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Grammatische Untersuchungen

von

Dr. Friedrich Brinkmann.

Nr. 1. Was ist und bedeutet Ne in der französischen Redensart:

Je n'ai garde Wir können nachweisen, dass die Redensart: Je n'ai garde, mindestens seit sieben hundert Jahren in der französischen Sprache existirt. Aber man versteht sie noch immer nicht, oder was vielleicht richtiger ist, man hat seit Jahrhunderten das Verständniss derselben verloren. Ja man erklärt sie regelmässig und ausnahmslos in solch einer Weise, dass dadurch der Sprache ein Widerspruch zwischen Ausdruck und Gedanke aufgebürdet wird, wie er zum zweiten Male nicht wieder vorkommt.

Man glaubt allgemein, das Ne dieser Redensart sei die Negation. Man hält also für den wörtlichen Sinn von je n'ai garde: „ich habe nicht Acht“, „ich nehme mich nicht in Acht“, und doch ist der Sinn der ganzen Phrase: „ich habe Acht, ich nehme mich in Acht“. Die Bedeutung von je n'ai garde ist vollständig gleich der von je me garde, die einzelnen Worte sollen aber gleich je ne he garde pas sein. Welch ein Widerspruch! Der Ausdruck ist das grade Gegentheil des Sinnes, jener durchaus negativ, dieser durch

as positiv!

Ein solcher Widerspruch muss gradezu als unerhört bezeichnet werden. Ich wage es zu behaupten, weder im Französischen noch in irgend einer anderen der grossen Cultursprachen der neuen oder alten Zeit findet sich etwas Aehnliches zum zweiten Mal, und Niemand wird hoffentlich Jaran denken, den Gebrauch der Negation in abhängigen

Sätzen mit positivem Sinne mir entgegenzuhalten. Denn in diesen Fällen ist entweder der Sinn des abhängigen Satzes doch in gewisser Weise negativ, oder der negative Sinn des Hauptsatzes influirt auf die Form des Nebensatzes. Hier aber handelt es sich um einen Hauptsatz, der negative Form und positiven Sinn haben soll, und das muss für unmöglich erklärt werden.

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So sagt

I. Es liegt also die dringendste Nothwendigkeit vor, eine andere Erklärung des Ne in je n'ai garde zu suchen. Die richtige Auffassung desselben liegt aber so nahe, dass man sich wirklich wundern muss, wie sie so lange hat übersehen werden können.

Wie gesagt, findet sich diese Redensart schon im Altfranzösischen, und zwar als eine solche, von der ein sehr häufiger Gebrauch gemacht wird. Es ist eine sehr beliebte Ausdrucksweise. z. B. Alain Chartier (XV. Jahrhundert) im Anfange seines Livre des quatre dames:

Si n'ay garde que je m'en voise de la, und der alte Roman von Huon de Bordeaux (XII. Jahrhundert):

Un arc volu a Hues regardé,
Cele part vint et s'i est acostés.

Derrier n'a garde li gentis baceler. Aus dem Altfranzösischen ist die Redensart unverändert ins Neufranzösische herübergenommen worden, auf das Altfranzösische müssen wir also zurückgehen, um die richtige Erklärung zu finden. Wir müssen fragen: Hatte etwa im Altfranzösischen Ne noch eine andere Bedeutung als nicht? Gab es neben der negirenden Partikel Ne noch ein zweites Ne?

Sehn wir uns in der dem Altfranzösischen am nächsten stehenden romanischen Sprache, dem Provenzalischen, um, so finden wir dort ne neben en, entstanden ebenso wie dieses aus dem lateinischen inde und mit dem Sinne des französischen en. Dasselbe Ne erscbeint im Italienischen und zwar als die jetzt) cinzige Form von inde, und mit dem Sinne des neufranzösischen en. Der Spanier kennt weder die Form ne noch en, aber im Altspanischen findet sich ende, das der Urform inde am nächsten kommt und gleichsam eine Vereinigung beider Formen en und ne ist (ende = enne. Assimilation).

