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1797.

Die neuesten Musenalmanache.

Der Schillersche Musenalmanach dieses Jahres steht an Zierlichkeit des Druckes dem vorjährigen nach. Ersparniß des Raums hat besonders kleinere Gedichte, ihre Stanzen, Ueber- und Unterschriften, mehr zusammengedrängt, als dem Auge angenehm ist. Das voranstehende Kupfer kann weder Kennern noch Gaffern gefallen. Werke des Geschmacks sollten, auch in ihrem Aeußern, den Forderungen des Geschmacks, bis zum Ueberfluß und zur Pracht, genügen; zumal wo, wie in diesem Falle, Schönheit und reichlicher Abstand des Druckes, die Uebersicht des Blickes erleichtern, und der Deklamation des Vorlesers zu Hülfe kommen. Denn die S. 238 angegebenen neuen Distinktionszeichen sind schlimmer als gar keine.

Göthens Idylle, Alexis und Dora, ist die Krone der Sammlung. Der Wechsel des Jammers und Glücks in liebender Brust, die Linderung, welche die Musen den Wunden Amors gewähren, die sie nicht zu heilen vermögen, ist vielleicht niemals wahrer und glücklicher ausgedrückt. Es steht in dieser Rücksicht so weit über Theokrits Polyphem, als der von dem neueren Dichter angenommene Sänger, an Feinheit der Empfindung, über den Kyklopen. Kunstrichter würden dieses Gedicht für ein schönes Werk des Alterthums erklären, wenn es ihnen, gleich vollendet an Ausdruck, in einer alten Sprache vorgekommen wäre. Die Musen und Grazien in der Mark sind in der beliebten Manier, in welcher der Brockes des zu Ende eilenden Jahrhunderts, Herr Prediger Schmidt zu Werneuchen, den Musen und Grazien ein ganzes Bändchen Gedichte überreichte. Das Nachbild ist dem Urbilde treulich nachgeformt, wetteifert mit ihm an hoher Einfalt der Gedanken, an überraschender Auswahl nie zuvor gereimter Worte, und an äußerst faßlicher Darstellung. Einmal, wo sich die Seele des Dichters in labende Erinnerung an Vetter Micheln ergießt, geht er wirklich mit seinem Muster Hand in Hand; nur in der Schlußstanze verläßt er ihn um den treffenden Wig, und verräth, den Gesezen einer guten Parodie gemäß, etwas von dem Schalkssinn, der sich mit jenen Gaben nicht verträgt. Es war eine sehr schwere Aufgabe, eine Melodie zu diesem Liede zu erfinden, die, wie das Lied selbst, zugleich Gläubige täuschen und Spötter belustigen könnte. Da aber unter den zu

diesem Almanache ausgegebenen Melodien, sich auch eine Kom- 1797. position dieses Liedes befindet, so muß man glauben, daß Herr von Göthe jene Aufgabe durch diese Komposition für gelöset hält. Die Eisbahn ist eine geistvolle, in einzelnen Sinngedichten fortlaufende Vergleichung, solcher Vorfälle, die sich mit und auf ihr begeben, mit den Schicksalen Empfindungen und Erfahrungen des Menschen. Noch enthalten mehrere Sinngedichte, theils von Göthe oder Schiller allein, theils von Beiden gemeinschaftlich entworfen, Gedanken, die ihnen der Aufbewahrung würdig schienen, in einer angemessenen Sprache. Viele betreffen unbekannte Frauenzimmer einer kleinen Stadt, Sylbenmaße, und Privatangelegenheiten; so daß man, durch ihre herablassende Mittheilung, den Dichtern gleichsam befreundet wird. Andre sind politisch, und zwar orthodox. Unter den, besonders durch die Tabulae votivae, neugeadelten Worten, haben wir vorzüglich das Wort Philister bemerkt, welches freilich zuweilen unentbehrlich scheint. Nun wird man z. B. forthin sagen dürfen: „er ist der größte Philister unter den Genies, und das größte Genie unter den Philistern!" ohne befürchten zu müssen, daß man einen niedrigen Ausdruck gebraucht habe.

