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als realer Organismus anerkannt wurde und weil das Individuum nicht als Bestandtheil eines realen Ganzen – des socialen Nervensystems – aufgefasst wurde. – Endlich ist auch die politische Sphäre des socialen Lebens nichts anderes als eine höhere Potenzirung des Strebens der Einzelorganismen nach Einheit und Abgeschlossenheit. Auch hier treten verschiedene Zeichen als Resultat des Umsatzes der direkten Reflexe in indirekte auf; auch in dieser Hinsicht zeichnen sich die socialen Erscheinungen durch grössere Mannigfaltigkeit, Geistigkeit, Zweckmässigkeit und Freiheit aus. In allen Sphären jedoch, sowohl im socialen Leben, als auch in der Entwickelung der Naturorganismen, tritt dasselbe grosse Gesetz der Uebereinstimmung des Nach-, Neben- und Uebereinander auf, – in allen Sphären wird die Vervollkommnung durch eine höhere Differenzirung und Integrirung der Kräfte bedingt. Sehen wir nun von den niederen, rein thierischen Organen des Menschen ab und ziehen nur seine höheren Nervenorgane und die durch dieselben bedingten socialen Nervenreflexe in Betracht, so treten auch bei dieser Ausscheidung dieselben Gesetze der Uebereinstimmung, der Wechselwirkung und der Vervollkommnung hervor, sowohl in Betreff der Zellenindividuen und Zellengesammtheiten, als auch der Zwischenzellensubstanz. Die Gebiete der Wissenschaft, der Kunst und der Religion verdanken ihr Entstehen und ihre Entwickelung vorzugsweise der Wechselwirkung der höheren Nervenorgane des Menschen im Schoosse der Gesellschaft. Gleich dem socialen Organismus überhaupt stellen auch diese Gebiete eine physiologische, morphologische und einheitliche Sphäre dar und potenziren sich stufenweis gegenseitig in den einzelnen Theilen und als Gesammtheit zu einer grösseren Mannigfaltigkeit und Verinnerlichung, zu immer höherer Differenzirung und Integrirung. Als tiefste Verinnerlichung und höchste sociale Integrirung verbleibt jedoch dabei immer das Gottesbewusstsein, durch welches der Mensch sich als integrirenden Theil eines allumfassenden, das All durchdringenden, ewigen, auf einer unendlich hohen Stufe der Vollkommenheit stehenden Wesens fühlt. Dieses Gefühl wird in ihm durch einen inneren Sinn erweckt, welcher zuerst dumpf, unklar und unbewusst, bei stufenweis höherer Entwickelung jedoch immer klarer und bewusster die Anwesenheit eines geistigen Princips in ihm und in der Natur bezeugt. Gleichwie das Auge das Resultat der Wirkung des im ganzen Weltall verbreiteten Lichtäthers ist, so ist auch das Gottesbewusstsein des Menschen das Resultat der Wirkung eines geistigen, das ganze Weltall erfüllenden Princips, von dem der Lichtäther nur einen dunklen Abglanz darstellt. – Und gleichwie auf Grundlage der letzten Errungenschaften der Naturkunde nicht nur die organische, sondern auch die anorganische Materie als Resultat verschiedener Zusammenstellungen des Lichtäthers betrachtet werden kann, so können auch unsere inneren Sinne in derselben Weise einem geistigen Aether entsprechen, von dem wir nur eine materielle Verdichtung bilden. – So haben wir uns auch wiederum in diesem Abschnitt unserer Betrachtungen durch alle Schichten des materiellen Substrats und unter Anerkennung aller Errungenschaften der Naturkunde bis in die höchsten Sphären des geistigen und ethischen Lebens des Menschen erhoben, und dieses einerseits ohne den realen Boden auch nur für einen Augenblick zu verlieren