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Ein Musen-Almanach ist eine poetische Ausstellung, wo 1796. zugleich der jüngere Künstler durch seine Versuche den aufmerksamen Kenner zu interessanten Vermuthungen veranlaßt, und der erfahrne Meister sich nicht auf eine bestimmte Gesellschaft einschränkt, sondern seine Werke dem öffentlichen Urtheile aller Liebhaber unterwirft. Ein fruchtbarer Vereinigungspunkt für alle Freunde der Poesie, wenn eine strenge Auswahl, wie in dieser Sammlung, den Kunstrichter, welcher eigentlich nie ohne Rücksicht auf Art, Styl und Ton des Werks, Charakter, Kraft und Bildung des Künstlers, urtheilen soll, nur selten an die Pflicht der Schonung erinnert; wenn viele Meisterstücke auch die höchsten Erwartungen des ächten Liebhabers befriedigen, der, ohne alle Nebenrücksicht, nach dem reinen Geseße der Schönheit, weit strenger würdigt.

Sehr wenige Stücke dieser Sammlung sind so arm an anziehender Kraft, daß es einen Entschluß kostet, bei ihnen zu verweilen, wie die Gedichte von Conz; noch wenigere so beleidigend, daß man gern bey ihnen vorübereilt. Auch diese enthalten doch irgend etwas Aussöhnendes; kaum eines oder das andere gehört wirklich nicht in die gute Gesellschaft, wie das 62 66 und 73fte Epigramm. Was sich der Schalk (Epigr. 61) insbesondere bey dem lezten gedacht haben mag, läßt sich schwerlich errathen.

Die Auswahl ist aber nicht bloß strenge, sondern auch (ein ungleich seltneres Verdienst!) liberal: nicht etwa bloß auf einen gewissen Ton gestimmt und auf eine Manier einseitig beschränkt, sondern dem Interessanten jeder Art gleich günstig. Eben daher die reiche Mannichfaltigkeit, durch welche sich der Schillersche Almanach unterscheidet.

Wie viel Abwechselung gewähren nicht allein die charakte= ristischen Nationallieder dieser Sammlung! Das Vorzüglichste darunter, Madera, erreicht durch den einfachen Ausdruck stolzer Empfindsamkeit, ganz den Ton der schönsten Spanischen Romanzen, Das. Roß aus dem Berge würde ihm den Preis entreißen, wenn die lehte Hälfte dem vortrefflichen Anfang entspräche. Sidselil von Kosegarten könnte rührend seyn, wenn es von einigen widerlichen Zügen gereinigt, und weicher gehalten wäre. Einige andre, empfindungsvolle Gedichte desselben Verfassers, sind von Überspannung und Überfluß nach seiner Art

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1796. ungewöhnlich frey. Das Lied eines Gefangnen ist die immer noch anziehendste, aber weniger ergreifende Nachbildung eines alten Spanischen Volksliedes, von dessen Anfang sich im Bürgerschen Alm. 92 eine Ueberseßung findet.

An Epigrammen jeder Art ist die Erndte so reich, daß sich eine vollständige Theorie dieser merkwürdigen kleinen Dichtart, welche selbst durch Herder noch nicht erschöpft ist, daraus entwickeln ließe. Eins der schönsten Beispiele ist Kolumbus: unter den Beiträgen des Herausgebers das vollendetste. Schillers Hang zum Idealen hat sich auch in dieser Form nicht verläugnet, und eine sehr glückliche Mischung veranlaßt. Man könnte dieses Gedicht, in der Kunstsprache des Verfassers selbst, ein sentimentales Epigramm nennen. Zu dieser, wo ich nicht irre, ganz neuen Gattung gehören auch einige andre sehr gute aber weniger vollendetè Schillersche Epigramme, wie Odysseus, und Zeus und Herkules. Eben so vollkommen, in einer durchaus verschiednen Art, ist das innre Olympia, ein didaktisches Epigramm, von allen Gedichten der Ungenannten vielleicht das vollkommenste. Fehlte es diesen Dichtern nicht fast immer an sinnlicher Stärke, oft an Lebenswärme, selbst bei glänzender Farbengebung wie in Parthenope, so könnten sie auf den ersten Rang Ansprüche machen: denn diese Zartheit des Gefühls, Biegsamkeit des Ausdrucks und Bildung des Geistes, find des größten Meisters würdig.

