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äusserlich wie innerlich gleich corrumpirten Sprache, die unser logischer Sinn vielmehr zügeln sollte, zu immer zügelloserer Selbstverwirrung fortreissen lässt!

Fahren wir auf die bisher beliebte, hier durch einige Proben deutlich charakterisirte Weise fort, so ist es „unschwer abzusehen, wie unsere Sprache fahren könne“! Wir, die wir besser, als jemals Deutsche, über sie denken können, denen sie so ganz Object geworden, da wir so gar nicht mehr in ihr denken, die wir daher auch alle so etwas „Sprachgelehrte“ spielen mögen, zeigen wir doch, dass der Verlust des Sprachlebens noch einen Vortheil für die Sprache bedeuten könne! Das lebendige Kunstwerk ist dahin; nun gilt es die überkommenen Trümmer aus einer solchen lebendigen Vergangenheit durch das ausgebildete kritische Bewusstsein der Gegenwart zu einem geistigen Kunstwerke logisch zusammen zu fügen und – stilistisch -- auszuglätten. Wenn das Drama erstorben ist, so bildet seine erhabenen Gestalten der plastische Künstler, sehnsüchtig nach dem Leben, mit dem geistigen Blicke auf die aus der Realität entschwundene Idee, im todten Steine nach. In ähnlicher Weise nun unser stilistisches „Verfahren zu handhaben“ (wie unser Aesthetiker sagt), das ist unsere nationale Pflicht. Unser Verlust hat die grammatische Form betroffen; unser Gewinn daraus war die Gefügigkeit der Sprache für den überaus vermehrten öffentlichen Gebrauch; aber zum Verluste führt auch wieder dieser Gewinn, wenn nun an Stelle der grammatischen nicht die logische Form als vernünftige Fessel tritt, die Sprache zu zügeln in ihrem verlockenden Einfluss auf das mit der also Gefügigen leichtfertig spielende Denken. Mit der Herrschaft der logischen Form tritt aber auch die Vernunft überhaupt autokratisch auf in der Behandlung der Sprache und gebietet auch dem formellen Verfalle Halt, wo er die Gränze von der Bequemlichkeit zum formlosen Unsinn überschreitet. Streng logisches Denken schützt so die Sprache wie den Stil; und wie nöthig dieser Schutz, das sollten meine wenigen aus der Masse gegriffenen Proben wiederum in die ernstliche Erinnerung unserer Schriftsteller gerufen haben. Auf dem Wege, fau welchem jetzt wir Alle mitsammen munter weiterschreiten, werden wir zu Meuchelm ördern unserer deutschen Sprache.

Die interessantesten

Erscheinungen im Schweizerdeutschen.

Vorbemerkung. Die schweizerdeutschen Dialekte sind noch lange nicht so bearbeitet, als die germanische Philologie wünschen muss; zahlreiche Sprachschätze sind für die Wissenschaft noch gar nicht gehoben. Freilich ist der Schatzgräber nunmehr an der Arbeit, das schweizerische Idiotikon ist im Werden. Aber bei der Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit des Bearbeiters steht ein gedrucktes Wörterbuch noch lange nicht zu erwarten, um so weniger da das Buch nicht nur die heutigen Mundarten, sondern auch die alten Sprachdenkmäler in Chroniken und Urkunden in seinen Bereich zieht. In der Meinung, dass auch der geringste Beitrag mit Freuden von der Wissenschaft werde aufgenommen werden, sind die folgenden Angaben niedergeschrieben worden. Sie gelten für den unteren Aargau, d. b. die Südwestecke des Cantons Aargau, so ziemlich zwischen Aara und Renss. – Die Orthographie ist rein phonetisch; die Kürze bleibt unbezeichnet, die Länge ist durch einen Circumflex angedeutet ; bei o und e bezeichnet jedoch der Acut zugleich den dünnen Laut und die Länge desselben; kurzes dünnes e und o nämlich ist blos Trübung von i ond o und wird desshalb ach ui und u geschrieben. Für unseren Dialekt lassen sich folgende Vocalreihen aufstellen: 1) a, a, e, é, i; ?) a, 0, 0, 0, fi, i; 3) 0, 0, 0, 4, i; 4) au, ou, ii, ei, éi, ue, ie, ie,

o

eu, éu,

1. Die Lautverhältnisse im Schweizerdeutschen.

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A ist nur dann rein, wenn es, kurz oder lang, an der Stelle von mhd. (oder auch ahd.) kurzem a steht: Land, Band, Chraft, alli (alle), schade (schaden), Fade, Wabe, Nabe, schabe, Gade (Dachkammer) Mâ, Chnâb, Râd, Stâl, lâm, Hâs, Grâs, Glâs, Schâm, mâle, Mâler (lat. molere, molitor), Sál (Saal).

