Billeder på siden
PDF
ePub

*

tigt ist, wo die Sprache als Kunst gepflegt wird: an den besten Bühnen Deutschlands. Wirklich ist auch die Aussprache an diesen Kunstanstalten durch ganz Deutschland hin nahezu dieselbe, wenn sich auch in einigen Punkten Abweichungen finden oder Besonderheiten herausgebildet haben, die vor einer strengen Kritik nicht bestehen können. Da sie sich jedoch genau an die durch die Schrift fixirte Wortform hält, welche unser einziger Anhalt für die Beurtheilung der richtigen Aussprache ist; da sie ferner von den Gebildeten des ganzen Deutschland wenn auch nicht ohne bedeutende Abweichungen gesprochen, so doch mit Leichtigkeit verstanden wird; da sie endlich für den deutsch lernenden Ausländer am meisten zu empfehlen ist: so kann sie immerhin im Grossen und Ganzen unserer Untersuchung als Grundlage dienen und wird uns, da sie auf eine deutliche und reinliche Hervorbringung der einzelnen Sprachlaute ein grosses Gewicht legt, namentlich gute Dienste leisten bei der physiologischen Feststellung dieser Laute, die jeder Kritik der Aussprache vorangehen muss, ohne die sie der Grundlage entbehren würde. Erst wenn die einzelnen Sprachlaute genau definirt sind, kann die Frage beantwortet werden, wie viel Laute einem jeden Buchstaben zuzutheilen sind und welche Zeichen nur eines Lautes Vertreter sind. Die Ergebnisse der physiologischen Kritik gelten jedoch nur für die Aussprache solcher Wörter, welche phonetisch richtig geschrieben werden; entspricht aber die Schreibung eines Wortes nicht genau ihrem Lautwerthe, so kann die Physiologie uns nicht belehren: dann ist es Sache der philologischen Forschung, den Lautbestand klar zu legen. Als Helmholtz z. B. die Tonhöhe der Vokale festsetzte, schied er die

Aussprache des e und ä. Dieselben sind ja auch verschieden genug,

indessen werden sie oft mit einander vertauscht. Lässt man z. B. jemanden, der vollkommen unbefangen darüber ist, um was es sich handelt, die vier Wörter sprengen und drängen, tränken und senken sprechen, so spricht er das e der ersten Silben genau so wie das ä. Legt man ihm dann diese vier Wörter neben einander vor und fragt ihn, ob sie nicht verschieden zu sprechen seien, so wird er höchst wahrscheinlich finden, dass das ä eine tiefere Klangfarbe hat. Dass dies eine Selbsttäuschung ist, können wir schon aus der unbefangenen

* Vgl. Rud. v. Raumers gesammelte sprachw. Schriften. S. 225.

Leseprobe vermuthen, und diese Vermuthung wird zur Gewissheit durch den sprachgeschichtlichen Beweis, d. h. in unserem Falle durch die Regel über die Ableitung der Faktitiven.

In der folgenden Tabelle ist dieselbe übersichtlich dargestellt.

[subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][ocr errors][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][merged small][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][merged small][merged small][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][subsumed][merged small][subsumed][subsumed][merged small][merged small][merged small][merged small][subsumed][subsumed][subsumed]

Hieraus ergiebt sich, dass die Faktitiven vom reinen Verbalstamm des Imperfekts durch Umlaut abgeleitet werden; dass a und e in tränken und senken, drängen und sprengen Umlaute des a der Imperfekte trank und sank, drang und sprang sind; dass die Schreibung dieser Faktitiven nicht folgerecht ist; dass endlich für die Aussprache zwischen kurzem betonten ä und e kein Unterschied besteht.

Diese beiden Kritiken, die physiologische und die sprachgeschichtliche, genügen jedoch noch nicht, um von unserer Aussprache ein möglichst umfassendes Bild zu entwerfen. Ob z. B. das Wort Zweig wie Zweig, Zweik oder Zweich gesprochen werden soll, darüber kann uns weder die Physiologie belehren, noch die Sprachgeschichte. Letztere würde uns auf Zweik führen, da das Wort im Mhd. zwic heisst; aber die Aussprache des auslautenden g als k findet sich nur in wenigen Gegenden Deutschlands, dagegen lässt sich aus den Reimen. unserer sorgfältigsten Dichter beweisen, dass g in diesem Worte wie ch lautet. Sobald uns also derartiges statistisches Material zu Gebote steht, werden wir uns desselben mit Nutzen bedienen können, um die Aussprache der durch die Schrift überlieferten Wortformen zu bestimmen, und zwar nach der Sprache Alldeutschlands, nicht nach den besonderen Eigenheiten dieser oder jener Provinz. Die Aussprache soll möglichst dialektfrei sein; eine absolut dialektfreie Aussprache darzustellen, so absolut, dass man auch dem dialektfreisten öffentlichen

