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Hirten Siciliens und Unteritaliens, treu ihrer Nationalität in ihrer Lebensweise, in ihren Beschäftigungen, mitten in ihrer Herde, vor uns auftreten, giebt er uns nicht hohle Phantasiegebilde, sondern Personen mit Fleisch und Blut in wahren, dann und wann sogar derben Zügen, damit es uns zu Mute sei, als wären wir wirklich mitten unter ihnen, als sähen wir sie sich mit ihren Ziegen oder Kälbern herumjagen (Id. 4, 44 flg.), als hörten wir sie mit einander plaudern, als hörten wir ihre gegenseitigen Sticheleien und ihr Gezänk (Id. 5, 5 flg.), als hörten wir, wie sie sich zum Wettgesange auffordern, als rasteten wir in der Mittagsglut mit ihnen im Schatten am kühlen Quelle und lauschten dem Liede eines Thyrsis. Nicht um Ideale ist es dem Dichter zu thun, sondern um plastisch ausgeprägte Gestalten der Wirklichkeit, welche um ihrer selbst willen gefallen sollen. Selbst die Namen der Personen sind daher zum grossen Teile sinnreich gewählt und ihrem Stande, Verhältnissen, Charakteren entsprechend, z. B. Alyov Capella, „Zieger“, ,,Geiser“ (Id. 4, 2 (vgl. Anm.]), Πολυβώτας = „Bullreich“ (Id. "10, 15), 'Irnotiwv = „Rössler“ (Id. 10, 16 [vgl. Anm. und Anhang]), róxov (von lāxéw, anxéw, λάσκω) àáoxm) = ,,Schreier" (Id. 5, 2 (vgl. Anm.]), oder dem be

“ ( kannten Hirtenmythus entnommen, z. B. Daphnis, Menalkas (Id. 8), Komatas (Id. 5). Der Schäferhund Id. 8, 65 heisst Adurovpos, die Ziege Id. 1, 151 Klobaitu, das Schaf 5, 102 Kuvaita, der Widder ebendaselbst Kávapos, ein anderer Widder Id. 5, 103 Φάλαρος.

Betrachten wir nun die hauptsächlichsten Mittel, durch welche dies dem Dichter gelang, so ist es zunächst die Form des Gespräches, welche uns von selbst in die Scene der Handlung (Id. 1, 7 Anm.) versetzt und mit dem Wesen der Personen bekannt macht. Dann aber ist es, abgesehen von dem Inhalte der Gespräche, welche die Hirten charakterisieren, vorzüglich der Inhalt

teile des Fleisses und der Genügsamkeit oder die Nachteile der Liebe und des Ehrgeizes schildern". Dies lässt sich mit nichts beweisen. Darin aber hat der Vf. der Arethusa Recht, dass er p. 43 fig. behauptet, die Satire liege dieser Poesie nicht allzu fern. Anflüge von Satire sind Id. 4, 21 flg. 7, 47 unverkennbar. Eine andere Frage ist die über die Allegorie. Von den zwei mimischen Stücken Id. 15 und 14 ist es klar, dass sie Tendenzstücke sind. Das kann man auch von Id. 11 sagen. Vgl. 11, 72 Anm. [Fritzsche meinte, die Worte seien „eine Anspielung auf Nicias, der gleich dem Cyklopen den Liebesgedanken nachhing, statt sich um seine Heilkunst zu bekümmern".] Dass Lycidas in der 7. Idylle eine historische Person ist, welche nur unter anderem Namen auftritt, liegt anch am Tage. Allein man muss sich hüten, dass man nicht zu weit geht. Wo nicht handgreifliche Winke da sind, muss die nüchterne Exegese sich der Annahme von Allegorieen widersetzen. Sie widerstreben im allgemeinen der Naturwüchsigkeit der Theokritischen Dichtung. Anders verhält es sich mit Virgil, dessen bukolische Poesie mit Recht allegorisch genannt worden ist.

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der Lieder, welche der Dichter sie singen lässt. Sie entsprechen der Beschäftigung, der Stimmung, dem Alter der vorgeführten Personen. Was z. B. die Hirtenknaben Id. 8 singen, was der verliebte Hirt Id. 3, das klingt so einfach und natürlich, dass man glauben kann, die nächsten Umgebungen, die ganze Örtlichkeit, hätte den Sängern nichts passenderes eingeben können. Zum Teil sind jene Lieder auf volkstümliche Gesänge basiert.