Es fragt sich nun: Sollte nicht auch das Altfranzösische

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:

er

das im Provenzalischen gebräuchliche ne als Nebenform von en kennen?

Derjenige Gelehrte, welcher als die erste Autorität für das Altfranzösische angesehn werden muss, Burguy, verneint diese Frage. Er sagt in seiner Grammaire de la langue d'oil, I. p. 176: Raynouard

p (Langues de l'E. I. p. 178) dit qu'on a employé ne pour en en français, et il cite l'exemple suivant à l'appui de son assertion :

Ja l'este n'avera tel chalor
Que l’eve ne perde sa freidor.

(Roman de Prothesilaus. Ms. d. I. b. du Roi.) Ne pour en ne serait pas impossible. Mais je pense qu'il faut restreindre cette forme ne aux provinces limitrophes de la langue d'oc.

Derselben Meinung wie Burguy scheint Diez zu sein. Denn im Etymologischen Wörterbuche I. p. 238. stellt er alle aus dem lateinischen inde hervorgegangenen Formen der romanischen Sprachen zusammen, erwähnt aber, wo vom Altfranzösischen spricht, ne gar nicht, und nur beim provenzalischen ne macht er die Bemerkung: ,,letzteres z. B. in dem halbfranzösischen Leodegar, st. 11.“

Ich stehe nicht an, diese Ansicht von Burguy und Diez für irrthimlich zu erklären und stelle den Satz auf, dass

Ne als allgemein gültige Neben form von En für das
Altfranzösische anerkannt werden muss.

Und um das zu beweisen, braucht man nicht ungedruckte Manuscripte durchzustöbern, sondern nur die Chrestomathie des Altfranzösischen von Bartsch mit Aufmerksamkeit durchzulesen.

Ich stütze meine Ansicht auf folgende Stellen:
1) Die älteste Spur dieses

en findet sich in der dem 10. Jahrhundert angehörigen Passion du Christ, die jedoch kein vollgiltiges Zeugniss gewährt, da sie in einer halb französischen, halb proven zalischen Mundart geschrieben ist. Es ist folgende Stelle (Bartsch, chrestom. d. l'ancien fr. 2. ed., p. 7, 22):

Christus Jhesus den s'enleved,
Gehsesmani viles n'anez.
Toz sos fidels seder rovet

e van orar; sols en anet. Hier sind ne (es n'anez) und en (en anet) in gleicher Bedeutung dicht hinter einander gebraucht.

2) Mehrere ganz unverwerfliche Zeugnisse bietet die Chanson

ne

de Roland (XI. Jahrhundert). So diese Stelle (Bartsch, chrest. p. 30, v. 36):

Sire Gualter', ço dist li quens Rollanz,
bataille as faite per lo men essiant,
vos devez estre vassals e combatanz.
mil chevalers ne menastes vaillanz;
Il erent a mei, per ço les vos demant,

rendez les mei, que besoign m'en a grant.“ Es kann Niemandem einfallen, das ne vor menastes für die Negation zu nehmen. Der Sinn ist ganz positiv: „Ihr habt tausend tapfere Ritter mit fortgeführt, sie waren mein, darum fordere ich sie ron Euch; gebt sie mir zurück, denn ich habe sie sehr nöthig“. Ne is also hier für en gebraucht, ne menastes ist genau das neufranzösische vous emmenâtes, da emmener aus en mener entstanden ist.

