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Gesichtspuncte. Der Geist und Geschmack der Chroniken, welcher 1795. in unsern Geschichtsbüchern so lange geherrscht hat, fängt allmählig zu verschwinden an. Mit einem Worte, unsere Geschichtschreiber, welche die Spuren der Tacitus, Hume und Robertson aufsuchen, widerlegen durch ihre glücklichen Versuche das Vorurtheil, als wenn wir in diesem Fache immer und ewig Stümper bleiben müßten.

Diese Sache ist an sich schon einer kleinen Freude werth; aber noch mehr ist es der Grund derselben. Wenn die Kunst, Geschichte zu schreiben, sich nicht früher unter uns erhob, so lag dieses, wenn ich nicht sehr irre, an der Denkungsart des größten Theils der Nation. Diese hat seit nicht langer Zeit eine merk liche Veränderung erlitten. Man wagt es, die Handlungen der Großen nicht mehr blos nach ihrer Klugheit, sondern auch nach ihrer Gerechtigkeit abzumessen, und demnach den politischen Begebenheiten einen ganz andern Maasstab anzuhalten, als man wohl ehedem that. Man ist gegen den äußern Glanz gleichgültiger und empfänglicher für den innern Werth der Menschen geworden. Vieles von dem, was ehedem allein den Inhalt unserer Geschichtsbücher ausmachte, hat sein Interesse verlohren; und die Betrachtung einer friedlichen, gerechten und der Menschheit nüßlichen Regierung ohne Glanz ist uns wichtiger geworden, als jene ruhmvollen Thaten, mit denen selten Gerechtigkeit, und noch seltner erspriesliche Folgen für die Menschheit verbunden sind. Wenn also vormals immer nur die Frage war, was ein Reich unter dieser oder jener Regierung an Ausdehnung, Reichthum und Ansehn gewonnen, und wie sich die Verfaßung desselben zur Vermehrung oder Verminderung der höchsten Macht entwickelt habe; so fühlt man sich jest fast noch mehr zu der Untersuchung geneigt, was in dieser oder jener Periode für die Veredlung der Menschheit und das Glück der Nationen gethan, und wie weit das Reich einer vernünftigen und weisen Freyheit befördert oder gestört worden sey.

Diese Jdeen, welche den besten Geschichtschreibern alter und neuer Zeit vorgeschwebt haben, befördern den Fortgang der Kunst aus mehr als einem Grunde. Sie stellen nicht nur den Geschichtschreiber in einen Gesichtspunkt, in welchem er das Detail unbedeutender Vorfälle aus den Augen verliehrt; sondern sie sind auch allein im Stande, durch das ihnen beywohnende Interesse,

1795. das Gemüth zu beleben, und zu einer wahren Theilnahme an den vorzutragenden Begebenheiten hinzureißen. Aber eben das war es, was unsern Geschichtsschreibern mangelte. Sie unterschieden das Bedeutende allzuwenig von dem Unbedeutenden; und da die Dinge, auf welche sie ihre Augen zu richten pflegten, eine unmittelbare Theilnahme unmöglich erregen konnten, so schrieben fie entweder mit einer ermüdenden Trockenheit, oder wurden, indem sie Blumen auszustreuen bemüht waren, gesucht und frostig.

Nun kann ich Ihnen aber einige Geschichtschreiber bekannt machen, welche männlich denken, und mit Kraft und Gefühl schreiben. Ich werde mich dabey an keine chronologische Ordnung binden. Der erste, welcher mir in die Hände fällt, soll auch der erste seyn, über den ich mich mit Ihnen unterhalte.

Ein Dichter, in dessen ersten jugendlichen Versuchen Sie, trok aller ihrer Abentheuerlichkeiten, die ungemeine Kraft der Darstellung und die Stärke des Colorits bewunderten, der aber seit geraumer Zeit die Beschäftigung mit der Poesie verlassen zu haben scheint, um sich der Philosophie zu widmen, mit einem Worte, Schiller hat, nach einigen kleinen historischen Versuchen, die Bahn der Geschichte mit einem Werke **) betreten, das zu den größten Erwartungen berechtiget, wenn er sich diesem Studium mit einem anhaltendern Eifer widmen wollte. Er zeigt alle die Eigenschaften, welche dem wahren Geschichtschreiber unentbehrlich sind. Einen tiefen Blick in das Innere der Begebenheiten und der Charaktere; eine scharfe Beurtheilungskraft in der Wahl und Anordnung der Begebenheiten; ein lebhaftes Gefühl von der Würde seines Berufs, und die mit demselben verbundene Unpartheylichkeit; ein seltenes Talent, den Vortrag zu beleben und anziehend zu machen. Eigenschaften, welche ihn auf den Gipfel der Vollkommenheit geführt haben würden, wenn fie mit einer größern Gleichförmigkeit und Einfalt des Ausdrucks verbunden wären. Indessen hat dieser Schriftsteller sowohl in andern Werken, als auch in dieser Geschichte des Abfalls der Niederlande selbst, so viele Proben gegeben, daß er einfach, edel und schön zu gleicher Zeit schreiben könne, daß ich die Hoffnung noch gar nicht aufgebe, ein in Materie und Form vollendetes Werk aus seiner Feder- fließen zu sehn.

