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1797.

Und vor der Wahrheit mächt'gem Siege
Verschwindet jedes Werk der Lüge.

Von gewiß desto allgemeinerer Würkung die lehte Strophe:

Und wie nach hoffnungslosem Sehnen,
Nach banger Trennung bittrem Schmerz,
Ein Kind mit heißen Reuethränen
Sich stürzt an seiner Mutter Herz,
So führt zu seiner Jugend Hütten
Zu seiner Unschuld reinem Glück,
Vom fernen Ausland fremder Sitten
Den Flüchtling der Gesang zurück,
In der Natur getreuen Armen
Von falten Regeln zu erwarmen.

wo die drey hintereinander schallenden seinen dem Ohr jedoch etwas lästig werden. Ganz der Überschrift treu, und voll schönen Stellen ist das nicht kurze Gedicht, wo Hr. S. dem Verschwinden seiner Jugend-Ideale nachflagt. Eben das läßt sich von der Würde der Frauen rühmen, einem noch längern Stücke, wo sanfte Weiblichkeit gegen Männertroß auftritt, und da, wie natürlich, sehr zu ihrem Vortheil sich ausnimmt. Die ungleich hüpfendere Versart, worin die Sache des schönen Geschlechts verfochten wird, und zu oft wieder kommt, dürfte manchen Leser ermüden; den Umstand ungerechnet, daß durch das Ganze wohl eben so viel philosophische Aussprüche, als poetische Blumen verstreut sind. Am wenigsten blickt die Kunst des Dichters aus dem Pegasus in der Dienstbarkeit hervor: einer sechs Seiten langen Fabel, wo der arme Hippogryph die unwürdigste Behandlung sich muß gefallen lassen, ehe unter der Faust eines lustigen Dichtergesellen das edle Thier für seine Kräfte Bahn findet. Zu ein paar Dußend Zeilen gab der Einfall allerdings Stoff her; durch die übrigen hat Hr. S. von weiter nichts, als seiner Geschicklichkeit, wohlklingend zu amplificiren, eine Probe gegeben.

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Außer einer, dem Almanach besonders angehängten Sammlung von Gedichtchen, hat Göthe deren noch sieben zu dem Blumenkranz selbst aus seiner Schreibtafel beygesteuert. Sie

empfehlen sich insgesamt durch die Leichtigkeit, womit dieser glück- 1797. liche Kopf auch dem unbedeutendsten Gegenstand irgend etwas neues, schalkhaftes, anziehendes abzufragen, und mit der scheinbarsten Unbefangenheit aufs Papier zu werfen versteht. Wie sinnhaltig indeß, melodisch, und von der bequemsten Moral, die sich denken läßt, ist z. B. das zweyte der von ihm so benannten Kophtischen Liedchen:

Geh! gehorche meinen Winken,
Nuße deine jungen Tage,
Lerne zeitig flüger seyn.
Auf des Lebens großer Wage
Steht die Zunge selten ein.
Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphiren,
Ambos oder Hammer seyn.

Einen Nebenkranz ganz eignen Dufts erhielt der Almanach durch hundert und drey Gedichtchen, die unter dem Titel: Epigramme, Venedig 1790, in besonderer Abtheilung fortrollen, und wie schon oben gesagt, insgesamt den Herrn von Göthe zum Verfasser haben. Lauter kleine Stücke, aus Hexametern und Pentametern, oft zwey Zeilen nur, selten über ein halbes Dußend. Das hinter der Aufschrift stehende Motto: Hominem pagina nostra sapit, bewährt sich die ganze Centurie durch. Der Mensch nämlich mit allen seinen Begierden, Launen, Ungleichheiten, Inconsequenzen; und weil nichts, als dergleichen, am Ende doch aneckeln würde, das Ganze durch Localfarben aufgefrischt, die für den, der aus eigner Ansicht das sonderbare Venedig kennt, doppelt anziehend seyn müssen. Wie mahlerisch gleich das achte Gedichtchen, für jeden, der sich erinnert, daß diese bedeckten Fahrzeuge meist alle schwarz überzogen sind!

Diese Gondel vergleich ich der Wiege, sie schaukelt gefällig,
Und das Kästchen darauf scheint ein geräumiger Sarg.
Recht so! Zwischen Sarg und Wiege wir schwanken und
schweben
Auf dem großen Kanal, sorglos durchs Leben dahin.

1797.

Andre, und in nicht kleiner Zahl, find eben so sinnhaltig, aus eben so wahrer Natur geschöpft; doch konnten sie so gut auf dem Rhein oder in Westpreußen, überall mit einem Wort, wo der Dichter Muße genoß, auf seine Schreibtafel fallen, als zu Venedig; unter denen aber, woraus die Anomalien des menschlichen Herzens am treffendsten zurückspiegeln, giebt es mehr als eins, das vor wenig Jahren noch eh nämlich Lesesucht und Sittenverderbniß die Mädchen vor der Zeit flug gemacht — in jungfräulicher Hand Unheil genug hätten stiften sollen! Freylich weiß ein wißiger Kopf sich auf der Stelle zu helfen; wie z. B. Nro. 59:

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„Epigramme seyd nicht so frech!" Warum nicht? Wir sind nur Überschriften; die Welt hat die Kapitel des Buchs.

