Billeder på siden
PDF
ePub

ahmungen der alten Elegiendichter in lateinischer Sprache wesent 1796. lich unterscheidet: der Genius, der in ihnen waltet, begrüßt die Alten mit freyer Huldigung; weit entfernt von ihnen entlehnen zu wollen, bietet er eigene Gaben dar, und bereichert die römische Poesie durch deutsche Gedichte. Wenn die Schatten jener unsterblichen Triumvirn unter den Sängern der Liebe in das verlaßne Leben zurückkehrten, würden sie zwar über den Fremdling aus den germanischen Wäldern erstaunen, der sich nach achtzehn Jahrhunderten zu ihnen gesellt, aber ihm gern einen Kranz von der Myrte zugestehn, die für ihn noch eben so frisch grünt, wie ehedem für sie.

Von den elegischen Dichtern der Griechen, sowohl den frühern Jonischen, als den Alexandrinern, haben sich nur Fragmente erhalten. Allein wenn man einem bescheidenen und einsichtsvollen Römer trauen darf, der von seinem Volke rühmt: in der Elegie nehmen wir es sogar mit den Griechen auf;" so hätten wir weniger Ursache diesen Verlust zu bedauern, als manchen andern. In der That hat nicht leicht eine andere Dichtart, nachdem die Mujen in Griechenland verstummt waren, sich mit so ausgezeichnetem Gedeihen auf römischen Boden verbreitet. Propertius läßt mitten unter der verzehrenden Gluth der Sinnlichkeit doch eine gewisse ernste Hoheit hervorstrahlen; Tibullus rührt durch schmachtende Weichheit; die sinnreiche und gewandte Ueppigkeit des Ovidius ergözt oft und ermüdet zuweilen, wenn er die Gemeinplähe der Liebe zu lang ausspinnt. Der Charakter unsers Dichters ist eigentlich keinem von allen dreyen ähnlich. Ueber den letzten erhebt ihn der Adel seiner Gesinnungen am weitesten ; aber er ist auch männlicher in den Gefühlen als Tibullus, und in Gedanken und Ausdruck weniger gesucht als Propertius. Ob er gleich nicht verhehlt, daß er sich die süßeste Lust des Lebens zum Geschäfte macht, so scheint er doch nur mit der Liebe zu scherzen. Sie unterjocht ihn nie so, daß er dabey die offne Heiterkeit seines Gemüths einbüssen sollte. Schwerlich hätte er sich gefallen lassen, lange unerhört zu seufzen. In der ersten Elegie schweifen seine Wünsche nach einer noch unbekannten Geliebten umher, und in der zweyten hat er sie nicht nur gefunden, sondern schon jede Gewährung erlangt. Es ist wahr, einige Umstände, die er darinn gegen das Ende erwähnt, vermindern das Wunderbare eines so schnellen Sieges beträchtlich.

Sein

1796. Gefühl ist duldsamer, als das seiner römischen Vorgänger, welche bey jeder Gelegenheit ihren Abscheu gegen den Eigennuß der Schönen nicht stark genug zu erklären wissen. Doch erscheint nachher die gefällige Römerin so schön, so liebenswürdig, ja selbst so zärtlich und edel, daß der Geliebte die fremden Triebfedern ihres Betragens, die sich unter die Liebe mischen, wohl entschuldigen oder vergessen kann. Seine Leidenschaft würde ihrer eignen Natur widersprechen, wenn sie heldenmüthige Aufopferungen foderte. Nicht jugendlich herbe und aufbrausend, sondern durch den Einfluß der Zeit gemildert, wünscht sie die Freude wie eine reife Frucht zu pflücken. Sie ist sinnlich und zärtlich, schlau und offenherzig; und schwärmt in ihrem Muthwillen so lieblich für das Schöne, daß selbst der strenge Sittenrichter Mühe haben müßte, Falten auf die dazu gewöhnte Stirn zu zwingen, um seinen Bedenklichfeiten und Warnungen Nachdruck zu geben. In seiner genügsamen Fröhlichkeit ist der Sänger friedlich gegen alle Menschen gesinnt und möchte sich nicht gern an irgend etwas Argem schuldig wissen. Er bleibt seinem Wahlspruche treu:

Nos venerem tutam concessaque surta canemus,
Imque meo mullum carmine crimen erit.

