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ersprießlich werden: weil der große Haufen der Leser sich zu 1797. leicht vom Ansehen des Rufes blenden läßt, und der vernach= läßigten Arbeit, eines einmal mit gerechtem Beifall aufgenommenen Künstlers, den nämlichen Preis ertheilt, welcher seinem Meisterstücke gebührte, wodurch allmählig Künstler und Publikum gefährdet werden. Es ist also die Pflicht der Kampfrichter die Bahn rein zu halten und fegen zu lassen. Dafür sind sie da! Versuchen sie aber den Zuschauern Staub in die Augen zu streuen, um bloß ihre Freunde zu begünstigen, erheben sie selbst ein irreführendes Geschrei, dann hinaus mit ihnen vor die Schranken! Ja, wollte man ihnen sogar dieses Geschrei gelten lassen, in sofern sie dadurch dem Richteramt entsagen, Partei werden, und nur für Partei geachtet sein mögen, so dürfen sie sich doch keiner niedrigen Worte, feines tumultuarischen Betragens schuldig machen, wenn sich nicht allgemeiner Unwille gegen sie erheben, und die Ruhestörer von den Sigen gesitteter Zuschauer ausschließen soll.

Wie verfährt aber die Partei der Grünen, auf der pierischen Rennbahn? Von zwei kritischen Journalen, denen Deutschland wahrlich einen großen Theil der Fortschritte seines Geschmacks verdankt, zu deren Entstehung und Fortseßung viele der besten vaterländischen Köpfe sich vereinigten, wiewohl es ihnen, wie den Horen, unmöglich war, jedem ihrer Blätter gleich großen Wehrt zu ertheilen, schilt sie das eine: zehnmal gelesene Gedanken auf zehnmal bedrucktem Papiere, auf zerriebenem Bleistumpfen und bleiernem Wiß; und das andre: einen Rath des Gänsegeschlechts, ein Spittel für invalide Poeten, wo Gicht und Wassersucht von der Schwindsucht gepflegt wird. Ein Werk, welches mit Wahrheits- und Vaterlandsliebe das Gedächtniß denkwürdiger Todten zu erhalten strebt, heißt: Rabengekrächze das Kadaver umgiebt, das Aufpassen eines Prosektors nach Gestorbenen. Eine Sammlung von Lebensbeschreibungen, an welcher einige unserer beliebtesten Popular-Philosophen theilnehmen, soll ihre Worte nur von den kleinsten Männern Deutschlands erhalten. Ein Taschenbuch von reichen Dichtern ausgestattet, wird eine Kollekte genannt, der Armuth zu lieb und bei der Armuth gemacht. Die unterrichtende Beispielsammlung eines vollgültigen Literatoren, ein warnendes Beispiel, wie man nimmermehr für guten Geschmack sammeln soll. Einem Manne, der Sprachkenntniß und Kunst des Versbaues in hohem Grade bewiesen hat, wird, zu einer Zeit,

1797. deren Stolz die Besiegung verjährter Vorurtheile ist, der ehrenvolle Stand eines Schulmannes mit bittrer Hohnlache vorgeworfen. Ein anderer muß sich Waschfrau schimpfen lassen, weil er Reinheit der Sprache betreibt. Ein dritter, deffen Unternehmungsgeist, Thätigkeit und Erfahrung, manches Gute in Anregung gebracht, manches bewirkt, viele wohlthätige Arbeiten befördert, und selbst durch seine Zweifel der Wahrheit gedient hat, wird unvernünftiger Leerkopf, dumm a priori, ein dummer Gesell, ein Heringsfänger, ein Nickel geschimpft; welcher lezte Ausdruck, wenn er vielleicht im mineralogischen Sinn verstanden werden soll, wenigstens zu einer Zweideutigkeit Anlaß giebt, die vermieden werden mußte. Ein Philosoph, dessen Urtheil dem Xeniengeber mißfällt, heißt ein diebischer Entwender fremder Begriffe, ein Kutscher auf dem schmußigen Bock eines Bettelkarrens, ein Ochs und ein Esel. Scioppius und Scaliger! hättet ihr je geglaubt, daß eine Nachkommenschaft auftreten könne, in deren Vergleichung mit euch ihr als höfliche Leute erschienet? Ein elendes Wortspiel bemüht sich, den Namen desjenigen verächtlich zu machen, dessen Stand über die Verächtlichkeit der Vorurtheile erhaben ist, und verfolgt einen leidenschaftlich-gutmüthigen verfolgten Mann, jenseits der Gränzen seines Vaterlandes. Kann Leichtsinn so weit gehen, so sollte das arglose Herz, in Stunden der Besonnenheit, erschrecken, sich durch Nachgiebigkeit gegen seine Launen der Bosheit gleich zu stellen. Einem andern macht man seine Meisterschaft in der Kunst zum Verbrechen, ohne welche die Kunst des Dichters nicht bestehen kann, die dieser wenigstens in seinen Träumen ausüben muß, wenn er singen und gesungen werden will. Man sinkt bis zu Begriffen und Ausdrücken des Pöbels hinab, um eine Beschäftigung der Lächerlichkeit Preis zu geben, die das Entzücken des unverdorbenen Herzens und des gebildeten Geistes ist. Man erlaubt sich, einen Mann in seinen bürgerlichen Verhältnissen anzugreifen, und gegen einen freiheitliebenden, wie wir alle dem Irrthum ausgesetzten und vielleicht hie und da erliegenden, sicherlich aber immer wohlwollenden Schriftsteller, das entehrende Ge= schäft eines Angebers zu übernehmen. Er heißt ein hochmüthiger grober Baalspfaff, ein widriger Heuchler, der mit Grobheit Falschheit und List zu decken glaubt, ein Halbvogel-Strauß, der fliegen möchte und die Füße ungeschickt im Sande fortrührt, ein Skorpion, den man eilig fliehen muß, ein aristokratischer Spiß der