und andererseits wiederum ohne die höheren Anlagen und Bestrebungen der menschlichen Natur zu leugnen- Dass es uns möglich war, diesen objektiven Standpunkt einzunehmen, verdanken wir wiederum nur der Anerkennung der menschlichen Gesellschaft als realen Organismus; als Beweis jedoch, dass wir dabei nicht geneigt sind, einem oberflächlichen Materialismus das Wort zu reden, wollen wir nur folgende trefflichen, gegen die Atomisten gerichteten Worte des Bischofs Butler anführen, denen wir vollständig beistimmen: »Ihre Atome sind einzeln ohne Empfindung und noch vielmehr ohne Intelligenz. Darf ich Sie nun bitten, die Lösung des folgenden Problems zu versuchen? Nehmen Sie Ihre todten Wasserstoff-, Kohlenstoff-, Sauerstoff-, Stickstoff-, Phosphor- und alle die anderen Atome, die so todt sind wie Schrotkörner und aus denen das Gehirn gebildet ist. Stellen Sie sie sich getrennt und empfindungslos vor, beobachten Sie sie, wie sie zusammenfliessen und alle denkbaren Verbindungen bilden. Diesen rein mechanischen Process kann der Geist deutlich schauen. Aber können Sie schauen, träumen, oder sich irgendwie eine Vorstellung davon machen, wie aus diesem mechanischen Akte und aus diesen einzelnen todten Atomen, Empfindung, Gedanke und leidenschaftliche Gemüthsbewegung hervorgehen sollen? Glauben Sie, dass sie Homer aus dem Geklapper der Würfel oder die Differentialrechnung aus dem Zusammenschlagen der Billardkugeln entwickeln werden? Ich ermangele der »Vorstellungskraft, « von der Sie reden, keineswegs. Ich kann einem Stückchen Moschus folgen, bis es den Geruchsnerven erreicht, ich kann den Schallwellen folgen, bis ihre Schwingungen die Flüssigkeit des Labyrinthes im Ohre erreichen und die Otolithen und die Cortischen Fasern in Bewegung setzen, ich kann mir auch die Aetherwellen zur Anschauung bringen, wie sie in das Auge dringen und die Netzhaut treffen. Ja noch mehr, ich bin im Stande, die so der Peripherie mitgetheilte Bewegung bis zum Centrum zu verfolgen und mit meinem geistigen Auge die Moleculen des Gehirns in Schwingungen versetzt zu sehen. Diese physischen Prozesse beirren mein Inneres nicht. Was mich beirrt und mir unvorstellbar ist, das ist die Idee, dass Sie aus diesen physischen Schwingungen denselben so völlig incongruente Dinge wie Empfindung, Gedanke und Leidenschaft entwickeln können. Sie sagen oder denkeu vielleicht, dass dieses Hervorgehen des Bewusstseins aus dem Zusammenstoss von Atomen nicht unerklärlicher sei, als das Hervorgehen des Blitzes aus der Vereinigung von Sauerstoff und Wasserstoff. Aber ich erlaube mir zu behaupten, dass es das allerdings ist. Denn was an dem Blitz unerklärlich ist, ist eben das, was ich jetzt Ihrer Aufmerksamkeit unterbreite. Der Blitz ist eine Sache des Bewusstseins, dessen objektives Gegenstück eine Vibration ist. Ein Blitz wird es nur durch Ihre Interpretation. Sie sind die Ursache der anscheinenden Incongruität, und Sie sind das Ding, das ich nicht zu fassen vermag. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, dass der grosse Leibnitz dieselbe Schwierigkeit empfand wie ich, und dass er, um sich dieser monströsen Herleitung des Lebens aus dem Tode zu entledigen, Ihre Atome durch seine Monaden ersetzte, welche mehr oder weniger vollkommene Spiegel des Universums waren und aus deren Summirung und Integrirung nach seiner Meinung alle Lebenserscheinungen des Empfindens, des Denkens und der Leidenschaft hervorgehen.« *)

