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1795. gißt man, die sie geopfert hat; die Geschlechter der Menschen erneuern sich wieder, und auch die Länder blühen wieder, die sie verheert und entvölkert hat; aber Jahrhunderte werden hingehen, ehe ihre Spuren aus dem spanischen Charakter verschwinden. Eine geistreiche Nation hat sie mitten auf dem Wege der Vollendung gehalten, aus einem Himmelsstrich, worin es einheimisch war, das Genie verbannt, und eine Stille, wie sie auf Gräbern ruht, in dem Geist eines Volks hinterlassen, das vor vielen andern, die diesen Welttheil bewohnen, zur Freude berufen war."

Sie sehen, mein Freund, daß der Geschichtschreiber seinen Pinsel noch ein wenig zu stark in den Farbentopf des Dichters taucht.

An einigen Stellen hat das Bestreben, das Gewöhnliche durch den Ausdruck zu heben, der Sprache einen höchst sonderbaren und falschen Anstrich gegeben. Kaum versteht man den Verfasser noch, wenn er von den Schlachtopfern der Inquisition sagt: Ihn mehnte die mütterliche Sorge der Gerechtigkeit nicht mehr. Jenseits der Welt richteten ihn Bosheit und Wahnsinn nach Gesezen, die für Menschen nicht gelten." Was soll man sich bey einer Seele denken, die auch die Hülle, hinter welcher sie schuf, nicht bewegte, und der List und der Liebe gleich unbetretbar war? oder würden Sie es, mit allen ihrem Scharfsinne wohl wagen, folgende Stelle, die ich, wie die vorige, aus der Charakteristik Wilhelms von Oranien nehme, auf eine befriedigende Weise zu erklären? „Ein durchdringender fester Blick in die vergangene Zeit, die Gegenwart und die Zukunft, schnelle Besißnehmung der Gelegenheit, eine Obergewalt über alle Geister, ungeheure Entwürfe, die nur dem weit entlegnen Betrachter Gestalt und Ebenmaaß zeigen, kühne Berechnungen, die an der Kette der Zukunft herunterspinnen, standen unter der Aufsicht einer erleuchteten und freyern Tugend, die mit festem Tritt auch auf der Gränze noch wandelt."

Ich mag die Beyspiele nicht häufen; es ist an diesen genug. Auch nehmen die schwülstigen, die gesuchten, die unverständlichen Stellen in dem Fortgange des Werkes merklich ab, und in dem größten Theile des dritten Buchs herrscht eine natürliche, ungezwungene und edle Schreibart.

Der Verfasser beschließt diesen Abschnitt seines Werks mit einer gedrängten Kritik der Staatsverwaltung Margarethens von

Parma, über welche die niederländischen Geschichtschreiber aus 1795. Haß gegen die spanische Tyranney, die sich erst nach dem Abgange der Statthalterin in ihrer unverhohlnen Gestalt zeigte, ein weit günstigeres Urtheil gefällt haben, als sie unserm Verf. zu verdienen scheint. Diese Kritik ist ein so sprechender Beweiß seiner Einsichten und seines Talentes zum Geschichtschreiber, und sie ist zu gleicher Zeit, einige wenige Ausdrücke abgerechnet, so gut geschrieben, daß ich meinen Brief. nicht besser schließen kann, als wenn ich Ihnen auch noch diese Probe. mittheile.