gegen wohlgekleidete Leute bellt, und nach dem seidenen Strumpf 1797. flafft, ein beschmausender Schmaroßer der Großen, der jet undankbar ihre Pläge einzunehmen wünscht, und dem auf seiner rothen Kappe noch das Glöckchen fehlt. Die Motto's auf seinen Journalen zeigen alle Tugenden an, die man an ihm nicht bemerkt: aber es ist unnöthig ihn zu verschreien, und man erläßt ihm gern die moralische Delikatesse, wenn er nur die zehn Gebote nothdürftig befolgt. Welche Widersprüche? Welcher Geifer? D Nemesis, du speiest in deinen eigenen Schooß! Selbst das Geschlecht, welches zu schonen eine Eigenthümlichkeit neuerer Sitten ist, bleibt nicht unverschont. Eine Dame, deren Name, damit man ihn ja errathe, mit seinem Anfangsbuchstaben bezeichnet ist, wird eine Sybille geschimpft, die bald Parze seyn, und, mit ihren Schwestern, gräßlich als Furie aufhören muß. Der, welcher in der Hölle am übelsten daran ist, brüllt, zerzauset die dreifarbige Kokarde, und jammert, daß er als rasender Thor, auf des Weibes Rath horchend, den Freiheitsbaum pflanzte. Giebt es etwas Schlimmeres? Etwas Schlimmeres schwerlich, etwas Befremdlicheres vielleicht. Man entdeckt uns, daß die Jamben, welche Deutschland seinen besten Satyren zugesellt, ein hinkendes Werk sind. Man verschreit einen Protestanten als Katholiken, weil sein Bruder christliche Gesinnungen an den Tag gelegt hat. Man erdreistet sich, einen Mann aus uraltem edeln Stamme, der seinen Stand nie geltend machte, welches auch bei verjährtem angeerbtem Adel seltener als bei neuerkauftem der Fall ist, — der in Aufwand fordernden Staatsbedienungen am liebsten unter Gelehrten und Künstlern, als einer ihres Gleichen, lebte, dem Glanze früh entsagte um ganz den Musen zu gehören, immer zu lernen. fortfuhr, und Talente an den Tag legte, die den Sohn des Staubes verherrlichen würden, auf eine burleske Weise, zugleich nach seinem Stande, nach dem Fache in welchem er sich hervorthat, und nach seinem Glauben zu benennen. Wih dieser Art ist herzlich wohlfeil. Bei den mancherlei, zum Theil widersprechend scheinenden Beschäftigungen, welche das verzärtelnde Glück, die vielbetreibende Rastlosigkeit, und das begehrliche Gelüsten des Menschen, oft einem Einzigen aufbürden, ließen sich wohl noch ungleich längere aristophanische Zusammensetzungen erfinden; denn ihres gleichen liegen freilich tausend im Hinterhalt: schwerlich aber wird der zuerst darüber lachen, welchen sie treffen,

