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vermögens nachzuspüren. Damit ist von selbst gesagt, dass eine eventuelle Grenzverschiebung zwischen transcendentalem und empirischem Ich mit adäquaten Veränderungen im Zustande des empirischen Bewusstseins und Selbstbewusstseins verbunden sein muss.

Wenn der Mensch ein Doppelwesen im angedeuteten Sinne sein sollte welche Doppelheit jedoch keine dualistische wäre, sondern gleichsam nur optisch durch den Grenzstrich zwischen Bewusstem und Unbewusstem erzeugt würde so müssen sich diese zwei Hälften wie Schalen einer Wage verhalten; in dem Masse als das empirische Ich zurücktritt, müsste das andere in den Vordergrund treten und umgekehrt, wie die Fixsterne optisch verschwinden mit Sonnenaufgang und mit Sonnenuntergang erscheinen. Dem entsprechend wird auch der Erinnerungsinhalt sich verhalten.

Setzen wir also den metaphysischen Individualismus als gegeben voraus, so können wir zunächst deduktiv verfahrend sagen, dass er nur begründet werden kann aus psychischen Zuständen, worin durch das Zurücktreten des empirischen Bewusstseins und Selbstbewusstseins dem transcendentalen Subjekt das Hervortreten erleichtert wäre. Solche Zustände erleben wir erfahrungsmässig im Traum und sie füllen ein ganzes Drittel unseres Daseins. Der Traum also bietet die meisten Chancen, einen metaphysischen Individualismus begründen zu können. Die Traumwelt ist also die empirische Basis für den Individualismus; wie die äussere Welt die Erklärung des Welträtsels leisten soll, so die Traumwelt die Erklärung des Menschenrätsels. Es würde auf einem blossen Missverständnisse beruhen, wenn man der Traumwelt die Würde einer empirischen Basis etwa darum absprechen wollte, weil ja die Traumvorstellungen nur den Wert von Illusionen, aber nicht von Realitäten haben. Als Erscheinungen sind sie jedenfalls real, und zudem handelt es sich für den hier verfolgten Zweck ganz und gar nicht darum, ob Träume Schäume sind, was sie ja dem Inhalte nach sicherlich in den allermeisten Fällen sind, sondern um die blosse Thatsache, dass wir träumen und dass in unseren Träumen bei jedem beliebigen Inhalt bestimmte Funktionsweisen wiederkehren, die mit dem wachen Leben keine Analogie haben.

Auch über die Qualität dieser Funktionen kann einiges, wenn wir den Individualismus als gegeben voraussetzen, apriorisch ausgesagt werden. Wenn nämlich, unser Subjekt vermöge der Schranken des seinen Gegenstand nicht erschöpfenden Selbstbewusstseins nur anscheinend in zwei Hälften zerfällt, die empirische und die transcendentale,, so können diese Hälften unmöglich von ganz heterogener Natur sein, demnach kann auch die Funktionsweise derselben nicht durchaus verschieden sein, und beide müssen sich sowohl erkennend wie wollend verhalten. Damit wären also die von dem transcendentalen Subjekt zu erwartenden Funktionen, die oben nur bezüglich der Gelegenheit ihres Auftretens bestimmt waren, nun auch bezüglich ihrer Qualität einigermassen präzisiert, und zwar derart, dass es nun keinen Anstoss mehr erregen kann, von einem transcendentalen, wollenden und erkennenden Ich zu reden. Es lassen sich aus dem Begriffe des Individualismus noch weitere apriorische Bestimmungen ableiten. Alle Dinge nämlich wirken für unsere Erkenntnis in Zeit und Raum, so dass unser ganzes begriffliches Verständnis der Natur darauf beruht, die Wirkungsweise der Dinge in Zeit- und Raumverhältnissen auszudrücken. Hätten nun diese unsere Erkenntnisformen für die transcendentale Welt und das transcendentale Ich gar keine Geltung, so könnte die Entwicklungsfähigkeit des Bewusstseins und Selbstbewusstseins in der transcendentalen Richtung gar nicht als möglich gedacht werden, und da die beiden Welten. durch eine unübersteigliche Kluft geschieden wären, so könnten wir niemals den Fuss in jenes Reich setzen, das über unser empirisches Bewusstsein hinausragt. Gleichwohl aber könnten diese Vorstellungsformen von Zeit und Raum, auch wenn sie der transcendentalen Realität entsprechen, für unser transcendentales Ich eine andere Bedeutung haben als für das empirische; es ist wenigstens noch nicht a priori ausgemacht, dass auch das gleiche Zeitmass und Raummass für das transcendentale Ich gelten müssen wie für das empirische. Wenn also irgend welche psychischen Zustände nachweisbar wären, worin unter Modifikationen der Zeit und Raumverhältnisse eine Erkenntnis stattfände, so wäre wiederum der Schluss auf eine transcendental-psychologische

