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der Himmelsräume begriffen scheint, hat denkende Beobachter auf die Analogie organischer Erscheinungen geleitet. Wie wir in unseren Wäldern dieselbe Baumart gleichzeitig in allen Stufen des Wachsthums sehen, und aus diesem Anblick, aus dieser Coexistenz den Eindruck fortschreitender Lebens-Entwickelung schöpfen, so erkennen wir auch in dem grossen Weltgarten die verschiedensten Stadien allmäliger Sternbildung. Der Process der Verdichtung, den Anaximenes und die ganze ionische Schule lehrte, scheint hier gleichsam unter unseren Augen vorzugehen. Dieser Gegenstand des Forschens und Ahndens ist vorzugsweise anziehend für die Einbildungskraft. Was in den Kreisen des Lebens und aller inneren treibenden Kräfte des Weltalls so unaussprechlich fesselt, ist minder noch die Erkenntniss des Seins als die des Werdens: sei dies Werden auch nur (denn vom eigentlichen Schaffen als einer Thathandlung, vom Entstehen, als »»Anfang des Seins nach dem Nichtsein««, haben wir weder Begriff noch Erfahrung) ein neuer Zustand des schon materiell Vorhandenen.*)«

Obgleich nun unser Sonnensystem das Nacheinander der sich noch auf niederen Stadien befindlichen Weltsysteme bereits durchgemacht hat, so hat es dennoch die niederen Stufen nicht vollständig absorbirt oder unterdrückt, sondern diese kommen in ihm gleichfalls neben den höheren vor: gasartige Körper neben flüssigen und harten. Unser Sonnensystem enthält also auch im Uebereinander das, was es selbst im Nacheinander durchgemacht hat und was der übrige Weltraum im Nebeneinander bietet.

Beschränken wir unsere Beobachtungen auf unsere Erde, so finden wir auch in geologischer Hinsicht dieselbe dreifache Uebereinstimmung des Neben-, Nach- und Uebereinander. Das Innere der Erde ist theilweise flüssig und theilweise bereits erstarrt und wahrscheinlich theilweise mit Gasen erfüllt; desgleichen ist auch die Oberfläche der Erde in Luft, Wasser und feste Körper differenzirt. Alles das bietet gleichfalls eine Kette von Differenzirungen und Integrirungen, in welcher jedes nächste Glied im Uebereinander das Nacheinander und Nebeneinander der Vorhergehenden wiederholt und im Kleinen reproduzirt.

*) Kosmos, Alexander v. Humboldt, I., 1874, S. 56.