Den Gesichtspunkt, aus welchem die niederländischen Unruhen in diesem Werke betrachtet, und den Geist, mit welchem sie be=

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handelt sind, können Sie am besten aus der Darlegung der Gründe 1795. kennen lernen, die den Verfasser zur Bearbeitung dieses Theiles der Geschichte bewogen haben. Es ist, sagt er, nicht das Außerordentliche oder Heroische dieser Begebenheit, was mich anreizt, fie zu beschreiben. Die Jahrbücher der Welt haben uns ähnliche Unternehmungen aufbewahrt, die in der Anlage noch kühner, in der Ausführung noch glänzender erscheinen. Auch erwarte man hier keine hervorragende, kolossalische Menschen, keine der erstaunenswürdigen Thaten, die uns die Geschichte vergangener Zeiten in so reichlicher Fülle darbietet. Jene Zeiten sind vorbey, jene Menschen sind nicht mehr. Das Volk, welches wir hier auftreten sehn, war das friedfertigste dieses Welttheils, und weniger als alle seine Nachbarn jenes Heldengeists fähig, der auch der geringfügigsten Handlung einen höhern Schwung giebt. Der Drang der Umstände überraschte es mit seiner eignen Kraft, und nöthigte ihm eine vorübergehende Größe auf, die es nie haben sollte, und vielleicht nie wieder haben wird. Die Kraft also, womit es handelte, ist unter uns nicht verschwunden; der glückliche Erfolg, der sein Wagstück krönte, ist auch uns nicht versagt, wenn die Zeitläufte wiederkehren, und ähnliche Anlässe uns zu ähnlichen Thaten rufen. Es ist also gerade der Mangel an heroischer Größe, was diese Begebenheit eigenthümlich und unterrichtend macht; und wenn sich andere zum Zweck sezen, die Überlegenheit des Genies über den Zufall zu zeigen, so stelle ich hier ein Gemälde auf, wo die Noth das Genie erschuf, und die Zufälle Helden machten.

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Beynahe ein Drittheil dieses Bandes ist der Entwicklung der Umstände gewidmet, welche jene wichtigen Begebenheiten hervorgebracht haben. Auf eine lichtvolle und befriedigende Weise erklärt der Verfasser die Möglichkeit des scheinbaren Wunders, durch welches ein eingeschränktes, zum Theil armes Volk die unermeßlichen Hülfsquellen Philipp II. erschöpfte, und sich um eben die Zeit zur Macht und zum Wohlstande erhob, wo die spanische Monarchie in Ohnmacht und Dürftigkeit niedersank. Er geht bey dieser Gelegenheit bis auf die ältesten Zeiten zurück. In einer interessanten Parallele zeigt er die Aehnlichkeit, welche sich zwischen dem Kampfe der Niederländer mit der spanischen Monarchie und den Kriegen der Belgier gegen den römischen Despotismus findet. Er sucht die Quellen des Wohlstandes auf, zu welchem die Nieder

1795. lande in dem Mittelalter gelangt waren, und findet dieselben in ihrer geographischen Lage und in der Verfassung ihres Landes, welche Carl der fünfte, bey aller Eigenmächtigkeit, doch in so weit unverlegt bestehen ließ, als der Handel und Reichthum dieser Provinzen von derselben abhängig war. Er macht bey dieser Gelegenheit die richtige Bemerkung, daß glücklicherweise die entgegengesettesten Entwürfe der Herrschsucht und der uneigennützigsten Menschenliebe oft auf eins führen, und die bürgerliche Wohl= fahrt, die sich ein Marcus Aurelius zum Ziele sezt, unter einem Ludwig und August doch gelegentlich befördert wird. Das Gebiet eines denkenden Despoten, seht er hinzu, hat darum oft die lachende Außenseite jenes gesegneten Landes, dem ein Weiser das Gesetzbuch schrieb, und dieser täuschende Schein kann das Urtheil des Geschichtschreibers irre führen. Aber er hebe die verführerische Hülle auf, so wird ihn ein neuer Anblick belehren, wie wenig bey der Macht des Staates das Wohl der Individuen zu Rathe gezogen worden, und wie weit noch der Abstand ist von einem blühenden Reiche zu einem glücklichen.

