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Am Ende wird ihm um die Zeche bange; er bittet den Wirth, sie 1795. billig zu machen. Dafür erhält er vom Wirthe unbarmherzige Prügel, und bekömmt, da er vor den Richter geht, keine Genugthuung, weil er durch die Frage nach der Zeche das Gastrecht der Insel verlegt habe. Wolle er auf der Insel bleiben, müsse er sich erst als Bürger würdig und tüchtig beweisen. Auch versezte jener:

ich habe leider mich niemals Gerne zur Arbeit gefügt, so hab' ich auch keine Talente Die den Menschen bequemer ernähren, man hat mich im Spotte Nur Hans ohne Sorge genannt, und vom Hause vertrieben,

so sey uns gegrüßt, verseßte der Richter, du sollst dich
Oben sehen zu Tische, wenn sich die Gemeinde versammelt,
Sollst im Rathe den Plaß den du verdienest erhalten.
Aber hüte dich wohl, daß nicht ein schändlicher Rückfall
Dich zur Arbeit verleite, daß man nicht etwa das Grabscheit,
Oder das Ruder bey dir im Hause finde, du wärest
Gleich auf immer verloren, und ohne Nahrung und Ehre.
Aber auf dem Markte zu fißen, die Arme geschlungen
Ueber dem schwellenden Bauche, zu hören lustige Lieder
Unfrer Sänger, zu sehn die Tänze der Mädchen, der Knaben
Spiele, das werde dir Pflicht die du gelobest und schwörest.

Hierauf der Schluß der ganzen Epistel, der zugleich den Hauptgedanken ins Licht stellt, daß jeder nur gern hört, was seine Meynung bestätigt:

So erzählte der Mann und heiter waren die Stirnen
Aller Hörer geworden, und alle wünschten, des Tages
Solche Wirthe zu finden, ja solche Schläge zu dulden.

Auf diese leichte und angenehme Vorkost folgt eine stärkere Speise, eine Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, wovon diesmal die neun ersten erscheinen. Sie sind durchweg mit einer so philoso= phischen Präcision, und doch auch mit so vieler Eleganz geschrieben, und sind daneben durch die Menge neuer Ansichten und Fülle interessanter Ideen, so charakteristisch, daß es fast unmöglich wird,

1795. den Verfasser der Abhandlung über Anmuth und Würde in der Thalia zu verkennen. Der Zweck dieser Briefe ist, zu zeigen, daß die unglücklichen Widersprüche zwischen der politischen Verfassung und der moralischen Bestimmung des Menschen, nicht anders zu heben sind, als durch die beffere Cultur des Empfindungsvermögens, die freylich eine Aufgabe für mehr als Ein Jahrhundert ist. Eben daher bekämpft der Vf. im 4ten, 5 ten, 7 ten und 9 ten Briefe mit besonderem Ernste den ungeduldigen Geist der Neuerung und die gefährliche Sucht eine lange noch nicht geendigte Speculation durch plögliche Reformen im Staate realisiren zu wollen. Aus der Philosophie selbst schöpft er die Gründe, jene eben so ungeschickte als unzeitige Anwendung philosophischer Grundsäße einzuschränken; dagegen ist er bemüht, dem edeln und der Menschheit so würdigen Streben nach Verbesserung eine unschuldigere und nüzlichere Richtung zu geben, indem er dasselbe auf den innern Menschen zu lenken sucht, von dessen moralisch-ästhetischer Veredlung er allein eine allmählige, ruhige, und deswegen gründliche Verbesserung des Zustands erwartet. Den ganzen Gang dieses Räsonnements vorzuzeichnen, mag einer künftigen Anzeige vorbehalten bleiben, wenn die Abhandlung erst völlig übersehen werden kann. Jezt nur auf einiges aufmerksam zu machen, so ist der verderbte. Geist unsers Zeitalters, in dem fich die zwey Extreme des menschlichen Verfalls, Verwilderung und Erschlaffung zeigen, S. 23 u. f. vortrefflich geschildert:

