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1797. Dem Mittheiler dieses in die Berliner Zeitungen auch eingerückten Referats hat Nikolais Anhang ganz dazu gemacht geschienen, Persönlichkeiten mit Persönlichkeiten zu erwiedern, und er nimmt weder an Göthe und Schiller, noch an Nikolai mehr Antheil, als daß er ihre Werke schäßt, und ihre Menschlichkeiten übersieht. J. W.

Oberdeutsche, allgemeine Litteraturzeitung, Salzburg, 1797, 20. und 22. februar.

Relation von dem durch die Xenien veranlaßten Wesen und
Unwesen in der litterårischen Welt;

in Briefen an einen außerhalb dieser Welt
lebenden Freund.

Erster Brief.

Wie wenig, m. Fr., haben Sie Ursache, sich zu beklagen, daß Sie Ihr Aufenthalt und Ihre Geschäfte von der Litteratur so entfernt haben! Es geht in der Litteraturwelt wie in der großen Menschenwelt. Des Alltäglichen, Gemeinen, ja Unedlen und Schlechten kommt viel zum Vorscheine; des Edlen und Vortrefflichen nur wenig. Wer in der großen Welt der Litteratur sich täglich umtreiben muß, ist ebenso übel daran, als der, welcher in der großen Welt der Menschen lebt. Wohl dem, welcher aus beiden scheiden, beide entbehren kann. Ihm allein ist möglich, fich des Edlen zu freuen, das Vortreffliche ruhig zu genießen; was uns andern, durch das Getümmel des Trosses, durch Thorheiten und Niedrigkeiten täglich verkümmert wird. Indessen, wie der Mensch nun ist! Er will, was er nicht soll. Sie wollen mit der gesammten neuen Litteratur fortgehen; und ich möchte nur einige wenige vortreffliche Werke lesen dürfen. Sie dringen in mich, die Wirkungen der Xenien und eine Übersicht des ganzen litterärischen Wesens und Unwesens, das dadurch veranlaßt worden ist, zu erhalten; und ich möchte etwas darum geben, daß ich nie etwas davon gesehen oder erfahren hätte. Indessen, lebte ich wie Sie, wer weiß, ob ich nicht wünschte wie Sie!

Daher sollen Sie mich denn auch unverdroffen finden, Ihren Wunsch möglichst zu befriedigen. Ihre litterärische Neugierde

mag volle Genüge haben; denn des Wesens ist gar viel getrieben 1797. und dauert noch immer fort. Überall, wohin man blickt, sieht man diese unseligen Wechselbälge der Musen an den Pranger gestellt, genect, mit faulen Äpfeln beworfen, oder bei den Haaren umher gezogen; auch wohl in Stücke zerrissen und, der Seltenheit wegen, gar anatomirt. Indessen fehlt es auch nicht an Nachbildungen, Contrefaits und Parodien! Denn welches Kunstjüngerlein oder welcher Kunstpfuscher möchte zurück bleiben, wo es so leicht ist, sich mit Meistern zu messen, und wohl gar über diese den Preis davon zu tragen?

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Die Musen, besonders Schillers und Göthens Musen, sagt man, sollen sich dieses ganzen Unwesens herzlich schämen; und man fürchtet, sie werden es nie wieder wagen, sich öffentlich zu zeigen. Die leichtsinnigen, übermüthigen Geschöpfe! ihnen geschieht schon recht. Allein, wie wohl ich ihnen diese Beschämung gern gönne; möchte ich doch nicht wünschen, daß es diese Folge hätte. Vielmehr hoffe ich, sie werden sich nun wieder ein wenig zusammen nehmen; um den Makel wieder auszulöschen, den sie selbst durch ihren boshaften Muthwillen auf ihren guten Ruf gebracht haben. Doch, Sie wollen eine genaue Übersicht, Kenntniß der erheblichsten Produkte, welche durch die Xenien ihre Existenz erhalten haben: nun dann; so waffnen Sie sich mit Geduld; Sie werden derselben bedürfen.

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Es war zu befürchten, daß, wie die Stimme in den Wald schallte, sie von diesem auch würde wiedergegeben werden." Denn theils konnte es nicht fehlen, daß die hämischen und groben Ausfälle der Xenien Empfindlichkeit erregen und reißen mußten; theils bot dies auch eine bequeme Gelegenheit dar, seine eignen Talente in dieser Rücksicht zu zeigen, als daß dieselbe so ganz unbenußt hätte bleiben sollen.

Außer mannigfältigen einzelnen Einfällen, die unmittelbar darüber gesagt, auch wohl abschriftlich in Umlauf gebracht wurden, erschien gleich anfangs eine ganze Sammlung Antixenien unter dem Titel:

Gegengeschenke an die Sudelköche von Jena und Weimar, von einigen dankbaren Gästen.

Man muß gestehen, daß dieselbe allerdings ganz dem Titel entspricht, denn diese Gegengeschenke sind der Geschenke in jedem

1797. Betrachte vollkommen würdig. Sie wetteifern mit denselben an Wik, (wiewohl sie doch, aller Anstrengung ungeachtet, hinter jenen wenigen wirklich sehr wißigen Xenien merklich zurückbleiben,) nicht minder aber auch an Grobheit, Bitterkeit, Bösartigkeit und Ungerechtigkeit.

