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System zerfallen, welches ihm gegeben, was es geben konnte. Die Ontologie mit ihren glänzenden Synthesen hatte die positiven Tendenzen des Jahrhunderts überwältigt. Jetzt ist sie sichtlich erschöpft“ (p. 49). Die Ideen und Formeln, die einst die Leidenschaften entzündeten, sind ein conventionelles Repertorium geworden, welches nicht mehr dem realen Zustande des Geistes entspricht. „Man möchte sagen, dass gerade in dem Moment, wo sich Italien gebildet hat, die intellektuelle und politische Welt vergeht, aus der es geboren worden. Es würde eine Auflösung scheinen, wenn nicht, noch unbestimmt, aber schon sichtbar ein neuer Horizont sich uns zeigte“ (p. 492).

„Italien ist bis jetzt wie in eine glänzende Sphäre eingehüllt gewesen, in die Sphäre der Freiheit und Nationalität, und daraus ist eine Philosophie und Literatur entstanden, die ihren Hebel ausserhalb, wenn auch in seinem Umkreise hat. Jetzt muss es sich ins Innere blicken, sich selbst suchen; die Sphäre muss sich entwickeln und zu seinem inneren Leben verdichten. Die religiöse Heuchelei, das Vorwiegen politischer Bedürfnisse, die akademischen Gewohnheiten, die lange Müssigkeit, die Reminiscenzen einer jahrhundertelangen Sklaverei und Erniedrigung haben ihm ein künstliches und schwankendes Bewusstsein geschaffen, rauben ihm alle Sammlung und Intimität. Sein Leben ist äusserlich und oberflächlich“ (p. 492). In der Erforschung der realen Elemente seiner Existenz wird der italienische Geist

neue Quellen der Inspiration finden, in der Natur, der Familie, dem Weibe, der Liebe, der Freiheit, dem Vaterlande, der Wissenschaft, der Tugend, nicht als glänzende Ideen, die uns im Raum umkreisen, sondern als concreten und vertrauten Gegenständen, die zu seinem Gehalte geworden.“ Die neue Literatur bedarf der Vorbereitung durch ernste Studien in allen Zweigen des Wissens. „In uns blicken, in unsere Sitten, unsere Ideen, unsere Vorurtheile, unsere guten und üblen Eigenschaften, die moderne Welt in unsere Welt verwandeln, indem wir sie studiren, sie uns assimiliren und umformen, die eigene Brust erforschen, gemäss dem Worte Leopardi's, das ist die Propädeutik zu einer inodernen Nationalliteratur, von der bei uns kleine Anzeichen mit grossen Schatten erscheinen“ ,,Uns bedrängt noch die Akademie, die Arkadia, der Klassizismus und

Romantizismus. Es dauert noch die Emphase und Rhetorik, Zeugniss von geringem Ernst der Studien und des Lebens. Wir leben viel von unserer Vergangenheit und der Arbeit Anderer.

Wir haben kein eigenes Leben, keine eigene Arbeit. Und aus unserem Prablen blickt das Bewusstsein unserer Inferiorität durch. Die grosse Arbeit des neunzehnten Jahrhunderts ist beendet. Eine neue Gührung der Ideen geht vor sich, die Ankündigung einer neuen Formation. Schon sehen wir in diesem Jahrhundert sich das künftige zeichnen. Und dieses Mal dürfen wir uns nicht unter den Hintersten, auch nicht in zweiter Linie finden."

Mit diesen Worten schliesst die Geschichte der italienischen Literatur. Ich verhehle mir nicht, dass ich nur den Rahmen, das Skelett wiedergegeben habe, dass man hier mehr das charakterisirt findet, was der Verfasser die Antezedentien der Kritik nannte, als die Anwendung dieser selbst, was vielleicht der beste Theil der Arbeit ist. Aber es ist unmöglich, eine kurze Analyse tiefer in ein Werk eindringen zu lassen, dessen überreicher Gedankeninhalt schon auf's Aeusserste condensirt ist.

