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eindrängen. Geburten verewigen gehört auch nicht 1795. unter die bestimmtesten, schicklichsten Ausdrücke. Kein Zeitalter kann, und wenn es auch wollte, irgend etwas verewigen: also auch das Zeitalter der Vernunft nicht. Man merkt wohl, was Hr. S. sagen wollte. Es war der ganz gemeine Ge= danke: „Ein Zeitalter, wie das unsrige, das so gern für das Zeitalter der Vernunft gelten möchte, sollte sich schämen, die noch bestehenden Vorurtheile einer barbarischen Vorwelt zu erhalten, zu nähren und fortzupflanzen“ allein dieser gemeine Gedanke sollte auf eine ungemeine Weise vorgetragen werden, und so entstand das verunglückte, metaphorische Gewand desselben.

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Dafür aber hält es Hr. Jenisch nicht. So kühn das ganze gesagt ist (ruft er aus), so bestimmt ist jeder Begriff, so ,,eigenthümlich jedes Wort. Das Wort scheint aus dem Begriff ,,hervorgegangen, und gleichsam eine natürliche Geburt ,,desselben zu seyn; so wie dieser wiederum das Wort, wie der ,,Geist seinen Körper durch und durch zu erfüllen und zu beleben scheint." Hr. J. ist, wie man sieht, mitunter ein sehr poetischer Kunstrichter; er ist wie jener Zerbster Bürger, von dem der Verf. der weiland berühmten Menschenfreuden rühmte stark in Worten, und groß in Redens arten.

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Richtig ist die Bemerkung, daß die deutsche schöne Litteratur, in Rücksicht der Popularität, von Seiten der Gelehrsamkeit sowohl, als des philosophischen Scharfsinns, um einen Ton höher gestimmt sey, als selbst die englische, der sie übrigens in anderem Betracht am ähnlichsten sey. Kein Geisteswerk der ,,Engländer, in Sachen des Geschmacks, erhebt sich zu der Freiheit und tiefen Philosophie eines Agathon, eines Proteus feines ,,ihrer Dramen und keines ihrer dichterischen Werke reicht bis „zu dem Scharfsinn des unsterblichen Leßingschen Meisterstücks, ,,Nathan der Weise; und keines (die Shakespearschen Schauspiele ,,haben andere Vorzüge) bis zu dem platonischen Idealismus des „Schillerschen Don Carlos hinan.“ Es fragt sich nur, ob es so ganz recht ist, in Romane so viel tiefe Philosophie, in Schauspiele so viel grübelnden haarspaltenden Scharfsinn zu legen, oder die Charaktere derselben zu Idealen, zu platonischen Schwärmern hinauf zu schrauben, und sie auf eine halsbrechende Weise

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1795. auf Metaphern, wie auf Luftbällen schwimmend, sich in den Wolken herumtummeln zu laßen?

Wir gehen nun zu Hrn. Kosmanns Theorie des deutschen Styls über.

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Gleich die ersten Seiten des Buchs liefern einen Beweis, daß der Verf. seinen Erläuterungen der ausgewählten Beyspiele nicht immer die gehörige Deutlichkeit und Bestimmtheit zu geben, noch sich so gut und richtig auszudrücken wußte, als man von einem Lehrer des schönen Styls billig erwarten und fordern kann. Hr. K. führt Schillers Gedicht an die Hoffnung als Beyspiel eines Geistesproduktes an, deffen Stoff erfunden und nicht bloß bemerkt seyn wollte, und dessen Darstellung ohne einen sehr geläuterten und gebildeten Geschmack unmöglich gewesen. Der verborgene, in tausend abwechselnden ,,Nüancen sich stets gleiche, und bey der höchsten Verfeinerung ,,unserer Empfindungen noch immer statt findende Unterschied „des sich sonst so ähnlichen Hoffens und Genießens, deren jenes nur durch die mögliche Denkbarkeit des endlichen Er,,ringens dieses leztern denkbar ist, mußte aus seinem versteckten „Dunkel hervorgezogen werden, um Hoffnung und Genuß ,,einander so entgegen sehen zu können, wie sich die Resultate der ,,Unsterblichkeitslehrer und der Leugner einer Fortdauer nach dem Tode dieses Körpets, in Rücksicht auf den weisen Gebrauch ,,dieses Lebens, entgegenstehen." Welch ein langer, verwickelter, dunkler Periode! Welch ein Aufwand von Worten, um sich für geübte Leser doch nur halb, und für andere gar nicht verständlich zu machen. Ist es erlaubt, für Anfänger auf diese Weise- ja ist es überhaupt erlaubt, so zu schreiben? Das Hoffen ist nur durch die mögliche Denkbarkeit des endlichen Erringens des Genießens denkbar! Warum diese gelehrte Miene, um etwas so Gemeines und Bekanntes zu sagen? Warum dem Anfänger einen sehr begreiflichen Sah durch den Ausdruck erst schwer und dunkel zu machen? Schiller vergleicht in dem erwähnten Gedicht Hoffnung und Genuß mit zwey Blumen. Was kann gemeiner seyn, als diese Vergleichung, die überdieß nichts weniger als sehr passend ist, noch viel ästhetische Kraft hat?

