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1799. reichen, indem das Herz des Vaters, der seinen Sohn am Rande des Grabes oder als Verräther zurückläßt, dem Herzen des treuen Unterthanen erliegen muß.

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Das Gemisch von planvoller Vorsicht und leicht reger Herzlichkeit Octavios hat Iffland in Stimme, Gestalt, Bewegung und Blicken stets hervorkommen lassen. Auflauernd und empfindungsvoll zugleich waren seine Augen bei manchen Wendungen seines Gespräches mit Max, der Ton, welcher einen Zweck erreichen wollte, löste sich plötzlich in reine herzliche Laute auf, und die kaum noch zurückgebogne schlaue Gestalt ward von dem Herzen vorwärts gezogen. Besonders ging von seinem Spiel das vor= nehmste Leben über die Szene beim Bankett aus. Hier mußte seine Aufmerksamkeit entdecken, wie seine Rolle endigen werde, und hier war die gefährlichste Klippe, daß man keinen Argwohn auf ihn werfe. Er war emfig bemüht zu sprechen, als merke er auf nichts, und sah doch alles; wie längst entschlossen und sorglos ging er mit raschen festen Schritten hin, um die Eidesformel zu unterschreiben, und durchforscht sie doch mit den Augen; wie Buttler, Terzky und Jllo vertraut reden, schreitet er nicht schleichend, sondern fest vorbei, um sich einen Becher Wein zu hohlen; er höret und niemand von der Gesellschaft kann es bemerken, daß er horchet.

Dieses ununterbrochene Spiel, welches eben so sehr ein Werk des Fleißes als des Genies ist, diese Fülle von feinen Zügen, kann unmöglich vornehmlich bei sehr zusammengesezten Darstellungen nach dem ganzen Zusammenhange vom Zuschauer bemerkt werden, und der Künstler muß sich damit trösten, daß er sich selbst genug thue und zu dem Ganzen der Darstellung, oft ohne daß sein Verdienst geahndet wird, das Seinige beitrage. Selbst wenn die Aufmerksamkeit aller Zuschauer von ihm ganz abgelenkt wird, spielt der große Künstler fort, und bringt seine Anstrengung einzig der Kunst zum Opfer.

Das erste Erforderniß beim Schauspieler, welches aber unglaublich oft und leichtsinnig vernachlässiget wird, ist ohne Zweifel, daß man ihn gänzlich verstehen könne. Auch nicht der leiseste Laut Ifflands entging selbst in der Ferne dem Zuhörer. Doch strengte er seine Stimme niemals so an, daß er sie nicht in seiner ganzen Gewalt behalten und dem Verse nicht seine ganze Harmonie hätte lassen können. Zu stark ließ er denselben nie

hervortönen, man würde, wenn er allein gesprochen hätte, und 1799. man nicht durch andere daran erinnert wäre, daß ein ungewohnter Fall der Rede herrsche, sich ohne es zu merken von dem wohllautenden Strom seiner Rede, der zum Herzen eines jeden Zuhörers drang, haben hinreißen lassen. In folgender Stelle, die zugleich die wichtigste für die Beurtheilung Octavios ist, war der Triumpf seiner Deklamazion.

Octavio.

Mein Sohn! laß uns die alten engen Ordnungen
Gering nicht achten! unschäßbare, theure
Gewichte sinds, die der bedrängte Mensch
An seiner Dränger raschen Willen band,
Denn immer war die Willkühr fürchterlich.
Der Weg der Ordnung, ging er auch durch Krümmen,
Er ist kein Umweg. Grad aus geht des Blizes,
Geht des Kanonballs fürchterlicher Pfad
Schnell, auf dem nächsten Wege langt er an,
Macht sich zermalmend Plaß um zu zermalmen.
Mein Sohn! die Straße die der Mensch befährt,
Worauf der Segen wandelt, diese folgt
Der Flüsse Lauf, der Thäler freien Krümmen,
Umgeht das Weizenfeld, den Rebenhügel,
Des Eigenthums heilge Grenzen ehrend,
So führt sie später, sicher doch zum Ziel.