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Für ein Epigramm scheint der Tanz zu lang und gleichsam zu ernstlich, denn selbst das schönste Epigramm ist mehr ein der Aufbewahrung würdiges Bruchstück eines Gedichts, in einer verzeihlichen Spielart, als ein vollendetes Kunstwerk, in einer ursprünglich vollgültigen Art. Für eine Elegie ist die Einheit im Tanze nicht poetisch genug, und der Ton vereinigt die Weitschweifigkeit des Ovid, mit der Schwerfälligkeit des Properz. Überhaupt scheint die Elegie, welche ein sanftes überströmen der Empfindungen fordert, Schillers raschem Feuer und gedrängter Kraft nicht angemessen. Seine kühne Männlichkeit wird durch den Überfluß, wozu selbst der Rhythmus lockt, wie verzerrt. Fast könnte es scheinen, daß er in der schönen Zeit seiner ersten Blüthe die ihm angemessene Tonart und Rhythmen unbefangner

zu wählen und glücklicher zu treffen wußte. Würde er sich 1796. damals wohl ein Gedicht wie Pegasus verziehen haben? Ohne ursprüngliche Fröhlichkeit, und eine wie von selbst überschäumende Fülle sprudelnden Wißes, können komische und burleske Gedichte nicht interessiren, und ohne Grazie und Urbanität müssen sie beleidigen. Die Meisterzüge im Einzelnen, wie die erste Erscheinung des Apollo, söhnen mit der Grellheit des Ganzen nicht aus. In Langbeins Legende fehlt es wenigstens nicht an muntrer Laune, welche man nur hie und da von einigen Gemeinheiten befreyen möchte.

Doch darf dies niemanden die Freude über Schillers Rückfehr zur Poesie verderben! Noch zur rechten Zeit ist er, mit gewiß unversehrter Kraft, aus den unterirdischen Grüften der Metaphysit wieder ans Tageslicht emporgestiegen. Der begeisterte Schwung, der hinreichende Fluß, welcher einige frühere Gedichte dieses großen Künstlers zu Lieblingen des Publikums machte, wird auch den Idealen viel warme Freunde verschaffen. An Bestimmtheit und Klarheit hat seine Einbildungskraft unendlich gewonnen. Ehedem war seine üppige Bildersprache, ein streitendes Gestaltenheer," wie eine im Werden plöglich angehaltne Schöpfung. Jezt hat er den Ausdruck in seiner Gewalt. Nur selten finden sich noch solche nicht reif gewordne Gleichnisse, wie in der dritten Strophe der Macht des Gesanges; und Erinnerungen an jene sorglose Kühnheit, mit welcher er, was sich nicht gutwillig vereinigen ließ, gewaltsam zusammenfügte. Um die Knoten der Liebe“ und die „Säule der Natur“ aus den Idealen zu tilgen, gäbe ich gern die Würde der Frauen. Diese im Einzelnen sehr ausgebildete und dichterische Beschreibung der Männlichkeit und Weiblichkeit, ist im Ganzen monoton durch den Kunstgriff, der ihr Ausdruck geben soll. Entweder Voglers Musik ist nicht geschmacklos, oder der Gebrauch des Rhythmus zur Mahlerey solcher Gegenstände läßt sich nicht rechtfertigen. Strenge genommen kann diese Schrift nicht für ein Gedicht gelten: weder der Stoff noch die Einheit sind poetisch. Doch gewinnt sie, wenn man die Rhythmen in Gedanken verwechselt und das Ganze Strophenweise rückwärts liest. Auch hier ist die Darstellung idealisirt; nur in verkehrter Richtung, nicht aufwärts, sondern abwärts, ziemlich tief unter die WahrBraun, Schiller. II.

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1796. heit hinab. Männer, wie diese, müßten an Händen und Beinen gebunden werden; solchen Frauen ziemte Gängelband und Fallhut. Wer kehrt nicht gern zu den Idealen zurück! Das Ende könnte vielleicht manchem beim ersten Eindrucke mager dünken. Aber der Meister in der Kunst läßt sich durch den leicht zu befriedigenden Hang, recht voll zu schließen, nicht über die Gränze der Wahrheit locken. Wider die legte Strophe, glaube ich, läßt sich nichts einwenden. Nur in der vorlegten scheint ein kleiner Drucker, der oft sehr viel wirken kann, zu fehlen. Der Dichter mag es bei der Freundschaft verantworten, daß er sie als einen bloßen Nothhelf so dürftig nachhinken läßt. Vielleicht ist es die „erstarrte Furcht“ in der zweiten, und das „finstere Haus" in der vorlegten Strophe, was die Störung ursprünglich veranlaßt. Der Schmerz über den Verlust der Jugend, die Furcht vor dem Tode sind, so nackt und roh sie hier gegeben werden, nicht dichterisch. Überdem stimmt jenes mit der wehmüthigen, aber immer noch genußreichen Erinnerung, die im Ganzen herrscht, überein. —

