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stehend. Inhaltlich aber konnte bei der Bedeutung, die das erotische Element auch schon in der griechischen Bukolik gehabt hatte, gar kein Bedenken dagegen bestehen, bukolische Gedichte, wie sie durch ecl. X 35-41 und 62-68 vorausgesetzt werden, nicht nur zu schreiben, sondern auch einer Elegieensammlung einzureihen.

Man kann nun weiter fragen, ob die beiden Bestandteile, der bukolische und der elegische, sich bei Gallus etwa auch innerhalb der einzelnen Gedichte gemischt haben mögen. Es ist namentlich wieder die Bemerkung des Servius zu V. 46, die zu dieser Frage reizt: hi omnes versus Galli sunt, de ipsius translati carminibus. Denn wenn wir das so ver stehen wollten, als ob die ganze Versreihe, wie sie da bei Vergil steht, aus Gallus entnommen wäre (also etwa 46-49), dann hätten wir ja stichisch gebrauchte Hexameter, also in gewissem Sinne bukolische Form, bei einem Inhalt, der, wie wir früher gesehen haben, durchaus elegischer Natur ist. Nun werden wir allerdings späterhin wirklich Fälle kennen lernen, wo Vergil ganze Reihen von drei bis vier Versen aus Gallus entlehnt. Aber ebensowohl werden uns andere Fälle begegnen, wo Vergil centoartig einzelne Verse und Versteile des Gallus zu einem neuen Ganzen zusammensetzt. Grade aber, weil der Inhalt der Verse 46-49 (ebenso wie der der vorausgehenden) durchaus elegischer Natur ist, werden wir hier lieber das zweite Verfahren von Vergil angewendet glauben. Gallus hatte hier elegische Distichen gesetzt, Vergil hat sie geschickterweise in Hexametern wiedergegeben, ohne dafs er doch vom Wortlaut des Gallus abgewichen zu sein brauchte, und

also auch ohne dafs wir an dem Zeugnis des Servius irgendwie zu deuteln hätten.

Mit mehr Recht könnte man vielleicht umgekehrt vermuten, dass bisweilen bei Gallus in die elegische Form etwas bukolischer Inhalt gekommen sei. Wenigstens eine Theokritnachahmung (V. 42 Th. V 33) ist uns in einem Zusammenhang begegnet, der im übrigen doch der einer Elegie zu sein schien. Trifft diese Vermutung das richtige, dann hätten wir in Gallus nicht bloßs einen Vorläufer der Eigentümlichkeiten der Properzischen, sondern insbesondere auch der Tibullischen Elegie zu erkennen, die, wie schon gesagt, mit ihren pastoralen Elementen bisher so gut wie allein stand. Es mag befremden, den gelehrten und komplizierten Euphorionjünger in der Gesellschaft des schlichtesten aller Elegiker zu finden. Aber wer hätte je zu behaupten wagen mögen, dass mit den paar Schlagworten, die wir auf Gallus anwendeten, sein Wesen erschöpft sei? Wufsten wir doch in Wirklichkeit von ihm bisher so wenig wie von den Elegieen des Euphorion.

9.

Was wir bisher eingehend betrachtet haben, ist eigentlich nur der Kern der zehnten Ekloge gewesen, der Monolog des Gallus. Dieser Kern aber ist in zwei Schalen gehüllt, und wir wollen doch auch diesen noch ein paar Blicke widmen.

Die innere Schale ist, wie wir schon sagten, aus Theokrits erstem Idyll entlehnt, und wenn das auch nicht ganz glücklich abgelaufen ist, so war es doch immerhin ein geistreicher Gedanke. Man wird nur jetzt zweifeln dürfen, ob die Verwandlung des

Daphnis in Gallus ganz Vergils geistiges Eigentum ist. Denn dass die Theokritreminiscenzen in V. 38 f., in V. 42 und in V. 65 ff. ihm nur durch Gallus vermittelt sind, kann bei der Art der zehnten Ekloge, wie wir sie erkannt zu haben meinen, nicht zweifelhaft sein. Vielleicht also hatte sich auch Gallus selbst schon als liebeskranken Daphnis dargestellt, und nur der Gedanke, diesen Daphnis-Gallus den Katalog seiner elegisch-bukolischen amores selbst recitieren zu lassen, gehört Vergil an. Ist das so (es bleibt natürlich eine reine Vermutung, die man leider nie definitiv bestätigt oder widerlegt zu sehen hoffen kann), dann haben wir hier abermals eine Spur von des Gallus bukolischen Dichtungen und zugleich einen Beleg dafür, dafs er sie ins Elegische zu wenden wusste 1).