In den niedern und zahlreichern Klassen stellen sich uns rohe gefeßlose Triebe dar, die sich nach aufgelöstem Band der bürgerlichen Ordnung entfesseln und mit unlenksamer Wuth zu ihrer thierischen Befriedigung eilen. Auf der andern Seite geben uns die civilisirten Klassen den noch widrigern Anblick der Schlaffheit, und einer Depravation des Charakters, die desto mehr empört, weil die Cultur selbst ihre Quelle ist. Ich erinnere mich selbst nicht mehr, welcher alte oder neue Philosoph die Bemerkung machte (hier können wir nachhelfen, es war Moses Mendelssohn) daß das Edlere in seiner Zerstörung das Abscheulichere sey, aber man wird sie auch im moralischen wahr finden. Aus dem Natursohne wird, wenn er ausschweift ein Rasender, aus dem Zögling der Kunst ein Nichtswürdiger. Die Aufklärung des Verstandes, deren sich die verfeinerten Stände nicht ganz mit Unrecht rühmen, zeigt im Ganzen so wenig einen

veredelnden Einfluß auf die Gesinnungen, daß sie vielmehr die 1795. Verderbniß durch Marimen befestigt. Wir verläugnen die Natur auf ihrem rechtmäßigen Felde, um auf dem moralischen ihre Tyranneh zu erfahren, und indem wir ihren Eindrücken widerstreben, nehmen wir ihre Grundsäße von ihr an. Die affectirte Decenz unsrer. Sitten, verweigert ihr die verzeihliche erst e Stimme, um ihr in unsrer materialistischen Sittenlehre die entscheidende leßte einzuräumen. Mitten im Schooße der raffinirtesten Geselligkeit hat der Egoism sein System gegründet, und ohne ein geselliges Herz mit heraus zubringen, erfahren wir alle Ansteckungen und alle Drangsale der Gesellschaft. Unser freyes Urtheil unterwerfen wir ihrer despotischen Meynung, unser Gefühl ihren bizarren Gebräuchen, unsern Willen ihren Verführungen, nur unsre Willkühr behaupten wir gegen ihre heiligen Rechte. Stolze Selbstgenügsamkeit zieht das Herz des Weltmanns zusammen, das in dem rohen Naturmenschen noch oft sympatetisch schlägt, und wie aus einer brennenden Stadt sucht jeder nur sein elendes Eigenthum aus der Verwüstung zu flüchten. Nur in einer völligen Abschwörung der Empfindsamkeit glaubt man gegen ihre Verirrungen Schuß zu finden, und der Spott der den Schwärmer oft heilsam züchtigt, lästert mit gleich wenig Schonung das edelste Gefühl. Die Cultur weit entfernt uns in Freyheit zu sehen, entwickelt mit jeder Kraft, die sie in uns ausbildet nur ein neues Bedürfniß, die Bande des physischen schnüren sich immer beängstigender zu so daß die Furcht zu verlieren, selbst den feurigen Trieb nach Verbesserung erstickt, und die Maxime des leidenden Gehorsams für die höchste Weisheit des Lebens gilt. So sieht man den Geist der Zeit, zwischen Verkehrtheit und Rohigkeit, zwischen Unnatur und bloßer Natur, zwischen Superstition und moralischen Unglauben schwanken, und es ist bloß das Gleichgewicht des Schlimmen, was ihm zuweilen noch Grenzen sezt.

Leider ein sehr niederschlagendes, und doch, wie man gestehen muß, zum Sprechen wahres Gemälde! Der Vf. glaubt im 6 ten Briefe den Einwurf zu hören, das sey das Gemälde eines jeden in der Cultur begriffnen Volkes; und er seht der Allgemeinheit dieses Sazes das Beyspiel der Griechen entgegen. „Die Griechen," sagt er S. 25., „beschämen uns nicht bloß durch eine Simplicität, die unserm Zeitalter fremd ist, sie sind zugleich unsre