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Mit Rührung in Gestalt, Blick und Stimme wurden diese Zeilen gesagt; aber keine Malerei mit den Händen oder durch Bewegungen, ein leises Erheben des Armes ausgenommen, zerstreute die hervorquillende Kraft. Der Künstler war versunken in Anschauung des Gedankens, des Bildes, und gleichsam unwillkührlich malte der Wechsel seiner Stimme die Gegenstände, welche vor seiner Seele vorbeigingen.

Diese Ruhe, in welcher die lebendigste Darstellung wohnet, war es vorzüglich, was man bei Mattausch vermißte, welchem die seelenvolle Rolle des Max Piccolomini zu Theil geworden. Jugendliche Kraft, Gestalt, ein gewisser herzlicher Ausdruck, und einnehmende Offenheit sind Gaben, die ihm zu dieser Rolle nicht entstehn; aber das himmelanstrebende in dem herrlichen Jüngling,

1799. wodurch seine Liebe so geistig, seine Sittlichkeit so wunderbar rein, schien in seine Seele nicht gekommen zu seyn; er äusserte keine Religion der Gefühle, und ließ dem Dichter nie weniger Gerechtigkeit widerfahren, als in den Stellen, wo Mar beschreibt, wie es seinem liebenden Herzen Bedürfniß geworden, den Tempel zu suchen, wie er in der Welt der Fabel, der Götter sich mit seiner Liebe hinaufsehne. Der Zögling des Lagers sprang zu sehr hervor, und wir glaubten nicht an die Verwandlung, welche die Allmacht der Liebe mit dem Jüngling vorgenommen hatte. Am unangenehmsten wurde man an jenen erinnert, wenn Max mit einiger Bitterkeit, einigem Spotte redet. Ein solcher Jüngling spricht nur mit Würde und stolzem Selbstgefühl, und hat z. B. die. Worte

Wenn Du geglaubt, ich werde eine Rolle
In Deinem Spiele spielen, hast Du Dich
In mir verrechnet!

gewiß seinem Vater nicht in einem heftigen, schneidenden Tone zugerufen. Selbst jene Reden, die auch bei dem phantasievollen Menschen einige äussere Malerei vertragen, verloren ihren eigenthümlichen Charakter, indem die Malerei unleidlich stark aufgetragen wurde. Zu dem herrlichsten gehört folgendes, was Max sagt:

O schöner Tag, wenn endlich der Soldat
Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit,
Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten,
Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch.
u. s. w.

Alles, was hier als Segen des Friedens hervortritt, ist jedem Menschen so begreiflich, so bekannt, daß dem Zuschauer diese Bilder durch Gestikulazionen nicht vor den äussern Sinn geführt zu werden brauchen. Nur dem überströmenden Gefühle, dem Bedürfnisse des Redenden selbst verzeiht man hier die Malerei durch Geberden und Bewegung; man bezweifelt aber selbst dieses Bedürfniß, wenn der Schauspieler seinen Hut abnimmt und zeigt, wie die Mayen des Friedens auf demselben stehn werden, wenn er die kleine Gerte mit den Händen malet und den breiten Baum u. s. w.

Alle Lieblichkeit Theklas hat Mad. Fleck dargestellt, und die 1799. feste Bestimmtheit ihrer anmuthigen Stimme beschrieb eben so siegreich den feinen Verstand, als den hohen Sinn der Tochter Wallensteins. Wie lebendig, und doch wieder wie still und sinnig war alles an dieser vortrefflichen Schauspielerin! Die wahrhaft große Besonnenheit, welche Thekla troh dem heftigen Wallen ihres Herzens behält, ohne daß sie ihr die geringste Anstrengung verursacht, lag in ihrer Heiterkeit vor uns; an der Darstellerin erschien alles, wie eine schöne Gabe der Natur, ganz wie es bei der Dargestellten der Fall ist. Den tragischen Kontrast, daß eine solche Liebe, wie Thekla und Max hegen, mit dem ungeheuren. Beginnen Wallensteins in Verbindung gesetzt ist, umgab die Künstlerin mit allem schauerlichen Gewölke der Ahndung; und deshalb waren die Verse, worin sie den finstern Geist, der durch das väterliche Haus gehe, und die himmlische Gewalt beschreibt, welche dennoch ihr Herz umschlinge, von unermeßlicher Wirkung für jeden nicht ganz abgestumpften Zuschauer. Das Grauen wandelte von ihren Lippen bei den ersten Zeilen, das Schrecken beim Schluß der Verse, und in der Mitte hauchte das Entzücken. der Liebe so wunderbar, daß der Zuhörer ihr selbst die Worte zurufen möchte:

Es zieht mich fort mit göttlicher Gewalt, u. s. w.

