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die das Neue durch Mischung mit dem Alten den unteren Klassen mundgerecht machen will, und ebenso wenig ist es gethan mit dem Herantragen und mechanischen Aufpfropfen ausländischer Ideen. Die Wissenschaft selbst muss kräftig aus dem vaterländischen Boden emporblühen; sonst wird sie nicht die Macht haben, die alten verbrauchten Formen zu überwinden. „Einst war das Stichwort der Wissenschaft die Freiheit gegen die Schranke; heut' ist es die Herstellung der Schranke in der Freiheit. Wir haben ausser uns alle Schranken zerstört oder geschwächt, und wir haben sie nicht in uns von Neuem geschaffen. In der Hitze des Kampfes haben wir sie gehasst und verkannt, und, weil sie ausser uns Aberglauben und Unterdrückung bedeuteten, haben wir in uns auch das Gefühl getödtet, das sie regeneriren konnte, und so sind wir in der Leere geblieben. Jene Schranken sind der Stachel, der die organischen Kräfte entwickelt und den Ernst und die Moralität des Lebens schafft, der uns dem thierischen Egoismus entreisst und uns des Opfers und der Pflichterfüllung fähig macht. Die Wissenschaft soll nichts Anderes sein als die Herstellung der Schranken im Bewusstsein, die Rehabilitation aller Sphären des Lebens" (p. 38). Der echte Mann der Wissenschaft ist der höchste und männlichste Typus des Menschen; er bedarf des Stachels nicht von aussen; er trägt ihn in sich, und, ist er lebendig, so giebt er ihm die Kraft, früher oder später sich die äussere Welt demgemäss zu gestalten, die Eintracht zwischen Wissenschaft und Leben herzustellen. Aber die Wissenschaft muss auch wirklich so in uns wirken; ist sie kraftlos und zu organischem Bilden unfähig, was kann sie in der Welt schaffen? Haben wir das Recht, den Gott ausser uns zu leugnen, wenn wir ihn nicht in uns wiedererschaffen und hinausstrahlen können? Können wir neue Formen, neue Institutionen verlangen, wenn der Stoff sogar in uns selber verdorben ist? Kann die Wissenschaft nicht den inneren Menschen herstellen, so ist sie doch besser als die Leere derer, die da draussen. Das erklärt die Reaktionen, weil die Gesellschaft nicht lange von Ideen leben kann, die nicht zeugen und organisiren, und bald in den alten Zustand zurücksinkt. Vielleicht", sagt De Sanctis, „trage ich die Farben zu grell auf. Aber um mich her finde ich Apathie in den Hand

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lungen, Anmassung in den Worten, und man muss sie geisseln, diese Apathie, und sie demüthigen, diese Anmassung. Meine Unruhe ist heut' die Sorge der erwähltesten Geister, das Problem der Probleme, die drängende Mission der Wissenschaft." In Deutschland hat der Volksunterricht alle seine Früchte getragen, und er genügt schon nicht mehr, und Virchow verlangt eine Volkserziehung. „Die Wissenschaft muss diese Volkserziehung organisiren, sie muss dem Katholizismus nachahmen, dessen Macht nicht im Katechismus besteht, sondern darin, dass er den Menschen aus den Windeln nimmt und ihn fest in der Hand hält bis zum Grabe; sie muss seine Organismen von Granit nachahmen, an denen sie seit Jahrhunderten herumklopft und immer noch vergeblich."

„Heut' fühlt sich das Leben von einem unbekannten Uebel ergriffen, das sich in der Apathie, der Langeweile, der Leere äussert, und instinktiv wendet es sich dahin, wo man von Kraft und Stoff redet, und wie man den physischen Menschen herstelle und den moralischen regenerire. Literatur und Philosophie, medizinische und moralische Wissenschaften, alle erhalten diese Richtung und diese Färbung. Das Blut neubilden, die Fiber herstellen, die Lebenskräfte heben, das ist das Stichwort, nicht allein der Medizin, sondern der Pädagogik, nicht allein der Geschichte, sondern der Kunst: die Lebenskräfte heben, den Charakter stählen und mit dem Gefühl der Kraft den moralischen Muth regeneriren, die Aufrichtigkeit, die Thatkraft, die Disciplin, den mannhaften Menschen und damit den freien Menschen."

