire Koloniale Truppen (Farbige) und 250.000 Mann Kolonial Miliz (Weiße). Die Staats-Einnahmen und Ausgaben belaufen sich auf 23 Millionen Pfund Sterling; außerdem werden von Großbritanien 225,000 Pfd. für Civil- und Gefängniß-Verwaltung und 1,800.000 Pfd. für die Armee verwendet. Steuern kommen ungefähr 44 Schilling (1 Thaler) auf den Kopf. Das in den Kolonieen umlaufende Metallgeld beläuft sich auf ungefähr 5 Mil lionen und das Papiergeld auf 3 Millionen Pfund Sterling, Der Seehandel der Kolonieen beläuft sich in den Ausfuhren auf 30 und in den Einfuhren auf 25 Millionen Pfd. Sterl. Groß britanien erhält von seinen Kolonieen für 15 und sendet dahin nur für 10 Millionen Pfund Waaren. Die Gesammt schifffahrt umfaßt einen Gehalt von 8 Millionen Tonnen, von welchen allein 3 Millionen Tonnen auf den Verkehr mit Großbritanien verwandt werden. Von 1814 bis 1837 wurden in den Kolonieen 8975 Schiffe mit einen Gehalte von 1,022,937 Tonnen erbaut. Die jährlich in den Kolonieen erzeugten Produkte werden auf 400 Millionen Pfd. Sterl. geschätzt, und der Gesammtwerth des beweglichen - wie des unbeweglichen Eigenthums daselbst soll 2500 Millionen Pfd. Sterl. betragen.

Herausgegeben von der Redaktion der Allg. Preuß. Staats-Zeitung.

Redigiert von J. Lehmann. Gedruckt bei A. W. Hayn.

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für die

Expedition (Friedrichs-Straße Nr. 72); in der Provinz so wie im Auslande bei den Wohllöbl. Post-Aemtern,

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Herr Villemain bemerkt in der Vorrede seiner Literatur Geschichte des 18ten Jahrhunderts, daß man diese Geschichte, obwohl sie schon so oft behandelt worden, vor seinen Buch nicht ganz erschöpft habe und auch nach demselben nie dahin kommen werde man werde sie, meint er, immer wieder aufs neue an fangen. Auch wir sind dieser Meinung. Doch Herr Villemain glaubt einen viel unparteiischeren Standpunkt einzunehmen, als eine Vorgänger. Er erinnert daran, daß die meisten Schriften, die das 18te Jahrhundert zum Gegenstand haben, Streitschriften für oder gegen dasselbe sind. „Die berühmten Namen dieser denkwürdigen Epoche“, sagt er, „die man nach bestimmten Zwecken erhob oder erniedrigte, sind zu Waffen in den Händen der politischen Parteien geworden. Die Reaction machte den Irrthum wieder lebendig, und der wiedererwachende Einfluß der Jesuiten gab manchem mit Recht vergessenen Philosophen, wie Helvetius oder Holbach, neues Ansehen. Doch die Wahrheit bleibt dieselbe, trotz dieser verschiedenen Standpunkte, und es mußte sich mit der Zeit ein unparteiisches Urtheil über den Charakter des letzten Jahrhunderts bilden. Der ästhetische und künst lerische Gesichtspunkt mußte sich von den politischen trennen.“ Die letzten Worte bestimmen genau die Tendenz des Herrn Villemain. Ihm ist es mehr um die literarische Würdigung des 18ten Jahrhunderts zu thun, als um dessen philosophische und sociale Bedeutung. Doch dieser Gefichtspunkt scheint uns etwas beschränkt, und zum Belege dessen verweisen wir auf eine andere Stelle seiner Vorrede, wo Herr Villemain den neuen Charakter andeutet, den die Französische Literatur annahm, „in einem Jahr hundert, wo sie nicht mehr als die erste der Künste, sondern als die höchste geistige Macht anzusehen ist, da alle übrige damals ganz ohne Kraft waren.“ Man kann sich nicht gut dazu verstehen, Werke, welche die höchste geistige Macht der von ihnen bewegten Zeit bildeten, unter einem bloß literarischen Gesichtspunkt zu betrachten. Es giebt keine Literatur, die nicht einen tiefen geistigen Einfluß zu ihrer Zeit ausgeübt, doch das heißt noch nicht, das höchste geistige Moment der Zeit seyn und die ganze Gesellschaft beherrschen, und dies Letztere fand im 18ten Jahrhundert statt, in einem Lande, wo die ganze Ordnung der Dinge fich auf Doktrinen stützte, die von der höchsten Gewalt geschützt und jeder Diskussion verschlossen waren. Gewiß, dies ist eine außerordentliche Erscheinung, und eine Literatur, die im Widerspruch mit der Staatsgewalt so mächtig wirken konnte, verdient gewiß im höchsten Grade, studiert und untersucht zu werden, doch muß dieses Studium nicht die artistische und ästhetische Seite allein festhalten; denn Kräfte irgend welcher Art betrachtet man auf eine ganz andere Weise, man beschäftigt sich vor Allem mit dem, was ihre Kraft aus, macht, mit den Wirkungen, die sie hervorbringen, und forscht nach den Ursachen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Jahr hundert Ludwigs XIV. durchaus von den Schriftstellern des 18ten Jahrhunderts. Wenn man Voltaire liest, findet man nie jenen reinen, erhabenen Genuß, jene ungemischte Freude am Schönen, die Racines Meisterstücke gewähren, man erkennt in dem Vert faffer der Henriade, selbst in den Werken, die nichts mit seinen Doktrinen zu thun haben, einen der Haupturheber einer unge heuren Revolution, und wo man eine solche Perspektive vor sich hat, da wird jede rein literarische Betrachtung unmöglich. Es ist also kein glücklicher Plan, die Literatur“ des 18ten Jahrhunderts fo behandeln zu wollen, daß man von den großen philosophischen und historischen Tendenzen, die in ihr liegen, ab strahirt; man kann bei einer solchen Behandlung anziehend, ja beredt feyn und Geschmack und mannigfaltige Kenntnisse an den Tag legen, aber es bleiben dabei ganze Strecken wüst liegen, wohin. Jeder den Blick wendet, um sie beleuchtet zu sehen. Einen solchen Eindruck hat Herrn Villemain's Buch auf uns gemacht.