Das Lied von den Leiden des Daphnis, welches Thyrsis in der ersten Idylle singt, ist sicher seinem Stoffe nach dem Munde des Volkes entnommen (vgl. Id. 7, 73 ff.), nur darf man sich nicht mit Greverus 29) und anderen einbilden, dass darin die unveränderte Probe eines alten Hirtenliedes gegeben sei, wie Theokrit es im Munde sicilianischer Hirten gefunden. Richtiger sagen wir mit dem Verfasser der Arethusa pag. 8, dass Theokrit ein altes Lied vor Augen gehabt habe, wie man in neueren Zeiten alte Balladen nachgeahmt hat. Eine ähnliche Hinweisung auf Volkslieder finden wir Id. 7, 78 ff. Das Schnitterlied Id. 10, 42 flg. enthält Sprüchlein, die, wenn auch nicht durchweg in den Worten, doch im Grundgedanken sich an volkstümliche Regeln anschliessen.

Der Vers, dessen sich Theokrit in diesen Idyllen bedient, ist der heroische Hexameter. Nur Idylle 8, 33 fig. finden wir einmal das elegische Distichon (s. die Anmerk. zu dieser Stelle). Dieses Metrum war durch Homer bei den Griechen populär geworden, während der deutsche Hexameter es nie dahin bringen wird und unsere Dichter klüger thun, wenn sie dem echten deutschen Reimvers sein gutes altes Recht lassen; ja manche Wendungen volkstümlicher Ausdrücke liefsen sich in den Hexameter leicht oder ohne grosse Änderungen einfügen 3). Der Verfasser des Abschnittes περί της ευρέσεως των βουκολικών (s. meine gr. Ausg. p. 6) hat uns einige sogen. priapeische Verse aufbewahrt, welche die Hirten, wenn sie bettelnd herumzogen, sangen. Ihr ganz in das Ohr fallendes Metrum ist hier dieses:

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29) Zur Würdigung, Erklärung und Kritik der Idyllen Theokrits. Von J. P. E. Greverus. Oldenburg 1850, 8. Die angegebene Ansicht steht dort p. 26.

30) Dies gilt namentlich auch von Sprichwörtern (s. Anm. zu Id. 10, 11), welche oft gerade die zweite Hälfte des Hexameters füllen, und von Ausdrücken wie Id. 2, 86 déx' đuata nal d'éxa vúxtas.

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Wer die zwei letzten Verse von diesen vier Zeilen in einer Zeile beisammen sieht, wird ohne Anstand lesen, als wäre es ein Hexameter:

αν φέρομεν παρά τας θεού, αν εκαλέσσατο τήνα. Aus dieser Andeutung möge geschlossen werden, wie leicht sich der Hexameter Theokrits an die vorhandenen Verse des Volksliedes anschliessen konnte. Noch deutlicher geht dies aber der häufigen Anwendung einer Cäsur am Schluss des vierten Dactylus hervor, welche bei Theokrit so oft vorkommt, dass die Grammatiker sie deshalb die bukolische Cäsur genannt haben, obgleich schon Homer sie oft hat 31). Nehmen wir z. B. die Verse aus Id. 9, 7-8, so können wir die Hexameter so schreiben, dass aus einem Hexameter zwei Verse entstehen, deren letzterer, kürzerer, wie das Echo des ersteren klingt:

αδυ μέν α μόσχος γαρύεται,

αδυ δε χα βώς
αδυ δε χά σύριγξ, χω βουκόλος,

αδύ” δε καχώ. Schreiben wir diese Verse in der Weise, wie es hier eben geschehen ist, so erhalten wir dactylische Rhythmen, welche noch in der Litteratur der Alten nachweisbar sind. So sagt z. B. Alkman bei Athen. XI p. 499, A = tom. II. P.