Desgleichen die Organismen. Durch die Embryologie ist bereits bewiesen worden, dass ein jeder Organismus in seiner allmäligen Entwickelung alle niederen Stadien derjenigen Organismen durchläuft, von welchen er abstammt. Diese grosse Entdeckung hat die Wissenschaft v. Baer, dem Vater der Entwickelungslehre, zu verdanken. Das Uebereinander entspricht somit auch in der organischen Welt dem Nacheinander. Aber auch noch jetzt, trotz der zahlreichen Zerstörungsursachen, denen die verschiedenenen organischen Species vom Anfang an ausgesetzt waren, findet sich noch eine Uebergangskette vom Niederen zum Höheren vor, welches der Wissenschaft, trotz mancher Lücken, erlaubt, den rothen Faden des Gewebes auch im Nebeneinander, welches dem Ueber- und Nacheinander in den Hauptmomenten entspricht, mit ziemlich grosser Sicherheit zu verfolgen. Wie schön drückt Goethe in seinem Faust das bunte Durcheinander der Wechselwirkung der Kräfte in der Natur, als ein nur scheinbar Unentwirrbares, aus: »Wo ein Tritt tausend Fäden regt, »Die Schifflein herüber, hinüber schiessen, »Die Fäden ungesehen fliessen, »Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.« Das hehre Gesetz der Uebereinstimmung des Neben-, Nachund Uebereinander ist gerade bestimmt, dieses bunte Durch einander zu entwirren. Dieses Gesetz hat aber auch seine volle Anwendung auf die menschliche Gesellschaft und ist auch allein im Stande, das bunte Durcheinander der Wirkung der socialen Kräfte zu entwirren, in ihre einzelnen Wirkungssphären aufzulösen und dem socialen Organismus als einen unablösbaren Theil der Natur aufzufassen. Betrachten wir irgend einen historisch bereits vollständig ausgebildeten Staat, eine hochentwickelte Nationalität oder eine zufällig nur auf kurze Zeit zusammengefügte sociale Gruppe, ja, eine Rotte Wilder, die sich noch im Urzustande befinden, so werden wir in allen diesen Fällen ein mehr oder weniger, höher oder niedriger potenzirtes Uebereinander von Individuen, d. h. von socialen Zellen finden, wie auch ein jeder Einzelorganismus der Natur ein Uebereinander von pflanzlichen oder thierischen Zellen darstellt. Denn schon die Familie im rohesten Urzustande bietet ein solches Uebereinander in der Person des Familienvaters, des Weibes, der Kinder, Enkel etc. dar. Der ganze Unterschied zwischen Familie, Stamm, Volk, Nation, Staat besteht nur in der grösseren oder geringeren Zahl der zu einem Ganzen zusammengefügten Zellenindividuen, sowie auch in einer grösseren oder geringeren Differenzirung und Integrirung derselben Theile eines Ganzen. Da es nun aber auch noch jetzt sociale Gruppen giebt, die auf der verschiedenartigsten Stufenhöhe von Potenzirungen sich befinden, so bietet auch noch in der Gegenwart die menschliche Gesellschaft, gleich der organischen Natur, eine unendliche Zahl von Organismen, die eine nur hin und wieder unterbrochene Kette von Potenzirungen bilden. Und dieses Nebeneinander der socialen Potenzirungen stimmt mit dem Uebereinander der höher entwickelten socialen Gruppen ebenso überein, wie es in der organischen Natur zwischen einem jeden höher entwickelten Organismus und den niederen Gliedern der Kette der Fall ist. Ganz ebenso existirt auch eine Uebereinstimmung im Nacheinander der Geschichte der Menschheit und im Nebenund Uebereinander der jetzt lebenden Menschheit. Denn sogar die am höchsten entwickelten Kulturvölker enthalten noch heute in ihrem Schoosse sociale, ethische, geistige und materielle Entwickelungsstufen, auf denen einzelne Individuen, sociale Gruppen, ja, ganze Stände sich befinden, die dem Entwickelungszustande des Urmenschen oder der Wilden entsprechen. Und diese Mannigfaltigkeit in der Entwickelung bietet die menschliche Gesellschaft auch noch jetzt, wie auch die Geschichte im Nebenund Nacheinander. Wie früher, giebt es noch jetzt Thiermenschen, ethisch und geistig rohe, halbgebildete, uncultivirte Menschen und sociale Gruppen sowohl in allen Welttheilen als auch in jeder Gesellschaft, sie mag geistig und materiell auch noch so hoch entwickelt sein. Die Uebereinstimmung des Nach-, Neben- und Uebereinander begründet und erklärt somit alle Beziehungen nicht nur der Naturerscheinungen untereinander, sondern auch des Menschen zur Natur und die Beziehungen der Menschen untereinander in der menschlichen Gesellschaft, sowohl in materieller, als auch in ethischer und geistiger Hinsicht. – Vom subjectiven Standpunkte aus ist im Nacheinander, als Gesammtheit alles Seienden, der Begriff der Zeit; im Nebeneinander, als Gesammtheit alles Seienden, der Begriff des Raumes begründet. Im Uebereinander kreuzen sich Raum und Zeit in einem Punkte. In der Wirklichkeit werden alle einzelnen Erscheinungen, wie auch die ganze Natur und das sociale Leben, durch dieses Begegnen, durch dieses Zusammentreffen in einem gemeinschaftlichen Brennpunkte des Neben- und Nacheinander bedingt. Aether, Luft, Gas, Metall, Pflanze, Thier, Mensch mit allen in seinem Nervensystem und seinem Gehirn sich real ausprägenden ethischen und intellektuellen Eigenschaften und Strebungen, alles dieses bietet im Wesentlichen nichts weiter als verschiedene Potenzirungen derselben Kräfte, die im Nacheinander der Natur und der menschlichen Gesellschaft, d. h. in der Zeit, und im Nebeneinander, d. i. im Raume, sich kund gethan haben und in Zukunft sich kund thun werden. Das gegenseitige Verhältniss des Nach-, Neben- und Uebereinander kann von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet und ergründet werden. Bezieht der Beobachter diese Verhältnisse auf sich selbst, so stellt er sich auf den subjectiven Standpunkt; beurtheilt und ergründet er die Beziehungen des NachNeben- und Uebereinander in Natur und Gesellschaft, unabhängig von seinen persönlichen Gefühlen und Anschauungen, so ist sein Standpunkt ein objectiver. Sowohl der eine, als auch der andere kann noch eine Unzahl specieller Standpunkte bieten; in subjectiver Hinsicht, je nachdem mehr oder weniger die Eindrücke dieses oder jenes Sinnes, die Motive dieses oder jenes Gefühls oder die Anschauungen des Intellekts im Spiele sind; in objectiver Hinsicht, je nachdem mehr oder weniger das Neben-, das Nachoder das Uebereinander, oder diese oder jene specielle Beziehung und Potenzirung derselben in Betracht gezogen wird. Ein jeder dieser, sowohl subjectiven als auch objectiven Standpunkte kann die Grundlage irgend einer Wissenschaft bilden oder den Bestrebungen irgend einer Kunst als Ausgangs“ punkt dienen. Die Kosmogonie, die Geologie, die Geschichte die Mathemathik haben vorzüglich die Erscheinungen des Nach: einander in den verschiedenen Stadien der Kraftpotenzirung zum Gegenstande. Die Astronomie, die Geographie, die Statistik die Geometrie ergründen vorzugsweise dieselben Erscheinunge" in Natur und Gesellschaft vom Standpunkte des Nebe" einander aus; die Descendenzlehre der Organismen, die Fo“ bryologie etc. vorzugsweise aus dem des Uebereinander. Da jedoch von allen diesen Standpunkten aus immer doch die dreifache Uebereinstimmung des Nach-, Neben- und Uebereinander sich kundthut, so dürfen auch alle Forschungen der Wissenschaft, indem sie mehr oder weniger irgend einen speciellen Standpunkt vertreten und beleuchten, das Ganze nicht aus den Augen verlieren. Das Ignoriren des Zusammenhanges führt zu Einseitigkeiten und falschen Folgerungen.