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Wir haben viel daraus gelernt, hätten aber gern noch mehr gelernt. Warum soll man nicht versuchen, auf die dunkelen Partieen eines so großen Bildes einiges Licht zu werfen? Herr Villemain konnte dies mit mehr Erfolg, als irgend Jemand. Wir haben nicht die Absicht, hier die Lücken in der Arbeit des berühmten Professors auszufüllen; doch können wir uns nicht enthalten, in eine oder zwei von den großen Fragen, welche die “stils des 18ten Jahrhunderts betreffen, näher einzu(2) LM. 0 Es ist Herrn Villemain durchaus nicht entgangen, daß zu den auffallendsten Beziehungen, die der von ihm behandelte Stoff jedem denkenden Geist darbietet, der wunderbare Kontrast gehört, der das 18te Jahrhundert von der unmittelbar vorhergehenden Zeit trennt. och ist dieser Kontrast in seinen Darstellungen hinreichend entwickelt? Wir zweifeln, ob viele Leser dies aus sprechen werden. In folgenden Worten ist. Alles enthalten, was Herr Villemain über diesen Punkt zu sagen hat: „Der literarische Geist des 17ten Jahrhunderts hat sich unter dem Einfluffe dreier Elemente gebildet, der Religion, des Alter thums, der Monarchie Ludwigs XIV. Aus diesen sehr verschiedenen Elementen und aus dem eigenen Aufschwung einer jugendlichen, kräftigen Nation ist jene große Schule des Schönen und der Beredsamkeit hervorgegangen, die man nie übertreffen wird. Die Momente dagegen, welche die Literatur des 18ten Jahrhunderts beherrschen, find der Skeptizismus, das Moderne und die politische Reform. Nichts ist entgegengesetzter und nichts enger verbunden, als diese beiden Epochen; die Größe und die Ausartung der ersteren brachten die zweite hervor.“ Allerdings bildete das 18te Jahrhundert eine Reaction gegen die Zeit Ludwig’s XIV., doch es ist die Frage, worin die innere Kraft dieser Reaction besteht und welches ihre Ausdehnung und Dauer ist. Es ist hier nicht von einer Reaction der Art die Rede, wie sie in Frankreich am Ende jeder Regierung eintritt und dem Lande zur Gewohnheit geworden ist; es handelt sich vielmehr um eine der tiefsten Revolutionen des menschlichen Geistes, die nicht aus Mißvergnügen und bloßen Täuschungen, so bedeutend diese auch feyn mögen, zu erklären ist. Man sagt: das 18te Jahrhundert gehe aus dem 16ten her vor, das 17te jey nur ein Ruhepunkt zwischen beiden Epochen. Der erste Theil dieses Satzes ist durchaus wahr; die Ideen, die das 18te Jahrhundert in Bewegung gesetzt hat, mit denen es gegen die alte Gesellschaft losgezogen ist, stammen allerdings aus dem 16ten Jahrhundert; aber das 17te Jahrhundert ist kein Ruhepunkt, vielmehr hat es dazu beigetragen, jene Ideen in Frankreich so wunderbar mächtig zu machen, durch seine vergebe lichen Versuche, sie zu bekämpfen und zu unterdrücken. Das Zeitalter :: XIV. blendet leicht; der große Köni war so lange Sieger, daß die späteren Niederlagen den Eindr ' nicht vernichten können. Aber es ist gerade sehr wichtig, ihn als Besiegten zu betrachten, denn seine Triumphe waren von geringer Bedeutung im Vergleich mit seinen Niederlagen. Und nicht bloß in einem Ruhm und Eroberungs-System ist Ludwig XIV. besiegt worden, seine Politik und feine religiösen Grundsätze zogen nicht weniger den Kürzeren; ja, in dieser letztes ren Beziehung ward er für immer überwunden: die Provinzen, die er erobert, sind dem Eroberer nicht alle entrissen worden, aber von den Prinzipien und religiösen Doktrinen, die er für ' fixirt zu haben glaubte, blieb bei seinem Tode fast nichts rgWenn man von dieser Regierung eine ganz treue und wegen ihrer Unvollständigkeit doch täuschende Anschauung haben will, muß man das Leben jener Frondeurs studieren, die so unruhig, so ausschweifend in Ideen und Sitten find, so lange Ludwig XIV. noch ein Kind unter Vormundschaft ist; von 166 ab werden sie ganz anders: fie diszipliniren fich, sie lauschen aufmerksam auf die Parole des Souverains, die Höchstgestellten find die Unterthänigsten, und wie der große Condé, hün sie. Alle weiter nichts, als die Blätter ihres '' Lebens zerreißen. - - Man höre einen jener Helden aus der Zeit der Minderjährigkeit: einige Zeilen einer naiven Erzählung werden uns über diese Verwandlung mehr Aufklärung geben, als lange Reflexionen. Gaspar v. Chavagnac, ein Offizier, der mit dem Prinzen von Condé in enger Verbindung stand, hatte eine schwere Wunde bei der Belagerung von Lerida davongetragen. Seine Freunde halten ihn alle für verloren; man sagt ihm, daß er sich auf den Tod vorzubereiten habe. ,,Herr von Châtillon“, sagt er, ,,der am Fuß meines Bettes saß, weinte, umarmte mich und war so gerührt, daß er meine eigenen Schmerzen verdoppelte. In dieser Gefahr kamen, einige von den Mönchen, in deren Kloster wir wohnten, um mich zum Tode vorzubereiten und zu bekehren; aber vergebens, ich wollte nichts von ihnen hören, und nachdem fie fortgegangen, ordnete ich meine Angelegenheiten, belohnte meine Leute nach den Diensten, die sie mir geleistet, und befahl ihnen, in die Auvergne zurückzukehren und meinem Vater zu sagen, daß ich als Hugonotte, meiner Mutter, daß ich als Katholik gestorben. Ich bediente mich dieser Lüge, um sie. Beide über den Verlust eines Sohnes zu trösten, den sie ' zärtlich liebten und der an Nichts glaubte; aber Gott, den ich dafür alle Tage meines Lebens tausendmal um Verzeihung bitten werde, wollte mich nicht verlassen, er gab mir Zeit, Reue zu fühlen, die Religion zu ändern und meine Seele zu retten, indem er mir durch ein außer ordentliches Abenteuer das Leben erhielt zu einer Zeit, wo man nur meinen Tod erwartete.