Da unter den Veranlassungen des niederländischen Aufstandes der Glaubenszwang einen ganz vorzüglichen Plaz einnimmt, so hat sich der Verf. hiebei am längsten verweilt, und die beyden einander entgegen gesezten Systeme, der katholischen Intoleranz, welche dem Despotismus seine stärksten Waffen gab, und der protestantischen Glaubensfreyheit mit großer Unpartheylichkeit dargestellt. Mit Vergnügen werden sie hier die Umstände, welche der Sache des Protestantismus in den Augen der Fürsten ein so verhaßtes Ansehn gab, in wenige Worte zusammengedrängt lesen: Der Damm, der die menschliche Vernunft so viele Jahrhunderte lang von der Wahrheit abgewehrt hatte, war zu schnell weggerissen, als daß der losbrechende Strom nicht über sein angewiesenes Bette hätte austreten sollen. Der wieder auflebende Geist der Freyheit und der Prüfung, der doch nur in den Gränzen der Religionsfragen hätte verharren sollen, untersuchte jezt auch die Rechte der Könige. Da man anfangs nur eiserne Fesseln brach, wollte man zulezt auch die rechtmäßigsten und nothwendigsten Bande zerreißen. Die Bücher der Schrift, die nun allgemeiner geworden waren, mußten jezt dem abentheuerlichsten Fanatismus eben so gut Gift, als der aufrichtigsten Wahrheitsliebe Licht und Nahrung borgen. Die gute Sache hatte den schlimmen

Weg der Rebellion wählen müssen, und nun erfolgte, was immer 1795. erfolgen wird, so lange Menschen Menschen seyn werden. Auch die schlimme Sache, die mit jener nichts als das gesezwidrige Mittel gemein hatte, durch diese Verwandschaft dreister gemacht, erschien in ihrer Gesellschaft, und wurde mit ihr verwechselt. Luther hatte gegen die Anbetung der Heiligen geeifert; jeder freche Bube, der in ihre Kirchen und Klöster brach, hieß jezt Lutheraner. Die Faction, die Raubsucht, der Schwindelgeist, die Unzucht kleideten sich in seine Farbe, die ungeheuersten Verbrecher bekannten sich vor dem Richter zu seiner Sekte. Die Reformation hatte den römischen Bischof zu der fehlenden Menschheit herabgezogen; eine rasende Bande, vom Hunger begeistert, will allen Unterschied der Stände vernichtet wissen. Natürlich, daß eine Lehre, die sich dem Staate nur von ihrer verderblichen Seite ankündigt, einen Monarchen nicht mit sich aussöhnen konnte, der schon so viele Ursachen hatte, sie zu vertilgen, und kein Wunder also, daß er die Waffen gegen sie benußte, die sie ihm selbst aufgedrungen hatte."

Ich würde nicht fertig werden, wenn ich Ihnen alle die glücklichen Bemerkungen, die treffenden Gemählde, die scharfsinnigen Urtheile auszeichnen wollte, die ich mir angemerkt habe. Die EinLeitung bietet deren vorzüglich eine beträchtliche Menge dar. Aber zugleich kann ich doch nicht unbemerkt lassen, daß sich der Verfasser gerade in diesem Theile seines Werkes am weitesten von der guten historischen Schreibart entfernt zu haben scheint. Er giebt ihr bisweilen einen so poetischen Anstrich, daß man gar nicht mehr glaubt, einen Geschichtschreiber, sondern einen Redner zu lesen. Die Stellen dieser Art sind bisweilen vortreflich; aber sie find außer dem Tone, und ich fürchte, daß gerade ihre Vortreflichkeit den Geschmack der Leser bestechen, und sie gegen die einfachern Schönheiten des wahren historischen Styls unempfindlich machen dürfte.

Könnte wohl die Sprache der feyerlichsten Rede poetischer seyn, als sie es in folgender Stelle über die spanische Inquisition ist? — „ein schreckliches Tribunal, dessen unmenschliche Proceduren uns noch in der Beschreibung durchschauern. Wohin sie ihren Fuß sezte, folgte ihr die Verwüstung; aber so hat fie in keiner andern Weltgegend gewüthet.

Braun, Schiller. II.

wie in Spanien Die Todten ver

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