Daß Rom, die alte Heimath der Elegie, die Scene dieser Darstellungen ist, erhöht noch um vieles ihren Reiz. Manches wie ohne Absicht eingeflochtene Bild fremder Sitten giebt ihnen Neuheit. Der Einfluß eines milderen Himmels, unter den der Leser sich selbst versezt fühlt, fodert ihn erwärmend zum Antheil an sinnlicher Lust und Liebe auf. Die Wahrheit, welche dort überall dem betrachtenden Blicke entgegenkömmt, gleichsam auf jedem Bruchstücke eines alten Werks eingegraben steht, in jeder verloschnen Spur ehemaliger Herrlichkeit sich entziffern läßt: „alle menschliche Größe muß untergehen;" diese Wahrheit verliert am jugendlichen Busen der Schönheit ihre Macht zu schrecken, ja sie wird eine Einladung dem allgemeinen Loose der Vergänglichkeit zuvorzueilen, und die Freuden des Lebens zu haschen. Die Blume welkt am Abend, wie der ehrwürdige Tempel nach Jahrtausenden einstürzt:

Freue dich also, Lebend’ger, der Liebe erwärmenden Stätte,
Ehe den fliehenden Fuß schauerlich Lethe dir neßt.

Auch darinn begünstigt den Dichter der Aufenthalt in der 1796. ewigen Stadt, wo das classische Alterthum noch immer sich selbst zu überleben scheint, daß die ihn umgebenden Gegenstände eine freundliche Gegenwart auf gewisse Art mit einer idealischen Vergangenheit verknüpfen. Vorzüglich ist die Erscheinung der alten. Götter, statt daß sie sonst, wenn der Dichter sie unter den Ausdruck eigner Leidenschaft mischt, entweder als hergebrachte Redefigur nur einen schwachen, oder, als etwas fremdartiges und willkürlich ersonnenes, einen störenden Eindruck macht, in hohem Grade natürlich und täuschend. Die Einbildungskraft gesteht diesen Wesen gern eine sichtbare Gegenwart, ein noch fortdauerndes persönliches Daseyn an einem Orte zu, wo sie einst so glänzend verehrt wurden, wo man zum Theil noch ihre Wohnungen zeigt, und ihre Gestalten aufbewahrt, vor deren übermenschlicher Macht das Volk sich ehemals niederwarf, wie der Künstler noch jezt ihre übermenschliche Schönheit anbeten muß. Sogar die kühne Begeisterung, welche den Dichter, indem er reineren Aether einzuathmen glaubt, mit Einem Schritte vom Capitolium zum Olymp hinaufführt, hat hier noch das Ergreifende der Wahrheit.

Es läßt sich voraussehen, daß gegen diese Gedichte mit großer Wichtigkeit der Einwurf gemacht werden wird, sie seyen feine Elegien. Es lohnt nicht sonderlich die Mühe, um Namen zu fechten: eine Sache bleibt dennoch, was sie an sich ist, man nenne sie, wie man will. Man könnte also immerhin zugeben, es seyen keine Elegien, ohne daß etwas mehr daraus folgen. würde, als daß ein kleines Versehen bey der Ueberschrifft vorgefallen sey. Allein das Wort Elegie ist den Griechen abgeborgt, und es fragt sich noch: wer mehr Recht hat: der Künstler, der es im Sinne der Erfinder auf die Schöpfungen seines Geistes anwendet, oder der Kunstrichter, der die Bedeutung desselben nach den Bedürfnissen seiner Theorie eigenmächtig abändert und festsetzt? Nach einer z'emlich gemeinen Meynung muß man nothwendig Seufzer der Wehmuth hören lassen, um auf den Namen eines elegischen Dichters Ansprüche machen zu fönnen. Die Elegie hätte in der That Stoff zum Klagen, wenn man sie auf diesen kläglichen Ton beschränken wollte. Wies ihr doch schon Horatius neben der Klage auch die Freude erhörter Liebenden zum Gebiet an, und wir finden mehrere der=