“ Wie verschieden find diese beiden Menschen, der, welcher in Lerida dem Tode nahe war, von dem, der nach dem Nimweger Frieden seine Memoiren und Grundsätze aufschreibt; der Eine repräsentiert ganz die erste Hälfte des 17ten Jahrhunderts, der Andere die zweite, und diese beiden Hälften des Jahrhunderts find scheinbar nicht weniger von einander verschieden, als die beiden Lebenshälften Chavagnac's. Doch man muß sich nicht täuschen lassen, der Unterschied ist lange nicht so groß, als er scheint. Bayle, welcher die geistige und philosophische Bewegung der Zeit von dem Wiedererwachen der Wissenschaften an besonders studiert hat, sagt: „Nie hat es vielleicht so viel Ungläubige als im 16ten und 17ten Jahrhundert gegeben; ich meine die Uni gläubigen, die sich nicht damit begnügen, das Gebäude umzu: stoßen, ohne den Grund zu zerstören, sondern die Beides, Grund und Gebäude, gleich wenig anerkennen.“*) Es fehlt nicht an Quellen, die Bayle's Behauptung bestäti gen, und sie scheint uns für Ludwigs XIII. Zeit noch viel wahr rer als für das 16te Jahrhundert. eit dem Tode Heinrich's IV. spielt der Unglaube eine Hauptrolle in den Sitten des Adels; schon damals nahm er jenen frivolen und spottenden Charakter an, der später unter der Regentschaft wieder erscheint und den Voltaire und seine Anhänger durch ihre Einwürfe und Raisonne ments so geschickt zu befördern wußten. Die Irreligiosität war allerdings im 16ten Jahrhundert groß genug, und der treffliche Lanoue hebt sehr gut die Ursache derselben hervor, indem er sagt: ,,Unsere “ie find es, welche bewirkten, daß wir die Religion vergaßen.“ Nichtsdestoweniger war der Glaube in Las noue's Zeit noch sehr stark, und wenn ihn die Verzerrungen der Heuchelei und die Exzesse des Fanatismus tödteten, so waren doch diese Exzesse selbst ein Beweis seines Daseyns. Daher findet er sich auch selbst bei denen wieder, die dem Zweifel und seinen Kämpfen am meisten preisgegeben waren. Folgende Worte eines freien Denkers des 16ten ' an seinem Todbette beweisen dies. Etienne de la Boétie, der Verfasser des Contré un, spricht so zu seinem Freunde Michel Montaigne: „Mein Bruder, mein Freund, ich versichere Dir, ich habe in meinem Leben genug Dinge, wie mir scheint, mit eben so viel Mühe und Leiden gethan, als ich dies jetzt thue. Heißt das nicht genug gelebt, wenn man so alt wird, als ich? Ich war im Begriff, in mein dreißigstes Jahr zu treten, Gott hat mir die Gnade angethan, daß ich bis zu dieser Stunde gesund und glücklich war; ' Der Veränderlichkeit der menschlichen Dinge konnte dies nicht länger dauern. Bald hätte ich tausend unangenehme Dinge erleben müffen, z. B. die Schwäche des Alters, von der ich nunmehr frei bin. Und dann ist es wahrscheinlich, daß ich bis zu dieser Stunde chrlicher und beffer gelebt habe, als dies vielleicht geschehen wäre, wenn mich Gott hätte so lange leben lassen, daß mich die Sorge um Reichthum und Bequemlichkeit beschäftigt hätte. Ich bin überzeugt, daß ich von hinnen zu Gott und in die Wohnung der Seligen kommen werde.“ Man glaubt vielleicht, hierin nur einen Schüler des Sokrat tes zu sehen; man lese weiter: „Des Morgens beichtete er sei nem Priester; da aber der ## nicht alles Nöthige mitges bracht, so konnte er ihm nicht die Meffe lesen. Dienstag früh aber verlangte Herr de la Boétie nach ihm, um, wie er sagte, mit seiner Hälfe das letzte christliche Gebet verrichten zu können. So hörte er die Messe und nahm sein Abendmahl. Und als der Priester von ihm Abschied nahm, sagte er: „Mein geistlicher Vater, ich bitte Euch demüthigst, Euch und Alle, die unter Euren Befehlen stehen, flehet zu Gott für mich, wenn es sein Wille ist, daß ich zu dieser Stunde meine Tage ende, daß er Mitleid habe mit meiner Seele und mir meine Sünden verzeihe, die ohn" Ende sind, da es nicht möglich ist, daß eine so niedrige, schwache Kreatur, als ich, die Gebote eines so hohen, mächtigen Herrn voll zogen habe; oder, wenn es ihm gefällt, daß ich noch hier unten Buße thue, und er mein Stündlein noch hinausschiebt, so bittet ihn, daß er bald meine Qualen endige und mir die Gnade an thue, meine Schritte von nun ab in die Fußstapfen seines Willens zu leiten und mich beffer zu machen, als ich war.“ Dazu kommt noch, daß der Erzähler dieser Details der skept tische ä ne ist, der selbst Zeuge davon war. Gewiß, es war noch viel Religiosität in einer Gesellschaft, wo ein Mann, wie La Boétie, fo" starb und ein Mann, wie Montaigne, fich

