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1795. höchsten Ausbildung des Schönheitsgefühls, sogar bey dem sorgfältigsten Anbau der geselligen Tugenden und der sympathetischen Triebe, bleibt der Mensch im Staate noch immer ein zahm gemachter Wolf, der gewiß wieder beißt, wenn in ihm seine alte Natur wieder wach wird. Unmittelbar der moralischen Zucht muß er untergeben werden, wenn er nicht das bösartigste aller Thiere seyn soll. Das ausgebildetste und zarteste Schönheitsgefühl war es, das zuerst den teufelischen Einfall eingab, den Menschen zu entmannen, um seine Jugendblüthe und den zarten Umriß des jugendlichen Körpers einige Jahre länger hinzuhalten.

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Müde von der verdrießlichsten aller Arbeiten, von nichts als von Fehlern und Irrthümern sprechen zu müssen, wollen wir zum Beschluß eine herrliche Stelle herseßen, mit welcher der V. den 15. Brief beschließt. Es ist von der Juno Ludovisi die Rede: In sich selbst ruht und wohnt die ganze Gestalt, eine völlig geschlossene Schöpfung, und als wenn sie jenseits des Raums wäre, ohne Nachgeben, ohne Widerstand; da ist keine Kraft, die die mit Kräften kämpfte, keine Blöße, wo die Zeitlichkeit einbrechen könnte." Meisterhaft und unnachahmlich! Hier ist der V. in seiner eigentlichen Sphäre, und o! wenn er sich doch nie daraus entfernte! Aber sobald er Erscheinungen erklärt, ist er verloren. So sieht er auch hier der Juno nichts als den klaren Spieltrieb aus den Augen. Die Bemerkung, die der V. über die Griechischen Künstler macht: „sie löschten aus den Gesichtszügen ihres Ideals zugleich mit der Neigung auch alle Spuren des Willens aus, fie ließen sowohl den Ernst, und die Arbeit, welche die Wangen der Sterblichen furchen, als die nichtige Luft, die das Leere Angesicht glättet, aus der Stirn der seeligen Götter verschwinden," ist so wahr und so unvergleichlich gesagt! aber wie ist die Erscheinung erklärt? Aus dem Spieltriebe! Aus der edelsten Nation des Erdbodens wird ein Haufen Lazaroni gemacht, und ihnen zum Idol das Far-niente gegeben. Die Ursach jener Bildung der Griechischen Gesichter lag in einer größern organischen Kraft, durch welche sich die andern Kräfte einander mit gleicher Stärke anzogen und banden, und so ein festes vollendetes Ganzes bildeten. Daher das scheinbare Rohe und Geistlose in den alten Büsten. Hier ist das eigentlich Schöne zu finden. Bey uns muß eine hervorstechende Neigung, ein ausgedrücktes Mißverhältniß unter den Seelenkräften, eine sonderbare Bestimmung des Willens

dem Gesichte das Interessante geben. Wir haben für jene 1795. rohe, aber starke und schöne Natur, nur die Fadheit des homme d'esprit eingetauscht.

III. Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. Scheint ein Versuch zu seyn, den Französischen Erzählungston im Deutschen einzuführen. Oft glaubt man das galante Sachsen zu lesen.

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IV. Ueber Belebung und Erhöhung des reinen Interesses für Wahrheit. Es ist eine wichtige Frage für jeden, der die Würde der Vernunft in sich behaupten will: was habe ich zu thun, um reines Interesse für Wahrheit in mir zu erwecken?" Diese Frage ist etwas ganz Ungedenkliches. Wer nicht Interesse für Wahrheit hat, kann sich auch nicht bekümmern, es zu erlangen, so wie der, der etwas nicht wünscht, nicht wünschen kann, daß er es wünschen möge. Uebrigens führt der Verfasser den bekannten Saß aus: daß man bey seinen Untersuchungen nicht schon auf ein gewisses Resultat hintreiben müsse, sondern daß die Wahrheit ihrer selbst wegen zu suchen sey, indem man nur dadurch allein mit sich selbst übereinstimmen könne. Diesem reinen Interesse steht das Interesse für den bestimmten Inhalt der Säße entgegen. Die Hindernisse dieses reinen Interesse sezt der V. in Stolz und in Trägheit des Geistes. (Wo Trägheit des Geistes ist, da ist kein Interesse für Wahrheit, wo das Eine ist, kann das Andere nicht seyn, aber die Trägheit des Geistes ist so wenig ein Hinderniß des Interesse für Wahrheit zu nennen, als Armuth ein Hinderniß des Reichthums ist.) Um nun das reine Interesse zu erhöhen, schlägt der V. vor: 1) das unreine auszurotten, 2) sich jedem Genusse zu überlassen, den das reine Interesse für Wahrheit gewährt. (Sonderbar! um Interesse zu erlangen, soll man Interesse haben! Heißt das nicht, dem Kranken vorschlagen, daß er, um besser zu werden: 1) sich die Krankheit vom Halse schaffen, und 2) sich in den Zustand der Gesundheit verseßen müsse?)

