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1796. man so sagen darf, vergeisterte Empfänglichkeit gehört dazu, von solchen Gegenständen berührt, ihren Eindruck melodisch zurückzugeben.

Wenn man dies bedenkt, so wird man sich eher wundern, daß Sprache und Sylbenmaß dem Dichter so oft zu Gebot ge= standen haben, als daß sie hie und da widerspenstig hinter dem Gedanken zurückgeblieben sind. Der bezaubernde Wohllaut der Strophen, deren Umfang das Ohr noch eben faffen kann, und die sanft verschmelzte Harmonie des Ausdrucks wird nur selten unterbrochen. Die Bilder der alten Mythologie sind hier bloß idealisch mit einer deutenden Anwendung eingeflochten, und es ist aufs glücklichste ein neuer Raub an ihnen begangen. Der ganze Sinn des Gedichtes liegt in dem Apfel Proserpinens begriffen. Es ist eins jener erhellenden Gleichnisse, welche die Wirkung der lezten Lichter thun, die man auf ein Gemälde sezt. Eben so schön und wahr ist in der Erwähnung Laokoons die edelste Foderung ausgedrückt, welche an die Menschheit zu machen steht: der Widerstand der die niederdrückende Natur des Leidens in den höchsten Triumph der Seele, in das Zeichen ihres göttlichen Ursprungs verwandelt. Wir wissen, daß die Bildsäule Laokoons beides darstellt, die Angst, welcher sich der Sterbliche nicht entziehen kann, und den Muth, wodurch er unsre Ehrfurcht mehr, denn der Gott erregt, der ein willkührliches Urtheil über ihn sprach. Diesem Gedanken, den der Künstler in der Schrift menschlicher Züge darlegte, sind hier wenige, aber lebendige Worte verliehn. Die Vergötterung des Herkules endigt die Reihe dieser Bilder auf die zweckmäßigste Art; und das in der leßten Strophe wiederholte Wort:

des Erdenlebens

Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt,

malt uns die Befreyung von der Last des Jrdischen so fühlbar hin, daß wir am Ende des Gesanges in der That mit dem Vergötterten hinangeschwebt zu seyn glauben.

Im 9ten und 10ten Stück stehen zwei poetische Uebersetzungen griechischer Hymnen: des Homerischen auf Apoll und eines weniger bekannten von Proklus auf Pallas Athene, die

den Liebhabern und Kennern des Alterthums willkommen seyn 1796. werden. Sie würden die Mühe einer nähern Vergleichung mit den Originalen belohnen, wenn hier Raum dazu übrig wäre. Das 7te Stück enthält Compositionen von Reichardt zu drey Liedern: Die Dichtkunst in demselben Stück, Weihe der Schönheit und Sängerlohn im 5ten. In jenem finden sich noch zwey Gedichte: der Dorfkirchhof, welches nicht zu seinem Vortheile an die berühmte Elegie von Gray erinnert, und Lethe. Beide sind wohlklingend versificirt, und nicht ohne glückliche Zeilen. In dem lezten wäre der Ausführung des wahren Gedankens, daß wir die Erinnerungen des gegenwärtigen Lebens für keine unbekannte Glückseligkeit können hingeben wollen, mehr Klarheit zu wünschen. Die Erscheinung der Anmuth und Würde am Ende ist ziemlich unerwartet. Die Schwarzburg im 9ten St. enthält in wohlklingenden Reimen ein Gemälde anmuthiger oder romantischer Naturscenen, von blühendem, manchmal nur zu üppigem Colorit, mit zarten Empfindungen untermischt.

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Die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (im 1ten, 2ten, 4ten, 7ten und 9ten St.) sind das, wofür der Vf. sie giebt, eine leichte, angenehme Erholung, welche nicht sowohl den ermüdeten Geist von sich selbst ablenkt und zerstreut, als durch den ruhigen Ton, der darinn herrscht, zur Sammlung einladet, womit ihm oft der größere Dienst geschieht. Der Eingang erinnert an einen ähnlichen, zu einer sonst noch genug von dieser verschiedenen Reihe von Erzählungen, dem Decameron des Boccaz. Dort flüchtete man sich von dem Schauplaze physischer Zerrüttung, wie hier von dem Schauplaze der politischen. Nur konnten die anmuthigsten Erzählungen eine Pest nicht beschwören, da sie hingegen Hader und Zwietracht wohl in den Schlaf zu wiegen vermögen. Die Einleitung zu diesem Unternehmen hat freylich das Ansehn eines Widerspruchs; denn es bringt dem Gedächtnissse die Gegenstände sehr nahe, welche man sich zu entfernen vorsette, doch ist er nicht ganz unauflösbar. Das Uebel mußte noch einmal so lebendig geschildert werden, daß es jedem, welcher je Partey genommen hatte, leicht wird, sich von dem Daseyn desselben durch eine aufwallende Theilnehmung an diesem Gespräch zu