Ursprünglich (d. h. mhd. und ahd.) langes â ist fast durchweg ô geworden (o = dem englischen a in wall, war): Jør (Jahr), Rôt

ò (Rath), Hôr, Môler, móle (pictor, pingere), Sôme (Same), chrome (Gramen), Schof (Schaf), Wóg (Waage), Nột (Naht), während die Noth“ nót zu schreiben ist; Gróf, Wóge, spôt, Nodle, schlof, schlofe; sogar in Fremdwörtern: Salòt (Salat), Pobst (Papst). Sehr häufig ist auch das Contraction lange a zu ở getrübt: lò (lassen, mhd. lân), gô (gehen, mhd. gân), stô (stehen, mhd. stân), fò (fangen, mhd. fân, vân), schlo (schlagen, mhd. slân). Besonders streng zeigt sich dieses Lautgesetz in den beiden nhd. Homonymen: malen (pingere) und malen (molere); lat. pingere war mhd, mâle, drum schwzd, môle; lat. molere war mhd. male, ahd. malan, mit kurzem a, daher schwzd, mâle, freilich mit å, während sonst häufig die mhd. Kürze sich erhalten hat, wovon weiter unten mehr zu sagen ist. Ein weiteres Beispiel ist jommere und Jömmer (jammern und Jammer), mhd. jâmern und jâmer; da ist ô eingetreten, obschon m sich zu mm verstärkte. Nhd. ist mir wenigstens ein Beispiel gegenwärtig: Koth, mhd. kât, schwzd. chôt Zu jômmer gehört auch wóffe, mhd. wâfen, waffe. — Ausnahmen von der Regel, dass mhd. â zu schwzd. Ô wird, gibt es etwa folgende: stål, der Stahl, mhd. stâl, stahel; möglich dass das a sich erhalten hat, weil eben diese mhd. Form stahel auf dem Lande sehr häufig gehört wird; ferner klår, wol als Fremdwort; wâr, die Waare, ebenfalls; pâr, das Paar, ebf., mâd, die Mahde (von mähen). Unorganisch kommt ô vor in gnò, genommen; chôch, der Koch. – Mhd. â ist å geworden in träm (Balken), mhd. drâme. Sogar zu ó (dünnes dem u genahtes 7) ist â geworden im Adrerb nóch, nahe und seinen Ableitungen: noche sich nähern; doch nôchber der Nachbar.

i ist rein, nur wenn es lang ist (î), und nur in Wörtern, die mhd. schon i hatten : chli, klein ; fin, fein; rîch, reich; blibe, bleiben; stige, steigen; schribe, schreiben; lide, leiden; fige, feige; side, Seide; sîte, Seite ; i, ich; wît, weit; gschît, gescheit; schit, Scheit etc. - Mhd. kurzes

i ist in manchen Wörtern lang geworden, aber getrübt zu é, wie im Worte der See, und muss durchaus mit é wiedergegeben werden: séb, das Sieb, mhd. sib, sip; vél, viel, mhd. vil, vile; ség, sége, Sieg, siegen, mhd. sig, sigen; verére, sich verirren; mér, mir und wir; dér, dir; ér, der, ihr; sé, sie; diese Pronominalformen lauten übrigens so, nur wenn sie den Accent haben, sonst ist der Vocal kurz. Sonderbarer Weise ist mhd. î zu kurzem reinem i geworden in schwige, schweigen, mhd. swigen. Das kurze i wird stets wie ein kurzes é gesprochen, rein vielleicht nur im unbetonten i (ich), gsi (gewesen) und in jenem schwige. So tönt das i getrübt in sibe, sieben; stifel, Stiefel; mitti, Mitte; ligge, liegen; wider, wieder und wider; er ist; mer sind, wir sind; finde, lind (weich), chind (kind) etc,

u ist wieder nur dann rein, wenn es lang ist: ûr, die Uhr; spør; můr, Mauer; kůr; sůr, sauer; hûre (niederkauern); schům, Schaum; flum, Flaum; mús, Maus; lůs, Laus; hús, Haus; stůne, staunen; pflûme, Pflaume etc. Kurz ist es stets getrübt zu kurzem ó: stund, Stunde; rund; pfund; sunne, Sonne; gschwumme, geschwommen; gfunde, gefunden ; suddig, Sonntag.