V. Ideen zu einer künftigen Geschichte der Kunst. Es wird nun bald von aller bisherigen Geschichte der Kunst, gesprochen werden, und unser genialischer Winkelmann als ein Empiriker verworfen werden, der von keinem bestimmten Puncte ausging. Unser V. geht indessen noch den empirischen Weg, und will nur die merkwürdigsten Kunstwerke

1795. des Alterthums in eine solche Ordnung stellen, die den Gang, den die Kunst bey den Griechen genommen hat, überschauen läßt. Rec. hat hier durchaus nichts neues gefunden, und glaubt, daß man das, was der V. hier sagt, aus Winkelmanns classischem Werke mit weit mehr Vergnügen und Belehrung lernen könne.

VI. Ueber den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluß auf die organische Natur. Rec. gesteht, daß er nicht zu den Adepten gehört, die den geheimen Sinn dieses Aufsages zu deuten vermögen. Der V. scheint genau zu wissen, was die Natur eigentlich bey Aufstellung zwey verschiedener Geschlechter im Sinne gehabt hat. Die Zeugung scheint nicht die alleinige Bestimmung derselben zu seyn, sondern die Natur konnte nur dadurch, daß sie zwey einander entgegen wirkende Kräfte auf diese Weise einander entgegenseßte als ein Ganzes zusammengehalten werden. Die Weisheit des V. scheint die Weisheit des Korans zu seyn, welcher die ganze Natur in eine männliche und weibliche Hälfte theilte, und der Prophet, der den rechten Flügel des Cherubs ein Männchen, und den linken ein Weibchen seyn ließ, scheint auch von der Secte gewesen zu seyn, zu welcher unser Verfasser gehört. Er statuiert männliche und weibliche Genies, und Genies wie Sophocles sind ihm geschlechtslose. Man sollte glauben, daß seyen Zwidder-Genies. Welche bizarre Einfälle! der menschliche Verstand muß nun einmal Analogien verfolgen, aber sie so übertreiben ist ekelhaft! S. 107 ward Rec. ganz heiß; er vermuthete die abendtheuerliche Grille des Moscherosch wieder zu finden, der zur Erzeugung jedes Gedankens eine Begattung im Gehirne vorgehen ließ. Etwas Aehnliches findet sich freylich hier, nur, wie es sich von selbst versteht, den Bedürfnissen des Zeitalters gemäß, vorgetragen. Man hätte von dem V. wohl in dieser Abhandlung eine Erläuterung über die berüchtigte Behauptung: daß die Weiber keine Menschen sehen, erwarten können. Rec. hörte einmal einen scharfsinnigen Anthropologen sagen, daß diese Behauptung in gewisser Rücksicht so falsch nicht sey, das Weib wäre durchaus Geschlecht, und bey ihm beziehe sich alles aufs Geschlecht, es könne nicht essen, trinken, verdauen, ohne daß das Geschlecht ins Spiel komme. Daher könne es die Welt nicht so erkennen, wie der Mann, indem es sie nur in Beziehung auf ihr Geschlecht erkenne, da hingegen der Mann, der eigentlich ohne

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Geschlecht sey, die Welt zu erkennen strebte. Rec. scheint, als 1795. ob in diesem Gedanken mehr Wahrheit und mehr Aufschluß über den Geschlechtsunterschied liege, als in diesem ganzen Aufsage troz seines Ansehens von Wichtigkeit und Neuheit. Noch muß Rec. bemerken, daß der Verf. behauptet, daß die physische Natur unläugbar nur ein großes Ganze (Ganzes) mit der moralischen ausmache, und daß die Erscheinungen in beyden nur einerley Gesezen gehorchen, doch hat er, einige Seiten darauf, die rühmliche Inconsequenz, die Freyheit, das große Vorrecht der Geisterwelt zu nennen, nur daß die Natur diese Freyheit auch zuweilen in ihr Gebiet hinüber zu ziehen strebe, welches wunderbar anzusehen sey. (Es wäre zu wünschen, daß der V. einmal Jemanden riefe, wenn er dieß wahrnimmt, damit wir Andern dieß doch auch einmal sehen. — Ueberhaupt ist in diesem Aufsage das Manöuvriren, Manierieren, Kokettieren der Schriftsteller so recht sichtbar. Um dem Ganzen den Schein von einem Resultate zu geben, sagt der Verf. am Ende, daß es dieß nun eigentlich sey, was der ahnende Weisheitssinn der Griechen schon im Mythus vom Chaos und Eros gedichtet. Sollte man nicht glauben, daß hier das, was die Griechen in jenem Mythus nur geahndet, hier nach Naturgesehen erklärt sey? aber man lese nur! Eben so gut könnte der Urheber jener Dichtung, wenn er diesen Aufsatz läse, sagen: daß der V. mit ihm beynahe auf demselben Wege sey.)

