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1794. Legte. Hätte Brissac von dieser erhabenen Speculation sich nur ein wenig zu einzelnen Anwendungen herabgelassen, auf welche man doch bey den größten Entwürfen nothwendig Rücksicht nehmen. muß: so würde er gesehen haben, daß es Umstände giebt, wo selbst der glücklichste Entwurf, durch die Natur der Hindernisse, durch die Verschiedenheit des Genies und des Charakters der Völker, durch die Art der Geseße, die bey ihnen eingeführt sind, und durch den langen Gebrauch, der so zu sagen, das lezte Siegel darauf gedrückt hat, eben so schimärisch als möglich wird. Nur Zeit und eine lange Erfahrung können dem Fehlerhaften in den Gewohnheiten und Herkommen eines Staats, dessen Gestalt schon entschieden ist, abhelfen und doch muß dieses stets nach dem Plan seiner ersten Verfassung geschehen. Dieß ist so wahr, daß jedesmal wo man sehen wird, daß ein Staat einen Weg, der dem, auf welchem er seine erste Einrichtung angenommen hat, zuwider ist, einschlagen will, man versichert sein kann, daß irgend eine große Revolution ihm bevorsteht."Wir könnten noch sehr viele Stellen dieser Art abschreiben, die eben so wörtlich von unsern Zeiten verstanden werden können, als von denen, in welchen Sully schrieb. Die ausgezogenen mögen zu gleicher Zeit zur Probe der Schreibart des Uebersezers dienen, mit der wir im Ganzen sehr zufrieden sind. Nur an wenigen Orten sind wir auf Stellen gestoßen, wo uns der Sinn verfehlt zu seyn schien, oder wo der Ausdruck falsch war. So steht z. B. S. 233. So fochten sie ihren blinden Eifer an u. s. w. welches man nicht versteht. Hr. Schiller hat sich auch hier das Verdienst um den Leser gemacht, als eine Einleitung in diese Memoiren eine kurze Erzählung der innern Vorfälle, nach Heinrichs II. Tode voraus zu schicken, die vor dem dritten Bande noch nicht geendigt ist. Der Leser würde dieses gleichwohl gewünscht haben. Uebrigens ist diese Arbeit in Absicht der Materie völlig zweckmäßig, und in Absicht der Schreibart vortrefflich. Wir bemerken, was die erste betrifft, bloß, daß wir nicht wissen, was Hr. S. Th. I. S. XVI. unter dem fremden Einflusse versteht, der in dem Untergange der reformirten Kirche in Frankreich entschieden hätte. Das überlegene Genie des Cardinals Richelieu, despotische Gewalt, welche er der Krone verschaffte, Ludwigs XIV. Kunst und Glück, diesen Despotismus auf den höchsten Grad zu

treiben, und seine und der Maintenon Bigotterie waren die 1794. Ursachen des Untergangs dieser Kirche in diesem Staate. Ferner glauben wir, daß der fehlgeschlagene Angriff auf Lyon, bey der Erzählung des Antheils des Prinzen von Condé, nicht hätte übergangen werden sollen. Er war das Hauptverbrechen, weswegen man ihn zum Tode verdammte. Hn. S. historische Schreibart ist rein, edel ohne Schwulst, besonders in dieser Erzählung; der Materie überall angemessen, gedankenvoll, ohne bey gewöhnlichen Dingen eine vielsagende Miene anzunehmen, und natürlich und ungezwungen, ohne gegen seine Leser einen ins spielende und kindische fallenden Ton der Vertraulichkeit zu gebrauchen. Bey einer so guten Arbeit sollte man also wohl nicht kritteln. Da sie indessen die strengste Beurtheilung nicht scheuen darf; so sey es uns erlaubt, anzumerken, daß wir B. I. S. XXIV. nicht, unreife Söhne, statt des bessern Worts: minderjährige, gebraucht haben würden, wenigstens nicht, ohne hinzuzufügen: an Seele und an Körper; S. XXX. Ehrenstellen zerstreuen, ist hier wohl nicht so richtig gesagt, als Ehrenstellen aus streuen. S. XXXVIII. steht ein wichtiger nicht verbesserter Druckfehler, Guisen anstatt Guesen. Th. II. S. V. „Nur ein einziges Laster beherrschte sie, aber welches die Mutter ist von allen: zwischen Bös und Gut keinen Unterschied kennen." Dieses ist nicht Laster, sondern Irrthum des Verstandes, der freylich Quelle von lasterhaften Handlungen werden muß. Ebend. kann man sagen: Tugenden der Verhältnisse? und was find das für Tugenden? Das Verhältniß kann uns Vortheile geben, und die Klugheit kann uns lehren sie zu gebrauchen; aber Tugend? und besonders, wo von einer Catharina von Medicis die Rede ist, deren Name das Wort Tugend entheiligt. S. XII. Wir würden die Redensart: mit etwas vorlieb nehmen, überall nicht im edlen historischen Stile brauchen und wie der Vf. die Wörter vor und für, an andern Orten gebraucht, müßte es denn doch: für lieb heißen. Aber dieses mag genug seyn, Hn. S. die Aufmerksamkeit zu zeigen, womit wir diese Einleitung gelesen haben, und das wohl hergebrachte Recht des Rec. zu behaupten, wenigstens etwas zu tadeln.

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Allgemeine Literatur - Zeitung, Jena und Leipzig, 1794,
28. März.

1794.

Jena.

Merkwürdige Rechtsfälle, als ein Beytrag zur Ge= schichte der Menschheit. Nach dem französischen Werke des Pitaval durch mehrere Verfasser ausgearbeitet, und mit einer Vorrede begleitet herausgegeben von Schiller. Dritter Theil. Bey. Cuno's Erben. 1793. 414 S. in svo.