Funktion gerechtfertigt. Damit wäre ein neues Merkmal derselben gewonnen.

So erreichen also unsere Anforderungen an das transcendentale Ich immer mehr Bestimmtheit. Ob ein solches existiert, bleibt vorläufig noch unausgemacht. Aber wenn es existiert, so lässt sich auf deduktivem Wege mit logischer Sicherheit aussagen, bei welchen Gelegenheiten, d. h. in welchen psychischen Zuständen des empirischen Ich, es in den Vordergrund treten und funktionieren kann und wie es ungefähr funktionieren muss. Das bisherige Resultat lässt sich in kurzen Worten zusammenfassen: Wenn ein transcendentales Ich sein sollte, so müssen folgende Bestimmungen als Erfahrungsthatsachen sich nachweisen lassen:

1. Eine Doppelheit des menschlichen Bewusstseins.

2. Ein Alternieren der beiden Bewusstseinszustände im umgegekehrten Verhältnis ihrer Intensität.

3. Modifikationen des Erinnerungsvermögens in Verbindung mit dem Alternieren der beiden Zustände.

4. Funktionen des Erkennens und Wollens in beiden Zuständen; und zwar wahrscheinlich unter

5. Modifikationen des Zeit- und Raummasses.

Man sieht auf den ersten Blick, dass es die Traumwelt ist, welche die aus dem Begriffe des metaphysischen Individualismus sich ergebenden theoretischen Folgerungen als Erfahrungsthatsachen liefert. Die Traumwelt also muss die Lösung des Menschenrätsels enthalten, wenn überhaupt eine Möglichkeit davon besteht. Nur eine genaue Analyse unserer Träume könnte natürlich den zuverlässigen induktiven Beweis liefern, dass der metaphysische Individualismus die wahre Lösung dieses Rätsels ist. Vorläufig aber, auf deduktivem Wege, hat sich wenigstens die grosse Wahrscheinlichkeit ergeben, dass das Rätsel in dieser Weise gelöst werden wird. Denn wenn eine Hypothese vorausgesetzt wird und es ergeben sich aus derselben mehrfache logische Folgerungen, die sich mit Erfahrungsthatsachen decken, dann ist die Richtigkeit der vorausgesetzten Hypothese im höchsten Grade wahrscheinlich.

Wenn es ein transcendentales Ich gibt, so stehen wir nur mit dem einen Fusse unseres Wesens in der Erscheinungswelt. Dann

wird es aber auch klar, warum die Beziehungen des Menschen zu dieser Erscheinungswelt, wie sie vom Selbstbewusstsein erkannt werden, uns die Lösung des Menschenrätsels nicht bieten können. Das könnte nur gelingen, wenn wir auch die andere Seite unseres Wesens ins Auge fassen. Im Wachen wissen wir von dieser anderen Seite nichts; das empirische Selbstbewusstsein umfasst nicht das transcendentale, sondern wird von ihm umfasst. Im Schlafe ist wenigstens die negative Bedingung zur Erfüllung des Selbstbewusstseins mit transcendentalem Inhalt gegeben, welcher Inhalt als Traumbild sich darstellen würde. Freilich muss von Einwirkungen aus der transcendentalen Welt auch das empirische Ich mitgetroffen werden, insoferne, als es ja identisch ist mit dem transcendentalen; aber für das empirische Bewusstsein bleiben solche Einwirkungen unterhalb der psychophysischen Empfindungsschwelle; erst in dem Masse als die Einwirkungen aus der empirischen Welt aufhören, wird die Empfänglichkeit erhöht, die psychophysische Schwelle wird heruntergedrückt, d. h. neues Empfindungsmaterial geliefert, und der tiefste Schlaf bringt auch die grösste Empfänglichkeit für solche Einflüsse mit sich, die sonst unbewusst bleiben.