1795. Nebenbuhler, ja oft unsre Muster in den nemlichen Vorzügen,
mit denen wir uns über die Naturwidrigkeit unsrer Sitten zu
trösten pflegen. Zugleich voll Form und voll Fülle, zugleich
philosophirend und bildend, zugleich zart und energisch sehen wir
sie die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der Vernunft
in einer herrlichen Menschheit vereinigen.“ Wir fürchten aber,
es werde unter den Griechen höchstens nur ein sehr kleines
Völkchen, auf einem sehr kleinen Boden, und in einem sehr kurzen
Zeitraume dieses herrliche Elogium verdienen. Wir wünschten den
Vf. zu veranlassen, gelegentlich es historisch zu beurkunden.
S. 40 gibt der Vf. die Ursache an, warum wir bey aller Auf-
flärung immer noch - Barbaren sind, und findet sie im Mangel
der Energie des Muths, der dazu gehört, die Hindernisse zu
bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur, als die Feigheit
des Herzens der Belehrung entgegen sehen. Hier scheint es uns
nur, als ob der Vf. die Extension der Aufkläruug viel zu groß
annehme. Wo das Licht der Philosophie und Erfahrung auf-
gesteckt ist, da scheint es freylich hell genug; aber wie viele
Gegenden, wie viele Stände in Deutschland gibt es noch, in die
von jenem Lichte nur wenig Strahlen durchgedrungen sind?
Hievon aber abgesehn, ist allerdings wahr, daß (S. 42.) Aus-
bildung des Empfindungsvermögens (für wirklich schon aufgeklärte
Menschen) dringendes Bedürfniß der Zeit sey, nicht bloß weil sie
ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam
zu machen, sondern selbst darum, weil sie Verbesserung der Einsicht
erweckt. Das Werkzeug hiezu findet der Vf. in der schönen Kunst,
und der neunte Brief schließt sich mit einer herrlichen Apostrophe
an den Künstler. Darf man auch nicht hoffen, daß diese edeln
Ideen bald ausgeführt werden, so ist es schon Trost genug,
sie nur als ausführbar denken zu können.

Der dritte Auffah enthält Untersuchungen deutscher Ausgewanderten, zu denen hier vorerst nur die Exposition der Veranlassung mitgetheilt ist, an der man aber schon die simple, edle und rührende Manier eines unsrer ersten Dichter in Composition und Ausdruck erkennt. Wir mögen keinem unsrer Leser das Vergnügen rauben, was es uns gemacht hat, sich selbst in diese Exposition hinein zu lesen. Welchen Reiz aber diese Unterhaltungen schon nach ihrem Inhalt haben werden, darüber

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mag man den alten braven Geistlichen, der sie durch seine Er- 1795. zählung leiten wird, auch hier selbst sprechen hören:

"Ich lebe schon lange in der Welt, und habe immer gern auf das Acht gegeben, was diesem oder jenem Menschen begegnet. Zur Uebersicht der großen Geschichte fühl ich weder Kraft noch Muth, und die einzelnen Weltbegebenheiten verwirren mich, aber unter den vielen Privatgeschichten, wahren und falschen, mit denen man sich im Publico trägt, die man sich ins Geheim einander erzählt, gibt es manche, die noch einen reinern schönern Reiz haben, als den Reiz der Neuheit. Manche, die durch eine geistreiche Wendung uns immer zu erheitern Anspruch machen, manche, die uns die menschliche Natur und ihre innern Verborgenheiten auf einen Augenblick eröffnen, andre wieder, deren sonderbare Albernheiten uns ergößen. Aus der großen Menge, die im ge= meinen Leben unsre Aufmerksamkeit und unsre Boßheit beschäftigen, und die eben so gemein sind, als die Menschen, denen sie begegnen, oder die sie erzählen, habe ich diejenigen gesammelt, die mir nur irgend einen Charakter zu haben schienen, die meinen Verstand, die mein Gemüthe berührten und beschäftigten, und die mir, wenn ich wieder daran dachte, einen Augenblick reiner und ruhiger Heiterkeit gewährten. — Alles, sagt er am Ende, was ich vorzubringen habe, hat keinen Werth an sich. Wenn aber die Gesellschaft nach einer ernsthaften Unterhaltung auf eine kurze Zeit ausruhen, wenn sie sich von manchem Guten schon gesättigt, nach einem leichten Nachtische umsieht, alsdann werd' ich bereit seyn und wünschen, daß das, was ich vorseße, nicht unschmackhaft befunden werde." - Gewiß werden hier alle Leser mit Fräulein Luisen ausrufen: Ich bin höchst neugierig, was er vorbringen wird; ohne sich durch die bescheidne Erklärung des Geistlichen, daß gespannte Erwartung selten befriedigt werde, irre machen zu lassen.

Der lezte Auffah: über Belehrung und Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit, macht sich seiner Stelle, durch tiefsinnige Bemerkungen und neue Ansichten werth, ohne durch Trockenheit oder zu große Spißfindigkeit abzuschrecken. Die Hauptgedanken des Vf. sind folgende. Reines Interesse für Wahrheit geht auf die Wahrheit an sich selbst, um ihrer bloßen Form willen. Diesem steht entgegen das Interesse für den bestimmten Inhalt der Säße, dem es nicht darum zu thun ist, wie

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