Zwey Blumen blühen für den weisen Finder,
Sie heißen Hoffnung und Genuß.

Wer dieser Blumen eine brach, begehre
Die andre Schwester nicht.

Man begreift so wenig, warum der Weise von diesen zwey Blumen, die für ihn blühen, nur Eine begehren und pflücken, als warum er statt nur zu hoffen, oder nur zu genießen, nicht den wahren Weg des Weisen, die Mittelstraße wählen, und zugleich vernünftig hoffen und vernünftig genießen soll? Hr. K. indeß weiß kaum Worte genug zur Anpreisung dieser Vergleichung zu finden: sie ist ihm eine Erfindung des Dichters, ein Produkt seines Genies 2c.

-Wie kommen S. 58 Sulzer, Schiller*) unter die ersten Kassiker unserer Nation, und sogar Hr. Ewald unter die ersten Kanzelredner, neben die Mosheime und Zollikofer? 2.

*) Recensent hat in dieser Beurtheilung verschiedenemahle Hrn. Schillers erwähnt, und zwar nicht in einem Tone, den man in den meisten neuen Schriften und kritischen Blättern über ihn zu hören gewohnt ist. Er gesteht, daß dies absichtlich geschehen ist, aber wahrlich ohne die mindeste Leidenschaft, ohne irgend eine unwürdige Nebenabsicht daben zu haben. Auch er schäßt die ungemeinen Talente dieses Mannes ungemein hoch, unmöglich aber kann er ihn für den Einzigen, für den musterhaften Dichter, Geschichtschreiber und Aesthetiker halten, wofür er besonders in unserer jungen gelehrten und poetischen Welt gilt. Seine Werke, besonders die dichterischen, haben, bey einzelnen großen Schönheiten, viele und große Fehler, die, wie gewöhnlich, am eifrigsten nachgeahmt werden, weil sie so leicht zu erreichen sind. Die Musenalmanache, die Journale und neuen poetischen Sammlungen von Gedichten be= weisen zur Genüge, was die zur Mode gewordene Nachahmung seiner Manier (als Manier die unnachahmungswürdigste, die es geben kann) schon jest für Folgen gehabt, was für Früchte sie getragen hat, und mit welchen Uebeln sie noch ferner droht, wenn man dem Unwesen feinen Damm entgegenseßt. Hierzu, nach seinem Vermögen, nach Ort und Gelegenheit, wenigstens etwas beyzutragen, war die Absicht, die einzige Absicht des Rec. bey seinem Tadel und Widerspruch gegen einseitiges und überspanntes Lobpreisen eines übrigens sehr vortrefflichen und schäßbaren Schriftstellers.

Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen

Künste, Leipzig, 1795, 55. Band, 1. Stück, pag. 21. ff.

1795.

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1795. Die boren, eine Monatsschrift, herausgegeben von
Schiller. Erstes
Erstes bis viertes Stüd. Tübingen, in der
Cottaischen Buchhandlung. 1795. gr. 8.

