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Der andere billigt dieses Vorhaben und rät ihm, sich nach Ägypten zum Heere des Ptolemäus zu begeben. Denn einen besseren Soldherrn gebe es nicht für einen freien Mann. Der erstere fragt weiter über den König, und so schliesst das Gedicht mit einem reichen Lobe der Herrschertugenden des Ptolemäus, einem Lobe, was um so gelungener eingeflochten ist, als dasselbe im Verlaufe des Gespräches ganz ungesucht ausgesprochen wird.

Auch die zweite Idylle müssen wir als ein Monodrama betrachten, dessen Grundzüge unser Dichter einem Mimus des Sophron entlehnte, welcher den Titel paquaxeútoLaL hatte 18), was aber dem Ruhme unsres Dichters keinen Abbruch thut. Denn Originalität in der Behandlung kann ihm nicht abgesprochen werden; ja, die Gewalt der geschilderten Leidenschaft, der Wechsel der Gefühle, die treue Zeichnung des weiblichen Wesens, machen dieses Gedicht zu einem der schönsten des Altertums. Racine soll gesagt haben: „qu'il n'a rien vu de plus vif et de plus beau dans toute l'antiquité que la Magicienne de Théocrite". Longepierre urteilt so: „cette idylle est, à mon gré, la plus belle de Théocrite et peut-être nous reste-t-il peu de morceaux de l'antiquité aussi parfaits. Il y règne d'un bout à l'autre un génie, une vivacité, une force d'expression, et surtout un pathétique qui touche et qui attache agréablement“19). Diese Vorzüge sieht man am besten, wenn man jene Dichtung mit Virgils Nachahmung (Eclog. 8, 64) vergleicht.

Aus dem bisher Gesagten erhellt, dass die drei besprochenen Idyllen Theokrits in ihrem Inhalte dem Leser etwas ganz anderes bieten, als er erwartet, wenn er das Wort Idylle bisher nur aus Gessners gleichnamigen Schilderungen einer harmlosen Schäfer welt gekannt hat. Aber allerdings führen uns eine Anzahl Theokritischer Gedichte auch in die Hirten- oder Schäferwelt, wenn auch nicht in so eine ideale 20), wie vielleicht mancher Idiot denkt. Das sind die Gedichte, welche wir schon oben mit dem Namen bukolische Gedichte bezeichnet haben.

War es nämlich von vorn herein besonders Sophrons Beispiel, welches unseren Dichter zu einer poetischen Schilderung aus dem Leben gegriffener Charaktere veranlasste, so führte vorzüglich eine Seite des Lebens in Sicilien durch seinen besonderen Reiz ihn zu dem Gebiete der Poesie, in welchem er unsterblich geworden ist. Sicilien war ein Hirtenland; Pindar (Olymp. 1, 12)

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18) Siebe meine gr. Ausg. I p. 70. [Einl. zu Id. 2.)

19) Adert, Théocr. p. 49. Didot, les idylles de Théocrite, traduites en vers français par Firmin Didot. Paris 1833, 8. p. 423.

20) Horat. Art. poet. 317 respicere exemplar vitae morumque iubebo doctum imitatorem, et veras hinc ducere voces.

nennt es geradezu πολύμαλος Σικελία. Das Leben der Hirten in ihrer Waldeinsamkeit übt auf jedes unverdorbene Gemüt einen mächtigen Zauber. Musik und Gesang sind der natürliche Zeitvertreib der Hirten auf ihren Triften. Denn Gesang, Lied, Syrinxklang sind so alt als das Geschlecht der Hirten, die schon auf Achilles' Schilde Hephästos' kundige Hand (Iliad. 18, 525) ausprägte, wie am Spiele der Syrinx sie sich ergötzen. Wahr ist es, was Lucr. 5, 1378 singt:

At liquidas avium voces imitarier ore
Ante fuit multo, quam levia carmina cantu
Concelebrare homines possent, aurisque iuvare.
Et Zephyri cava per calamorum sibila primum
Agrestis docuere cavas inflare cicutas.
Inde minutatim dulcis didicere querelas,
Tibia quas fundit, digitis pulsata canentum,
Avia per nemora ac silvas saltusque reperta,