412 Meinek.: τυρόν έτύρησας μέγαν άτρυφον

deylogóvtq 31a). Nicht sehr verschieden davon sind die Rhythmen, welche wir bei Horaz finden, Od. 1, 4:

Solvitur acris biems grata vice

Veris et Favoni. Vgl. Od. 1, 7 u. Epod. 12, 2. Weiteres über die Anwendung dieser bukolischen Cäsur siehe Anmerk. zu 1, 64. 1, 101 und 25, 125. In der Regel hat Theokrit vor dieser bukolischen Cäsur im vierten Fusse des Hexameter einen Dactylus, wodurch der Vers etwas ausserordentlich leichtes erhält. Allein der Spondeus ist an dieser Versstelle nicht ausgeschlossen, wie Id. 1, 6 lehrt 32). Bei Virgil findet sich der Spondeus vor dieser bukolischen Cäsur sehr häufig, weil im Lateinischen die Anwendung des Dactylus vor derselben

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31) Vgl. Odyss. 1, 1 άνδρα μοι έννεπε, Μούσα, πολύτροπον ös udha tollá. Bekker Monatsber. der Akad. der Wiss. Berl. 1859 p. 266 flg. [Homer. Bl. 1 p. 144 fig.] Wagner, lectt. Verg. im Philolog., Supplementbd. 1859 p. 319 fig. Bukolisch ist diese Căsur, gleichviel ob im vierten Fusse ein Dactylus oder Spondeus steht, z. B. Odyss. 11, 30.

31 a) [Die Lesart ist hier völlig unsicher.]

32) Dort baben die Codd. xoñs. Es war bloss metrische Grille, wenn man dafür e conj. Heinsii xpéas schrieb. [Vgl. Anhang zu 1, 6. Anm. zu 8, 13.]

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sehr schwer ist, wie jeder, der Lust hat, sich durch eigene Versuche überzeugen kann.

Der Volkspoesie Siciliens ist ferner der stetig wiederkehrende Schaltvers entnommen, welchen wir in den Liedern Id. 1, 64. 70. 76 flg. Id. 2, 17, 22, 27 flg. finden. Die Macht, welche die Wiederholung eines solchen Verses auf das Gefühl übt, erkannte schon Aeschylus, welcher ihn mehreremal in seinen Tragödien benutzt hat (z. B. Suppl. 133 ~142) und nach den Nachrichten der Alten seine Anwendung von den Siculern gelernt haben sollos). Wir können ihn füglich mit dem Refrain vieler unserer Nationallieder vergleichen. Nachahmungen davon finden wir Bion 1, 6. 15 flg. Mosch. 3, 8. 13 flg. Virgil. Ecl. 8, 42. 46. 79. 84 flg. Catull. 62, 5. 10 flg. 61, 4–5. 39–40. 64, 327. 333 flg. Ovid. Heroid. 9, 146. 152. 158. 163 flg. (impia, quid dubitas, Deïanira, mori?). Ovid. Amor. 1, 6, 24. 32 flg. (tempora noctis eunt: excute poste seram). Pervigil. Vener. 1. 8 fig. (cras amet, qui nunquam amavit, quique amavit cras amet).

Durch diesen Schaltvers wird das Lied augenscheinlich in kleine Strophen geteilt, welche in Id. 1, 66 flg. nach unserer Ansicht aus je fünf Versen bestehen 34), denen v. 64–65 eine Anrede an die Musen vorausgeschickt ist, zu welchen sich auch am Schlusse (v. 144) der Sänger wendet. In der zweiten Idylle haben wir zwei Gesänge, ein Zauberlied, welches (v. 18—63) aus fünfzeiligen Strophen 35) besteht, denen der dominierende Zauberspruch υγξ, έλκε τυ τηνον εμόν ποτί δώμα τον άνδρα ν. 17 vorangeht, und dann die Erzählung von der Liebe des unglücklichen Mädchens, welches dieses Zauberwesen treibt, um ihren ungetreuen Liebhaber wieder zu sich zurückzurufen. Letzterer besteht aus Strophen von je sechs Versen (v. 64-135). Von Vers 136 an hört dort das Strophenverhältnis auf. Nur noch ein Anklang an den zweiten Schaltvers sind v. 142 die Worte xos xó τοι μη μακρά φίλα θρυλέoιμι Σελάνα. Das entspricht ganz der Leidenschaftlichkeit der armen Verlassenen, welche in jenem Gedichte dem Monde ihr Leid klagt und gerade von dort an Dinge andeutet, über die sie selbst lieber ganz wegeilen möchte.

33) S. de poet. buc. p. 20. Ahrens, de ephymniis bucolicis, in Bionis Epitaph. Adonidis, ed. Henr. Lud. Ahrens, Lips. 1854, 8. p. 29.