Unter den vielen Zeitschriften, welche seit mehreren Jahren in Deutschland entstanden sind, hat vielleicht keine die Erwartungen des Publikums höher gespannt und die Aufmerksamkeit der Leser so ungetheilt auf sich gezogen, als die Horen. Der Name des Herausgebers, der Ruhm der meisten, als Theilnehmer genannten, Schriftsteller, der in der Ankündigung angegebene eigne Zwed, ja, wir dürfen sagen, der ganze Ton, in dem die Ankündigung abgefaßt war, alles dieß erweckte Hoffnungen, die schmeichelten und erheiterten. Es war an sich schon Pflicht für die Mitarbeiter der Bibliothek, ein Journal, das ausdrücklich für die Musen und Charitinnen in dem politischen Tumulte ein Zufluchtsort zu werden versprach, nicht mit Stillschweigen zu übergehen, und es wird doppelt Pflicht für sie, seiner zu erwähnen, da die meisten Auffäße, die es enthält, zu einer nähern Betrachtung aus mehr denn einer Ursache auffordern. Zwar gestehen wir ganz aufrichtig, daß zu dieser Ursache die ausgezeichnete Vortreflichkeit nicht gehört, die ihnen hie und da beygelegt worden ist. Im Gegentheil, unser Urtheil weicht hierin von dem allgemeinen Urtheil etwas ab. Aber eben diese zwischen uns und andern wahrgenommene Verschiedenheit bewog uns zuerst, die Horen mehrmals aufmerksam durchzulesen, und bewegt uns izt, was wir beym Durchlesen empfanden und dachten, ausführlicher aus einander zu sehen. Wenn wir hierbey ganz unbefangen und freymüthig zu Werke gehn, so wird uns der Herausgeber dieß um so weniger verübeln; da er ausdrücklich sagt, daß er, um die Freyheit der Kritik zu befördern, von einer allgemeinen Gewohnheit abgegangen sey, und die Namen der Verfasser der einzelnen Auffäße erst am Schluffe jedes Jahres zu nennen denke.

Der unstreitig wichtigste Aufsaß, dessen Verfasser jedoch durch die Ausrufer der gelehrten Welt sogleich aus seinem Incognito auf das Theater gezogen worden ist, sind ohne Zweifel die Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. Wir werden mit ihnen den Anfang machen und, um der größern Verständlichkeit willen, den Inhalt derselben in einem kurzen Auszuge unsern Lesern in's Gedächtniß zurückrufen.

(Folgt Auszug, pag. 284-320.)

Wir brechen hier ab, nicht, daß wir diese Blumenlese nicht noch um ein ansehnliches erweitern könnten, nein, sondern weil wir die Geduld unserer Leser durch mehrere Proben zu ermüden fürchten. Was wir geschrieben haben ist so sehr es auch der allgemeinen Stimme widerspricht und daher den Verdacht der Parteylichkeit erregen könnte, gleichwohl sine omni ira et studio geschrieben. Wir erkennen und ehren Hrn. Schillers Verdienste und haben es in dieser Beurtheilung mehr, denn einmal, laut und lebhaft gesagt. Eben so sehr empfinden und erkennen wir die Vorzüge der Kantischen Philosophie und das Verdienst der Zeitschriften, die auf selbige aufmerksam gemacht und uns die Entdeckung eines Weltweisen, dem die Hochachtung der Nation gebührt, nachdem man mehrere Jahre kaltsinnig vor ihm vorübergegangen war, schäßen gelehrt haben. Aber weder der Ruhm, den sich der Verfasser der Geschichte der Niederlande erworben hat, wird uns abhalten, das an ihm zu tadeln, was wir wirklich tadelnswerth finden, noch das Ansehen unserer gelehrten Blätter uns hindern, nach unserer Ueberzeugung zu sprechen. Wir billigen es, daß sie sich der Kantischen Philosophie angenommen und das Studium derselben laut und wiederholt empfohlen haben, und es bedarf bey uns trägen Deutschen zuweilen lebhafter und eindringlicher Erinnerungen, um verjährte Vorurtheile zu überwältigen, aber wir werden es nie billigen, daß sie alles nach Einem Maßstabe beurtheilen, daß sie überall nur fragen, ob der Verf. in Kants Geiste philosophire oder nicht, und insbesondere, daß sie auf Darstellung und Einkleidung so wenig Rücksicht nehmen, daß sie beynahe jedes Machwerk ohne Prüfung von der Seite durchschlüpfen lassen. Wenn, wie wir fest überzeugt sind, die kritische Philosophie Wahrheit enthält, so wird und muß diese Wahrheit, zumahl durch eine für das größere Publicum bestimmte Monatsschrift, wie die Horen sind, nur um so mehr Eingang gewinnen, jemehr man sich zur Darstellung derselben jener Sprache bedient, in die ein Mendelssohn und andere die Wahrheiten der Wolfischen Philosophie einkleideten. Die Sache der kritischen Philosophie ist nunmehr über zehn Jahre in Anregung und wird in einer Sprache geführt, die hinlänglich und für den philosophischen Vortrag sogar vorzüglich gebildet ist. Offenbar bringt es den Freunden und Vertheidigern

1795.

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