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nachgebildet ist, so bedünke es ihn doch, dass der Mantuaner bei seinen ersten dichterischen Versuchen sich selbst und seine persönliche Lage und Unmittelbarkeit getreu abspiegele und dass gerade diese directe Bezugnahme auf das damalige allgemeine Zeitbewusstsein und diese Wahrheit (l'opportunità del carme e la sua verità) das sei, was ihm unter seinen Zeitgenossen diesen lauten Beifall verschaffte. Hierauf führt Agresti das Urtheil Bähr's (R. Lit. IV. Aufl.) vor, welches die Eclogen so sehr heruntersetzt und neben Anderm von ihnen sagt, dass nur die Neuheit ihrer Gattung jenen Anklang in Rom gefunden habe, dass die dichterische Invention derselben dürftig, ihr Sujet dem Theokrit entlehnt und dass das, was Vergil hinzufüge, seinen unbucolischen Character nicht verleugnen könne. Besonders hart trifft aber unsern Dichter Bähr's abschätzige Kritik, wenn er nachher etwa sagt Selbst wenn man dem herrschenden Geschmack und der Bildung seiner Zeitgenossen und der Schwierigkeit der von Vergil zu überwindenden Sprache Rechnung trägt, kann man nicht leugnen, dass die dichterische Composition der Eclogen nicht gelungen ist.

Agresti's critische Studien, die sich eingehend mit den einzelnen Eclogen beschäftigen, scheinen mir mit Glück den Beweis für das zu liefern, was ich bei Lectüre der Bucolica immer herausfühlte, dass man dieselben von philologischer Seite bisher zu einseitig nur als Reproduction eines griechischen Vorbildes hinstellte 1) und die poetische Eigenthümlichkeit, die Anmuth derselben, sowie des Dichters Natursinnigkeit und Frische bei Conception derselben zu wenig beachtete und in die Wagschale des Urtheils fallen liess. 2) --Man muss nun Agresti's Erörterungen nicht etwa, weil sie die eines Italieners sind, der naturgemäss für Vergil Partei nehme, geringer anschlagen, sondern eher von seiner Seite, weil ihm die italische Natur und mithin das italische Volks- und Hirtenleben im Gegensatz zu den Lebensformen der Stadt in unmittelbarer Nähe liegt, eine gewisse Autorität und Glaubwürdigkeit in den betreffenden Fragen voraus

1) S. Peter R. G. III, p. 105.

2) S. Studie II u. III.

setzen und erwarten.

Wir können mit gutem Gewissen die genannte Schrift als in hohem Grade anregend und für gewisse Fragen illustrierend bezeiehnen, wiewohl wir durchaus nicht in allen Puncten mit dem Verfasser übereinstimmen.

Man hat bei Beurtheilung der dichterischen Persönlichkeit Vergil's bisher wohl oft zu sehr die Nachahmung des Theokrit in den Eclogen und des Homer in der Aeneis 1) hervorgehoben und ist dabei so weit gegangen, dass man ganz landübliche Wendungen und Dichterblumen ihm als Andern entnommen anrechnete. Wie Vieles ist oft, streng genommen, in Sujet und Geschmack von jeher bei den Dichtern durch andre Dichter mehr oder weniger angeregt und hervorgerufen! Man denke an Shakespeare und die Rückwirkungen, die er auf unsre grössten Dichter ausübte! Ferner hat man bisher offenbar zu sehr das Steckenpferd gewisser alter Exegeten und Gelehrten geritten, indem man in einer grossen Anzahl der Eclogen einen allegorischen Character der Hirten consequent nachweisen und bald unter diesem bald unter jenem Hirten so unter Damötas oder Menalcas in Ecl. III Vergil selbst entdecken wollte. Man suchte ein Etwas, das objectlos ist, und trug mehr zur Verwirrung, als zur Aufklärung bei. Agresti spricht (p. 55) sich darüber dahin aus, dass man von consequentem Durchführen einer angenommenen Allegorie beispielsweise in Ecl. III abstehen müsse, dass Vergil vielmehr einzig und allein durch den Mund bald dieses bald jenes Hirten je nach Bedürfniss theils politische oder literarästhetische Streiflichter auf seine Zeit werfen, theils Schmeicheleien auf seine Gönner vortragen lasse. Dieses eigenthümliche Einschmuggeln persönlicher Anliegen und Interessen sei specifisch italisch und lasse sich bei zahllosen Dichtern (Dante) des 14. u. 15. Jahrhunderts nachweisen.