Per loca pastorum deserta, atque otia dia. Das Poetische, was das Hirtenleben überhaupt hat, mochte sich bei den sicilischen Hirten noch besonders deutlich zeigen. Sie waren reich an Liedern, Gesängen und Weisen, reich an Sagen von Hirten, unter denen Daphnis der berühmteste ist a.). Über diesen Daphnis gab es verschiedene Sagen. Nach Diodor. Sic. 4, 84, Parthen. Erot. 29 und Aelian. Var. Hist. 10, 18 war

er der Sohn des Hermes und einer Nymphe. Diese setzte ihn aus in einem Lorbeerhaine, wovon er den Namen Aúgvis erhielt. Die Nymphen erzogen ihn, Pan selbst unterwies ihn im Flötenspielen (Serv. zu Virg. Ecl. 5, 20). Er ward ein Hirte, der viele Herden weidete. Die Lieder, die er erfand, lebten nach ihm in Sicilien fort. Er jagte auch mit der Artemis und ergötzte die Göttin mit seiner Syrinx und seinen bukolischen Weisen. Als treuer Diener der jungfräulichen Artemis vermass er sich und beteuerte, er werde nie der Macht der Liebe unterliegen. Dadurch erregte er den Zorn der Aphrodite, welche ihm Liebe zu einem Mädchen einflöfste, das ihn ihrerseits auch leidenschaftlich liebte (Id. 1, 82 (vgl. Anm.]). Daphnis mied sie, die ihn nun vergebens in Wald und Berg suchte. Er suchte die Leidenschaft in seinem Herzen zu bezwingen, er wollte mit Eros ringen (Id. 1, 97). Aber der Kampf war vergeblich. Er unterlag und schmachtete (étńxeTO, Id. 1, 66), sein Lebensfaden riss (Id. 1, 139–140), er verschied zum Leidwesen der Musen und Nymphen. So erzählt Theokrit Id. 1, 64 fig. die Leiden des Daphnis. Nach einer anderen Sage

. liebte er eine Nymphe, welche ihm verkündigte, dass er erblinden werde, wenn er je eine Sterbliche liebe. Eine Königstochter wusste ihn aber trunken und der Nymphe ungetreu zu machen. Alsbald

21) Dazu kommen Komatas (Theokr. 7, 78), Menalkas (s. Anm. zu 8, 2), Diomus (Athen. 14 p. 619, A. Welcker kl. Schr. 1 p. 410).

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ging die Drohung der Nymphe in Erfüllung. Nach einer Sage beim Schol. zu Theocr. 8, 92 stürzte er in der Blindheit einen Abhang herab. Ovid. Met. 4, 278 lässt ihn von der eifersüchtigen Nymphe in einen Stein verwandelt werden. Nach Servius l. I. entrückte ihn Hermes in den Himmel und liefs an jener Stätte einen Brunnen entspringen, an dem noch später geopfert wurde 2). Der Ruf der sicilischen Hirtenlieder war weit verbreitet,

das Eigentümliche ihrer Weisen anziehend. An gewissen Festen kamen die Hirten singend in die Stadt man könnte an die Pifferari erinnern, die in der Adventszeit aus den Abruzzen nach Rom kommen und liessen sich dort in Wettgesängen 25) hören, von denen wir uns aus Id. 5 und 8 eine genaue Vorstellung machen können. Überbleibsel solcher poetischer Wettstreite will man noch in neuerer Zeit in Sicilien und auf den balearischen Inseln angetroffen haben 24). Ein offenes, für die Freuden der Natur empfängliches Gemüt, wie es Theokrit hatte (vgl. Id. 7 Schluss, Id. 6 Schluss), konnte leicht durch diese poetische Seite des Hirtenlebens angezogen werden, um so mehr in der Zeit, in welcher er lebte. Es ist dies die Epoche der griechischen Litteratur, welche man kurz die alexandrinische nennt. Nach dem Untergange von Griechenlands politischer Freiheit waren zwei der mächtigsten Triebfedern aller wahren Poesie verschwunden, die volle, hingebende Liebe für das Vaterland und die religiöse Begeisterung, ohne welche auch dem Heiden kein Gedicht von bleibendem Werte möglich war. Denn fehlte ihm auch die reine Gotteserkenntnis, so belebte ihn doch, wie wir namentlich Pindar sehen, die Ahnung des lebendigen, ihnen „unbekannten Gottes“ (Apostelgesch. 17, 23), der, da die Zeit erfüllet war, sich der Welt offenbarte. Dieser Offenbarung hatte von der Zeit des peloponnesischen Krieges an die berufene Zweifelsucht der Sophisten und später die der Philosophen der sogenannten neueren Akademie - um anderes hier zu übergehen – vorgearbeitet. Der Glaube