1796. überzeugen. Die Erwähnung des Galgens und der Guillotine berührt eben den Gipfel beider entgegengeseßten Denkarten, und man ist nicht betrübt, den braven Mann abreisen zu sehn, der sie herbeyführte. Nun gewinnt man Raum, sich an den folgenden Gesprächen zu erfreuen, worinn Vernunft und Wiß, allgemeine und besondre Wahrheiten aufs glücklichste gemischt sind, wo es der Namen nicht bedarf, um die Sprechenden von einander abzusondern, und ein jeder seinen Charakter behauptet. Ja, bis in die kleinste der kleinen Geschichten, welche vorgetragen werden, läßt sich jene feine und lebhafte dramatische Wendung nicht verkennen. Auch die Spuren dessen, was man Manier nennen möchte; gefallen noch daran: warum sollte man eine zierliche Manier nicht lieben? Diese hier ist nicht karg mit Worten und Aufzählung kleiner Umstände, aber sie haben alle Leben und Grazie, und werden durch einen einfachen Gang zusammengehalten. Ohne Prunk und geflissentlich erregte Spannung, erreicht die erste dieser Erzählungen ihre Absicht, unsre Aufmerksamkeit zu fesseln, und die Phantasie anzuregen, wobey es nicht ohne Schauder abgeht. Anordnung und Ausdruck sind so kunstlos und darstellend, daß man gern zu ihnen zurückkehrt, und es sich schon gefallen läßt, das Wort dieses Räthsels, so wie der andern nachher aufgegebnen, nicht gefunden zu haben. Besonders ist alles, was darinn zur Bezeichnung der Charaktere dient, vortrefflich. Alle Zaubereyen des Vf. reichen dagegen nicht hin, den harten Contrast in dem Abentheuer des Marschall de Bassompierre ohne Widerwillen verschmerzen zu lassen. Daß die Begebenheit der schönen Strohwittwe mit einem Procurator zu Genua nicht unbekannt ist, schadet allerdings dem Vergnügen nicht, womit wir sie hier wieder lesen; doch schadet es ihrer Moralität, daß alles Verdienst auf die Kälte und Geistesgegenwart des jungen Weisen kömmt, und die Entsagung der artigen Frau nach aufgehobnem Fasten vielleicht nicht Stand halten möchte. Und dünkt daher die Geschichte des verirrten Jünglings moralischer. Eine überzeugende Wahrheit der Darstellungen und der Bemerkungen, die dem Vf. in der That so natürlich wie das Athmen zu seyn scheint, spricht uns darin an. Gegen das Ende entsteht indessen die Frage, ob eine solche Erfahrung wie die, welche Ferdinands Rettung begleitet, nicht zu denen gehört, an die, bey Gelegenheit des Sprungs zweyer verbrüderten Schreibtische, die Foderung gemacht wird, daß sie wahr

seyn müssen, und die man also nur gern in Heinrich Stillings 1796. Leben lies't.

