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in denen die Theilung der Arbeit bis zum äussersten Grade durchgeführt ist, erscheinen mögen, immer werden die Arbeit jenes und die Handgriffe dieser dennoch mehr oder weniger vom vernünftigen Willen begleitet und geleitet. Wie erhaben andrerseits die Ideale des Künstlers, wie verborgen die Absichten des Staatsmannes sein mögen, um jenen Idealen Ausdruck zu verleihen, um diese Absichten zu verwirklichen, immer sind materielle Mittel erforderlich. – Und eben weil jede äussere Handlung des Menschen das Resultat der gemeinsamen und gleichzeitigen Wirkung des physischen und geistigen Elementes in ihm ist, besitzt jede Anhäufung von Kapital, jede Dienstleistung wiederum die Fähigkeit, gleichzeitig in höherem oder niederem Grade die physischen und geistigen Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen. Selbst die einfachste Nahrung erfrischt, indem sie den Körper stärkt, zu gleicher Zeit den Geist, wie gesunde geistige Genüsse wohlthätig auf den Körper wirken. In solcher Weise erfordert jede Production von Gütern, jede Erweisung einer Dienstleistung, gleichviel ob sie die Befriedigung geistiger oder körperlicher Bedürfnisse bezwecken, von Seiten des Menschen gleichzeitig geistige und körperliche Anstrengung, Andererseits schliesst jedes Gut, jede Dienstleistung, die Fähigkeit in sich, dem Menschen physische und geistige Befriedigung zu verschaffen. Von dem Vorherrschen dieses oder jenes Elementes bei der Erzeugung oder Verwendung hängt der Character und Effect der Production oder Consumtion ab. Die Arbeit des Gelehrten, des Künstlers, Redners, Beamten halten wir für eine immaterielle, weil das geistige Element bei ihr vorherrscht; die Arbeit des Tagelöhners, des Dieners, des Handwerkers nennen wir eine physische Arbeit, weil bei ihrem Vollbringen körperliche Anstrengungen überwiegen. Den Gebrauchswerth der Nahrung nennen wir einen materiellen, weil er unmittelbarer und vorwiegender zuförderst die körperlichen Kräfte stärkt; den Nutzen, den ein Buch, ein Gemälde, eine Rede uns gewährt, nennen wir immateriell, weil er unmittelbarer und überwiegender die geistigen, ästhetischen und sittlichen Forderungen befriedigt. Doch alles Dieses hat nur relative Richtigkeit, denn überall erscheint das geistige Element als das Streben zum Zweck, als Kraft, das physische Element aber als der Weg zur Erreichung dieses Zwecks, als äusserer Ausdruck der Kraft.

Folglich kann der vernünftig-freie Wille des Menschen in allen seinen, sogar rein sittlich-geistigen Thätigkeiten sich in der Gesellschaft nicht anders offenbaren, als in die eine oder andere materielle Form umgesetzt. In seiner Beziehung zur Gesellschaft hat er dieselbe Bedeutung, wie überhaupt jede Kraft in der Natur. Wir kennen nicht das Wesen der Kraft und vermögen es nicht zu erkennen; wir sehen nur ihre Offenbarungen in der Natur. Eben so fehlt uns das Verständniss des vernünftigfreien Willens des Menschen in seiner Absolutheit. Wir empfinden zur seinen Einfluss, ermessen nur seine Kundgebung in der Gesellschaft in dieser oder jener Form. Die Socialwissenschaft nimmt in Bezug auf den vernünftig-freien Willen des Menschen rollkommen dieselbe Stellung ein, wie die Naturwissenschaften in Bezug auf die Aeusserungen der Naturkräfte. Daher können auch die physischen und geistigen Kräfte des Menschen Gegenstand der Socialwissenschaft nur in so fern sein, als sie sich nach aussen in Zeit und Raum kundgeben.

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Die Relativität der Erscheinungen in der Natur und in der Gesellschaft.