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darin gefällt, dies zu erzählen. Man vergleiche diesen Bericht mit dem von Chavagnac, der vor Lerida zu sterben glaubt und übrigens noch so gutherzig ist, daß er an die Betrübniß seiner Aeltern denkt und seinen Unglauben dazu henutzt, ihnen den Trost leichter zu machen. Aber welcher Leichtsinn steckt in diesem frommen Betrug! Diese Art Unglauben war damals beim Adel an der Tagesordnung; er machte ein Spiel aus der Religion, aus dem Leben, aus Allem, nur nicht aus der Ehre. Und was war an diesem Prinzip der Ehre? Es vertrug sich zur Noth mit den allerniedrigsten '' mit Betrug im Spiel und anderen ähnlichen Skandalen. an brauchte nichts als die Beobachtung dieser Ehrengesetze, um sich Achtung und Ansehen zu erwerben; dann war man ein honnète homme, und dies war das heilige Wort, der Titel, nach dem jeder junge Edelmann geizte. Dieser Begriff des honnète homme, der sich unter Ludwi XIII. gebildet, wurde während der Minorität Ludwigs XIV. vervollkommnet und in den Salons der Ninon durch die SaintEvremond, die Chapelle, die Bachaumont, die Charleval, die Bernier und viele andere Schüler Epikurs und Gaffendi's mit einem philosophischen Firniß ausgestattet. Il vit loin du scrupule et de l'impiété, Sans craindre ou mériter les éclats du tonnerre;

