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In der organischen und unorganischen Natur sehen wir dasselbe. Die schweren Körper auf der Erdoberfläche befinden sich unter dem Einflusse der Anziehungskraft der Erde in einer beständigen Spannung; nach aussen aber wirkt diese Kraft nur bei ausserordentlichen Anlässen: beim Emporheben, beim Fall der Körper u. s. w. Die Aethertheilchen, die vermöge verschiedener Schwingungen in uns die Empfindungen des Lichtes und der Farben zu Wege bringen, sind in beständiger Spannung zu einander, in Schwingung aber gerathen sie und erzeugen Licht und Farbenerscheinungen nur unter bestimmten Bedingungen und innerhalb bestimmter Grenzen. Alle Theile eines jeden pflanzlichen und thierischen Organismus befinden sich stets zu einander und zu der sie umgebenden Aussenwelt in einem erregten Zustande, nach aussen jedoch giebt sich dieser Zustand nur zeitweilig, periodisch als Bedürfniss nach Nahrung, Schlaf, geschlechtlicher Befriedigung u. s. w. kund. Ganz eben so ist die ganze Atmosphäre der Gesellschaft fortwährend, so zu sagen, mit einer Spannung potentieller, den sie bildenden Personen angehörender Kräfte geschwängert, und in dieser Spannung ist die anregende Ursache zu allen socialen Thätigkeiten, Erscheinungen und Begebenheiten enthalten, die beständig, und bisweilen scheinbar plötzlich und unfolgerecht, nach aussen bald als dieses oder jenes Ereigniss, bald in dieser oder jener Form, oder als irgend welche Erschütterung oder Umwälzung zu Tage treten. Unter dem Einfluss dieser Spannung ist jedes Glied der Gesellschaft, je nach dem Grade seiner persönlichen Ausbildung, seiner persönlichen Leistungsfähigkeit, seiner persönlichen Neigungen und Strebungen, mit grösserer oder geringerer Freiheit, Zweck- und Vernunftmässigkeit thätig.

Dadurch wird auch klar, wie Umstände, wie der Zeitgeist, wie die ganze Gesellschaft bestimmte Begebenheiten, Ereignisse oder grosse Männer hervorzubringen im Stande sind. Gesetzt, das gesellschaftliche Leben habe sich in einem gegebenen Moment so gestaltet, dass ein besonderes Bedürfniss nach einem wissenschaftlichen Genie, einem Künstler, einem Heerführer empfunden wird, so erzeugt dieses Bedürfniss eine Anspannung sämmtlicher Glieder der Gesellschaft in einer bestimmten Richtung. Jeder fühlt mehr oder weniger dieses Bedürfniss und wünscht vielleicht, es persönlich zu befriedigen. Und siehe da, in der Gesellschaft erscheint eine besonders begabte Persönlichkeit, welche dieses Bedürfniss noch stärker empfindet, und welche die bezüglichen Reflexe der Gesellschaft kräftiger, deutlicher, vielseitiger in sich aufnimmt und concentrirt. – Kann nun eine solche Persönlichkeit über genügende Fähigkeiten und Kräfte verfügen, um nicht nur den eigenen, sondern auch den Bedürfnissen der übrigen Glieder der Gesellschaft zu genügen, ist sie im Stande, die von einzelnen Persönlichkeiten empfangenen Reflexe vielseitiger und in grösserer Fülle zurück zu geben, ist sie vermögend, in sich mit grösserer Energie das zu concentriren, was in der Gesammtheit anderer Persönlichkeiten zerstreut und getheilt vorhanden ist, so wird eine solche Persönlichkeit durch ihre Handlungen, ihre Werke und ihren Einfluss eine mehr oder weniger hervorragende Bedeutung für und auf die ganze Gesellschaft erlangen. In ein anderes Medium, in andere Zeitverhältnisse versetzt, würden die Talente und Leistungen einer solchen Persönlichkeit gewiss eine völlig andere Richtung und Bedeutung erhalten haben. Anstatt eines grossen Dichters, Gelehrten und Philosophen würde etwa ein grosser Feldherr oder Staatsmann zum Vorschein gekommen sein. Mit Recht lässt sich daher behaupten, dass Zeit und Umstände grosse Männer hervorbringen.

Durch die innere Spannung, welche jeden socialen Organismus erfüllt und bedingt, lässt sich auch erklären, wie bisweilen ein einfaches Wort, eine unbedeutende Handlung, ein zufälliges Ereigniss so mächtig, wohlthätig oder zerstörend, auf das sociale Bewusstsein, auf Leben und Entwickelung der Gesellschaft einzuwirken im Stande ist. Der Grund davon liegt eben darin, dass der Boden für die gegebene Erscheinung schon vollständig durch die vorhergegangene Anhäufung einer bestimmten Spannung vorbereitet ist. Unter solchen Umständen bedarf es nur eines geringfügigen äusseren Anstosses, um die latenten Kräfte zur Kundgebung ihrer Wirkung nach aussen zu veranlassen. So erzeugt auch in der Natur nicht selten eine unbedeutende äussere Erschütterung unberechenbare Wirkungen, jedoch nur dann, wenn die Spannung der Kräfte schon so weit gediehen ist, dass ein geringfügiger äusserer Anstoss zur Entfaltung von Erscheinungen hinreicht.

