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Vergil benutzte das nun zu der heiteren Einkleidung der sechsten Ekloge, die man gewiss ebenso wie die der zehnten als geistreich bezeichnen darf. Im Einklang hiermit haben wir ja auch bei der zehnten Ekloge die Möglichkeit offen gelassen, dass Vergil die dortige Einkleidung nicht direkt aus Theokrit übersetzt, sondern nur aus einer Theokritnachahmung des Gallus entnommen hat. All die wunderbaren Wirkungen aber, die Vergil den Liedern des Silen zuschreibt (V. 27 ff. und 86), werden jetzt zu ebensoviel Komplimenten für die Sangeskunst des Gallus.

Halte ich mir dies trotz grosser Schwächen doch immerhin heiter anmutige Spiel Vergils vor Augen, dann glaube ich erst zu verstehen, warum Horaz1) an den Eklogen das molle atque facetum rühmt. Unsere Horazinterpreten halten es freilich mit Quintilians Äusserung: facetum non tantum circa ridicula opinor consistere. Neque enim diceret Horatius, facetum carminis genus natura concessum esse Vergilio. Decoris hanc magis et excultae cuiusdam elegantiae appellationem puto.. Quod convenit cum illo Horatiano „molle atque facetum Vergilio"...2). Ich zweifle auch natürlich nicht daran, dass facetus etwas wie elegans sein konnte, sondern vielmehr, ob Quintilian noch das volle Verständnis für Vergils Eklogen besass, das Horaz hatte, und das wir uns eben mühselig wieder erkämpft haben. Dass es Quintilian bereits abhanden gekommen war, dafür kann uns ja jetzt seine bekannte Äusserung über Euphorion Beweis genug sein (X 1.56): quem nisi probasset Vergilius, idem numquam certe conditorum Chalcidico versu carminum fecisset in Bucolicis mentionem.

1) Sat. I 10. 44. 2) Inst. VI 3. 20. Skutsch, Aus Vergils Frühzeit.

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DRITTES KAPITEL.

KATALOGGEDICHTE.

Opusculum de inconexis continuum, de diversis unum, de seriis ludicrum, de alieno nostrum.

Ausonius.

I.

Wir haben versucht, den bunten Wirrwarr der zehnten und sechsten Ekloge zu entwirren,

damit in solchem Lustgetümmel

Der Sinn erscheine, der verschleiert liegt,
Gestaltenreich, ein überdrängt Gewimmel,
Dem innern Sinn so wie dem äussern gnügt.

Nicht zufällig kommt das Wort aus Goethes Maskenzug vom 18. Dezember 1818 in die Feder. Ist er doch wirklich ein Analogon für die Art der beiden Vergilischen Gedichte. Eine Reihe von Gestalten der Wielandschen, Herderschen, Schillerschen, Goetheschen Dichtung zieht an uns vorüber, bunt aneinander gefügt, ohne andern Zusammenhang als den, dafs alles, was vorhanden,

Durch Musengunst den Unsrigen entstanden.

Kaum wird die Reihe dem Beschauer oder Leser verständlich sein, wenn er die Werke nicht kennt, denen die einzelnen Gestalten entnommen sind; gewifs ruht ihr Reiz für den Wissenden gerade darin, dafs sie ihm in gedrängtester Form jene Dichtungen wieder vor die Seele führen, daneben etwa noch in der Art, wie Goethe durch besonders beziehungsreiche

Worte die Erinnerungen des Lesers wachzurufen versteht. Hier können wir uns, denke ich, klar machen, dafs eine solche Katalogdichtung wirklich poetisches Verdienst haben und fesseln kann; hier werden wir uns leider aber auch klar, wie ungünstig es um die nötigste Voraussetzung solcher Wirkung da steht, wo uns wie bei Vergil die katalogisierten Originaldichtungen fehlen. Die Kunst, mit der Vergil den Leser auf die Dichtungen des Gallus, ihre besonderen Schönheiten und Eigenheiten, wie sie ihm erschienen, hinwies, mit der er in ihm eine Fülle von Associationen durch leise Andeutungen weckte, diese Kunst werden wir nie auch nur annähernd so würdigen können wie Varus, Horaz und andere Zeitgenossen, die noch Gallus' sämtliche Werke lasen.

Den Grundgedanken des Maskenzugs hatte Goethe von der Erbgrossherzogin empfangen; wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass er anderswo als in ihrem Kopfe entsprungen sei. Dafs Vergils ähnlicher Gedanke manche Ahnen mehr zählt, wird niemand bezweifeln, und wenn die Trümmerhaftigkeit der antiken Litteratur uns auch nicht erlaubt, die unmittelbaren Vorfahren zu nennen, so sind uns doch aus der offenbar einst sehr zahlreichen Familie, der die sechste und zehnte Ekloge angehören, noch manche Glieder übrig geblieben, die mindestens eine flüchtige Betrachtung lohnen und deren Zusammenstellung gleichzeitig unsere Interpretation der beiden Gedichte noch weiter stützen kann1).