34) Seit Hermann (Zeitschr. für_Altertumsw. 1837 p. 227) sind viele Hypothesen über die strophische Einteilung dieses Liedes aufgestellt worden. Siehe meine grosse Ausg. I p. 12. Dazu vgl. noch Peiper in Jahns Jabrbb. Band 89 (1864) S. 449 fig. Carol. Freytag, coni. in Theocriti carmen I. lusus otiosi, Meissen 1864, 4. [Anm. zu v. 70. 95. 115.]

35) Vers 58 ist unecht, wie nach meinem Vorgange auch der neueste Herausgeber des Theokrit, Ziegler, annimmt, welcher mit mir auch Id. 1, 134 für ein Einschiebsel von fremder Hand erklärt. [Vgl. Anhang zu 1, 134 u. zu 2, 58.]

Die Lieder, welche in der dritten Idylle der verliebte Hirt von Vers 12 an singt, zerfallen in kleine Strophen von je drei Versen. Nur scheinbar findet dort v. 24 eine Störung statt. Vor jenem Verse tritt nämlich eine Pause ein. Der Hirt hofft, dass die hartherzige Geliebte, vor deren Grotte er das Ständchen bringt, sich ihm zeigen werde. Da er sieht, dass sein Hoffen eitel ist, so bricht er Vers 24 in den Klageruf aus: őuoi xth. Dann aber beginnt er den Gesang aufs neue. Jenen Gesängen geht ein Prolog von zwei Versen voraus (v. 1—2, vgl. Id. 1, 64–65), in welchem der Hirt mit sich selbst spricht, während er noch an dem Felsen weilet, wo seine Ziegen weiden. Hier kündigt er den Entschluss an, zur geliebten Amaryllis gehen zu wollen. In einer Gruppe von drei Versen (3—5) redet er dann seinen Freund Tityrus an, dessen Obhut er seine Herde anvertraut. Nun kommt er zur Grotte, in welcher Amaryllis versteckt ist. Vor dieser recitiert er gewissermassen den zweiten Prolog, die Verse 6-11, in denen (ganz wie im Anfange) je zwei Verse ein Ganzes bilden. In ihnen fragt er die spröde Amaryllis, warum sie ihn nicht mehr leiden möge, obwohl er doch ein ganz schmucker Bursche sei (v. 8-9) und ihr gern jeden Wunsch erfülle (v. 10–11). Amaryllis lässt sich nicht sehen, und nun beginnt der Gesang v. 12 flg.

Gesänge, in welchen je zwei Hexameter eine Strophe bilden, finden wir 5, 80 flg. 8, 63 flg. 10, 24 flg. Je zwei elegische Distichen sind in gleicher Weise zu einem Ganzen in Id. 8, 33 flg. vereinigt 36).

Die Erwähnung der Lieder, welche wir bei Theokrit finden, führt uns auf die Wettgesänge oder Wechselgesänge, in welchen Theokrit Id. 5 u. 8 ein Abbild des sicilischen Hirtenlebens giebt. Wir verweisen auf das in der Einleitung zur fünf

36) Den wilden Cyklopen Polyphem der elften Idylle charakterisiert es, dass das Lied, welches er von Vers 19 an singt, nicht aus gleichzeiligen Strophen, sondern aus Absätzen bald von drei, bald von fünf, bald von vier, selbst von sechs Zeilen besteht, welche ohne festes Gesetz durch einander gehen. Alle Versuche, durch Umstellung und Ausmerzung von Versen dort eine angebliche Symmetrie von Strophen herzustellen, sind eben so gescheitert, als die Zahlenspielereien (s. grosse Ausgabe I p. 342), welche an windschiefe Kartenhäuser der Kinder erinnern. Nach dem Vorgange Hermanns (de arte poes. Gr. buc. Lips. 1849, 4. [opusc. 8 p. 329 fig.]) haben seit 20 Jahren eine Anzahl Gelehrte nicht bloss die Gesänge in Id. 6. 7. 18, sondern sogar die epischen Gedichte (Id. 13. 16. 17) in Strophen bringen und in ihnen mystische (so muss man sagen) , Zahlenverhältnisse finden wollen. Bereits sind einzelne Stimmen gegen dieses unkritische Verfahren laut geworden, z. B. von Bücheler in Jahns Jahrbb. Bd. 81 (1860) p. 368. In der nächsten Auflage werde ich diese Anmerkung weglassen können. Denn in wenig Jahren wird sich das jetzt epidemische Strophenfieber völlig gelegt haben, , welches Heimsöth passend mit dem Tischklopfen vergleicht, das immer gerade diejenige Zahl wieder giebt, die gewünscht wird.

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