De Sanctis' Literaturgeschichte nimmt eine praktische Wendung; die Geschichte wird zur Lebre. Dieses ist aber seine Ueberzeugung, dass die Wissenschaft nur dann wahrhaft segensreich wird, wenn sie in Communikation mit dem Leben tritt, dass die Literatur nur dann sich kräftig entwickelt, wenn sie in der Wirklichkeit ihre Basis findet. Er scheidet deshalb zwischen dem Dichter und dem blossen Künstler. Der Dichter iet ihm derjenige, dessen Begeisterung von innen aus der Fülle des Herzens kommt, in dessen Schöpfungen sich der ganze Mensch ausprägt; dem blossen Künstler fehlt der tiefe, innere Gehalt; im Gegentheil handhabt er mit Geschick die Mittel der Darstellung. Dante ist echter Dichter, aber oft mangelhafter Künstler; der Gehalt seiner Poesie ist in ihm selber lebendig, die Form oft roh und unzulänglich; Petrarca ist mehr Künstler als Dichter; die Form ist von glänzender Vollendung, aber die Seele schwach und widerspruchsvoll, und oft sagt er, was er nicht fühlt.

Ueber diese Ausdrücke will ich noch eine Anmerkung machen, die pedantisch erscheint, die aber doch vielleicht nicht

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ganz unnütz sein möchte. Wir finden in diesen Schriften über das Verhältniss von Gehalt und Form scheinbar durchaus widersprechende Sätze, wenn es einmal heisst, dass der Gehalt ganz in die Form aufgehen müsse, ein andermal, dass der grosse Künstler die Form ganz „tödte“ und sie zum Gehalte selbst werden lasse; ein drittes Mal, dass der Künstler im Gegensatz zum Dichter gar keinen Gehalt habe, sondern sich mit der reinen Form beschäftige. Der Grund dieser Widersprüche liegt in der mehrfachen Bedeutung, die der Verfasser sich gezwungen sah dem Worte „Form“ zu geben. Sie ist einmal etwas ganz Aeusserliches, die Sprache, der Ausdruck, und als solche muss sie auf alle selbständige Bedeutung verzichten, das Bild wie ein Spiegel wiedergeben, ohne dass man das Glas bemerkt, das dazwischen ist. In solchem Sinne „tödtet" Ariost die Form, der doch der wahre Meister der Form ist. Ein anderes Mal ist die Form in ihrer höchsten, weitesten Bedeutung gefasst, als die ganze Manifestation des Gehaltes, seine sichtbare Erscheinung, und dann liegt in ihr das Wesen der Poesie; Form und Gehalt sind so sehr eins geworden, dass man sie nicht mehr scheiden kann. Keine Dichtung ist natürlich ohne einen Gehalt; ein Gegenstand muss immer vorhanden sein, der sich in die Form kleidet, oder vielmehr, der sie gebärt. Aber der Unterschied liegt darin, ob jener ein Gehalt des Dichters oder nur seiner Dichtung ist, mit andern Worten, ob der Gehalt auch wirklich lebendig im Dichter ist, sein Interesse erregt, seine Leidenschaft entflammt, oder ob er an sich gleichgiltig bleibt, so dass sich alles Interesse der Art seiner Manifestation zuwendet,

* De Sanctis' Ausdrucksweise ist stets höchst klar und prägnant; aber er hat sich nicht gescheut, bisweilen dieselben Worte in mehrfachem Sinne zu gebrauchen, um der Schärfe des Gedankens nicht durch Umschreibungen Abbruch zu thun. So in dem Falle, von dem bier die Rede ist, und so auch in den folgenden Stellen: „Die Kunst ist Realität zur Illusion erhoben“ heisst es Sag. sul Petr. p. 306 und dagegen in der Nuova Antologia ottobre 1872, p. 248: „Die Wirkung der Kunst ist nicht die Illusion, d. b. eine Darstellung so ähnlich dem Realen, dass man es mit dem Realen selbst verwechselt.“ An der zweiten Stelle haben wir zugleich die Erklärung. Einmal ist unter Illusion „blosse Tauschung“ verstanden, das andere Mal „vollkommene Täuschung“. Die Kunst ist Realität, aber nicht wirklich. sondern nur als Täuschung, und eben deshalb keine so vollkommene Täu. schung, dass man sie mit der materiellen Realität verwechseln könnte.

und man sagen kann, der Dichter sei bloss Künstler, beschäftige sich nur mit der Form.