In der menschlichen Gesellschaft wie in der Natur sind alle Erscheinungen Resultate nicht irgend welcher absoluten Principe, sondern Ergebnisse mannigfacher Beziehungen, Relationen auf einander wirkender Kräfte. Allgemeine Begriffe drücken nur die Gesammtheit dieser Beziehungen aus. Allgemeine Begriffe als solute Principe auffassen, wäre ein Ueberschreiten der Grenzen er Wirklichkeit, wäre ein Negiren derselben. Nehmen wir nige der gewöhnlichsten allgemeinen Begriffe und sehen wir "orin die Relativität derselben besteht. –

Was ist Raum? – Diejenige Relation zwischen verschiedenen Gegenständen, die uns einen Begriff von ihrer Ausdehnung oder Was ist Zeit? – Der Begriff der relativen Geschwindigkeit der Bewegung zwischen verschiedenen Gegenständen. Was ist die menschliche Gesellschaft? – Eine gewisse wechselseitige Beziehung und Zusammenwirkung der Menschen unter einander. » Was ist öffentliche Freiheit? – Der allgemeine Begriff der sich gegenseitig abgränzenden Thätigkeit einzelner Glieder der Gesellschaft unter sich und zu dem ganzen staatlichen Organismus. Worin besteht der Gebrauchswerth der Güter und Dienstleistungen? – In den Beziehungen derselben zu den menschlichen Bedürfnissen. Was bestimmt den Werth der Güter und Dienstleistungen? – Die Beziehung der verhältnissmässigen Productionskosten. In Bezug auf die Gesellschaft sowohl, als auf die Natur kann es keine absoluten Begriffe geben. Alles Absolute, Beziehungslose ist unserem Verständniss gänzlich unzugänglich; es kann nur Gegenstand des Glaubens und der Religion sein. Ein National-Oekonom nannte die politische Oekonomie die Wissenschaft der Proportionen. Das ist richtig nicht nur in Bezug auf die Volkswissenschaftslehre im Besonderen, sondern auch auf die Socialwissenschaft in ihrer allerweitesten Bedeutung. Und was dabei ganz besonders wichtig, was die Methode der Forschung, den Charakter der Wissenschaft, den Platz, den sie in der Reihe der andern Wissenschaften einnimmt, bestimmt, ist, dass die Beziehungen in der menschlichen Gesellschaft denselben realen Charakter haben, wie in der Natur. Der Mensch ist bekanntermassen nicht nur mit physischen, sondern auch mit geistigen Kräften begabt; eben so wie jene, so müssen auch diese bei ihrer Kundgebung nach aussen in der Gesellschaft sich in diese oder jene materielle Form kleiden, sich als materielle und reelle Beziehungen äussern. Daher zählte schon Bacon mit vollem Recht die Socialwissenschaft zu den Naturwissenschaften. In der Gesellschaft, im Gebiet der Socialwissenschaft und aller ihrer Zweige hat der Mensch die Bedeutung einer Quelle von Kraft, deren Kundgebung zu erforschen die Aufgabe ist, aber diese Kundgebung kann nur in der einen oder andern realen Form erfolgen. Hinsichtlich seiner Bedeutung für die sociale Wissenschaft steht offenbar der Mensch als Ausfluss von Kräften, als selbstthätige lebendige Kraft im gesellschaftlichen Organismus obenan, und höschst wichtig für diesen Organismus ist es, ob er aus sittlich und physisch gesunden oder kranken, unternehmenden oder gleichgiltigen, gutentwickelten oder missgeformten Gliedern zusammengesetzt ist. Wie von der Energie und Entwickelungsfähigkeit der einzelnen pflanzlichen und thierischen Zellen der Bestand, die Entwickelung, die Constitution des ganzen, Organismus abhängt, so bedingen die körperlichen und geistigen Eigenschaften und Eigenthümlichkeiten der einzelnen Persönlichkeiten die ökonomische, juridische und politische Gestaltung und Entwickelung der aus einer grösseren oder geringeren Anzahl menschlicher Zellen zusammengesetzten socialen Gruppen oder ganzer gesellschaftlicher und staatlicher Organismen. Die Aufgabe der socialen Wissenschaft aber besteht nur in so fern in der Erforschung der Eigenschaften und Kräfte der einzelnen Persönlichkeiten, in wie fern diese sich in der Gesellschaft kundgeben oder sich kundzugeben fähig sind, in wie fern sie für die letztere Bedeutung haben. Der Philosoph und der Moralist

genseitigen Entfernung von einander giebt. Gedanken über die Socialwissenschaft der Zukunft. I. 3