1) Auf Theokrit einzugehen vermeide ich dabei durchaus. Denn so sehr gerade meine vorliegenden Untersuchungen mich den Reitzen

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2.

Vergils sechste1) und zehnte Ekloge sind Kataloggedichte. So wird man ja wohl alle jene Gedichte bezeichnen können, in denen an Stelle eines historischen Fortganges, den doch selbst Ovids Metamorphosen geschickt genug vorspiegeln, oder einer psychologischen Entwicklung eine blofse Aneinanderreihung oder Aufzählung von gleichartigen Vorgängen, Personen, Dingen tritt.

Die Art ist alt. Schiffskatalog und Frauenkatalog fallen jedem ein, und die Steifheit und Aufdringlichkeit des wiederholten Tum canit in der sechsten Ekloge, namentlich im Verein mit dem Namque canebat und Illa canit), wird sich jetzt in Erinnerung an das poetische Paragraphenzeichen "H oin einfach genug erklären. In der Elegie sehen wir, dank Athenaeus 597, ja selber noch, wie Hermesianax ἐν τῷ τρίτῳ κατάλογον ποιεῖται ἐρωτικῶν; wenn er in V. 41 unter diesen épшTIKOì den Antimachos aufzählt, so geschieht es gewiss gerade deshalb, weil der seine Ʌúdŋ ähnlich angelegt hatte3), ja die Linie mag noch über Antimachos hinaus zu dem von steinschen Anschauungen nähern, so viel Zweifel bleiben mir im einzelnen, deren Erörterung hier unmöglich ist.

1) Ich sehe auch hier durchaus von den Versen VI 1-12 ab. Sie haben mit den folgenden keinen inneren Zusammenhang, hätten vor jedes andere Gedicht ebensogut als Widmung gesetzt werden können: das hat wohl unsere Analyse des Hauptteils der Ekloge gezeigt. Die Hypothese, dafs Alfenus Varus mit Gallus infolge gemeinsamer Thätigkeit in Oberitalien befreundet gewesen sei, würde daran nicht viel ändern, auch wenn sie eine festere Grundlage hätte als Servius zu Ecl. VI 6 und vita Verg. S. 56 u. 59 Reiff., die von einem Zusammenwirken des Varus mit Gallus nichts wissen.

2) Siehe oben S. 33. 3) Plutarch ad Apoll. 106 B.

Hermesianax (V. 35) gleichfalls genannten Mimnermos führen 1). Und obwohl aus des Aitolers Alexandros Apollon nur eine zusammenhängende Erzählung erhalten ist), darf man doch vielleicht nach ihrer Art vermuten, dafs sie dem weissagenden Apollon mit anderen ähnlichen zusammen in den Mund gelegt war. Fest steht die katalogische Form für Sosikrates, Nikainetos und Phanokles; der erste schrieb 'Hoîoi, der zweite einen κατάλογος γυναικῶν, in des dritten "Epwtec ǹ kaloi lautete das Paragraphenzeichen ǹ wc 3). Nichts als ein Katalog von Leuten, die auf schreckliche Weise ums Leben gekommen sind, ist der Kallimacheisch-Ovidische Ibis; ähnlich wird es um des Euphorion 'Flüche oder Becherdieb' gestanden haben 4). Und so dürften die Alexandriner noch manches ähnliche aufweisen.

Dass gerade sie sich der Katalogpoesie befleifsigten, kann nicht überraschen; ist in ihr die Gelehrsamkeit doch ein minder entbehrliches Requisit als der poetische Schwung. Um so näher muss der Gedanke gelegen haben, auch die damals so eifrig gepflegte Pinakographie in diese Form zu kleiden; die Verwandtschaft der beiden musste sich ja damals aufdrängen wie heut. Freilich wer in alexandrinischer Zeit zuerst, wer damals überhaupt diesen Gedanken in That umgesetzt hat, das wissen wir nicht; das einzige noch erhaltene griechische Erzeugnis dieser Art, das schon zu Vergils Zeiten vorlag, werde ich im vierten Abschnitt analysieren. Aber dafs solche

1) Kaibel Hermes XXII 510.

2) Parthenios èpwτ. XIV, Meineke Anal. Alex. S. 219.
3) Athen. 590 B, Rohde Roman S. 83.

4) Meineke a. a. O. S. 19.

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