Billeder på siden
PDF
ePub

anderen Orten im Nebeneinander hervorgebracht haben. – Im Grossen und Ganzen ist die Potenzirung der Kräfte nur allmälig, durch Jahrtausende und Jahrmillionen vor sich gegangen und die Welträume stellen noch jetzt die kosmische Materie auf den verschiedensten Stufen der Ausbildung dar. Trotz mancher Lücken war es, Dank den genialen Leistungen eines Laplace, Herschel etc., dem menschlichen Verstande gelungen, das Nach- und Nebeneinander in ihrer Uebereinstimmung mit den kosmischen Erscheinungen wissenschaftlich zu ergründen. Aber nur den neuesten Fortschritten der Naturkunde ist es zuzuschreiben, dass, Dank der Descendenz-Theorie, auch in Betreff der Entwickelung der organischen Welt die Uebereinstimmung des Nach-, Neben- und Uebereinander bereits unumstösslich nachgewiesen worden ist; und da überhaupt die höheren Potenzirungen der Naturkräfte unserem Erkenntnissvermögen näher liegen, indem dieses selbst eine solche ist, so liegt jetzt die Möglichkeit, die allmälige Entwickelung der höher potenzirten Erscheinungen Schritt vor Schritt zu verfolgen, noch näher auf der Hand. Solches thut z. B. die Naturkunde durch Ergründung des embryologischen Gesetzes, nach welchem ein jeder höhere Organismus alle niederen Formen seiner Vorfahren in kurzen Zeiträumen durchläuft. Dasselbe haben auch wir bereits im ersten Theile unseres Werkes gethan, indem wir bewiesen, dass ein jeder Mensch in der Stufenfolge der Entwickelung seiner höheren Nervenorgane alle Epochen der niederen historischen Entwickelung durchläuft. Durch Ergründung dieses Gesetes haben wir auch den ungeheuren Unterschied aufgedeckt, welcher zwischen Thier und Mensch, ungeachtet ihrer sehr nahen anatomischen Verwandtschaft, existirt. Denn die höheren Nervenorgane kennzeichnen sich nicht allein durch den unbedeutenden Unterschied, welcher zwischen dem äusseren Aussehen der Gehirnhemisphären des Menschen und irgend eines Thieres bemerkbar ist. Das ganze Nervensystem des Menschen ist ein sehr viel feineres, edleres, höher entwickeltes als das des am höchsten entwickelten Thieres, und dieser Unterschied gerade ist das Resultat der geschichtlichen Entwickelung des Menschen, eine Entwickelung, in deren Verlauf Religion, Wissenschaft, Kunst, Sitte, Sittlichkeit, Recht, Moral diejenigen Kräfte hervorriefen, welche das Thier allmälig und durch schwere Kämpfe und Prüfungen zum Menschen erhoben. Und wie das Thier in seiner embryologischen Entwickelung die niederen Stufen des animalischen Lebens durchläuft, so durchläuft der Mensch in der allmäligen Entwickelung seines Nervensystems die niederen Stufen des Lebens der Menschheit. – Gleich allen anderen Kraftpotenzirungen in der Natur überhaupt bleibt auch der Mensch auf verschiedenen Stufen stehen. Nur Wenige erreichen eine höhere, Die Masse der Menschheit wird durch die niederen Stufen der geistigen und ethischen Ausbildung repräsentirt. Das Höhere bildet in allen Gebieten nur einzelne lichte Punkte, einzelne hervorragende Gipfel. Die Ergründung der Gesetzmässigkeit, welche den Potenzirungen der Naturkräfte im engeren Sinne dieses Wortes zu Grunde liegt, bildet den Gegenstand der Naturkunde Da wir jedoch die menschliche Gesellschaft als Fortsetzung der Natur anerkannt haben, so folgt daraus, dass auch die Potenzrungen der socialen Kräfte nichts absolut Neues oder der Natur Fremdes involviren, sondern nur eine weitere Verdichtung der Naturkräfte darstellen können. – Gleichwie die philosophische Schule Locke's den Grundsatz aufstellte: nihil est in intellectu quid nom antea fuerit in sensu, könnten wir folgendes Axiom anerkennen: nihil est in societate quid nom antea fuerit in natura. Suchen wir nun die verschiedenen Fäden dieses Grundprincips im socialen Gebiete zu verfolgen. Was zuvörderst das sociale Zellengewebe oder, als The desselben, das menschliche Individuum anbetrifft, so muss man als sociale Potenzirung alles dasjenige anerkennen, was den Menschen als Glied der Gesellschaft durch die geschichtliche Entwickelung der Menschheit über das Thier erhoben hat. Die höheren intellektuellen Anlagen des Menschen, sein im Gewissen begründetes ethisches Gefühl, sein höherer Kunstsinn, sein klareres Selbstbewusstsein, sein religiöser Sinn, alles das sind Kraftverdichtungen, welche der Mensch der socialen Entwickelung zu verdanken hat. – Dass alle diese Anlagen, Gefühle und Sinne im Keime bereits im Thiere vorhanden sind, ist bereits durch unzählige Beobachtungen bewiesen worden. Ja, mal kann die allmälige Entwickelung einer jeden dieser Anlagen und Sinne auf embryologischem Wege vom Kinde bis zum reifen Alter im einzelnen Individuum Schritt vor Schritt verfolgen. Und nicht nur in der Gesammtheit der geistigen und ethischen Fähigkeiten, sondern