Um diese innere Schale aber schliefst sich noch eine äussere. In V. 1-8 und 70-77 führt Vergil sich selber als den Hirten ein, der jenes Lied von DaphnisGallus singt:

2 pauca meo Gallo, sed quae legat ipsa Lycoris

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Muss ich erst noch sagen, was für einen besonders pointierten Sinn diese Zeilen gewinnen, wenn sie wirklich, wie wir erwiesen zu haben meinen, etwas wie einen Katalog der Lycoris-Lieder ein

1) Um alle Möglichkeiten zu erschöpfen, muss freilich auch zugegeben werden, dafs sich Gallus' Thätigkeit darauf beschränkt haben kann, einfach Theokrit I lateinisch wiederzugeben, und dass dies Vergil den Gedanken eingegeben haben mag, für sein Gedicht diesen Rahmen unter Ersetzung des Daphnis durch Gallus zu wählen.

leiten? der Lieder, die vielleicht den Titel amores trugen? Auch der Plural carmina könnte jetzt zu seinem vollen Rechte kommen; denn dass carmen schon in der Zeit Vergils so viel wie 'Vers' sein konnte, glaube ich nicht 1).

Und nun der Abschluss:

70 Haec sat erit, divae, vestrum cecinisse poetam,
dum sedet et gracili fiscellam texit ibisco,

Pierides: vos haec facietis maxima Gallo.

Auch darin mag ein besonderer Bezug liegen: ich habe nur excerpiert, bei Gallus steht das alles ausführlicher. Und damit wäre wenigstens ein Sinn für das maxima gefunden, das bis heute unerklärt ist. Aber genug der Vermutungen! Wir wollen uns wieder auf sichereren Boden begeben und wenden uns darum der sechsten Ekloge zu. Das was wir für die zehnte sicher gestellt zu haben meinen, dass sie ein Kataloggedicht ist, hoffen wir in ganz ähnlicher Art auch für die sechste erweisen zu können.

1) Durch Aen. III 288 wird es natürlich nicht bewiesen; die Weihung heifst dort carmen nicht weil, sondern obgleich sie aus einem Verse besteht.

ZWEITES KAPITEL.

DIE SECHSTE EKLOGE.

τὸν Εειληνὸν τὸ μὲν πρῶτον οὐδὲν ἐθέλειν εἰπεῖν ἀλλὰ σιωπᾶν ἀρρήκτως· ἐπειδὴ δέ ποτε μόγις πᾶςαν μηχανὴν μηχανώμενος προςηγάγετο, φθέγξασθαί τι πρὸς αὐτὸν οὕτως ἀναγκαζόμενον εἰπεῖν·

Plutarch.

I.

Die 86 Verse, die in unserer Überlieferung die sechste Ekloge bilden, zerfallen in zwei an Umfang sehr ungleiche und inhaltlich völlig unzusammenhängende Teile. Die ersten zwölf Verse sind eine Widmung an Varus, dann hebt der Dichter mit den Worten Pergite, Pierides völlig neu an1), und in der Geschichte vom gefesselten Silen und seinen Liedern, die nun folgt, ist von Varus weder die Rede noch irgend eine Beziehung auf ihn zu entdecken. Denn dass unter dem Chromis und Mnasyllos des zweiten Teils der Dichter sich selbst und Varus verstanden hat, ist eine Interpretenweisheit, die wenige dem Servius zu glauben bereit sein dürften; der damit in Zusammenhang stehende Gedanke, dafs unter dem Silen selber Siron gemeint sei, beweist, wie wir nachher sehen werden, dass dem Servius und seiner Quelle

1) Pergite agite. Vergilius: Pergite Pierides Paul. F. 215.

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