Il mèle Pinnocence avec la volupté
Et regarde le ciel sans dédaigner la terre.

So lautete damals die philosophische Formel des honnéte homme, den man auch „den Weisen“ nannte und von dem La bruyere sagte: „In einem gewissen Stand und bei einer gewissen Geistesbildung und Weltanschauung darf man nicht daran denken, ein und daffelbe mit den Gelehrten und dem Volk zu glauben.“

Man fieht aus dieser Stelle Labruyère's, wie aus dem ganz zen Kapitel von den Esprits forts, daß unter Ludwigs XIV. lan ger Regierung die skeptische Frivolität der vorigen Periode durch die Predigt der Bourdaloue und Boffuet und die gelehrten Schriften der Arnaud und Nicole nicht verdrängt worden. Lud wig XIV. brachte viele scheinbare, wenig echte Reformen zu Stande. Die Veränderung bestand nur darin, daß es nunmehr zwei Klaffen Libertins gab, statt einer: die offenen Libertins oder Ungläubigen, d. h. „die, welche es zu seyn glauben“, wie Labruyère sagt, „und die Heuchler oder Scheinheiligen, d. h. die, welche nicht für Freigeister gehalten seyn wollen.“ Damals fand es Bachaumont zweckmäßig, die Theorieen seiner Jugend etwas zu modifizieren; in seinem Alter, sagte er, ein honnetter Mensch müffe an der Thür der Kirche sein Leben zubringen und in der Sakristei sterben. Für diesen inkonsequenten honnète homme scheinen die Worte des Verfassers der Caractères geschrieben. „Man sollte sich sehr ernstlich prüfen, ehe man ein starker oder freier Geist wird, damit man wenigstens so ende, wie man gelebt hat, oder wenn man sich nicht diese Ausdauer zutraut, so müßte man sich entschließen, so zu leben, wie man sterben will.“

Le Cogneur de Bachaumont war Pariser Parlamentsrath und Chavagnac's Freund; dieses und das Beispiel des Raths Desbarreaux und vieler Anderen beweist, daß die Sitten und Grundsätze der Aristokratie des Degens zahlreiche Nachahmer in der Aristokratie der Robe gefunden hatten. Was die geistliche Aristokratie betrifft, so bedarf es kaum der Bemerkung, daß fie von denselben Ansichten angesteckt war. Die Französische Bosheit hat diese Beispiele nur noch beffer aufbewahrt, als die an deren, die Memoiren der Zeit find voll davon. Saint-Pavin war Abt von Livri; es ist bekannt, daß Boileau seine Bekehrung für unmöglich hielt; gleichwohl bekehrte er sich, und die Nachricht davon erzählte der Spötter Gui Patin einem seiner Freunde in folgenden Worten: „Hier ist vor einigen '' (1671) ein großer Diener Gottes gestorben, Namens Herr von Saint-Pavin, intimer Freund Desbarreaux's, der auch ein sehr berühmter Israelit ist, si credere fas est.” (Fortsetzung folgt.)