auch in Betreff der einzelnen Anlagen und Sinne ist eine regelmässige Stufenfolge in der Entwickelung der Individuen und Gesammtheiten bemerkbar, so dass auch in jedem speciellen Gebiete, dem intellektuellen, ethischen, wisssenschaftlichen, religiösen, so wie im Gebiete der Kunst etc. das Gesetz der Uebereinstimmung des Nach-, Neben- und Uebereinander seine volle Geltung behält. Der Eine ist intellektuell hoch begabt, ermangelt aber des religiösen Sinnes, der andere ist auf einer sehr niedrigen Stufe der ethischen Entwickelung stehen geblieben, überragt aber alle an Kunstsinn. Die Reflexwirkung, welche durch die Verschiedenheit der Anlagen und durch die ungleiche Stufe der Entwickelung, durch die specifische Energieen einzelner Zellenindividuen und ganzer Gesammtheiten erzeugt wird, bilden die ganze in dem Gesetze der Arbeitstheilung und der Unterordnung des Niederen unter das Höhere, begründete Mannigfaltigkeit der socialen Erscheinungen. – Hand in Hand mit der Potenzirung, mit der allmäligen Differenzirung und Integrirung des eigentlichen socialen Nervensystems, geht dasselbe auch in Betreff der Zwischenzellensubstanz vor sich. Die Laute der Thiere gehen allmälig in eine gegliederte Sprache über, ihr technischer Kunstsinn potenzirt sich im Menschen stufenweise zur Production von Werthgegenständen vermittelst Werkzeuge, Maschinen, beweglicher und unbeweglicher Capitalien etc. »Die menschliche Industrie,« sagt Paul Janet, »ist nichts anderes, als die weitere Ausdehnung und Entwickelung der Arbeit der Natur. Die Natur bringt Organe zum Festhalten, Arme und Hände hervor, die Industrie erweitert sie durch Stangen, Pfähle, Beutel, Eimer und alle möglichen Werkzeuge zum Abhauen, Aushöhlen, Schöpfen, Graben etc. Die Natur erzeugt Organe zum mechanischen Zermalmen der Nahrungsmittel; die Industrie gibt ihnen eine weitere Ausdehnung durch Instrumente, die dazu dienen, die Nahrungsmittel zu zerschneiden, zu zerreissen, sie durch Feuer, Wasser und verschiedene Salze aufzulösen, und die Kochkunst wird gleichsam eine Fortsetzung der Verdauung. Die Natur giebt uns Organe zur Fortbewegung, Wunder von Mechanismen, verglichen mit den rudimentären Organen der Mollusken und Zoophyten; die Industrie erweitert und vervielfältigt diese Mittel der Ortsbewegung durch alle Maschinen zur Fortbewegung und durch Maschinen ersetzende Thiere. Die Natur giebt uns Organe zum Schutz und wir vermehren sie durch den Gebrauch der Thierfelle und alle Maschinen, die zur Zubereitung dieser dienen. Die Natur beschenkt uns endlich mit Sinneswerkzeugen, die menschliche Industrie fügt ihnen unzählige Instrumente hinzu, die nach denselben Principien, wie jene, gebaut sind und uns als Mittel dienen, theils den Mängeln und Unvollkommenheiten derselben abzuhelfen, theils ihre Tragweite zu vergrössern und ihre Anwendung zu vervollkommnen.« *) Dass die geistigen, ethischen und industriellen Anlagen und Fähigkeiten des Menschen nur Weiterentwickelungen der thierischen sind, bildet bereits seit Jahrhunderten das gewöhnliche Thema der materialistischen Schule. Nur ein wesentliches Moment ist dabei bis jetzt nicht in Betracht gezogen worden, nämlich, dass diese Weiterentwickelung, diese Potenzirung nicht auf dem Wege des einfachen Kampfes um's Dasein erlangt wird, wie es zwischen selbstständigen Individuen verschiedener Pflanzenoder Thierspecies der Fall ist, sondern auf Grundlage des Gesetzes der Wechselwirkung, die zwischen den Zellen und Zellengeweben der Einzelorganismen vor sich geht. Mit anderen Worten: es fehlte die Anerkennung der menschlichen Gesellschaft als realen Organismus, daher auch das ganze Gebiet der socialen Erscheinungen nur einseitig und ungenügend erklärt werden konnte und des realen Bodens ermangelte. – Bei Anerkennung des realen Charakters des socialen Organismus erweist sich jedoch, dass die ökonomische Sphäre desselben nichts weiter als eine Potenzirung der physiologischen Seite der Einzelorganismen in der Natur bildet, wobei die Ernährung einzelner Zellen und Zellengesammtheiten im socialen Organismus sich uns als eine mannigfaltigere und durch mächtigere Werkzeuge und Kapitalien bewerkstelligte Erscheinung gegenüber den physiologischen Erscheinungen in den Naturorganismen darstellt. – Die Gesetze der Production, der Vertheilung und der Consumtion der Nutzgegenstände im Schoosse der menschlichen Gesellschaft sind im Wesentlichen dieselben, welche dem Stoffwechsel im Innern der Einzelorganismen zu Grunde liegen, nur dass sie im ersten Falle durch eine vielseitigere Arbeitstheilung und einen engeren Umtausch der Güter bedingt werden. Das Geld, als Zeichen des Werthes, theilt dabei den Umtausch der Nahrungsstoffe, welcher im Schoosse der Naturorganismen unmittelbar vor sich geht und