Der Gehalt andererseits hat in der Kritik nur als Antezedenz Bedeutung; aber er ist von grosser Wichtigkeit in der Geschichte der Literatur. Die Kritik nimmt ihn, wie er gegeben ist, fragt nur, in welcher Weise er sich manifestirt habe. Die Geschichte untersucht ihn selbst, weil seine Natur zwar nicht über den Werth eines dichterischen Werkes, wohl aber über die Entwicklung ganzer Perioden entscheidet. Der Gehalt an sich ist für die kritische Betrachtung gleichgiltig; aber nicht unnütz ist die Frage, ob dieser Gehalt im Geiste des Dichters lebendig gewesen, und daher im Allgemeinen, ob der Dichter eine innere Welt besessen. Die Kunst als Kunst kann dem Ariost zum Idol werden; die Begeisterung für die Form kann die Stelle eines moralischen Glaubens vertreten; aber dieses Leben in blosser Imagination dauert nicht lange fort und zerfällt im Anprall gegen die zu sehr verschiedene Realität.

Die Kunst hat ihren Zweck in sich selbst. „Der Vogel singt um zu singen. Aber wenn der Vogel singt, so drückt er ganz sich selbst aus, seine Instinkte, seine Bedürfnisse, seine Natur. Auch der Mensch, wenn er singt, drückt ganz sich selbst

Es genügt für ihn nicht, Künstler zu sein, er muss Mensch sein. Was drückt er aus, wenn seine innere Welt arm oder erkünstelt oder mechanisch ist, wenn er keinen Glauben an sie, kein Gefühl für sie hat, wenn er nichts hat, was er draussen realisiren kann? Die Kunst ist Produktion wie die Natur, und wenn der Künstler die Mittel zur Produktion hergiebt, so giebt der Mensch die Kraft" (Nuovi Sag. p. 177). Der Glaube ist die Basis, die nothwendige Vorbedingung der Poesie, nicht der religiöse Glaube, sondern der Glaube an irgend welche moralischen Güter, an das Vaterland, an die Freiheit. Selbst die Negation und der Skeptizismus können als Glaube wirken, wo sie sich, wie beim Leopardi, der heuchlerischen Corruption entgegensetzen. Aber der Glaube ist noch nicht Poesie; er darf nur als der Stachel, als die Veranlassung zu dieser wirken, nicht sie sich unterjochen, wie beim Alfieri.

aus.

III.

:

De Sanctis ist zu gleicher Zeit Mann der Wissenschaft und des praktischen Lebens; in der politischen Entwicklung seines Vaterlandes hat er keine unbedeutende Rolle gespielt. Seine allgemeinen praktischen Ueberzeugungen sind auch in seinen Schriften klar ausgedrückt, und schon sahen wir sie die Literaturgeschichte mit ihrem Geiste durchwehen.

Bereits 1850, als er im Kerker den Saggio über Schiller schrieb, behauptete er, die Zeit des Individualisinus, des Skeptizismus sei vorüber. Er war unsere Stütze im Kampfe gegen

. die Reste des Mittelalters; jetzt genügt er nicht mehr. „Der Mensch genügt uns nicht mehr: Der Skeptizismus zernagt und erniedrigt uns. Die Prinzipien, die unseren Vätern das Herz klopfen machten, sind ein leerer Schall geworden.

Die Wissenschaft ist vom Leben geschieden. Der Gedanke, das Wort, die That sind gleichsam die Trias der Seele, drei Formen ihrer Einheit, und ihre Einheit ist zerstört, und ihre Harmonie erloschen: der Gedanke ist nicht mehr das Wort, das Wort ist nicht mehr die That. Oh, wir bedürfen des Glaubens, der die Dürre aus unseren Herzen nehme, die Leere aus serer Vernunft, die Heuchelei aus unseren Handlungen.“ Und ebendort schloss er mit den schmerzlichen Worten: „Ich will in meinem Herzen das heilige Bild anbeten, das drinnen eingegraben eteht, und, in mich selbst verschlossen, werde ich da den Trost finden, den die Welt mir nicht geben kann.“

Seitdem ist so Vieles in Erfüllung gegangen von dem, was er damals wünschte und kaum noch hoffte, und ein äusserlicher Geist würde sich mit dem Errichten begnügen. Nicht so De Sanctis. Er erkennt, dass die errungenen politischen Güter für seine Nation mehr als das Ziel einen Anfangspunkt, eine Bedingung der wahren Entwicklung bedeuten, dass sie bis jetzt weit entfernt sind, zu einem wahrhaft Innerlichen, Organischen geworden zu sein, welches das ganze Leben des Volkes durchdringt. Nachdem wir Italien geschaffen, sagt er mit einem Worte Massimo d’Azeglio's, gilt es jetzt, die Italiener zu schaffen. So scheute er sich nicht, die bittere Wahrheit auszusprechen, und er thut es noch heut', so oft sich ihm die Gelegenheit bietet;

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