Wenn die italienischen Universitäter, so schliesst De Sanctis diesen kurzen und so inhaltreichen Vortrag, wenn sie, die heut' aus der nationalen Bewegung herausgeschritten und zu blossen Fabriken von Advokaten und Aerzten geworden sind, diese Mission der heutigen Wissenschaft verstehen werden, wenn sie sich energisch an die Spitze dieser nationalen Restauration stellen werden, dann werden sie wieder, wie einstmals, „die grosse Pflanzstätte der neuen Generation, die Leben strahlenden Mittelpunkte des neuen Geistes sein".

De Sanctis wendet seinen Blick zu den germanischen Nationen und speziell zu der jungen deutschen Kraft und Grösse

hinüber. Er findet dort, was seinem Volke noch mangelt; von dort, glaubt er, könne ihm ein erfrischender Hauch zuwehen, wenn man das Fremde nicht sklavisch und äusserlich nachahme, sondern wirklich in sein Eigenthum verwandle. Besonders im Gebiete des öffentlichen Unterrichts bleibt Italien, das ihn bisher so sträflich vernachlässigt, unendlich Vieles von seinen nördlichen Nachbarn zu lernen übrig, und De Sanctis hatte als Minister bei seinen Reformen stets deutsche Institutionen im Auge; er sendete junge Gelehrte zum Studium an deutsche Universitäten, er berief Moleschott als Professor nach Turin. Auf sein eigenes Denken ist die Beschäftigung mit deutscher Wissenschaft und Literatur von grösstem Einfluss gewesen. Sein erster kritischer Essay handelte, wie wir sahen, von Schiller; eine deutsche Grammatik war lange Zeit seine einzige Gefährtin und Trösterin im Kerker, und vier Jahre seines Exils brachte er in Zürich und in deutscher Umgebung zu. Aber sein Hauptverdienst ist nicht sowohl seine Vorliebe für deutsche Wissenschaft diese theilt er jetzt mit vielen seiner Landsleute, es ist vielmehr die Freiheit, mit der er sich ihren Einfluss zu Nutze zu machen wusste, ohne in ihren Fesseln stecken zu bleiben, wie viele Andere, welche noch heut' an unseren Ideen von vor zwanzig Jahren kleben, weil in ihnen das Wissen zur leblosen Tradition geworden. Dafür müssen wir ihm vorzüglich dankbar sein, dass er deutschen Geist und deutsches Wesen am lebendigsten seinem Lande zugänglich gemacht hat, eben weil es in ihm selbst zu lebendigem Verständniss, zu selbstthätiger Verarbeitung gelangt ist. Seine Auffassung der deutschen Literatur ist daher ebenso frei als fein; man lese nur die zerstreuten Bemerkungen über den Faust. Er hätte, wenn er gewollt, Göthe's Werk ebenso wunderbar erleuchten können, wie er es mit dem Dante's gethan.

De Sanctis sucht seinem Vaterlande das europäische geistige Leben zu erschliessen. Aus der Vereinsamung, in der sich Neapel besonders bisher befunden, wünscht er es in die allgemeine Bewegung des modernen Geistes als lebendiges Glied eintreten zu sehen. Die Ideen, klagt er, kommen oft zu uns, wenn sie anderswo schon beiseite gelegt worden wie ein abgetragenes Kleid. Wir haben, sagte er ein ander Mal, immer

noch das 17. Jahrhundert in uns; die neuen Ideen, die vom Auslande gekommen, bleiben äusserlich aufgepfropft, und drinnen haben wir noch den alten Menschen. Zu dem, was er früher zur Abhilfe dieser Schäden gethan, kommt nun noch die Gründung eines sogenannten philosophischen Cirkels in Neapel, eines Instituts für das Studium der neuen Sprachen, wie deren schon in Turin und Rom bestehen und sich reger Theilnahme erfreuen. Dieser philologische Cirkel bietet, wie er sich ausdrückt, dem gebildeten Stande das, was für das Volk die Abendschulen (scuole serali) sind. Wie das Volk dort Lesen und Schreiben als Mittel zu geistiger Bildung überhaupt, wird hier der Student die Kenntniss der neueren Sprachen erwerben als den Weg, an der europäischen Bildung Antheil zu nehmen. Es soll aber ferner das Institut, das im nächsten Jahre seine Wirksamkeit beginnen wird, im Allgemeinen der Organisation der geistigen Arbeit dienen. Die ideale Bewegung ist nach De Sanctis' Meinung für jetzt geschlossen, und zur Vorbereitung einer neuen Entwicklung bedarf es vor Allem der positiven Studien. Deswegen ist für den Cirkel auch eine historische Klasse projektirt, welche vorzüglich die archivalischen Forschungen zu fördern hat. Mit einem Worte, De Sanctis' Absicht ist, in sein Vaterland etwas von dem deutschen Fleiss und dem deutschen Ernste der Wissenschaft zu verpflanzen, an denen es dem von Natur so reich begabten, aber ungeduldigen Italiener noch gar zu sehr mangelt.