1796. gleichen Jubellieder unter den Gedichten, die uns das Alterthum als Elegien überliefert hat. Sie umfaßt also ganz entgegengesezte Stimmungen der Seele; und wenn sie meistentheils von einem Liebenden als Botin an den Gegenstand seiner Leidenschaft gesandt wird, so verläßt sie doch auch nicht selten diesen Kreis. Schon Mimnermus, wo nicht der Erfinder des elegischen. Sylbenmaßes, doch der Vater der Elegie, „der in der Liebe mehr galt, als Homer," hat in seiner Dichtart die Siege der Smyrnaer besungen; Tibullus feyert Geburtstage und frohe ländliche Feste; und wer vermöchte die Schlacht bey Actium erhabener darzustellen, als Propertius? Die Benennung hing bey den Alten an der metrischen Form. Diese kann freylich kein unterscheidendes Merkmal des innern Wesens liefern; (wie die elegische denn auch häufig zum Lehrgedichte und Epigramm gebraucht worden ist) allein sie hat doch einen bedeutenden Einfluß auf Gang und Wendung der Gedanken, und auf die Farbe des Ausdrucks, und hieraus entsteht etwas Gemeinschaftliches in der Behandlung sehr verschiedenartiger Stoffe, das sich indessen leichter fühlen, als bestimmt erklären läßt. Gehören einige von den beurtheilten Stücken eher in eine Sammlung wie die Anthologie? Oder soll man lieber mehrere Stücke der Anthologie Elegien nennen? Es kömmt wenig darauf an. Nur das würde zum Tadel berechtigen, wenn man dem Dichter Mißhelligkeit zwischen dem Inhalt und der äußern Form darthun könnte. Wer würde wohl diese lieblichen Dichtungen vernichtet zu sehen wünschen, wenn etwa gewisse Theoristen einmüthig aussagen sollten, sie lassen sich in keines der von ihnen eingerichteten Fächer schieben? Möchten doch lieber alle möglichen Theorien der Kunst zu Grunde gehen, als daß ihrem Eigensinne ein einziges wahrhaft schönes Kunstwerk aufgeopfert werden. jollte !

So anziehend auch die Beschäftigung seyn müßte, sowohl die einzelnen Schönheiten durchzugehn, als das Wenige zu be= merken, was man in Ausdruck oder Darstellung anders wünschen könnte, so würde sie doch hier zu weit führen. Es sey erlaubt, nur einiges auszuheben. Das sinnreiche Spiel mit dem Pentameter, wo eine Hälfte der andern gleichsam antwortet, ist mehrmals sehr glücklich angebracht:

,,Doch ohne die Liebe Wäre die Welt nicht die Welt, wäre dann Rom auch nicht Rom. Folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier."

Der Schluß der dritten Elegie ist überraschend kühn; hingegen scheint die vierte in den lezten Zeilen nicht von aller Verworrenheit frey. Wie kann der Dichter ein glücklich Liebender seyn, ohne noch immerfort die Gunst der Göttin Gelegenheit zu besigen? Die 6te El. rührt das Herz durch ihre Wahrheit; die 7te bezaubert die Phantasie durch überirdischen Glanz. Unter den Helden, welche das Lager der Liebe mit ihrem Ruhm erkaufen würden, (10te El.) wäre Friedrich der Große vielleicht schicklicher nicht genannt. Der Dichter geht mit leichtem Schwunge von den lieblichsten Vorstellungen zu den größten über, indem er (15te El.) einen geistvollen Blick auf die Majestät Roms wirft, um die Ungedult, womit er eine glückliche Stunde erwartet, zu zerstreuen. Die sonst schöne 19te El. wird durch Eine Zeile (S. 40) entstellt, worinn die ungeheure Verkehrtheit, zu welcher der Mensch durch den Mißbrauch seiner Vernunft herabgesunken ist, ohne Schonung erwähnt wird. Der Dichter theilt ja mit den Philosophen die traurige Nothwendig= feit nicht, die menschliche Natur auch auf diesen Abwegen zu er= forschen. Der Schluß eben dieser Elegie:

Denn der Könige Zwist büßten die Griechen, wie ich,

ist eine launige Anspielung auf das bekannte:

Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi.

Doch wir müssen uns, wiewohl ungern, von diesen holden Spielen trennen, um für die Prüfung ausgezeichneter Stücke von einem ganz verschiedenen Charakter Raum übrig zu behalten. Imbelles elegi, genialis Musa, valete!

Mehrere kleine Gedichte am Ende des 9ten Stücks, der rauschende Strom und Leukothea's Binde im 10ten, dann zwey von größerem Umfange in eben diesen Stücken:

1796.

« ForrigeFortsæt »