1797. wenn sie ihm auch, nach dem Rechte der Wiedervergeltung, zufämen. Ein Gelehrter, von dem wir vollendete Dichterwerke besitzen, und dem vielleicht keine nachläßig geschriebene Zeile entschlüpft ist, ein Sänger, dessen Lieder von allen Lippen zu allen Herzen ertönen, erhält die zweideutige Aufforderung, seinen Musenalmanach fortzusehen, damit ihn seine Landsleute, die ihn im Jahre vergessen, beim Anfange des Jahres nennen mögen. Jeder Freund des Geschmacks muß sich freuen, von dem geschmackvollsten Dichter der Nation endlich eine Ausgabe besorgt zu sehn, die mit der Pracht des Auslandes wetteifert; und sein Verleger wird vorgestellt, als ob er alle Uebrigen, nach der Lokation, zu gleicher Ehre einlüde. Endlich scheint es, als müsse sogar der gefeierte vielumfassende Geist, dem das Gebiet des Parnasses und selbst die Gränzen seiner Muttersprache zu enge sind, da er sich dauert daß er sie schreibt, der in früheren Jahren Orthodoxie und gothische Baukunst vertheidigte, und in neueren Zeiten die KnochenLehre, die Pflanzenkunde, und die Wissenschaft von Erscheinung der Farben, sobald er solche seiner Ansicht würdig fand, mit Entdeckungen bereicherte, der Frösche und Charaktere mit gleicher Geschicklichkeit zergliedert, den Neckereien des kühnen Spötters zum Ziele dienen; weil es ihm zuweilen beliebt hat, dem Leselustigen Publikum hingeworfene unvollendete Bruchstücke Preis zu geben, oder alltägliche Charaktere, Begebenheiten, Bemerkungen und Gefühle, in dem nämlichen Lichte aufzustellen, welches im Lesen auf sie fällt. Wenigstens haben manche Leser das Sinngedicht, wohlfeile Achtung, auf ihn bezogen.

Selten erhaben und groß und selten würdig der Liebe

Lebt er doch immer, der Mensch, und wird geehrt und geliebt. Als ob es nicht billig wäre, daß man an ihm liebe und ehre, was erhaben und groß und liebenswürdig ist; was es aber nicht ist, übersehe, oder wenigstens jenes um dieses willen nicht vergeffe!

Da die Xenien, wie wir leider bemerken, einzelnen Männern so übel mitspielen, was Wunder, daß sie gegen eine ganze Dichtungsart eine noch kühnere That wagen? In der Hölle erscheint ihnen der Herkules der Schaubühne, vom Vögelgeschrei der Tragöden, vom Hundegebell der Dramaturgen umringt. Soll diese Beschreibung, wie Scholiasten behaupten, den Barden von Stratford bezeichnen, so zeugt wenigstens die Charakterisirung der

Dramaturgen, von auffallender Unkenntlichkeit gegen den neuesten 1797. derselben, Wilhelm Meister. Aber mancher andere Zug des Gemäldes ist nicht minder unähnlich. Wer darf dem sprachkundigen Deutschen Schuld geben, er lese Shakespear'n nur in der Uebersehung, und sehe die Urschrift nicht mehr an? Wie ziemt es dem durch sich selbst gebildeten Natursohn, in der Unterwelt Glauben an die alten Griechen zu predigen? Wer mag es wahrscheinlich finden, daß er in des Tartarus Nacht gestiegen sey, um den alten Kothurnus zu holen? Wann hielt dieser herzliche Mensch dafür, daß Menschen aus der Welt, die ihn zunächst umgab, eine Misere wären, der nichts großes begegnen, durch die nichts großes geschehen könne? Wodurch erklärte er ihre Natur für eine erbärmliche, die man bequemer und besser zu Hause habe, und verwies sie auf die große, unendliche? Wann war dem ehrlichen Theilnehmer ihr Jammer und ihre Noth so fremd, daß er sich von ihnen abwandte? Wann drang er darauf, daß die Zuschauer die Bühne besuchen sollten, um sich selbst zu entfliehen? Wann strebte er allein nach dem großen gigantischen Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt? Dem Fremdling, der ihn nicht besser versteht, ist es gegangen, wie dem Franzosen in Boileau's Todtengespräche, der die Helden der Vorzeit kennen lernen wollte, und seine Pariser Nachbarn in Scudery's Heldentracht wieder fand. Es stieg zum Styr hinab, um einen Blinden über das zu fragen, was sich nur sehenden Augen offenbart, und fand, was seine Thaten werth waren, Verblendung.

Ist alles angeführte nur ein Spiel, weil der, welchen man mit Worten todtschlägt, am Leben bleibt? Waren wir zu strenge gegen Ausbrüche der Laune? Bietet der Dichter nicht selbst seinen Bogen und Plaz zu den Ringen an? Das thut er freilich; und wir fühlen überdem, in welches gefährliche Spiel er sich einläßt, der dem scharfen vielschneidigen leidenschaftlichen Spott, mit Gründen des Ernstes und falter einfacher Mäßigung, begegnet; wir erkennen, daß nichts leichter ist, als auf einer Kampfstätte Wunden davon zu tragen, wo besser geharnischte Männer unterlagen. Aber die Wahrheit durfte der Gefahr wegen, welcher sie ausgesezt wird, nicht verläugnet werden: und, eben weil es noch Zeit ist, vor einem gefährlichen Beispiel zu warnen, das, wie wir wissen, viele anlockt, hielten wir uns für verbunden, dieser, wie die Buchhändler-Anzeige des Almanachs sie nennt, neuen Er

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