3) Eine andere für uns interessante Stelle aus derselben Chanson de Roland ist diese (Bartsch, chr. p. 32, 1. 15):

Ço dit la geste e cil ki el camp fut,
li ber seint Gilie por qui deus fait vertuz,
e fist la chartre el muster de Loum,

ki tant ne set ne l'ad prod entendut. Unmittelbar vorher sind die unglaublichen Heldenthaten Turpins erzählt worden, und nun fügt der Dichter, um sich Glauben bei seinen Lesern zu verschaffen, hinzu : Dies erzählt die Chronik und derjenige, welcher den Kampf mitmachte, der tapfere Heilige Aegidius, für welchen Gott Wunder thut und der die Urkunde im Kloster ron Loum verfasste; wer so viel davon weiss, der hat genug davon gehört“ (nämlich genug dass wir ihm glauben müssen). Wollte man das zweimalige ne der letzten Worte für die Negation nehmen, so gäbe der Schlusssatz einen Sinn, der gar nicht zu dem Vorhergehenden passt.

4) Von besonders grossem Interesse sind zwei Stellen aus dem Roman Huon de Bordeaux (XII. Jahrh.), weil sie die Phrase, um deren Erklärung es uns hier zu thun ist, selbst enthalten, aber das eine Mal Ne darin die Negationspartikel, das andere Mal die Prono minalpartikel Ne =

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Die eine Stelle lautet (Bartsch, chr. p. 188, v. 6):

Dist l'amirés ,, vasal, tu pués aler
Par mi ma sale et de lonc et de lé.
si tu m'avoies cinc cenz hommes tué,
n'avras tu garde par homme qui soit né.“

en ist.

Es lässt sich nicht lengnen, dass hier Ne wirklich die Negation ist. Aber dem entsprechend ist auch der ganze Sinn der Schlussworte ein negativer, als Negation macht sich ne hier anch vollkommen geltend. N'avoir garde heisst hier nicht, wie im modernen Französisch, sich in Acht nehmen, sondern: sich nicht in Acht nehmen. Es geht das aus folgender Uebersetzung hervor: „Es sagte der Emir: Mein Tapfrer, du darfst mitten durch meinen Saal gehn, in die Länge und Breite. Wenn du mir auch fünf hundert Mann getödtet hättest, so brauchtest du dich doch nicht vor irgend Jemand, wer es auch sei, in Acht zu nehmen.“

Ebenso einleuchtend aber wie es ist, dass in dieser Stelle das Ne von n'avoir garde die Negation ist, und demgemäss der Redensart auch einen negativen Sinn giebt, ebenso deutlich tritt in einer anderen Stelle, die von der so eben angeführten nicht mehr als etwa achtzig Zeilen entfernt ist, das Ne von n'avoir garde als die Pronominalpartikel Ne

= en hervor, und lässt demgemäss den positiven Sinn der Redensart in seiner völligen Integrität. Man lese die folgenden Worte (Bartsch, chr. p. 189, v. 45):

Un arc volu a Hues regardé:
cele part vint et s'i est acostés.
derrier n'a garde li gentis baceler.
il tint el puing le bon branc acéré.

cui il consieut a le fin est alé. und vergleiche damit folgende wörtliche Uebersetzung: ,,Eine Wölbung erblickte Huon; dortbin ging er und dort lehnte er sich an. Da. hinter (hütet sich) vertheidigt sich der edle junge Ritter. Er hielt in der Faust das gute Schwert von Stahl. Wen er berührte, der war des Todes.“ Man wird dann nicht leugnen können, dass in dieser letzten Stelle n'avoir garde ebenso entschieden einen positiven Sinn hat, wie es in der kurz vorhergehenden einen negativen Sinn hatte. Dann kann man aber auch auf keine Weise der Schlussfolgerung sich entziehn, dass das Ne dieser Redensart in der einen Stelle ein ganz anderes Wort sein muss als in der anderen, dass es nur in der ersten Stelle die Negation ne sein kann, in der zweiten aber die Pronominalpartikel ist, die wir schon in den früher betrachteten Fällen nachgewiesen haben. Da nun aber im Neufranzösischen n'avoir garde gar nicht anders vorkommt als mit positivem Sinne, so ist hier immer ne die en vertretende Partikel,

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