Schillers Mädchen aus der Fremde kann, bei aller seiner Weichheit und Anmuth, für ein Räthsel gelten, das jeder Leser nach seiner Weise deuten wird, ohne der Richtigkeit seiner Deutung gewiß zu seyn. Pompeji und Herkulanum gehört zu der Gattung beschreibender Gedichte, die bei der Menge nie großes Glück machen werden, deren Hervorbringung aber dem Dichter eben um so viel schwerer fällt, weil dabei dem Gefühl und Wiß der Zügel nicht nachgelassen wird, sondern Hauptsächlich sein überlegender Verstand richten und wählen muß, welche Gegenstände, und auf welche Art solche dichterisch dargestellt werden mögen. Wem Beschreibungen dieser Gattung schöne Erinnerungen zurückrufen, der dankt sie ihrem Sänger. Die Klage der Ceres ist in der Manier, welche, wenn wir nicht irren, Schiller unter uns geschaffen hat, worin es vielleicht unmöglich ist ihn zu übertreffen, und gegen deren Eigenheiten, so lange sie solcher Vortrefflichkeit die Hand bieten, es sehr unbillig seyn würde zu eifern. Sie ist nur für gelehrte Leser: aber die Gelehrsamkeit, welche sie voraussetzt, ist die Bedingung, unter welcher man zum Genuß ihrer Schönheiten ge

1797. langt, nicht die Schönheit selbst, zu der man geleitet wird. Tönende Worte verhüllen keinen gemeinen Sinn, der Schmuck ist des Gegenstandes würdig an den er verwendet wird, weit entfernt das Gefühl zu stören weckt nährt und erhält er es, eine Göttin wohnt in dieser Wolke, und die heilige Priestersprache erfüllt wirklich ihren Zweck, Geheimnisse gebildeter Seelen dem Gesichtskreise der Unwissenden zu entziehn. Die Geschlechter sind ein musterhaftes Beispiel, wie sehr die Dichtkunst eines aufgeklärten Volks sich der Philosophie nähern kann, um vor dieser gerechtfertigt zu erscheinen, und doch keinem einzigen ihren Zauber zu entsagen. Die Denksprüche über Macht, Tugend, Urtheil, Forum und Ideal des Weibes, sind zart, innig, und treffend.

Sophie Mereau hat zwei schönen Dichtungen das gefällige Siegel der Weiblichkeit aufgedrückt.

Das Exil von N. ist reich an lieblichen Tönen.

Pfeffel's Diogen und der Bettler ist eine kleine Parabel, die ihren Urheber leicht verräth. —

Schlegel's Pygmalion verdient unsern bestversificirten lyrischen Erzählungen beigesellt zu werden.

D's Gefälligkeit vereinigt französischen Wit mit italischem Wohllaut und nordischer Tiefe des Gefühls. Auch T.s Lieder, und die Gedichte mit der Unterschrift D. U. V. und W. gehören schwerlich einem unbekannten oder verkannten Sänger. Fast fühlt man sich geneigt, alle dem nämlichen Urheber zuzuschreiben. Zerstreute Blätter, von Mnemosynen gesammelt, in dem Heiligthume der Humanität aufbewahrt.

Den Beschluß macht ein Bündel Pfeile, unter der Aufschrift Xenien. Nach der Vermuthung einiger Chorizonten, von Hrn. Vulpius. Xenien hießen, bei den Griechen, gastfreundliche Geschenke. Die Deutschen erklären sich für Küchenpräsente, für Pfeffer und Wermuth, zum Besten solcher Magen, die von wäßrichten Speisen geschwächt sind. Wie es scheint, war ihr Geber bei vielen Leuten zu Gaste, und ladet seine Bewirther jezt wieder zu sich. Er erklärt es für eine Speise voll Ekel, wenn die gemeine Natur sich zum Genusse aufdringt, nennt Phantasie Wiz Empfindung und Urtheil das Desideratum eines Dichterwerkes, und schüsselt dennoch, seinen eigenen Forderungen zum Troß, den Tod in Töpfen auf, wogegen sich ein allgemeines Geschrei erhebt.

Wir vermehren es ungern: doch sind wir der Wahrheit und Ge- 1797. rechtigkeit schuldig, auch unsre Meinung über einen Gegenstand zu sagen, der sich, ohne leicht durchschaute Verstellung, nicht übersehn läßt.