Redner nicht mehr anhören könne, aus welcher Gegend Deutschlands er stamme, darauf verzichten wir.*

Ueberblicken wir die bis jezt gewonnenen Resultate, so sind es

folgende:

1) Es wird eine allgemein durch ganz Deutschland hin giltige relativ dialektfreie Aussprache des Hochdeutschen gefordert.

2) Dieselbe ist namentlich heimisch auf den besten Bühnen Deutschlands.

3) Sie hat sich bis jetzt an denselben durch mündliche Tradition fortgepflanzt.

4) Sie ist nicht frei von Willkür und Fehlern.

5) Die überlieferte Orthographie ist kein durchaus zuverlässiges Abbild der Aussprache. Da sie jedoch im Grossen und Ganzen ein sehr ähnliches Bild derselben entwirft, so kann sie uns immerhin als Richtschnur dienen, um danach die Aussprache der Wörter zu bestimSie muss jedoch drei Kritiken über sich ergehen lassen:

men.

a) die physiologische (Unterschied zwischen Ich- und Achlaut u. dgl.), b) die sprachgeschichtliche (à und e in tränken und senken u. dgl.), c) die statistische (Reimsilben der Dichter, 85 Procent aller Deutschen sprechen st scht, u. dgl.).

=

So wird es uns in den meisten Fällen gelingen, sichere Festsetzungen zu treffen. Wenn jedoch die Aussprache noch schwankt, und das muss zuweilen der Fall sein, da ja die ganze Sprache kein fertiges, unveränderliches, also todtes Abbild eines mit seiner Entwickelung zum Abschluss gekommenen d. h. nicht mehr lebenden Volkes sondern ein sich entwickelndes und darum von Jahr zu Jahr änderndes lebendiges Spiegelbild der rastlos vorwärts strebenden deutschen Volksseele ist: so werden wir durch diese drei Kritiken wenigstens festsetzen können, nach welcher Richtung hin die Aussprache sich entwickelt.

Sehr schön sagt Rud. v. Raumer (ges. sprachw. Schr. S. 254) über die Zulässigkeit der Mundarten in den verschiedenen Gattungen der Rede: „Auch der Gebildete mag sich im traulichen Gespräch mit seinen näheren Landsleuten ganz unbefangen den Gewohnheiten der landschaftlichen Mundart hingeben. In Gesellschaft mit Deutschen anderer Stämme oder mit Ausländern wird er sich schon weit mehr der Schriftsprache befleissigen und hat er gar die Rednerbühne zu besteigen oder die Worte unserer grossen Dichter vorzutragen, so wird ihm von seiner Mundart nur der feine Schmelz übrig bleiben, der sich mit unsern Lettern nicht ausdrücken lässt und der die Gebildeten verschiedener deutscher Stämme so wohlthuend mannigfaltig von einander unterscheidet."

Wir werden daher in dem Folgenden zuerst die Laute der deutschen Sprache physiologisch festzustellen und dann zu untersuchen haben, durch welche Schriftzeichen sie zur Darstellung gelangen. Indem wir dann angeben und beweisen, wie weit Schrift und Aussprache sich decken und von einander abweichen, werden wir eine relativ dialektfreie Aussprache des Hochdeutschen möglichst objectiv darstellen können.

Ueber die Vokale im Hochdeutschen.