die Wirklichkeit der Götzen war bereits wankend geworden, Ptolemäus hatte seinen Eltern Tempel und Altäre errichtet (Id. 17, 123), die Zeit der von Schiller fälschlich so genannten Ideale war verschwunden. Aber ein Ersatz war der ängstlich aufschauenden Seele nicht geboten. Es war die Zeit der „harrenden Kreatur“ (Röm. 8, 22), da erst unter Kaiser Augustus das wahrhaftige Licht, das alle Welt erleuchtet, erscheinen sollte, dessen Abglanz auch die wahre, die christliche Poesie hervorrief.

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22) Weiteres über Daphnis, dessen tragisches Ende schon Stesichoru's besang, 8. grosse Ausg. I p. 12. [Anm. zu 1, 19 u. 64; za 7, 73; Einl. zu 8; Anm. zu 8, 93.]

23) S. de poet. bucol. p. 13. Hauler p. 43.

24) S. de poet. buc. p. 14 ***). Areth. p. 7. Nachtr. zu Sulzer 1, 1 p. 103*).

Die Namen der Musen und übrigen Gottheiten waren dem Gebildeten damals nur Schemen und allegorische Figuren. Eben so wenig aber konnte in der Zeit der Ptolemäer das Herz so warm für das - Vaterland schlagen, wie damals, als Aeschylos den Sieg der Griechen über die Perser verherrlichte. So entfremdete sich die Poesie immer mehr dem Leben. Nun war aber in Alexandrien unter den Ptolemäern eine Stubengelehrsamkeit entstanden, welche die Meistersänger des alten Hellenentums, vor allen Homer, studierte, ihn als Quelle und Mittelpunkt der Poesie betrachtete und sich in seiner Nachahmung gefiel; freilich nur in äusserer Nachahmung. Der Genius war gewichen. Kunst oder Künstelei trat an die Stelle der Natur. Durch Prunk mit Gelehrsamkeit suchte man den Mangel an Ideen zu verdecken und es entstanden langweilige Gedichte, wie z. B. die Argonautica des Apollonius Rhodius. Siehe da! Was mühsam angeeignete Büchergelehrsamkeit nicht bieten konnte, das fand Theokrits scharfes, klares Auge noch im Volke, im Leben der Hirten, eine Ader der Poesie mit dem reinsten Metall. Man denke ferner an die bürgerlichen und Kriegs-Unruhen, denen Sicilien vor dem Beginn des ersten punischen Krieges ausgesetzt war, beachte die Sehnsucht nach dem Frieden, welche Id. 16, 82 flg. ausgesprochen ist, und glücklich erscheint da der Hirt in seinen einsamen Bergen, wo nicht die Waffen erklirren mit eisernem Klang, wo nicht der Wahn und der Hass die Herzen verwirren. Hierzu kommt endlich der natürliche Kontrast zwischen Stadt und Land 25), der sich um so nachdrücklicher dem Gefühl aufdrängt, je höher oder verfeinerter die Kultur des Städters ist. Der Geschäftsmann unter seinen Sorgen und Mühen, um von dem Hofmann gar nicht zu reden, preist den Landbewohner glücklich in seinem dolce far niente.

Beatus ille qui procul negotiis,

Ut prisca gens mortalium,
Paterna rura bobus exercet suis

Solutus omni fenore,
Neque excitatur classico miles truci
Neque horret iratum

mare:
Forumque vitat et superba civium

Potentiorum limina. In diesen Versen des Horaz (Epod. 2) liegen die Motive des ländlichen Gedichtes.