Was aber alles Belehrende und Ergößende in den vorigen Unterhaltungen dahinten läßt, was ein sanftes Wohlgefallen in das lebhafteste Vergnügen verwandelt, ist das Mährchen (10tes St.), zu dem wir durch treffende Winke über das Wesen der Phantasie vorbereitet werden. Sie gaufelt uns alsdann das lieblichste Mährchen vor, das je von ihrem Himmel auf die dürre Erde herabgefallen ist. Alle ihre Jugend und Fröhlichkeit scheint wach geworden zu seyn. So bunt fie aber ihre Gemälde mischt, so gemildert ist es dennoch in seiner Haltung. Eine Reihe der lieblichsten Bilder zieht uns fort; sie gehen zuweilen in eine lächelnde Charakteristik, und dann wieder in's Rührende über: doch liegt das Rührende mehr in der holden Zartheit der Schilderung, als im Mitleiden, das der Gegenstand erweckt. Nie gab es einen liebenswürdigeren Schmerz, als den der süßen Lilie; überhaupt erregt sie ein Gefühl, als wenn man den Duft der Blume, deren Namen sie führt, in freyer Luft einathmete. Dazwischen bringt irgend ein komischer Zug, wie die Verlegenheit der guten Alten um ihre Hand zum Lächeln, oder man erheitert sich bey den Irrlichtern, einem Völkchen, das hier in seiner ganzen Beweglichkeit ergriffen, und wie fein gezaubert ist, ohne still zu stehn. Es ist eine Zeichnung, bey der man nicht ohne Ergözen verweilen kann; sie erschöpft, was sie darstellen soll, und gleitet doch leicht darüber hinweg, wie die Nymphe über die Spißen des Grases. So schwebt das ganze Mährchen hin, und wer sich nicht an ihm erfreuen wollte, müßte wenigstens nicht mit unbefangnem Geist sich belustigen können, oder alle Werke, woran die Einbildungskraft allein Theil hat, lästig finden. Alsdann könnte es ihn vielleicht noch unterhalten, nach einem haltbaren Faden der Deutung zu suchen, welches wir noch nicht unternommen haben. Im Einzelnen ist Sinn und Bedeutung nicht schwer zu erkennen. Bey der Flüchtigkeit, die man sonst nur den Landsleuten der Irrlichter zutrauen sollte, schimmert ein gewisser Ernst durch, der

nicht schwer wird über allem," wie die Landsleute des Vf., sondern eben hinreicht, eine desto angenehmere Erinnerung der empfundenen Lust zurückzulassen. Es ist kaum nöthig, zu bemerken, daß nirgends Ueberladung, weder in der Sprache, noch in den Beschreibungen, statt findet. Wollte die Kritik auch dieses schöne

1796. Wolkenbild nicht ohne Tadel vorbeyschlüpfen lassen, so könnte man sagen, daß die Katastrophe, wobey die Theilnahme an den Lieblingen still steht, nicht nahe genug ans Ende gerückt ist. Allein dies stört den Genuß nicht, und wenn wir geendigt haben; so sehen wir im Geist den Erzähler, der bisher unter der Gestalt eines alten Geistlichen aufgetreten ist, die Maske abwerfen, und mit einem Flügelpaar dastehn.

Entzückung des Las Casas, oder Quellen der Seelenruhe. (3. St.) So heißt die Ueberschrift des Gesichts eines sterbenden Weisen, der auf ein thatenvolles Leben erbangend zurückschaut. Sein Genius läßt ihn zuerst die traurigen Folgen einiger Uebereilungen, und dann in weiter Ferne die endliche Auflösung der Verwirrung erblicken, die sein Herz an sich selbst verzweifeln ließ. Der Erzähler geht dabey keinen neuen Weg, aber den, worauf ihm der Denker gern folgt. Die Sprache hat durch Fülle und Feyerlichkeit fast am Einfachen eingebüßt, aber sie ist mit der frommen Erhabenheit des Gegenstandes eins ge= blieben. Bey der Vergleichung mit dem Traum des Galilei sollte man denken: ein Philosoph für die Welt, dessen man sich dankbar erinnert, sey hier Philosoph für den Himmel ge= worden.

Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius. Eine Erzählung. (5tes St.) Sie enthält eine treffende Allegorie über einen Gegenstand aus der Naturwissenschaft, für die man nur selten sinnreiche Einkleidung erfand, während man die Lehren der Moral mit den plattesten überhäufte. Der kleine Aufsatz ist gefällig und blühend geschrieben; das Ende läßt eine sanfte Rührung zurück.

Das Charaktergemälde im 10ten St. Herr Lorenz Stark ist nur noch Bruchstück, obschon am Ende keiner zu hoffenden Fortsetzung erwähnt wird; doch ist die Geschichte weit genug ge= führt, um eine befriedigende Entwickelung voraussehen zu lassen. Es ist nicht nur ein unterhaltendes, sondern ein lehrreiches Gemälde; denn wir erblicken darinn Verhältnisse, wie sie sich im gewöhnlichen Leben wirklich finden, und den häuslichen Frieden nur zu oft unterbrechen. Schwächen und Eigenheiten sind hier

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