Nachdem er gezeigt hat, warum das Urtheil der Zeitgenossen Margarethens nicht für vollgültig angesehen werden darf, und eine Revision des spätern Geschichtschreibers fordert, fährt er folgendermaßen fort: „Das Unternehmen war allerdings nicht leicht, den Erwartungen des Monarchen zu entsprechen, ohne gegen die Rechte des niederländischen Volkes und die Pflichten der Menschlichkeit anzustoßen; aber im Kampf mit diesen zwey widersprechenden Pflichten hat Margaretha keine von beyden erfüllt, und der Nation augenscheinlich zu viel geschadet, um dem Könige so wenig zu nußen. Wahr ists, sie unterdrückte endlich den protestantischen Anhang, aber der zufällige Ausbruch der Bilderstürmerey that ihr dabey größere Dienste, als ihre ganze Politik. Durch ihre Feinheit trennte sie zwar den Bund des Adels, aber erst nachdem durch seine innere Zwietracht der tödtliche Streich schon an seiner Wurzel geschehn war. Woran sie viele Jahre ihre ganze Staatskunst fruchtlos erschöpft hatte, brachte eine einzige Truppenwerbung zu Stande, die ihr von Madrid aus befohlen wurde. Sie übergab dem Herzog ein beruhigtes Land; aber nicht zu läugnen ist es, daß die Furcht vor seiner Ankunft das Beste dabey gethan hatte. Durch ihre Berichte führte sie das Conseil von Spanien irre, weil sie ihm niemals die Krankheit, nur die Zufälle, nie den Geist (die Gesinnungen) und die Sprache der Nation, nur die Unarten der Partheyen bekannt machte; ihre fehlerhafte Verwaltung riß das Volk zu Verbrechen hin, weil sie erbitterte, ohne genugsam zu schrecken; sie führte den verderblichen Herzog von Alba über das Land herbey, weil sie den König auf den Glauben gebracht hatte, daß die Unruhen in den Provinzen weniger der Härte seiner Verord

1795. nungen, als der Unzuverläßigkeit des Werkzeuges, dem er die Vollstreckung derselben anvertraut hatte, beyzumessen seyn. Margaretha besaß Geschicklichkeit und Geist, eine gelernte Staatskunst auf einen regelmäßigen Fall mit Feinheit anzuwenden, aber ihr fehlte der schöpferische Sinn, für einen neuen und außerordentlichen Fall eine neue Maxime zu erfinden, oder eine alte mit Weisheit zu übertreten. In einem Lande, wo die feinste Staatskunst Redlichkeit war, (in Redlichkeit bestand) hatte sie den unglücklichen Einfall, ihre hinterlistige italienische Politik zu üben, und säete dadurch ein verderbliches Mißtrauen in die Gemüther. Die Nachgiebigkeit, die man ihr so freygebig zum Verdienst anrechnete, hatte der herzhafte Widerstand der Nation ihrer Schwäche, und Zaghaftigkeit abgepreßt; nie hatte sie sich aus selbstgebohrnem (eignem) Entschlusse über den Buchstaben der königlichen Befehle erhoben, nie den barbarischen Sinn ihres Auftrags aus eigner schöner Menschlichkeit misverstanden. Selbst die wenigen Bewilligungen, wozu die Noth sie zwang, gab sie mit unsichrer, zurückgezogner Hand, als hätte sie gefürchtet, zu viel zu geben; und sie verlohr die Frucht ihrer Wohlthaten, weil sie mit filziger Genauigkeit daran stümmelte. Was sie zu wenig war in ihrem ganzen übrigen Leben, war sie zu viel auf dem Throne eine Frau."

Was dünkt Ihnen zu dieser Stelle? Lassen Sie in derselben einige Behwörter aus, ändern Sie einige Kleinig= keiten, und sie wird vortreflich seyn. Gleichwohl habe ich sie nicht mühsam aufgesucht. Der größte Theil des dritten Buchs ist in eben diesem, oft in einem noch einfachern Style ge= schrieben.

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Sie werden gewiß mit mir und dem größten Theile des Publikums wünschen, daß Schiller dieses Werk endigen möge. Dann möchte ich aber auch noch den Wunsch hinzuzufügen, daß er diesen ersten Band, vornemlich die Einleitung, mit welcher er selbst gewiß nicht mehr zufrieden ist, in Rücksicht auf den Vortrag umarbeiten, und auch dem Style das Gepräge des stillen Ernstes und der ruhigen Würde aufdrücken möchte, durch welche derselbe erst in die volle Harmonie mit dem Geiste, welcher die Erzählung belebt, gesezt werden würde.

Das übrige, was ich Ihnen über diesen Gegenstand zu

schreiben habe, verspare ich bis zu meinem nächsten Briefe. Leben 1795. Sie wohl 2c.

*) Ad haec tempora, quibus nec_vitia nostra, nec remedia pati possumus, perventum est. Livius Prooem.

**) Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Herausgegeben von Friedrich Schiller. Erster Theil. Enthaltend die Geschichte der Rebellion bis zur Utrechtischen Verbindung. Leipzig 1788.

Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen
Künste, Leipzig, 1795, 55. Band, 1. Stück, pag. 1—21.

Vorlesungen über den Styl von K. P. Morih, Berlin,

1794.

Versuch einer Theorie des deutschen Styls von D. W. Kosmann, Berlin, 1794.

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Die Vorlesungen über den Styl, über deren ersten Theil wir uns bereits mit den Lesern unserer Bibliothek unterhalten haben, gehören unter die bessern Arbeiten von Moriz und sind besonders reich an guten, ihm eignen Bemerkungen; aber auch diese zu vollenden ward ihm nicht vergönnt. Nur die sechs ersten Vorlesungen des zweyten Theils sind von ihm selbst; das übrige hat Hr. D. Jenisch in Berlin hinzugefügt.

Von Hrn. Schiller heißt es: er vereinige unter allen deutschen Schriftstellern, in der hervorstechendsten Harmonie, Tief-· sinn, Einbildungskraft, Wiz (?) und philosophische Gelehrsamkeit." - In der eilften Vorlesung macht H. J. sich selbst, seinem Geschmack und seiner Vorliebe für gewisse Schriftsteller ein etwas starkes Compliment. Thucydides, Klopstock, Schiller, sagt er, gehören zu den Lieblingsschriftstellern starker und ungewöhnlicher Geister Schriftstellern dieser Gattung ist eine gewisse Dunkelheit und Undurchsichtigkeit der Diktion eigenthümlich (Richtig; den dunkeln Schriftstellern ist die Dunkelheit eigenthümlich.). Aber diese Dunkelheit ist die natürliche Folge ihrer Ideen-Zusammenstellung, (abermahls richtig!) des Tieffinns, mit welchem sie ihren Gegenstand durchschauen

1795. (wenn der tiefe Blick nicht zugleich ein heller Blick ist, so sehen wir nicht, wie er dem Mann, als Schriftsteller, zum Ruhm gerechnet werden könne?) der Innigkeit, mit der sie ihn empfinden Freylich werden sie nie zur Klasse der allgemein Gelesenen gehören. Die ungemeinen Geister von erhöhetem Kraftgefühl, die mit ihnen sympathisiren, find immer weniger, als der andern mit dem Hange zu einem leichten und gemächlichen Spiel ihrer Kräfte.“.- -Da haben wir es, wir andern; da erfahren wir erst den wahren Grund, warum wir einen Tacitus nicht für den musterhaftesten Geschichtschreiber halten, warum uns so viele Schriften, Gedichte und Stellen von Klopstock, Schiller 2c. nicht gefallen wollen. Wir kennen Männer, die unendlich mehr Tiefsinn besizen als Hr. Schiller, und die gleichwohl seiner Manier, wahrlich nicht aus Gemächlichkeit, nie Geschmack abgewinnen konnten. Wo findet man die meisten neuen, wo die tiefer geschöpften Beobachtungen und Entdeckungen über das menschliche Herz und seine geheimsten Falten, im Nathan oder in D. Carlos? und wie hell und klar ist dort alles, wie hier alles so dunkel, mystisch und räthselhaft! Wie muß man sich hier oft quälen, eine Stelle zu entziffern, die am Ende doch nur einen gemeinen Gedanken enthält, der sich weit besser, und zugleich allgemein verständlich hätte sagen lassen!

Die S. 242. von Hrn. I. so gepriesene kurze Stelle aus Hrn. Schillers Abhandlung über das Studium der Universalgeschichte, dünkt uns, in mehr als einer Rücksicht, tadelhaft. Wir sehen die Stelle selbst, unsere Einwendungen und Hrn. I's Urtheil über sie her, und überlassen die Entscheidung dem Leser.

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„Wahr ist es, auch in unserm Zeitalter haben sich manche barbarische Überreste aus den vorigen Zeiten eingedrungen, Geburten des Zufalls und der Gewalt, die das Zeitalter der Vernunft nicht verewigen sollte". Erstlich erfordert die Grammatik: barbarische Überreste haben sich in unser Zeitalter eingedrängt, oder sind eingedrungen dann ist der Ausdruck eindringen hier überhaupt unpassend. Überreste, Dinge, die sich aus den vorigen Zeiten erhalten haben, die noch da sind, brauchen sich nicht, ja sie können sich nicht erst

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