Mit Genialität nahm Fleck die meisten Seiten in Wallensteins Charakter auf. Die geheimnißvolle Verschlossenheit, die Zweifelsucht, den Stolz desselben hat er in Geberde und Deklamazion ganz gegeben. Schwerer war es, den Einfluß darzustellen, welchen die Geheimnisse der Astrologie auf sein Wesen gehabt haben. Auch dieses gelang dem Künstler. In dem angezognen Tone, in dem gleichsam träumenden Auge nahm man oft die innern Visionen wahr. Überhaupt war in der Deklamazion eine fast schreckende Wahrheit. Die Beschreibung der Nacht vor der Schlacht bei Lüßen wurde vielleicht mit der auffallendsten Kunst gegeben. Dumpf und geisterähnlich war die Stimme, so lange der Traum beschrieben wurde; Erwachen und Überraschung malte dann jeder Ton. Bisweilen aber opferte der Künstler dem zu großen Streben nach dem wahrsten Ausdrucke die Schönheit des Verses auf, und die muß doch immer hervortönen, wenn es wahr ist, daß nur ein versifizirtes dramatisches Gedicht ein vollendetes

1799. heissen kann. Eben so sind Würde und Abgemessenheit des An= standes bisweilen vernachläßigt worden, weil sie der Schauspieler über der Darstellung des innern Wallenstein vergaß.

Den Geist der Intrigue, der Schadenfreude, des durchaus von seinem Willen nicht ablassenden Weibes hat Mad. Eunike in der Gräfin Terzky nicht verfehlt; aber man würde den Generalissimus lieber entschuldigt haben, daß er fiel, wenn die Überredung mehr auf ihren Lippen gewohnt hätte. Dies würde mehr der Fall gewesen seyn, wenn sie ihre Stimme in einem gewissen tiefen Ton, welcher sehr glücklich ist, erhalten könnte. Sobald sie aus demselben hinausgeht, verliehrt sie das Maaß für ihre Deklamazion.

Mit Überlegung hat der Dichter den Mann eines herrschsüchtigen Weibes, wie die Gräfin ist, und den gehorsamen Unterhändler Wallensteins ganz unbestimmt gelassen, und mit Recht that Beschort, welcher den Grafen Terzky spielte, nichts hinzu. Zwei andre Rollen, der Astrolog und der Hofkriegsrath Questenberg sind eigentlich blos Repräsentanten ihres Amtes ohne persönliche Individualität, ausser daß man bei diesem letzten ein gefühlvolles Herz ahndet. Diese Ahndung erhob Schwadke durch sein Spiel zur Gewißheit: sonst ließ er den Hofkriegsrath unverändert. Obgleich ohne Zweifel einer von den vorzüglicheren Schauspielern, ist er, wie es scheint, unter ihnen derjenige welcher am wenigsten charakteristische Züge seiner eigenen Natur zu überwinden hat. Daher mochte er den Hofkriegsrath am besten darstellen können, wiewohl es auffällt, daß ein kaiserlicher Minister, der schon eine ansehnliche Reihe von Jahren vorher einen wichtigen Auftrag bei dem Generalissimus ausgeführt hat, noch so jung ist.

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Unzelmann hat aus der zudringlichen Offenherzigkeit, dem Leichtsinne des Kroatengenerals, womit er über Tugend und Treue weggeht, wenn ihm nur die Fortseßung seines ausgelassenen Lebens möglich wird, sich ein Ganzes gebildet, das er vortrefflich darstellte. Er ist überhaupt einer von den wenigen Schauspielern, die in den Rollen, welche ihrem Talent angemessen sind, den Dichter ergänzen. So lebendig der Kellermeister im Schauspiele gezeichnet ist, hat ihn Greibe gegeben und es ist kein Tadel, wenn wir sagen, daß Kaseliz als Buttler den Reiter durchblicken ließ, von welchem sich der Oberste empor gearbeitet hatte.

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