De Sanctis' schriftstellerische Thätigkeit dauert fort, und wir dürfen uns von ihr noch reiche Früchte versprechen. In seiner Geschichte der Literatur war die jüngste Periode nur mit wenigen grossen Zügen gezeichnet worden; hiezu zwang ihn lediglich die Beschränktheit des Raumes, keineswegs die Ansicht, die man häufig äussern hört, dass die neueste Literatur noch nicht der Geschichte angehöre, eine Behauptung, hinter der sich bei den Meisten vielleicht weiter nichts birgt als die Unfähigkeit, sich selbst ein Urtheil zu schaffen, ohne es bei Anderen schon fertig vorzufinden. Alle bisherigen Geschichten der italienischen Literatur brechen eigentlich bei Alfieri ab; der Rest wird dann in ein einziges flüchtiges Kapitel zusammengeworfen. Ueber die neue italienische Literatur fehlte es bis

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Wir hängen

her an allen ernsten, eindringlichen Arbeiten. da", sagt De Sanctis (N. S. p. 256), „an traditionellen und sich widersprechenden Urtheilen und Kriterien und wissen nicht, wer Foscolo gewesen oder Niccolini oder Giusti oder Berchet oder Balbo oder Gioberti. Sogar über die grössten, über Manzoni und Leopardi ist noch kein Studium von einigem Werthe geschrieben." Und kann man der neuen italienischen Literatur etwa die Bedeutung absprechen wollen, ihr, die so lebhaft in die Ereignisse eingegriffen hat, die selbst zur Kämpferin wurde und einen so bedeutenden Antheil an der Erschaffung des neuen Italien nahm? Oder wollen wir immer nur in der Vergangenheit leben und das nicht verstehen, was uns zu allernächst liegt, was noch wahrhaft zu unserem Leben gehört? De Sanctis hat wenigstens, auch in seiner kurzen Darstellung, die hohe Bedeutung des Gegenstandes klar hervorspringen lassen und die charakteristischen Züge mit sicherer Hand hingezeichnet. Weiterhin dienten verschiedene seiner Essays zur Ausfüllung der bestehenden Lücke, so die Saggi über Leopardi, der über Foscolo, 1871 bei Gelegenheit der Ueberführung seiner Asche nach S. Croce geschrieben, und besonders vier Saggi über Manzoni, wie jene über Dante die Früchte ehedem gehaltener Vorlesungen. Der erste, „die episch-lyrische Welt Manzoni's", findet sich in den Nuovi Saggi abgedruckt, der zweite, die Poetik Manzoni's, im Oktoberheft der Nuova Antologia 1872, der dritte, der Stoff der Promessi Sposi, ebendort Oktober 1873, der vierte endlich, über die Promessi Sposi, Dezember desselben Jahres.

Die Literatur unseres Jahrhunderts behandeln auch die Vorlesungen, welche De Sanctis seit Ende 1871 an der Universität von Neapel hält. Nachdem er in den esten beiden Jahren die Schriftsteller besprochen, welche er als die liberale Schule bezeichnet, d. h. Manzoni, d'Azeglio, Gioberti, Grossi, Balbo u. s. w., ist er im dritten zur demokratischen Schule übergegangen, zu Mazzini, Berchet, Niccolini, Guerrazzi. Den Schluss sollen dann Giusti und Leopardi bilden, welche eine höhere, selbständige Stellung einnehmen. Sein Vortrag, ohne glänzend zu sein, ist dennoch hinreissend; das Wort ist eben nicht ein Schmuck, sondern der unmittelbare Ausdruck des Gedankens, und so ist seine Darstellung klar, tief und geordnet

Archiv f. n. Sprachen. LIV.

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