Wenn sich aber darin allerdings die Entwicklungsfähigkeit des empirischen Selbstbewusstseins kundgibt, so dürfen wir doch nicht annehmen, dass die psychophysische Schwelle selbst im tiefsten Schlafe aufgehoben wäre. Wir haben nur die Keime dieser Entwicklungsfähigkeit in uns, die also selbst im Scheintod', in der Ekstase und ähnlichen Zuständen nicht etwa jene Ausdehnung erfahren können, wie sie einem biologischen Prozesse von Jahrmillionen entsprechen könnte. Dies genügt allein schon, um uns von einer Überschätzung des Traumes abzuhalten. Es kommt aber noch dazu, dass transcendentale Einwirkungen, wenn sie auch von uns wahrgenommen werden, immer in die Erkenntnisformen des empirischen Bewusstseins sich kleiden müssen, also nur den Wert von Allegorieen, Symbolen, ja vielleicht nur Emblemen haben. Dies gilt ja auch von übersinnlichen Begriffen. V Wenn wir uns z. B. die Zeit nicht anders vorstellen können als unter dem Bilde einer Linie, die wir ziehen, so liegt es daran, weil

übersinnliche Begriffe, um uns vorstellbar zu werden, sich in die Formen unseres Bewusstseins kleiden müssen. Ebenso können Traumbilder von wirklich transcendentalem Inhalt nur symbolisch, d. h. nur ungefähr in dem Sinne wahr sein, wie es wahr ist, dass die Zeit eine Linie ist.

Im Alternieren von Schlafen und Wachen haben wir also die Identität des Subjekts und Verschiedenheit der Personen. Wir sind also gleichzeitig Bürger zweier Welten und es beruht lediglich auf der abwechselnden Latenz des einen Bewusstseins, dass sich diese Gleichzeitigkeit als blosses Nacheinander darstellt. Deutlicher noch als durch das blosse Alternieren von Wachen und Träumen verrät sich diese unsere Doppelnatur in jener merkwürdigen Klasse von Träumen, in denen sich unser Ich dramatisch spaltet. Wenn ich im Traume im Examen sitze und auf die vom Lehrer gestellte Frage die Antwort nicht finde, die alsdann mein Nebenmann zu meinem grossen Ärger trefflich erteilt, so beweist dieses ganz klare Beispiel vorerst die psychologische Möglichkeit der Identität eines Subjekts unter gleichzeitiger Verschiedenheit der P'ersonen. Sogar ist dieses Beispiel noch viel merkwürdiger, als es unsere reale Doppelnatur wäre; denn in dem erwähnten Traume wissen sogar die beiden Personen von einander, und zwar nicht um ihre Identität, sondern um ihre Verschiedenheit. Der Sinn des Problems wäre aber verkannt, wenn man einwerfen wollte, eine Möglichkeit im Traume beweise noch keine reale Möglichkeit. Die psychologische Wirklichkeit, also Möglichkeit, wird durchaus nicht dadurch angetastet, dass das Beispiel der blossen Traumwelt entnommen ist, und die illusorische Natur des Traumes degradiert hier nur den einen Umstand, dass sich die beiden Personen des Subjekts anschaulich gegenüberstehen. So wird also die Existenz eines transcendentalen Objekts bewiesen durch die Erkenntnistheorie des Bewusstseins, die Existenz eines. transcendentalen Subjekts durch die Erkenntnistheorie des Selbstbewusstseins. Dort ist die sinnliche Welt die Basis, von der ausgegangen werden muss, hier die Traumwelt. Auf der Basis dieser Traumwelt nur kann eine empirische Begründung der Seelenlehre vorgenommen werden, während dieses Bemühen aussichtslos ist,

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