Die Einrichtung dieses Werkes ist bekannt. Dieser Theil enthält dreh sehr interessante Rechtsfälle nebst einem Anhange von Beyspielen der schlimmen Wirkung der Tortur. I. Geschichte des Prozesses der Marquise von Brinvillier.-II/Ge= schichte des Hrn. von la Pivardiere. III. Das traurige, Schicksal des Jacob le Brun. Be= sonders lehrreich und meisterhaft find die Vertheidigungsschriften, welche in diesen drey Fällen vorkommen. Den Beschluß machen VII. Beyspiele von Unzuverläsfigkeit der Aussagen, welche durch die Tortur erhalten werden, die keinen Auszug zulassen, aber den Haß gegen dieses Beweismittel noch mehr zu vermehren im Stande sind, und beweisen, wie nöthig es sey, den peinlichen Richtern die Worte, womit sich dieser Theil schließet, zuzurufen: Erudimini, qui judicatis terram!

S.

Würzburger gelehrte Anzeigen, (in Commission bey der
Riennerischen Buchhandlung), 1794, 18. Junius.

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1795.

Jena b. Maute: Allgemeine Sammlung historischer 1795. Memoiren vom 12 ten Jahrhundert bis auf die neuesten Zeiten; herausgegeben von Friedrich Schiller. 2te Abtheilung. 4. Band. 1792. Į Alph. 5. Bog. 5. Band. 1793. į Alph. 7 Bog. 6. Band. 1794. Į Alph. 12. Bog. 7. Band. 1794. į Alph. 2 Bog. 8.

Der 4te, 5 te und 6 te Band dieser Sammlung enthalten den Rest der Memoiren des großen Sully, deren Werth den Leser zu fest hält, als daß er sie vor ihrer Endigung verlassen könnte. Dazu haben die jetzigen Zeitläufte so viel ähnliches mit denen, die den Inhalt dieser Memoiren ausmachen, und man entdeckt in ihnen schon so ganz und gar den Geist, den die Franzosen jest zeigen, daß die Lesung des Buchs dadurch noch anziehender wird. Manche Säße sind so belehrend für unsere Zeiten, daß man glauben sollte, sie wären ausdrücklich für dieselben geschrieben. Wir könnten sehr viele dergleichen auszeichnen, aber die einzige folgende mag für alle hier stehen. Th. IV. S. 79. so leichtsinnig und unbedachtsam man uns auch das Volk vorzustellen pflegt, habe ich doch erfahren, daß es oft in der That ein gewisses Augenmerk faßt, auf welches es mit Wärme, oder vielmehr mit Wuth hinstürzt; daß aber diese gefaßten Gesichtspunkte immer ein gewisses Gemein bestes

1795. für das Ganze, nie blos einen Privatnußen zum Gegenstande haben, wie z. B. die Rachgier und andere Leidenschaften einer Einzelnen oder einer geringen Anzahl von Personen. Ich wage sogar zu behaupten, daß der am meisten untrügliche Richter, eben die Stimme des Volks ist." Wie sehr streitet dieser Ausspruch eines Ministers, und eines Mannes, der, übrigens äußerst gegen alle Volksregierung ist, mit den Aussprüchen der mehrsten Beurtheiler der jeßigen französischen Revolution! Wenn man Sullys Staatsklugheit an dem Hofe Ludwigs XV befolgt hätte: so wäre an die unglückliche Verbindung des König Ludwigs XVI mit einer östreichischen Herzogin nicht gedacht worden. Denn er sagt Th. V. S. 38. „Es ist kein Zeichen einer guten Politik, wie man es, (ob man es gleich) dafür hält, wenn man die Prinzen aus dem französischen Haus, in andre, ungefähr gleiche Häuser, wie Spanien heirathen läßt. Außerdem daß auch die engste Familienverbindung dem Hasse weichen muß, welchen die Ehrsucht gegen einen Nebenbuhler einflößt, wird der Vortheil, den man bey solchen Verbindungen beabsichtigen könnte, schon durch die Betrachtung vernichtet, weil (daß) er allzugroß werden könnte." Uebrigens sieht man aus Sullys Erzählung, daß Heinrichs IV. Thätigkeit und eigne Untersuchung jedes wichtigen Geschäftes, weder verhindern konnte, daß ihn die Großen, und die mit ihnen intriguirenden Minister nicht gröblich hintergangen hätten, noch bewirken, daß die Macht der Hofaristokratie nicht stärker gewesen wäre, als die seinige. Dem Grafen von Soissons wäre es ohne Sullys Widerspruch geglückt, von dem Könige die Einnahme von einer neuen Auflage auf jeden Ballen ausgehenden Kaufmanns Gut zu 15 Sous zu erhalten, weil er diesem gutmüthigen, zu leicht glaubenden Prinzen vorspiegelte, es sey ein Gegenstand von ungefähr 30,000 Livres, da es doch mehr als 300,000 Thaler betragen, und die Handlung zu Grunde gerichtet hätte. Beh Sullys Widerspruche sagte die Marquise von Verneuil, des Königs Maitresse, zu ihm: „Für wen soll denn der König etwas thun, als für die, die seine Vettern, Verwandte und Maitreffen sind?" So groß war der Einfluß der Partheyen, daß, als Heinrich mit Jakob I ein Bündniß schließen wollte, er dem Herzog von Sully nur ins Geheim den Auftrag dazu gab, und ihn kein Blanquet eine solche Allianz zu Stande zu bringen ertheilte. Denn, sagt Sully, die Furcht vor

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