Die Salpetriere.
(Schluß)

Was nun die verschiedenen Arten von Irrsinn anbelangt, so findet man in der Salpetrière ebenfalls die gewöhnlichen Wahnfinnstypen, wie in allen ähnlichen Anstalten. Hier, wie überall, sieht man Herzoginnen, Marquisen, Königinnen, Kaiserinnen und Heilige in der Einbildung, so wie diejenigen Arten von Manie, welche sich nach den Individuen verändern: die Furcht vor Mord, Vergiftung und Diebstahl, Wahnsinnige, welche sich vor der Sonne oder vor ihrem Schatten fürchten; die Eine, obgleich sie sich einbildet, eine Millionairin zu seyn, bittet doch alle Vorübergehenden um einen Sou zu Tabak; die Andere schreibt, dichtet und fertigt Bittschriften an, um ihre Entlassung aus der Anstalt zu bewirken.

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Doch find diese verschiedenen Geistesverwirrungen zu bekannt,

um länger bei ihrer Aufzählung zu verweilen; bewährt aber hat cs fich, daß in Frankreich die Zahl der wahnsinnigen Frauen beständig die der Männer um ein Viertel übersteigt. Wenn man ", daß die Ursachen des Wahnsinns, wie Trunk, Glückswechsel, ehrgeizige Pläne, angestrengtes Studium und dergleichen mehr, weit häufiger bei den Männern als bei den Frauen vor kommen, so muß man '' erstaunen, daß es doch mehr geistesgestörte Frauen als Männer giebt, und man fühlt sich ver. anlaßt, dieses Mißverhältniß der Bestimmung der Frauen selbst und der falschen und unglücklichen Stellung zuzuschreiben, die ihnen so oft in der Welt zu Theil wird.