Tityre, tu patulae recubans sub tegmine fagi ist nicht zufällig der erste Vers in Virgils Eclogen. Vgl. Theokr. 7, 69. 7, 88. 7, 133. So war es denn ein glücklicher Griff, den

25) Bernhardy in der gr. Litteraturgeschichte behauptet mit Unrecht, Theokrit kenne diesen Kontrast nicht. Aber er ist die Grundlage der ganzen siebenten Idylle (vgl. 7, 2 én róllos). Siehe auch Id. 16, 84 (αστυ) 95 (ποιμένας κτλ.). Iliad. 4, 455 των δέ τε τηλόσε δούπον εν ούρεσιν έκλυε ποιμήν.

Theokrit that, als er dieses frische Leben des Landvolkes zum Gegenstande seiner Dichtungen machte; und diese Naturpoesie wurde von den Zeitgenossen mit Freude begrüsst, weil sie die Gefühle des Dichters teilten, weil ein Interesse für dieses Naturleben vorhanden war, ungefähr wie bei unseren Zeitgenossen ein Interesse für die Dorfgeschichten oder die Volkslieder. Wir sind berechtigt, ihn den Erfinder des bukolischen Gedichtes zu nennen, wenn auch Aelian Var. Hist. 10, 18 den Beginn der bukolischen Poesie schon bei Stesichorus, welcher den Tod des Daphnis besang, finden will, ja wir, noch weiter zurückgehend, sagen können, dass die ersten Keime bei Homer liegen. Oder wer dächte nicht sofort an das neunte Buch der Odyssee, an die Herden des Polyphem und seine völlig eingerichtete Milchwirtschaft? Oder wem schwebte nicht die Episode des sechsten Buches der Odyssee vor, wo Nausikaa Wäsche hält und dann mit ihren Jungfrauen am Meergestade Ball spielt? Theokrit aber hat das Verdienst, dass er die bukolische Poesie als solche zuerst in die Litteratur einführte. [Über eine erotische Hirtengeschichte in einem Dithyrambus des Lykophronides, bei Athen. 15 p. 670 E, vgl. Rohde, der griech. Roman p. 113 und 506.]

Theokrits bukolische Gedichte können wir also als Mimen bezeichnen, die entweder als Monologe (Id. 3, Id. 11), oder als Dialoge (Id. 1, 4 u. s. w.) in sich abgeschlossene Scenen des ländlichen Lebens in poetischer Form darstellen, damit der Leser sich an ihnen ergötze 26). Theokrit will nicht das Leben der Hirten oder das Landleben überhaupt beschreiben??), wie etwa Kleist im Frühlinge oder Thomson in den Seasons, was zuletzt ermüdend wird, sondern er will uns an der Hand der Poesie das Thun und Treiben der Hirten oder Schnitter (Id. 10) zeigen wie es ist, weil es schon in sich selbst einen Reiz hat. So fesselt das Auge ein Bild, dem man ansieht, dass es eine schöne Natur getreu wiedergibt. Fern von süsslicher Empfindsamkeit und Schwärmerei für idealisiertes Naturleben, aber ebenso fern von moralischen Zwecken 28), lässt er die dorischen

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26) Aut prodesse volunt aut delectare poetae Hor. Art., poet. 333. Freilich Aristophanes Ran. 1008 fragt τίνος oύνεκα χρή θαυμάζειν άνδρα ποιητήν; und giebt die Antwort: δεξιότητος και νουθεσίας, ότι βελ τίους τε ποιούμεν τους ανθρώπους εν ταις πόλεσιν

27) Ganz falsch schreibt Georg Weber, Lehrb. der Weltgesch. 13. Aufl. 1868, I p. 269: „In der idyllischen Dichtung wird der plastische Charakter der älteren Poesie durch eine ins Breite gehende malerische (malende ?) Schilderung verdrängt.“

28) Moralische Tendenzen den bukolischen Gedichten unterzuschieben, sind wir durch nichts berechtigt. Siehe meine gr. Ausg. II p. 112-113. Nicht bloss der Vf. der Arethusa p. 39 ist dazu geneigt, sondern noch Rosenkranz (die Poesie und ihre Geschichte, Königsb. 1855 p. 207) findet darin „moralische Allgemeinheiten, welche z. B. die Vor

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