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Durch meine Einleitung (Studie II u. III) glaube ich dem Wesen der Vergil'schen Bucolica möglichst gerecht worden zu

1) S. die treffliche Würdigung der dichterischen Persönlichkeit Vergil's in Weidner's Commentar zu Aen. I. u. II. Buch; Leipz. Teubn. 1869.

sein und finde mich, in den Hauptpuncten wenigstens, mit dem Urtheil des Italieners Agresti in Einklang.

Zu Ecl. II, 12 sei noch bemerkt, dass das ,,Singen" der Cikaden natürlich sich nur auf die wärmeren Länder beziehen kann, in denen diese Hemipteren heimisch sind. Bei uns lässt sich analog das Zirpen der Gryllen im Sommer, während der Mittagshitze am stärksten, anführen.

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Zu Ecl. III, 102 ff. bei den Worten des Menalcas vix ossibus haerent" kann ich noch, zur Stütze meiner Erklärung jener Stelle, bestätigen, dass auch in Theokrit's Id. IV, 15 der Ziegenhirte Battus mit den Worten

τήνας μὲν δὴ τοι τᾶς πόρτιος αὐτὰ λέλειπται τὤστια spöttelnd nicht auf seine Heerde, sondern auf die Rinder des Gegners sich bezieht, und dass somit auch hier Vergil in dem auf die Magerkeit der Schafe des Andern ironisch anspielenden Menalcas den Theokrit'schen Battos, mit dem überhaupt Menalcas die wesentlichsten Züge gemein hat, vor Augen hatte. Dabei übernimmt Damötas ganz die Rolle des Corydon in Id. IV, indem er auch gutmüthig auf die Anspielung des Andern eingeht und, weil er den Spott nicht merkt, nicht in gleicher Münze repliciert. Auch Fritzsche in seinen Ausgaben des Theokrit hebt treffend diese Characterseite des Corydon hervor.

Zu besonderem Danke bin ich, bei Ausarbeitung meiner Einleitung, Herrn Professor Dr. Hoffmann, derzeitigem Rector M. der Universität zu Giessen, für mehrere schätzbare Bemerkungen zu den in den Eclogen erwähnten Pflanzen verpflichtet.

Nicht minder halte ich mich Herrn Professor Dr. Weidner, Director des hiesigen Gymnasiums, sowie Herrn Dr. W. Clemm, ordentlichem Professor der classischen Philologie an hiesiger Universität, für nutzbare Mittheilungen und Winke verbunden, was bei dieser Gelegenheit ich glaube aussprechen zu müssen.

Giessen, 29. Nov. 1875.

D. V.

Vorstudien zu Vergil's Bucolica.

I. Studie.

P. Vergilius Maro's Leben und dichterische Persönlichkeit. (In kurzer Uebersicht.)

Geboren zu Andes bei Mantua (684 u. c. 15. Oct., 70 a. Chr.) stammte P. Vergilius Maro von geringen Eltern ab, da sein Vater ein Gütchen zu Andes besass und gerade Mittel genug hatte, seinen Sohn Anfangs zu Cremona, hernach zu Mailand in den ersten Erziehungselementen unterweisen zu lassen.1 Später begab sich Vergil nach Neapel, um dort von dem griechischen Dichter und Grammatiker Parthenius unterrichtet zu werden, dessen Einwirkungen nicht ohne Bedeutung für des späteren Dichters eigenthümlich gelehrte Richtung geblieben sind. In Rom, wohin er von Neapel sich begab, genoss er den Unterricht des Epikureischen Philosophen Siron.2 Die entsprechenden Studien in Mathematik

und Physik, die er hier anstellte, wirkten dabei bestimmend für seinen eigentlichsten inneren Beruf eines Naturdichters, als welchen er sich bald durch seine bucolischen und georgischen Dichtungen erweisen sollte.