I. Physiologie der Vokale.

§ 1. Obgleich sich unsere Hochdeutsche Sprache durch eine grosse Mannigfaltigkeit und Reinheit der Vokale auszeichnet, herrschen doch über die Aussprache derselben noch vielfach falsche Ansichten. Rod. Benedix✶ z. B. kennt ganz gut zweierlei gedehnte e im Deutschen, behauptet aber, das eine klinge voll, mehr dem ö verwandt in Meer, sehr, schwer, das andere breit, mehr dem ä verwandt, in Wesen, Weg. Letzteres ist zwar richtig, aber in Meer und schwer ist dasselbe e vorhanden, wie in Wesen und Weg. Benedix hat offenbar das Princip nicht gekannt, nach welchem diese beiden Laute zu trennen sind, sonst hätte er nicht in demselben Paragraphen bei Aufstellung von Beispielen in 8 Reihen 22 Fehler gemacht. So habe ich auch in dem gewiss sehr verdienstvollen französischen Wörterbuch von Sachs die sonderbare Behauptung gefunden, dass in dem franz. reine der Vokal ei wie das e in den deutschen Wörtern Ehre und Gewehre gesprochen werde, und doch ist gerade in diesen Wörtern das e verschieden. Um Missverständnissen vorzubeugen wird es daher nöthig sein, eine mit Beispielen belegte Uebersicht über sämmtliche Vokale im Nhd. zu geben, die Aussprache derselben zu beschreiben und ihre schriftliche Darstellung einer Erörterung zu unterziehen.

§ 2. Helmholtz hat in seinem epochemachenden Werke „die Lehre von den Tonempfindungen" auch über die Vokaltöne gehandelt und Mittel angegeben, wie dieselben physikalisch bestimmt werden können. Er sagt darüber S. 170: „Die Thatsache, dass die Mundhöhle bei verschiedenen Vokalen auf verschiedene Tonstufen abgestimmt sei, ist zuerst von Donders und zwar nicht mit Hilfe von Stimmgabeln aufgefunden worden, sondern mittels des Geräusches, welches beim Flüstern der Luftstrom im Munde hervorbringt. Die Mundhöhle wird dabei

* Der mündliche Vortrag, I. § 16.

....

gleichsam wie eine Orgelpfeife angeblasen und verstärkt durch ihre Resonanz die entsprechenden Töne des Luftgeräusches, welches theils in der verengerten Stimmritze theils in den vorderen verengten Stellen des Mundes, wo dergleichen sind, hervorgebracht wird. Dabei kommt es allerdings nicht zu einem vollen Ton, . . . . vielmehr tritt gewöhnlich nur dieselbe Art der Verstärkung des Luftgeräusches ein, wie bei einer Orgelpfeife, welche wegen falscher Stellung der Lippe oder ungenügender Windstärke nicht gut anspricht. Doch zeigt ein solches Geräusch, wenn es auch nicht zum vollen musikalischen Tone wird, schon eine ziemlich eng begrenzte Tonhöhe, welche sich durch ein geübtes Ohr bestimmen lässt. Nur irrt man sich, wie in allen solchen Fällen, wo Töne von sehr verschiedener Klangfarbe zu vergleichen sind, leicht in der Octave. Hat man aber einige von den Tonhöhen, auf die es ankommt, mittels der Resonanz von Stimmgabeln bestimmt, so sind die übrigen leicht zu bestimmen, indem man sie mit den übrigen in melodischer Folge zusammenführt. So giebt die Folge:

scharfes A, Ä, E, I

d"" g" b" d""

einen aufsteigenden Quartsextenaccord des g-moll Dreiklanges.“ Helmholtz vergleicht die Gestalt der Mundhöhle bei den tiefen Vokalen o, u, mit der einer Flasche ohne Hals, deren Oeffnung, der Mund, ziemlich eng ist, deren innere Höhlung aber nach allen Richtungen hin oline weitere Scheidung zusammenhängt, und weist nach, dass die Tonhöhe solcher flaschenförmigen Raume desto tiefer ist, je weiter der Hohlraum und je enger die Mündung ist. Bei den andern Vokalen a, e, i aber reicht der innere Hohlraum nicht bis zu den Lippen, sondern nur bis zum vorderen Theil der Zunge und dem harten Gaumen; der flaschenähnliche Hohlraum erhält also von da an eine Verlängerung, die man mit einem Flaschenhalse vergleichen könnte, der beim a enger ist als beim a, bei e und i noch enger wird. Helmholtz fand dieselben Resonanzen bei Männern, Frauen und Kindern; die Eigentöne der Vokale sind also unabhängig vom Geschlecht und Alter.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung können wir vortrefflich verwenden zur Bestimmung der Aussprache unserer Vokale und können sogar den, der nicht im Stande ist, die verwickelten und kostspieligen Experimente des Meisters anzustellen, in den Stand setzen, die Richtigkeit der eigenen Aussprache der Vokale abzumessen, vorausgesetzt, dass er musikalisches Gehör hat.

« ForrigeFortsæt »