Welches von den beiden eben angegebenen Motiven den oder die Verfasser dieser Epigramme bestimmt haben möge, diese Gegengeschenke vor dem Publikum aufzutischen, lasse ich dahin gestellt seyn. Vielleicht haben beide darin zusammengewirkt. Denn nicht füglich kann man, in einigen wenigstens, die Erbitterung übersehen, welche nur eine empfindliche persönliche Beleidigung in dem Grade, meinem Gefühle nach, bewirken kann. Und eben so glaube ich in andern wieder einen gewissen Kizel wahrzunehmen, dem Publikum zu zeigen, wie Schiller und Göthe, allein dergleichen Produkte hervorzubringen vermöchten. Daß sie übrigens ganz den Geist der Xenien athmen, also im Grunde um nichts edler oder unedler als jene sind, Sie davon zu überzeugen, wird es einiger Beispiele bedürfen; aber auch an einigen Beispielen, wie sie der Zufall mir in die Feder liefert, genügen.

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Hier nehmen Sie dieselben hin; und wenn sie Ihnen unangenehme Gefühle, mitunter gar Ekel erwecken; - auch wohl, wie Schmuß an Ihren Fingern kleben: so erinnern Sie sich, daß Sie selbst es so gewollt haben; also mir die Schuld nicht beimessen können.

Trauriger Irrthum.

Wie man sich irret! Wir glaubten den Marat todt und
begraben,
Siehe, da lebet der Schuft wieder am Saalgestad auf.

Kants Affe in Jena.

Was das Verächtlichste ist, von allen verächtlichen Dingen?
Wenn sich ein Affe bemüht, würdig und wichtig zu seyn.

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Auf eine gewisse Aeußerung.

Ein Alcide, wie ich, bringt schon Pygmäen zum Fliehen,
Ja, wie der Esel das Wild, wenn's für den Löwen ihn
nimmt.

Nikolai und Schiller.

Zärtlich hat Nikolai dich nicht behandelt, doch kannt' er,
Wahrlich' er kannte das (?) Kloß, das er zu spalten begann.

Derselbe an denselben.

Schwaben hab' ich durchreis't und manchen Schwaben gesehen:
Aber ein Schwabe, wie du, hat sich mir nirgends gezeigt.

Don Carlos.

Als jüngst Carlos vernahm, wie scheuslich ihn Schiller
verbildet,
Sprach er: was schlachtet der Narr mich denn zum zweiten
Mahl ab.

Die Geschichte der Niederlande.
Leere Träume die Menge und abgeschmackte Tiraden
Hat uns ein kecker Phantast hier für Geschichte verkauft.

Das nekrologische Thier.

Stürbe doch Schiller! Mich lüsterts so sehr nach seinem
Kadaver,

Halte, Prosektor, indeß immer dein Messer bereit.

Der Prosektor.

Nicht zu hizig. Es giebt hier wenig zu schneiden. Sie haben
Bei lebendigem Leib' und nach der Kunst ihn zerlegt.

Ursach der Verbeugung.

Meint denn der Hammel in Jena, wir wären so dumm, daß wir glaubten,

Er nur habe allein in dem Kalender gestust?
Ein mitstugender Bock aus Weimar hat ihm geholfen.
Ohne den stößigen Bock fehlt's dem Eunuchen an Kraft.

Diese Zeilen machen den Uebergang zu einem ähnlichen Angriffe auf Göthe; in welchem dieser gerade eben so behandelt wird, als Schiller. Ich kann nicht erwarten, daß Sie wünschen

1797.

1797. sollten, noch ebenfalls hiervon Proben zu sehen; weshalb ich mich der unangenehmen Mühe, sie abzuschreiben, gern überhebe. Denn, sagen Sie selbst, kann man sich dieser kleinen Mühe ohne die unangenehmsten Gefühle unterziehen? Muß man es nicht schmerzlich empfinden, daß die edle Kunst, welcher die Humanität so viel verdankt und verdanken könnte, auf eine so unedle Weise entweiht wird? Die Verfasser dieser Gegengeschenke scheinen das Erniedrigende ihrer Beschäftigung selbst gefühlt zu haben. Wenigstens werfen sie am Ende selbst, im Nahmen des Publikums, die Frage auf:

Aber was wird denn zuleht aus diesem Zanken und Schimpfen? und schließen mit der Abbitte an das Publikum:

Lieben Leute, verzeiht! was wir geben, sind wahre Sottisen.
Aber in dem Kriege geht's ohne Sottisen nicht ab.

Allein ist mit dieser Abbitte die Versündigung an der Humanität abgebüßt und ungeschehn gemacht? Hat denn diese nichts gegen das

Schimpft ihr, so schimpfen wir wieder,

einzuwenden? Und kann man ohne Unwillen diese Maxime des Pöbels, wäre es auch nur scherzend, in der Gelehrten- und Dichterwelt aufgenommen und nachgeahmt sehen?

Nein, wahrlich! was auch die Verfasser dieser Gegengeschenke für einen Zweckt sich dabei dachten, als sie dieselben entwarfen und dem Drucke übergaben; so haben sie sehr übel gethan. Hätten sie bedacht, daß auch der, wer wieder schimpfte, da er geschimpft wurde, nur sich selbst schimpft, sie würden geschwiegen haben. Der Gebildete, seine Würde Fühlende, geht in einem solchen Falle schweigend vorüber, wenn er der Beleidigte ist: und ist er Zuschauer oder Beobachter, so kann er es zwar für nüglich, selbst für pflichtmäßig halten, sein Mißfallen darüber zu äußern; allein er wird es mit Ruhe und Ernst thun. Oder hält er die Geißel des Spottes für besser, um den thörichten Dünkel zu züchtigen; so muß er sie, z. B. wie der Recensent in der Hamburger neuen Zeitung, (womit ich Sie in meinem nächsten Briefe bekannt machen werde,) zu führen verstehen, wenn er nicht die nachtheilige Wirkung befördern will, der er entgegen zu arbeiten

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