Durch Ergründung der Wechselwirkung und Potenzirung der Kräfte auf wissenschaftlichem Wege ergiebt sich das Kausalverhältniss der Erscheinungen in Natur und Gesellschaft. Alle Natur- und socialen Erscheinungen sind nur Bruchstücke und Wiederholungen dieses dreifachen Parallelismus, alle Gesetze sind nur specielle Vorstellungen dieses allgemeinen Gesetzes. Die Zukunft wird uns erst klar, sobald wir dieses Gesetz erkannt haben.

Sowie die Wissenschaft die Ergründung des Kausalverhältnisses der Erscheinungen zum Gegenstande hat, so strebt die Kunst, das Zweckmässigkeitsprincip im Menschen durch Entwickelung seiner Kräfte zu heben und höher zu potenziren. Daher entprechen die verschiedenen Künste den verschiedenen Kraftäusserungen und Sinnen des menschlichen Organismus: der Tanz den Bewegungen im Raum, die Musik dem Ohr, die plastischen Künste (Malerei, Architektur etc.) dem Auge u. s. w.

Die Philosophie betrachtet das Verhältniss des Nach-, Nebenund Uebereinander in ihrer Gesammtheit. Die verschiedenen phylosophischen Systeme gründen sich nur auf allgemeine Betrachtungen der Gesammtheit der Erscheinungen: die idealistischen Systeme vom subjectiven, die materialistischen vom objectiven Standpunkte aus. – Was über dieses Verhältniss hinweg ist, – bildet das Absolute.

»In den Rechenbüchern«, sagt Schopenhauer, »pflegt die Richtigkeit der Lösung eines Exempels sich durch das Aufgehen desselben, d. h. dadurch, dass kein Rest bleibt, kund zu geben. Mit der Lösung des Räthsels der Welt hat es ein ähnliches Bewandtniss. Sämmtliche Systeme sind Rechnungen, die nicht aufgehen: sie lassen einen Rest, oder auch, wenn man ein chemisches Gleichniss vorzieht, einen unauflöslichen Niederschlag. Dieser besteht darin, dass, wenn man aus ihren Sätzen folgerecht Weiter schliesst, die Ergebnisse nicht zu der vorliegenden realen Welt passen, nicht mit ihr stimmen, vielmehr manche Seiten derselben dabei ganz unerklärlich bleiben. So z. B. stimmt zu

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