VII. Das eigene Schicksal. Der V. führt hier den Saß aus: „Jedermann ist seines Glückes Schmied,“ nur freylich nach neuester Manier. Dein Schicksal ist der Nachklang, das Resultat deines Characters, denn angulus incidentiae est aequalis angulo reflexionis. Man lese nur! Uebrigens ein unwahrer, liebloser Sah! Besser hat es gewiß jener Alte getroffen, welcher ausrief: Vater Zevs, von wie vielen Uebeln würdest du Menschen befreyen, wenn du jedem sagen wolltest, was er aus fid, felbft madjen fole. (ποιω τω δαιμονι χεωνται.)

VIII. Dante's Hölle. Ich dächte, wir ließen dieses verbrannte Gehirn! Ein unseliges Bemühen, diese gestaltlose Masse in zierliche terze rime auszudrechseln, welcher man sobald müde wird.

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IX. Entzüdung des las Casas, oder Quellen der Seelenruhe. Mittelmäßig.

Braun, Schiller. II.

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1795. X. Ueber die männliche und weibliche Form. Unvollendet. Was der V. über den verschiedenen Ausdruck der Weiblichkeit sagt, wie er in der Venus, Diana, Minerva und Juno dargestellt ist, ist gut und lesenswerth. Weniger befriedigend ist das, was er über den Character der Männlichkeit sagt. Die Manier ist die von VI.

Von einem Recensenten, der seine Unzufriedenheit mit einem Producte der Litteratur ohne Rückhalt an den Tag gelegt hat, glaubt man gemeiniglich, daß er sein Müthlein gekühlt habe. Eine traurige und niederschlagende Erfahrung! Man fann sich nicht einbilden, daß Jemand ein etwas lebhafteres Interesse für eine Sache faffe, die nicht unmittelbar mit ihm zusammenhängt, und daß man bloß darüber entrüstet werden könne, daß etwas nicht so ist, als es seyn soll. Man glaubt deshalb, daß da Bosheit zum Grunde liegen, geheime Absichten angelegt, eine Leidenschaft befriedigt seyn müsse. Ein andrer Theil des Publicums ist mit einem Aberglauben behaftet, der der lächerlichste ist, der es geben kann, den litterärischen. Diese Leute sind sehr geneigt, sich Respect und Ehrerbietung einflößen zu lassen, und sobald es ein Schriftsteller erst dahin bey ihnen gebracht hat, so sehen sie jede unbefangene Beurtheilung desselben, die seine Schwächen aufdeckt, für eine Lästerung an, und wissen nicht, wie sie dem Frevler begegnen sollen, der seine Hand an den Gesalbten der Litteratur legt. Unsere Schriftsteller wissen diese schwachen Seelen auch sehr geschickt in ihren Glauben zu bestärken, und sobald sich einer im Publico regt, der ihnen gefährlich werden könnte, so suchen sie ihn frühzeitig genug mit Verachtung zu überschütten, und können die Nase nicht hoch genug gegen ihn rümpfen. Da ist Pöbelhaftigkeit, litterärischer Sansculottismus, das gewöhnlichste, was ihm entgegen geworfen wird. Rec. ist es sehr gleichgültig, mit welchem Namen man ihn belegen wird, und er wiederholt öffentlich sein Glaubensbekenntniß: daß dieß Journal, wenn es auf dem Wege bleibt, den es eingeschlagen hat, für deutsche Bildung nun und nimmermehr etwas thun werde.

Ueberhaupt scheint eine Wirkung aufs Allgemeine von unsrer Litteratur nicht mehr zu erwarten zu seyn. Ein Schriftsteller muß sich bey uns immer erst sein Publicum machen. Er muß einen Theil desselben sich ähnlich machen, er muß es anstecen,

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