Ja, der Mensch ist ein ärmlicher Wicht: aber eben das will man vergessen, wenn man den Lockungen des Dichters folgt; es ist ja nicht Poesie, daß er die Menschen erbärmlich fand! Von ihm erwartet man leuchtende Kugeln, die nicht zünden, die das Auge spielend erfreun. Rein sey er von der Eitelkeit, die Niedres mit hohem verbindet. Sogar das Bestreben reizend und lieblich zu seyn, darf an ihm nicht sichtbar werden, will er es erreichen; unerträglicher, unverzeihlicher ist das Bestreben nach entgegen= gesezten Eigenschaften. Wir verlangen gediegenen Sinn von ihm, nicht Marken noch Rechenpfennige; Eingebungen eines guten Geistes, und weder Ungesalzenes noch Uebergesalzenes. Wir vertrauen einem achtungswürdigen Sammler, daß er nicht, um Dumme und Gebrechliche nach ihrem Behagen zu bedienen, über den Schlagbaum hinwegziehe, welchen Ehrliebe und Anständigkeit gesezt haben. Deutschland fragt ohnehin nach Gedichten nicht viel, und sie werden schwerlich in seiner Meinung gewinnen, wenn auf einen kurzen Lärmen, den sie erregen, Neugierige sich wundernd ans Fenster begeben. Die Muse richtet den herrschenden Stab nur selten auf Leben und Handeln; verfolgt, wenn es Noth thut, schlechte Regenten mit strengen Worten; und schmeichelt zwar schlechten Autoren nicht, führt aber auch keinen offenbar pasquillantischen Krieg gegen sie, oder fordert sie auf, es im Kehricht mit ihr zu versuchen. Denn niemand hört sich gern verspottet, wenn er sich nur genannt hört. Ist er ein Philister, ein Schwärmer, ein Heuchler, so werd er durch lebhafte Abscheu erregende Darstellung seiner Gebrechen und Laster, gequält, so sause der Bienenschwarm, der dem Guten Honig gewährt, dem Täppischen ums Ohr: aber hundertfaches, mit Namenaufruf verbundenes Schelten, ermüdet den geduldigsten parteilosesten Zuhörer; und Laune und Geist müssen die schwache Seite ihres Gegners aufdecken, wenn sie Lächeln erregen soll; da hingegen, wer zu hißig heranrückt, sich selbst Schultern und Rücken entblößt. Nach diesen größtentheils von den Xenien eingestandenen, und in ihren eigenen Worten aufgestellten, unläugbaren Grundsägen, welchen Dank mag der Verfasser derselben für diese Gaben

1797. erwarten, die es ihm herzlich zu nennen beliebt, nach denen er folglich, da sich nicht abläugnen läßt daß er seine Ausdrücke zu wählen weiß, die Eigenschaften seines Herzens bestimmt wissen will?

Einige wandeln zu ernst, die andern schreiten verwegen,
Wenige gehen den Schritt, wie ihn das Publikum hält.
Aristokratisch gesinnt ist der Xenien Geber, denn gleich ist's,
Ob man auf Helm und Schild, oder auf Meinungen ruht.
Vor dem Aristokraten in Lumpen bewahrt uns, ihr Götter,
Und vor dem Sansculott auch mit Epauletten und Stern!

Die Sonderbarkeit, daß uns die Xenien über mineralogische und optische Lehrsäge, die durch Wiz und Verse wohl eben so wenig erwiesen werden mögen, als sich Newtons Geist durch schlechte Sprüche citiren, oder durch gebratene Gänse widerlegen läßt, in withaschenden Versen unterhalten, könnte man ihnen allenfalls übersehn; da sie wahrscheinlich zu wenig Beifall finden wird, um ein Heer von Nachahmern gegen uns anzuwerben. Der Grund aber, den sie dafür angeben, daß Verse wirksamer als Prose wären, steht mit der lezten Xenie der 229sten Seite in gradem Widerspruche. Vatem oportet esse memorem.

Auch das mag gebilligt werden, daß Schriftsteller und Werke, welche das Publikum achtet, heftige Angriffe und sogar verächtliche Begegnung erfahren: wiewohl der Herr Geheimerath von Göthe, dessen Wort in unsrer Gelehrtenrepublik von so großem Gewicht ist, ungleich bescheidenere Aeußerungen gegen ungenannte Schriftsteller und Werke höchlich mißbilligt, und im fünften Stück der Horen 1795. S. 50–56., als literarischen Sansculottismus, bei Strafe seiner Ungnade, untersagt, auch Herr Hofrath Schiller wider dergleichen Verfahren mehr als einmal geeifert hat. Denn, bei aller Ehrfurcht für die edeln Bewegungsgründe dieser großmüthigen Pfleger und Schuzherren jeglichen Verdienstes, scheint es dennoch, als könne man ein einzelnes Werk eines verdienstlichen Schrifstellers, oder einzelne Theile eines verdienstvollen Werkes, dem von Shaftsbury, als dem treffendsten Prüfstein der Wahrheit, angegebenen Versuche der Lächerlichmachung unterwerfen, ohne deswegen die anderweitigen Verdienste des Meisters oder des Werkes abzuläugnen. Eine solche Strenge kann sogar

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