Sehr demüthigend indeß wär' es für Aufklärung sowohl, als Geschmack, wenn Unsittlichkeit, und immer mehr sieht es darnach aus doch endlich zum Dünger geworden, womit das Feld der Ästhetik sich allein noch befruchten ließe! Disticha, die etwa wie N. 66, oder das kürzere unter 46:

Dichten ist ein lustiges Handwerk, nur find ich es theuer;

Wie das Büchlein mir wächst, gehn die Zechinen mir fort.

durch ihren magern Gehalt mit dem sonstigen Übergewicht des Autors uns Leser wieder aussöhnen, giebt es nur wenig. Desto lehrreicher für junge Schöngeister ist der Schluß des 76sten, wo ein G. sich die Äußerung erlaubt, daß es dem Schicksal vielleicht gelungen wäre, ihn zum Dichter, xar' ë§oxyv versteht sich, auszubilden:

Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt.
Zwar liest man unter N. 29:

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Nur der Meisterschaft nah bracht' ich ein einzig Talent:
Deutsch zu schreiben

Allein die Epanorthose folgt auf dem Fuße nach:

und so verdarb ich unglücklicher Dichter
In dem schlechtesten Stoff, leider nun Leben und Kunst!

Es wird zu der Anzeige Zeit, daß durch acht in Musik gesezte 1797. Gedichtchen und Lieder, dieser Almanach auch für die Freunde der Tonkunst, hergebrachter Weise gesorgt habe. Beh einigen derselben giebt Hr. Reichardt sich als Componist an; und die auch seinen Namen nicht an der Stirn tragen, scheinen doch in seinem Geschmack zu seyn. Durch schönes Papier, überaus saubern und fehlerfreyen Druck, dessen lateinische Lettern das Auge gar nicht ermüden, und ein dem Inhalt sehr angemessenes Titelkupfer, empfiehlt die Blumenlese sich nicht weniger. Aus den drey Abschiedsstanzen an den Leser, die den ersten Abschnitt schließen, und aus der Feder des Herausgebers sind, sey es erlaubt, noch die mittelste zu heben:

Nicht länger wollen diese Lieder leben,
Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut,
Mit schönern Phantasien es umgeben,

Zu höheren Gefühlen es geweiht;

Zur fernern Nachwelt wollen sie nicht schweben,
Sie tönten, sie verhallen in der Zeit.

Des Augenblickes Lust hat sie geboren,
Sie fliegen fort im leichten Tanz der Horen.

Allerdings verdrängt ein Musenalmanach den andern! und seinen Merkur etwa ausgenommen, begnügte das ehedem so liederreiche Frankreich sich mit einem einzigen! Ein aus diesem Beet jedoch entsproßner, von diesem Gärtner gebundner Blumenstrauß ließ erwarten, daß er durch irgend etwas sich auszeichnen würde; und daß solches so und nicht anders geschehn, dafür ist man Beyträgern und Herausgeber Dank schuldig.

Rw.

Neue allgemeine deutsche Bibliothek, Kiel, 1797, 30. Band,
1. Stück, pag. 140—146.

1797.

Musen-Almanach für das Jahr 1797. Berausgegeben von Schiller. Tübingen, bey Cotta. VIII und 303 Seiten in tl. 8. Mit lateinischen Lettern, und einem von Bolt gestochnen Titeltupfer.

Die meisten Mitarbeiter und ihre Manier sind aus dem vorjährigen Kalender schon bekannt; aber nur wenige haben ihren Eifer für das neue Blumenbeet verdoppelt. Den Mückenschwarm von Distichen gar nicht in Anschlag gebracht, der zeitig schon zu summen anfängt, weiter hinein immer lästiger wird, und am Ende jeden Lustwandler im Haine der Musen blutgierig anpackt, giebt es in der ganzen Sammlung vielleicht keine sechs Stücke, die durch innern Gehalt, reizende Farbengebung, Wohlklang, oder Correctheit, sich ein bessers Schicksal als ihre ephemeren Nachbarn versprechen dürfen. Unter den neu hinzugekommenen Namen steht auch Herr Matthisson. Den Herrn von Steigentesch ausgenommen, dessen Herbarium nur ein, aber desto artigeres Blümchen sich entfaltender Liebe hergab, sezen die Uebrigen bloß ihre Anfangsbuchsstaben aufs Spiel. Der mit V sich bezeichnende Kopf mag wißig genug seyn; doch meinet Recensent, die Grundlinien der netten Allegorie über Reim, Verstand und Dichtkunst schon irgendwo in schlichter Prose angetroffen zu haben. — Unter den schon vom alten Beete her bekannten Gärtnern, nimmt die Arbeit des Herrn Fr. Schlegel, Pygmalion überschrieben, und durchaus wohlklingend, sich recht sehr aus. Schade nur, daß sie 35 Strophen lang, für lyrische Ergießung es also zu sehr ist, und selbst noch für Erzählung es bleibt. Zur Probe eine der Stellen, wo es eben nicht leicht war, etwas Neues und Anziehendes zu sagen.

Schöner Stein! In Paros kühlen Grüften
Hat die Dreade dir gelacht;

Ja, du wurdest aus den Felsenklüften
In beglückter Stund' hervorgebracht.
Von der Hand Pygmalions erkohren,
Reiner Marmor! wirst du neu gebohren;

"I

Was sein Stahl dir liebend raubt, vergilt „Tausendfach das holde Bild."

Die Herren Conz, Meyer, Neuffer und Woltmann

haben nur Kleinigkeiten eingereicht; Sophie Mereau aber ausser

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