Von Rom auf seine kleine Besitzung bei Mantua zurückgekehrt, legte er theils selbst Hand an bei dem landwirthschaftlichen Betriebe seines Gutes, theils widmete er sich

1) Die älteste vita des Vergil, welche von den spätern Erklärern zu Grunde gelegt wird, ist die von Donatus; s. Jahn's Jahrb. 1833, 2. Suppl. p. 566 ff. Teuffel Stuttg. Real-Encyclop.

2) Hierüber Teuffel Gesch. d. R. L. S. 390. Besonders s. die sorgfältig zusammengestellten Notizen über Vergil's Leben in O. Ribbeck's Narratio de vita et scr. P. Vergili als Einleitung zu der Teubn. Textausgabe 1867.

Glaser, P. Vergilius M. Bucolica.

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gelehrten und dichterischen Studien. Sein erstes Gedicht, das ihm einigen Namen verschaffte, scheint das gewesen zu sein, welches, Culex" überschrieben war, etwa im Jahr 709 oder 710 u. c. verfasst.2 Der Inhalt desselben ist recht nett: Ein von der Sonnenhitze ermüdeter Schäfer schläft unter einem schattigen Baume ein, als an ihn plötzlich eine Schlange herankriecht. Eine Mücke, die in selbigem Augenblicke den Schäfer weckt, wird sein Retter, indem der Erwachende zwar leider sie selbst tödtet, aber hernach von der lästigen Schlange sich befreit. Dem kleinen Insekt weiht der Gerettete folgendes Distichon:

Parve culex, pecorum custos tibi tale merenti

Funeris officium vitae pro munere reddit.

Uebrigens ist sehr zu bezweifeln, ob dieses noch vorhandene Gedichtchen in seiner im Ganzen elenden Verfassung das wirklich Vergilische ist. Ausserdem werden dem Vergil von den Grammatikern noch zugeschrieben die kleineren Gedichte: Priapeia, Epigrammata, Moretum, Catalecta, Dirae, Ciris, Copa und Aetna, von denen der grössere Theil sicher nicht von unserm Dichter verfasst ist. Vom Jahre 712 u. c. an (42 a. Chr.) dichtete Vergil nach dem Vorbilde des Theokrit bukolische Lieder, die dem C. Asinius Pollio, dem gelehrten Kenner der griechischen und römischen Literatur, welcher damals das transpadanische Gallien verwaltete, so gefielen, dass er dem Dichter neue Stoffe zur Bearbeitung empfahl. S. Ecl. VIII, 11. In dem noch ungestörten Besitze seines Landgutes dichtete Verg. die zweite, dritte und fünfte Ecloge. Er wurde aber im darauffolgenden Jahre durch eine Ackervertheilung, welche Octavian seinen Veteranen verheissen

1) Heyne praef. ad Verg. op. Reifferscheid Sueton. reliqu. p. 54 ff. 2) Hertzberg Einleitung zu Verg. kl. Ged. Stuttgart, 1856. 3) Die Idee des Gedichtchens nannten wir nett und halten sie unsres Dichters für würdig, wiewohl Bernhardy (R. L. p. 484, IV. Bearb.) dieselbe als ,, kleinlich" bezeichnet. Zugestanden muss freilich werden, dass die heutige Reproduction derselben, voll breiter Rhetorik und formaler Geziertheit, eher einer alexandrinischen Kunst- u. Schuldichtung angehört. Bei solchen Gedichtchen wird die Idee derselben wesentlich durch die äussere Form getragen und gehoben. S. Teuffel Gesch. d. Röm. Lit. p. 403.

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