e wird streng geschieden in e und é; (e ist was nbd. ä, und é ist dem i verwandt); é ist nur lang; kurz ist es blos Trübung von i oder steht statt mhd. iu und wird hier stets i geschrieben. è steht in nê, nehmen; gê, geben ; ggê, gegeben; wêr? wer?; dê, der, dieser; i wêr, ich wäre; i gêb, ich gäbe; i nêm, ich nähme. é steht in gsé, sehen, gesehen; mér, Meer; mé, mehr; sé, See; lére, lernen, lehren; bere, Birne; béri, Beere ; dé, dicb (wenn betont); vé, das Vieh; vél, viel; ség, Sieg ; séb, sebe, Sieb, sieben (verb); verére, sich verirren; stél, Stiel ; sel, Seele; spel, Spiel. Kurzes e ist in rede, reden; reder, Räder; redli, Rädchen, redlich; bletter, Blätter; blettli, Blättchen; legge, legen; felle, fällen; netze, netzen.

ó ist immer lang: són, Sohn; lón, Lohn; verlore; gstórbe; chó, kommen, gekommen; fó, Floh; rót, roth; tód, todt; nót, Noth; bóne, Bohne; schone, schonen; gróss, gross; brot, Brot; blóss, blos; hól, hohl; mór (Weibchen des Schweins und Schimpfname für ein liederliches Frauenzimmer). – Ô ist mit wenigen Ausnahmen getrübtes å, siehe unter a. Das kurze o ist so häufig wie im nhd. : loch, doch, stock, rock, gott, most, rost, mocke (Stück), hole, holen; chole, Kohle; choli, schwarzes Pferd; more, Stück (bes. Brot); vore, vorhin; vor,

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vor; chost, Kost. -- Kurzes ó ist entweder Trübung des u, wesshalb es hier stets u geschrieben ist, oder steht statt nhd. o, mhd. u. sunne, Sonne, gschwumme; ghulfe ; furt (fort); summer, Sommer; chum, komm! i chume, ich komme; sundig, Sonntag.

mhd. ou.

Die Diphthonge. Auch an Diphthongen ist unser Dialekt reich; ausser dem seltenen ui gibt es folgende: (âu) au, ou, en, éu; äi, ei, ei, ie, ue, üe. âu wird im Dialekt richtiger wie mhd. aw geschrieben und nicht unter die Diphtbonge gezählt: grâw (grau), blâw, gnaw (genau), schlâw (schlau), chlâwe, Klaue.

Beispiele: au, wie nhd. gesprochen: frau, baum, laub; traum, schaub, zaum, raub, staub.

óu, mhd. u oder iu; uw, iuw: bóue, bauen, mhd. biuwen, bûwen; tróue, trauen, mhd. trûwen, triuwen; sóu, Sau, mhd. sů. gróue in: es isch mi gróue, es hat mich gereut, mhd. Infinitiv: riuwen.

eu, mhd. eu, ew, öu: freud, freue; heu, heue; heuet, leu, zweu (zwei), reuber (Räuber), scheube (fürtuch, Schürze), teubi (Zorn, von taub, taub, zornig), teubele, zornig sein.

éu, mhd. iu, iuw: néu, tréu, féuf (fünf), réue (reuen), séu, Plur. von sóu ; séuli, kleine Sau. spéue, speien.

äi, wahrscheinlich nur ein einziges Beispiel: pfäister = Fenster; denn âj rechne ich nicht zu den Diphthongen, wie in mäje, mähen; trâge, drehen, sâje, säen; nâje, nähen.

ei, mhd. ei; rein, bei (Bein), heiter, leitere (Leiter), hei (heim), deheime (daheim), nei (nein), einzig, leite, reite (Hanf brechen), reiti (Bühne über dem Tenn für die Garben), seigel, Sprosse an der Leiter; feil, breit etc.

éi entweder mhd. î oder aus in vor s entstanden: dréi, fréi, drei; féister, finster; zeis, Zins; zéise, zinsen ; weisse, winseln. i séig, du séigist, er séig etc. ich sei etc., schréie, mhd. schrien; bléi, mhd. bli ; ebenso lautet die Ableitungssilbe ei überall: brauerei, schnideréi, lumperéi, schriberei,

ie. dieb, lieb, lièd, die (betonter Artikel), i gieng, i fieng, i hielt; i miech (ich würde machen), grien (Kies), biel (Beil), fiele

() (Feile), i liess, ich liesse. niete (subst. u. verb. Niete, nieten).

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