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dramatische Werke, der erste von allen, in Cosenza auf der Flucht begonnen und 1850 im Kerker vollendet. Der Verfasser selbst schätzt diese erste Arbeit nicht sehr hoch; die Methode hat hier noch nicht ganz die Tiefe und Klarheit wie in den folgenden; der Ton ist besonders enthusiastisch. Er charakterisirt aber Schiller vortrefflich als einen Dichter, der mehr Milde als Kraft, mehr Maass als Kühnheit, mehr Geschmack als Genie besitze. Oder vielmehr sein Genie sei im Herzen. ,,Viele Dichter bewundert man, Schiller muss man lieben; er hat den Schlüssel zu unserem Herzen.“ Von der Form seiner Dramen bemerkt er sehr fein, dass dieselbe trotz ihres grösseren Umfanges im Grunde die französische sei, welche, im Gegensatz zur englischen, nicht sowohl die Handlung mit all ihren Triebfedern und in ihrer Entwickelung als nur die Katastrophe uns vorführe und deshalb um so viel einfacher sei. Noch zwei andere Saggi handeln von deutschen Schriftstellern. Der über Schopenhauer und Leopardi ist ein Dialog von grosser Lebendigkeit und giebt uns die Hauptlehren des Philosophen in äusserst klarer Exposition, begleitet von einer feinen Ironie, die ihre treffende Kritik bildet, während der Schluss sich zu hohem Ernste erhebt und zwischen den beiden hier einander gegenübergestellten Männern, trotz der grossen Aehnlichkeit der Doctrinen, den fundamentalen Unterschied der Charaktere und Denkweisen aufzeigt. Der Saggio über Gervinus betrifft das Capitel der Geschichte des 19. Jahrhunderts, welches die Leistungen und Bestrebungen Alfieri's und Foscolo's einer gar zu herben Kritik unterworfen hatte. De Sanctis schreibt die Vertheidigung dieser grossen Italiener, welche der echteste Ausdruck des Geistes ihrer Zeit waren, gegen die einseitige Beurtheilung vom Standpunkte des „Deutschen, Protestanten und politisch Gemässigten“, wie er den des deutschen Historikers bezeichnet. Und wie hier gegen deutsche Strenge, so vertheidigt er in hinreissender Weise den Alfieri und seine Mirra gegen französische Frivolität und Eitelkeit in vier kleinen Schriften gegen Jules Janin und Veuillot. Die Essays über Saint Marc Giradin's Cours de littérature dramatique; über den Cours familier de littérature von Lamartine und F. Lamennais' Uebersetzung der göttlichen Komödie weisen besonders das Fehlerhafte der früheren kritischen Methoden nach

Archiv f. n. Sprachen. LIII.

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und entwickeln des Verfassers eigene Principien. Glänzende Anwendungen dieser auf Erscheinungen der jüngsten Literatur sind die Arbeiten über Leopardi’s Gedicht alla sua donna, über Prati's Satana e le Grazie, über Guerrazzi's Beatrice Cenci und über Victor Hugo's Contemplations. In dem 1855 zu Turin geschriebenen Saggio über den Ebreo di Verona des Padre Bresciani fühlt man am lebendigsten den Mann von 1848, der mit ergreifender Wärme die liberalen Principien gegen eine heuchlerische Reaction in Schutz nimmt. Die erste Ausgabe enthielt ferner noch folgende kleinere Schriften: Ueber die Gedichte der Sophie Sassernó, über den Briefwechsel Leopardi's, Sulla Mitologia, sermone di V. Monti, über die Memoiren Montanelli's, die historischen und literarischen Memoiren Villemain's, Lavori di Scuola und A’miei Giovani, eine Einleitung zu den Vorlesungen im Polytechnicum zu Zürich.

1869 erschien die zweite Auflage, vermehrt um drei neue Saggi, über die Literaturgeschichte Cesare Cantù's, über Prati's Armando und endlich „Der Letzte der Puristen“, eine höchst

, anziehende Darstellung von der Schule des Marchese Puoti und De Sanctis' ersten Studien.* Die dritte Ausgabe (1874) ist ein unveränderter Abdruck der zweiten.

In deinselben Jahre wurde auch der Saggio sul Petrarca veröffentlicht, welcher aus dem sorgfältigsten Studium des Canzoniere die bis in die feinsten Züge vollendete Gestalt des Dichters, seinen Charakter, seine Bedeutung hervorgehen lässt. Es ist eine Monographie, wie De Sanctis deren eine ganze Reihe zu publiciren beabsichtigte. Später gab er den Plan hierzu auf, als er seine Untersuchungen in der zweibändigen Geschichte der italienischen Literatur (1870-1872) zusammenfasste.