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Wenn man nun die Aerzte über die Zahl der Wahnsinnigen befragt, die gänzlich geheilt aus der Salpetrière entlaffen wer den, so erhält man sehr von einander abweichende Antworten, je nach dem Charakter und der Aufrichtigkeit des Befragten. Die Aerzte, welche von jeder Aufschneiderei fich fern halten und es vorziehen, lieber das Unzureichende ihrer Kunst in gewissen Fällen einzugestehen, als der Wahrheit zu nahe zu treten, erklären, daß die #ät aller erzielten Heilungen nie ein Drittel oder ein Viertel der Kranken übersteige. Die Heilungen find oft nur schwankend, ungewiß und erfordern die größte Schonung; man muß von der Genesenden mit großer Behutsamkeit alle Gegen stände fern halten, die auch nur im entferntesten auf die Ideen und Eindrücke ihres Wahnsinns Bezug haben. Die Heilmittel find oft ganz einfach, oft sehr verwickelt; die beruhigenden, küh lenden Mittel schlagen zuweilen an, oft aber sind sie auch ganz erfolglos; die Sturzbäder werden hier nur als Strafe angewen det. "Oft bringen auch Zerstreuungen, Musik, Schauspiel oder das Landleben glückliche Veränderungen in den Ideen der Wahnsinnis gen hervor, es durchaus keine bestimmte Regel in die der Beziehung. or einigen Jahren ließ man die Irren in Chat renton einem Schauspiel beiwohnen, doch man "g fich bald von der Nutzlosigkeit dieses Versuches; die in der Kur bei findlichen Wahnsinnigen vermochten es nicht zu faffen, daß fie einem Schauspiele beimvohnten, und blieben unverändert in ihrem gewöhnlichen Ideenkreis befangen. Die in der Besserung. Bei iffenen sagten aus, daß sie dabei eine "# eine innere ewegung verspürt hätten, welche sie für die Vorboten eines Rückfalles hielten. Uebrigens begreift man wohl, daß der Einfluß solcher Vergnügungen auf ein verwirrtes Gehirn nur sehr unvollkommen und rein zufällig seyn kann, denn um Geschmack und Sinn für die schönen Künste zu haben, muß man ein ' feines und gebildetes Gefühl besitzen, und wenn nun das Gefühl überhaupt so getrübt ist, daß es sich keine klare Vorstellung von irgend einem Gegenstande zu schaffen vermag, so kann es auch unmöglich den richtigen Gesichtspunkt auffinden und von allem Anderen abstrahieren, um ein schönes Werk der Malerei, der Mus fik oder der Dichtkunst recht zu genießen. Daher irren fich auch diejenigen durchaus, welche in dem Wesen der Musiker, der Dichter, ja überhaupt aller großen Künstler und dem der Wahn finnigen gewisse Annäherungspunkte entdecken wollen. Nichts steht dem Wahnsinn ferner und erfordert eine kräftigere und uns getrübtere Ideen, Verbindung als der Zustand eines Gehirns, in welchem große Begriffe und erhabene Vorstellungen sich erzeugen. Freilich geschieht es oft, daß Künstler in Wahnsinn verfallen, oder man wird doch wenigstens zuweilen an ihnen untrügliche Zeichen von Geistesverwirrung gewahr; dazu tragen aber weniger die Z" Aufregungen als die Diätfehler und die ungeregelte ebensweise bei, welche fich die Mehrzahl solcher Personen zu Schulden kommen läßt. Wenn man auch bei der Rückkehr aus der Salpetrière nur noch geringe Hoffnung für die Wiederherstellung der dort befinde lichen Irren hegt, so gedenkt man doch mit Befriedigung der esunden Lage des Hospitals, der schönen Höfe, der bequemen F" und aller der Sorgfalt nnd Aufmerksamkeit, womit diese armen Wesen behandelt werden, die leider nur noch für rein materiellen Beistand empfänglich sind. In der milden Be'', die jetzt den Wahnsinnigen der Salpetrière zu heil wird, erkennt man den glücklichen Einfluß eines Mannes, den man wohl mit Recht den Wohlthäter der Irren nennen kann, denn der Doktor Pinnel war der Erste, der diese Unglücklichen von den Ketten und Handschellen befreite, womit man sie ehemals belastete. Obgleich die ganze Heilmethode der Geisteszerrüttung bis jetzt nur noch ein Problem ist, so versucht man doch gewiß mit Recht bei dieser Krankheit alle Hülfsmittel der Arzneikunde. Vielleicht kömmt noch die Zeit, wo es der ärztlichen Kunst gelingt, der menschlichen Gesellschaft diese geistigen Parias zurück zugeben, die Fackel der erloschenen Vernunft neu zu entzünden, die Seelen mit ihren Empfindungen und Neigungen aus dem starren Todesschlafe wieder zu erwecken. Welch ein herrliches Resultat der Anstrengungen und Forschungen in der Arzneikunst! Von diesem Gesichtspunkte aus wäre der Beruf des Arztes ein wahrhaft göttlicher! Mit solchen Gedanken beschäftigt, vergißt man, was jetzt noch mangelhaft, noch unvollkommen und fehler haft in der Behandlung der Geisteskranken ist, und man fühlt sich gedrungen, den Männern, welche alle Kräfte ihres Geistes und ihren ganzen Eifer auf solche Kuren verwenden, einen ganz “en Tribut von Ehren- und Dankesbezeugungen darzu 110EN. in Besuch in der Salpetrière ist nicht blos ein Akt des Studiums und der Beobachtung, sondern auch ein Werk der Barmherzigkeit und der Menschenliebe. Die Zeit der religiösen '' ist vorüber, Niemand wallfahrtet mehr zur '' Genoveva von Nanterre, aber es giebt jetzt andere Wallfahrten, die im Grunde genommen vielleicht noch besser dem Wesen der Ret ligion entsprechen. Wäre es denn eine zu schwierige Aufgabe, mo natlich ein oder zwei Mal gewisse Barmherzigkeits-Anstalten und Hospitäler zu besuchen? Nur wenn man in die Zufluchtsstätten des Elendes eindringt, lernt man die Wunden der Menschheit kennen, dringt man zu ihren Quellen hinauf; nur wenn man ihre traurigen Wirkungen beobachtet, fühlt man sich gedrungen, zu ihrer Erleichterung beizutragen. Wenn man das Hospital der Salpetrière verläßt, so betrachtet man das Geschick der #" von einem anderen Gefichtspunkte, der freier von Selbstsucht und Gleichgültigkeit ist. Geist und Herz treten gereinigt daraus her,