Eine ähnliche Störung macht die prosaisch geäußerte Furcht vor dem „kalten Besinnen" im Frühlinge, dem schönsten Stücke von Sophie Mereau, deren Gedichte sich sonst durch liebliche Fülle und leichten Schwung auszeichnen. Mehr als diese kleinen Flecken schaden den Idealen wohl die vierte und fünfte Strophe. Was hier dargestellt wird, ist nicht die frische Begeisterung der rüstigen Jugend, sondern der Kampf der Verzweiflung, welche sich absichtlich berauscht, zur Liebe foltert und mit verschloßnen Augen in den Taumel eines erzwungnen Glaubens stürzt. Zwar kann diese unglückliche Stimmung auch mit der höchsten Jugendkraft gepaart seyn, wo vernachläßigte Erziehung die reinere Humanität unterdrückte. Doch ist sie hier nicht poetisch behandelt und mit dem Ganzen in Harmonie gebracht. Schillers Unvollendung entspringt zum Theil aus der Unendlichkeit seines Zieles. Es ist ihm unmöglich, sich selbst zu beschränken und unverrückt einem endlichen Ziele zu nähern. Mit einer, ich möchte fast sagen, erhabnen Unmäßigkeit, drängt sich sein rastlos kämpfender Geist immer vorwärts. Er kann nie vollenden, aber er ist auch in seinen Abweichungen groß.

Meisterhaft und einzig sind vorzüglich in der dritten Strophe. die Ideale, wie auch in der Würde der Frauen, ja in

allen Schillerschen Gedichten, abgezogne Begriffe ohne Verworren- 1796. heit und Unschicklichkeit belebt. An dieser gefährlichen Klippe werden noch manche scheitern. Wer kann ernsthaft bleiben, wenn der Dichter Lappe in die begeisterte Frage ausbricht: S. 47. Wann dehnt sich meiner Seele Flügel? Wann schlüpf' ich aus der Sinnlichkeit?

Schillers erste der Stanzen an den Leser ist wunderschön.

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Aber auf diesen Anfang voll Wärme und wahrer Würde, erscheinen die folgenden Strophen, ihrer Anmuth ohngeachtet, unschicklich, weil man etwas mehr als eine leere Verbeugung erwartet.

Unter Göthe's Gedichten scheint mir der Besuch das vorzüglichste. Andre, selbst das so anziehende Meeresstille, würden vielleicht erst in dem vollständigen Zusammenhang, aus dem sie entrückt seyn mögen, ihre volle Wirkung thun. Die Kophtische Weisheit erinnert an vieles, unter andern auch an die harmonische Ausbildung des Adlichen und Komödianten, worüber der liebenswürdige Wilhelm im dritten Bande Meisterischen Lehrjahre so gutmüthig schwazt. Die Epigramme, in denen der größte Dichter unsrer Zeit unverkennbar ist, sind in der That eine Rolle reichlich mit Leben ausgeschmückt „voll der lieblichsten Würzen.“

Am meisten Ähnlichkeit hat die Würze dieser Epigramme mit dem frischen Salze, welches im Martial, nur zu sparsam, ausgestreut ist. In andern, wie im 87sten, athmet eine zarte Griechheit, und überall jener ächt deutsche, unschuldige, gleichsam kindliche Muthwillen, von dem sich in einigen epischen Stücken der Griechen etwas Gleiches findet. Man recensirt an diesem Büchlein nicht lange, aber im Lesen kommt man nicht davon. Es ist eine äusserst ergözliche Unterhaltung, bei der man sich nur vor allzugläubiger Nachsicht zu hüten hat.

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Schiller und Göthe neben einander zu stellen, kann eben so lehrreich wie unterhaltend werden, wenn man nicht bloß nach Antithesen hascht, sondern nur zur bestimmtern Würdigung eines großen Mannes, auch in die andre Schaale der Wage, ein mächtiges Gewicht legt. Es wäre unbillig, jenen mit diesem, der fast

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