1872 erschienen die Nuovi Saggi. Sie beginnen mit drei Betrachtungen Dante'scher Figuren, der Francesca da Rimini,

Auch der Saggio über Schiller, der über Pier delle Vigne, Veuillot e la Mirra und Janin e la Mirra wurden erst in der 2. Ausgabe gedruckt. Ich habe sie schon vorher erwähnt, weil das Datum ihrer Entstehung ein viel älteres ist.

des Farinata, des Ugolino. Zwei Essays zeichnen Porträts politischer Männer, Massimo d'Azeglio's und Guglielmo Pepe's. Hier, und besonders in den literarischen Porträts, Ugo Foscolo, Giuseppe Parini, der Mensch des Guicciardini, die erste Canzone Leopardi's zeigt sich glänzend De Sanctis' Talent, uns eine bedeutende Persönlichkeit in scharfer Bestimmtheit und Vollendung vorzuführen. Er sucht eine jede in ihrer Individualität, in dem zu erfassen, was sie des Eigensten und Innersten hat und die beständig wiederkehrende Frage „wer bist Du?“ und , was bist Du?“, die er an den zu behandelnden Schriftsteller und sein Werk richtet, ist fast zu einem Charakteristicum seines Styles geworden. Eine Auffassungsgabe von seltener Schärfe und die Fähigkeit, ganz aus sich herauszutreten, sich gleichsam selbst in den Schriftsteller zu verwandeln, von dem er handelt, haben so unvergleichliche Darstellungen hervorgezaubert, wie man sie hier, sowie in der Literaturgeschichte und in seinen Vorlesungen findet. Die Ereignisse des Lebens, die charakteristischen Züge des Menschen, seine literarischen Werke, der Geist der Zeit, Alles verwebt und ergänzt sich zu dem einen vollendeten Bilde. Entfalten sich jetzt diese Bilder 80 klar und ungezwungen vor unseren Blicken, so kann man doch leicht ermessen, welche geistige Arbeit zu ihrer Schöpfung erforderlieh war. „Ihr müsst euch gewöhnen“, sagte er zu seinen Schülern, „eure Schriftsteller zu studiren, wie ein AdFocat seine Acten studirt.“

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Die Gabe, sich in die Werke Anderer so zu versenken, dass die eigene Persönlichkeit fast verschwindet, ist an De

so bewunderungswerther, als er nicht ein leidenschaftsloser, stiller Gelehrter, sondern zugleich Mann der Wissenschaft und Mann der That ist, als er selbst seine prononcirten politischen Ueberzeugungen hat. Wenn ich dem hohen Beruf obliege, die Wahrheit zu suchen“, sagt er in seinen Vorlesungen, „so bestrebe ich mich vor Allem, aus den Strömungen meiner Zeit, aus meiner eigenen Persönlichkeit herauszutreten und ganz aufzugehen in dem Gegenstand, den ich bebandle.“ Das sind goldene Worte, die aber durch häufigen Missbrauch von Seiten Anderer schon fast allen Credit verloren haben. Bei De Sanctis indessen entspricht die That wirklich den Worten. Daher die hohe Unparteilichkeit, mit der er nicht nur älteren Werken der Literatur, sondern auch den zeitgenössischen gerecht wird, mit der er sich nicht scheut, auch seinen Gesinnungsgenossen Montanelli und Guerrazzi, seinem Freunde Prati, dem hoch verehrten Lamartine die ungeschminkte, oft bittere Wahrheit zu sagen.

Proben modernen ästhetischen Stiles.

Von

Hans von Wolzogen.

Ein sehr geachteter Aesthetiker und eifriger Journalist unserer Tage hat vor einiger Zeit einen Aufsatz über den modernen Kupferstich veröffentlicht, dessen verständiger Inhalt seine Begabung als Kunstkenner durchaus bezeugt. Derselbe Schriftsteller hat sich auch vielfach mit deutscher Sprache beschäftigt, was dem Journalisten wie dem Aesthetiker zu seltenem Ruhme gereicht. In Anbetracht seiner ebenfalls durchaus verständigen Aeusserungen über diese Sprache und ihren zunehmenden Verfall dürfte er wohl als ein besonders trauriges Beispiel angeführt werden, wenn es gälte zu zeigen, dass selbst die „Kenner“ unserer Sprache sie heute schon ebenso wenig richtig reden und schreiben können, als wie sie dies von den redenden und schreibenden Deutschen im Allgemeinen rügend behaupten. Wer mit dem stolzen Bewusstsein, dergleichen recht wohl zu kennen und selber keinenfalls sich zu Schulden kommen zu lassen, etwa grobe grammatikalische Schnitzer in einer solchen Arbeit eines gebildeten Schriftstellers suchen wollte, womit ihm die nicht geringe Masse der Ungebildeten allerdings reichlich dienen kann, der würde sich hier enttäuscht fühlen müssen. Im Gegentheile sind es vielmehr die beliebten, scheinbar einen Fortschritt bezeichnenden „Feinheiten der modernen Schriftsprache, welche in einem solchen Falle als stilistische Fehler

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