können daher sich mit der Untersuchung des vernünftig-freien

Willens unabhängig von seiner Offenbarung nach aussen in Raum und Zeit beschäftigen; im socialen Gebiete ist der vernünftigfreie Wille nur vom relativen, rein äusseren, objectiven Gesichtspunkt aus zu betrachten, nur als die nach aussen gerichtete Thätigkeit der einzelnen Glieder der Gesellschaft oder Theile des gesellschaftlichen Organismus, und als wechselseitige Correlation dieser Thätigkeit in ihren mannigfachen Offenbarungen. – Das Princip des vernünftig-freien Willens hat dergestalt, wir wiederholen es nochmals, für die sociale Wissenschaft nur eine rein relative, reale Bedeutung. Es äussert sich nicht als einfaches Princip, sondern als eine complicirte, aus einer unzähligen Menge Coefficienten zusammengesetzte Erscheinung: als gesellschaftliche Freiheit. – Dasselbe gilt vom Guten und Bösen, vom Nutzen und Schaden, vom Genuss und Leiden, von der Wahrheit und Unwahrheit, vom Recht und Unrecht, in sofern sich diese Begriffe in der socialen Sphäre kundgeben. Das Gute und Böse, der Nutzen und Schaden, das Recht und Unrecht, das Wohl und Weh vom socialen Standpunkte aus betrachtet, sie setzen sich aus einer bestimmten Zahl von äussern Kundgebungen der Thätigkeit der einzelnen Glieder der Gesellschaft oder des

ganzen Organismus zusammen. Nur dem Resultat dieser Gesammtwirkung können die allgemeinen Begriffe von Gut und Böse, von Nutzen und Schaden, Genuss und Leiden entsprechen. Sie sind nichts Anderes, als verschiedenartige Zustände der menschlichen Gesellschaft, von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet. Der vernünftig-freie Wille in seiner absoluten Bedeutung ist ein einfacher, keiner Analyse unterliegender Begriff und daher seinem Wesen nach für den menschlichen Verstand unergründlich, wie überhaupt alle absoluten Begriffe: Materie, Kraft, Raum, Zeit, Zweckmässigkeit. Der vernünftig - freie Wille des Menschen bei seiner äussern Kundgebung in der Gesellschaft dagegen ist ein relativer Begriff, welcher vermittelst der wissenschaftlichen Analyse in die ihn zusammensetzenden Theile zerlegt werden kann. – Die gesellschaftliche Freiheit ist eine unendlich complicirte Formel, die von der Wissenschaft differenzirt werden muss, um die einzelnen Coefficienten, die zum Bestande der Formel gehören, zu erforschen. Dasselbe muss geschehen in Bezug auf die Begriffe: Gut und Böse, Nutzen und Schaden, Genuss und Leiden, Wahr und Unwahr, Recht und Unrecht vom socialen Standpunkte aus betrachtet. Alle diese Begriffe sind aus unendlich complicirten wechselseitigen Beziehungen zusammengesetzt, die wiederum das Resultat der Offenbarungen der physischen und geistigen Kräfte des Menschen in der Gesellschaft in den mannigfachsten, wenn auch stets realen Formen darstellen. Bei der Vergleichung der menschlichen Gesellschaft mit der Natur ergiebt sich in dieser Beziehung eine vollständige Analogie. Die sociale Wissenschaft ist eine Fortsetzung der Naturkunde, weil die menschliche Gesellschaft eine Fortsetzung der Natur ist. Wir sahen, dass die Offenbarung des vernünftig-freien Willens des Menschen nach aussen eben so wie die einer jeden andern Naturkraft nicht anders, als durch Vermittelung der Materie und in Verbindung mit der Materie zu Stande kommen kann, und dass daher, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, der vernünftig-freie Wille des Menschen alle wesentlichen Eigenschaften einer Naturkraft besitzt. Der Mensch ist – ein complicirtes Wesen. Er ist keine Einzelgrösse, sondern, wie Göthe sich ausdrückte, eine Mehrheit. Man kann sogar mit Bestimmtheit aussprechen, der Mensch repräsentirt die allergrösste Mehrheit, die allercomplicirteste Formel der Natur, sowohl vom physiologischen, als vom morphologischen Gesichtspunkte aus

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