*) John Tyndall: Der Materialismus in England, übers. von Emil Leh: mann, §. 38.

III.

Die Uebereinstimmung des Nach-, Neben- und Uebereinander in der hierarchischen Potenzirung der Naturkräfte.

In dem vorhergehenden Kapitel haben wir bewiesen, dass die stufenweis sich erhebende Potenzirung der Naturkräfte eine ununterbrochen Kette von Erscheinungen bildet, von welcher jedes nächste Glied sich genetisch an das vorhergehende anschliesst. Darauss folgt nun, dass in dieser ununterbrochenen Kette, trotz der später entstandenen Lücken, jedes nächste Glied dasselbe darstellt, was das Vorhergehende bietet, nur mit Hinzufügung einer theilweis oder vollständig höheren Potenz. Das Uebereinander in einer jeden Erscheinung muss daher in der Reihenfolge der Kettenglieder dem Nacheinander aller vorhergehenden Erscheinungen entsprechen, mit Hinzufügung nur eines grösseren oder geringeren plus potenzirter Kräfte. Und da die niederen Stadien der Kraftpotenzirung durch die höheren nur an einzelnen wenigen Punkten im Raume verdrängt werden, und die höheren Potenzirungen sich zu den niederen im Durchschnitt immer nur wie Ausnahmen verhalten, so sind in einem gegebenen Moment die verschiedenartigsten Potenzirungen von Kräften zu gleicher Zeit im Raume vorhanden, und das Nebeneinander muss dem Nach- und Uebereinander entsprechen, wobei die Zahl der niederen Potenzirungen im Ganzen fast immer die der höheren übertrifft. – Suchen wir dieses grosse, alle Erscheinungen in der Natur und in der menschlichen Gesellschaft umfassende Gesetz durch einige Beispiele zu erläutern.

Nach den auf eine grosse Wahrscheinlichkeit gegründeten Ausführungen der neueren Kosmologie ist unser Sonnensystem aus der allmäligen Verdichtung einer unendlich dünnen Nebelmasse entstanden. Die verschiedenen Planeten unseres Sonnensystems bieten noch jetzt einen verschiedenen Grad von Verdichtung dar.

Jedoch auch neben unserem Sonnensystem bietet uns der Weltraum eine unendliche Zahl von Systemen, die sich auf den verschiedensten Stufen der Verdichtung, der Differenzirung und

Integrirung der Materie befinden und somit die verschiedenen Gedanken über die Socialwissenschaft der Zukunft. II. 6

Stufen der Gestaltung im Nebeneinander dartsellen, wie sie unser Sonnensystem im Nacheinander durchgemacht hat. So giebt es Weltgegenden, die, wie die Spektralanalyse lehrt, noch von glühenden Gasen angefüllt sind. An den verschiedenen Punkten des Firmaments sieht man Sonnen auf den mannigfachsten Stufen der Ausbildung. Die Kometen und Aérolithen sind wandernde Zeugen früherer Bildungsstadien, die auch unser Sonnensystem durchkreuzen. Sie erfüllen den Himmelsraum, nach den Worten Kepplers, wie die Fische den Ocean. »Es giebt«, sagt Büchner, »viele Nebelflecke am Himmel welche nichts weiter als Sternhaufen sind und durch gute Instrumente für den Beobachter in solche aufgelöst werden können. Dagegen gibt es wieder eine Anzahl anderer, welche sich von jenen wesentlich unterscheiden, nicht in einzelne Sterne auflösbar sind und offenbar aus s. g. kosmischer oder UrweltMasse in verschiedenen Stadien ihrer Entwickelung bestehen Einige davon haben Kerne, welche sich bereits aus der Gesammtmasse als festere Mittelpunkte abgeschieden haben, andere haben Ringgestalt u. s. w.; ja man hat sogar durch Vergleichung früherer und späterer Beobachtungen derselben Flecke die in ihnen vorgehenden Veränderungen festgestellt. Eine grosse Zahl derselben scheint in einer doppelten Bewegung begriffen, ähnlich der unserer Sonne und ihrer Planeten, und wird sich auch wohl schliesslich in gleicher Weise, wie diese, entwickeln. Ja, verschiedene Erscheinungen weisen sogar darauf hin, dass sich selbst noch inmitten unseres eigenen Planetensystems Reste jener Nebelmasse befinden, aus der sich dasselbe einst hervorgebildet hat. Auch die neueren Forschungen in der Analyse des Lichtes haben die Theorie der Urweltnebel, welche schon von Herschel und Laplace aufgestellt wurde, vollkommen bestätigt. Die einzige Kraft aber, welche allen diesen Bildungen und Bewegungen zu Grunde liegt, ist nur die Anziehung – die Anziehung, welche die Nebel verdichtet, Sonnen und Planeten aus ihnen bildet ihre Bewegungen regelt und schliesslich durch die eingetretene Verdichtung Wärme und Licht, die einzige und letzte Quelle aller Lebenserscheinungen, hervorbringt.« *) So sagt auch Alexander v. Humboldt: »Die genetische Ent: wickelung, die perpetuirliche Fortbildung, in welcher dieser The

*) L. Büchner, Kraft und Stoff, 1874, S. 60.

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