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Der poetische Genius Atterbom’s ist einer von denjenigen, die am wenigsten der Zergliederung fähig sind. Seine Werke gleichen einem Spiegel mit verschiedenen Facetten und Reflexen, deren wesentliche Nüancen anzugeben schwer fällt. Der vor herrschende Zug darin scheint eine anmuthige, ideale und etwas mystische Phantafie, wie sie in den Minnesängern Deutschlands hervortritt. Wie fie, stimmt er sich leidenschaftlich für einen Traum oder ein Sinnbild, sieht wie sie in den Lüften eine Gestalt schweben, die ihn verführt, hört Abends am Ufer der Gewäffer, in dem Dunkel des Waldes schweifende, klagende Töne, die ihn rühren, öffnet wie sie feine Gefühle allen Harmonieen der Natur, allen sanften Einflüsterungen, die ihn in der Stille einer Herbstnacht oder in den schwimmenden Düften eines Frühlings Morgens anhauchen, verfällt endlich wie sie zuweilen in spitzfindige Betrachtungen, in ein Uebermaß von Metaphern und wird abstrakt. Die Schwermuth, die feine Dichtungen färbt, ist zart und durchsichtig, sie hat nichts Ermüdendes, nichts Krankhaftes; fie #" dem Waffer des friedlichen Sees, in welchem die lichten Abend wolken durch die Dämmerschatten ziehen, wo der Gesang der Lerche sich mit den Klagetönen des Windes im Röhricht mischt. Die Traurigkeit, welche übrigens in den Wert ken Atterbom’s herrscht, ist eine edle und heroische; sie ist kein Erzeugniß persönlich erlebten Mißgeschicks oder einer augenblick lichen poetischen Täuschung, sondern jener unbegränzten Liebe zum Wunderbaren, die den Dichter dem Leben entfremdet und mitten im Gewühl der Menschen zum Einsiedler macht. Eine nordische Sage erzählt, daß, als ein Jüngling des Nachts mit den Elfen getanzt hatte, er am anderen Morgen mit bleichem Gesichte und traurigem Herzen zurückgekehrt wäre. Der Dichter hat seine Hand ausgebreitet nach diesen Feen der Einbildungskraft, die ihn in ihre magische Welt hineingezogen haben; er hat seine Seele in die liebenden Umarmungen einer dieser Sylphiden hingegeben, die eben so schön und eben so leicht wie die Illusion sind. " Er hat aus dem bezauberten Becher der Jugendträume getrunken; dann, als dieser Becher, aus dem er wieder trinken wollte, sich seinen Lippen entzogen hatte, die goldene Erscheinung entschwunden war, die schimmernde Grotte, die ihn aufgenommen, sich hinter ihm geschloffen hatte, fand sich der Nachtwandler allein in der Welt der Wirklichkeit, seine Stirn ist bleich, ein Herz traurig geworden. . Im verfloffenen Jahre hat Atterbom seine Gedichte, die bis dahin in verschiedenen Journalen und in den poetischen Almamachen, welche er seit 1812 während mehrerer Jahre herausgab, zerstreut waren, zu sammeln angefangen. Es find bis jetzt zwei Bände davon erschienen. Die Oden und Elegieen, welche fie enthalten, find mannigfaltig im Styl und Rhythmus, wie die Erinnerungen der Kindheit, die Träume der Liebe, das Gefühl der Freude oder Wehmuth, die sie abwechselnd veranlaßt haben. Zuweilen schimmert kein bestimmter Grundgedanke durch, es ist mehr ein Phantasieren auf der Laute; dann gleichen seine Lieder den Variationen eines musikalischen Themas; leicht und lieblich, haben sie dennoch nichts Konzentrirtes. – Zu den beachtungswertheren Partieen dieser Sammlung gehört eine Reihe kleiner Gedichte auf die Blumen. Die bedeutenderen von Floras Kindern werden hier beschrieben, nicht mit der kleinlichen Trockenheit des Botanikers, sondern mit der Sympathie, die ihr Anblick beim Dichter weckt, oder nach der Sage, die sich an fiel knüpft, oder in der symbolischen Bedeutung, die ihnen beigelegt ist. Manche dieser Schilderungen, wie die der Lilie, des Mäuseöhrchens (myosotis), haben die Frische und den Reiz einer Idylle, andere, wie die Viole, sind zärtlich und melancholisch wie eine Elegie, noch andere, wie die Malve, haben einen dramatischen Charakter. Doch ist Manches mißlungen, verräth Manier und Anstrengung, ist mit philosophischen Gedanken und abstrakten Bildern überladen. – Es fehlen in dieser Sammlung Atterbom’s mehrere werthvolle lyrische Gedichte, seine Uebersetzungen der Klassiker und die Nachahmungen der Volkslieder, die er in sei nem poetischen Almanach unter der Aufschrift , die nordische Harfe“ mittheilte. Als erster Versuch in dieser Gattung, war der Erfolg außerordentlich. So wie er, war noch Niemand in den Geist dieser Urgesänge eingedrungen oder hatte auf einer modernen Leinwand ihre glänzenden Farben und naiven Bilder zu entwerfen verstanden. Endlich fehlt in dieser Sammlung eine neue Ausgabe sei res F" Gedichtes, seines Lieblingswerkes, „die Insel der Glückseligkeit“ (Lyckfa ligheitens Oe). Es ist eine Allegorie, aber eine Allegorie des ganzen menschlichen Lebens. In diesem Gedichte hat Auerbom mit, vollen Händen die Schätze seiner reichen Phantasie, die entzückenden Nüancen sei nes farbenhellen Pinsels, alle Melodieen seines musikalischen Rhythmus ausgestreut. Hier berühren sich die melancholischen

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