*) Revue des Deux Mondes, 15. fevrier 1873.

aus einem Akte besteht, in zwei verschiedene Operationen – in den Kauf und Verkauf. Diese Spaltung des Umtauschaktes in zwei Hälften wird im socialen Gebiete durch den Umsatz der Nervenreflexe von direkten indirektem bedingt, ein Umsatz, der wiederum nur eine höhere Potenzirung der Vorgänge, welche im thierischen Organismus vor sich gehen, bildet. – Der Kredit stellt noch eine höhere Potenzirung der Werthzeichen dar, indem er ihnen eine noch ideellere Bedeutung giebt. Aber auch im Einzelorganismus arbeitet eine jede Zelle und Zellengemeinschaft mehr oder weniger auf Kredit, und dieses geschieht jedesmal, wenn sie ihre Kräfte anstrengt oder verausgabt und erst später den dadurch entstandenen Ausfall deckt. –

Desgleichen ist die rechtliche Sphäre des socialen Organismus nur eine Potenzirung der morphologischen Entwickelung der Einzelorganismen, - indem in beiden Fällen eine Abgrenzung der Bewegungen der einzelnen organischen Theile stattfindet, nur dass in der juridischen Sphäre diese Abgrenzung in höherem Grade durch die Principien der Geistigkeit, Zweckmässigkeit und Freiheit, in der morphologischen Sphäre dagegen mehr durch diejenigen der Materialität, Ziellosigkeit und Nothwendigkeit bedingt werden. – In der rechtlichen Sphäre bringen die indirekten Nervenreflexe, welche im socialen Organismus vor sich gehen, gleichwie in der ökonomischen Sphäre, Zeichen hervor, welche als Vermittler der rechtlichen Handlungen dienen: das sind die Rechtsurkunden, Gesetze, Documente etc. –

Das nach aussen formal, d. h. morphologisch sich gestaltende Rechtsgefühl potenzirt sich im Menschen, als einem Gliede der Gesellschaft, nach innen zum ethischen Gefühl, zum moralischen Sinn, zum Gewissen. Dieses ist im Wesentlichen nichts anderes, als ein theils bewusst, theils unbewusst im Menschen wirkendes sociales Zweckmässigkeitsgefühl, welches denselben Ursprung im socialen Organismus hat, wie das Entstehen des die einzelnen Zellen und Zellengewebe im Einzelorganismus der Natur durchdringenden und belebenden, dunkeln und unbewussten Strebens nach zweckmässiger, dem Ziele des ganzen Organismus entsprechenden Entwickelung. – Das Gewissen ist daher nichts weiter als eine höhere Potenzirung des in der ganzen Natur verbreiteten Zweckmässigkeitstriebes, hat aber bis jetzt, so wie auch das Rechtsgefühl, in seiner Entstehung keine genügende Erklärung finden können, gerade weil die menschliche Gesellschaft nicht

« ForrigeFortsæt »