Nicht nur die äussere Manifestation der Spannung der socialen Kräfte in der Form von bestimmten Wirkungen, Handlungen und Ereignissen hat eine reale Bedeutung, sondern schon die Spannung der Kräfte an sich zeigt dieselbe Bedeutung. Diese Spannung hängt stets von einer grösseren oder geringeren Erregung des Nervensystems der zur Gesellschaft gehörenden Persönlichkeiten ab; und schon allein diese Erregung, wie jede offenbare Kraftäusserung, wirkt ihrerseits gleichfalls real auf die physische und geistige Entwickelung der Gesellschaftsglieder. So wie der noch nicht vom mütterlichen Körper getrennte Keim sich unter dem steten Einfluss der inneren Spannung der organischen Kräfte der Mutter befindet, – ein Einfluss, der auch nach Trennung des Keimes vom mütterlichen Organismus dessen nachfolgende Entwickelung bedingt – so steht auch jedes Glied der Gesellschaft von Kindheit an unter dem Einfluss der Spannung, welche die sociale Umgebung auf dasselbe ausübt, und die mehr oder weniger seine physische und geistige Ausbildung, seine körperliche oder psychische Thätigkeit bestimmt. Dieser latente Einfluss der Gesellschaft auf einzelne Persönlichkeiten, obgleich er grossentheils in unendlich kleinen, unbedeutenden, aber beständig wiederkehrenden und sich wiederholenden Wirkungen sich äussert, wirkt nichtsdestoweniger unausgesetzt auf Gedanken und Gefühle Aller, und folglich auch auf das Nervensystem eines jeden Individuums, vollständig real, indem dasselbe in dieser oder jener Richtung, unter diesen oder jenen Bedingungen angeregt und entwickelt wird, indem die Eigenschaften, Fähigkeiten, Bedürfnisse und Bestrebungen, welche von Generation auf Generation sich fortpflanzen, die Eigenthümlichkeiten darstellen, durch welche sich einzelne Racen, Volksstämme und Nationalitäten unterscheiden, und auf diesem Wege erweckt und ausgeprägt werden. Nach Erlangung einer gewissen Selbstständigkeit kann natürlich die einzelne Persönlichkeit sich von der Gesellschaft, in deren Mitte sie geboren und erzogen worden, trennen und einer anderen socialen Gruppe anschliessen, oder sich mehr oder weniger dem Einfluss einer jeden gesellschaftlichen Umgebung entziehen. Der Mensch ist nicht durch Abkunft und Erziehung so fest gebunden und hinsichtlich seiner weiteren Entwickelung in so genau vorher bestimmte Grenzen eingeschlossen, wie die Entwickelung des thierischen oder pflanzlichen Keimes. Wiederum ein Zeugnis für die höhere Entwickelungsstufe der Gesellschaft als Organismus. Aber dessenungeachtet ist der Einfluss der sociale" Umgebung auf die Persönlichkeit des Menschen um Vieles mächtiger, als man überhaupt vorauszusetzen pflegt, namentlich wenn man in Betracht zieht, dass die Gesellschaft nicht nur physisch, sondern vorzugsweise sittlich und geistig auf ihn einwirkt. Wie in den Naturorganismen sich einzelne Arten von Reflexen in bestimmten Theilen des Nervensystems stärker reflektiren oder concentriren und dieselben in dieser oder jener Beziehung mehr entwickeln und specialisiren, so vereinigen und concentriren sich auch im gesellschaftlichen Organismus die Reflexe einzelner Persönlichkeiten stärker in diesen oder anderen Personen und regen sie zu vielseitigerer und lebhafterer Thätigkeit an. Diese Concentration der Reflexe in einer oder mehren Persönlichkeiten kann von Seiten letzterer eine Gegenwirkung erhöhter Energie und Vielseitigkeit zur Folge haben und auf andere Persönlichkeiten und Gesellschaftsgruppen, oft gegen Wunsch und Willen derselben, einwirken. – Das ist der Weg, auf welchem die innere Spannung der socialen Kräfte eine immer höhere Kapitalisation und Specialisirung erlangt. Der Schriftsteller, der Künstler, der Staatsmann wirken auf diesem Wege durch besondere Begabungen und geleistete Dienste auf die Gesellschaft und werden selbst von letzterer beeinflusst. In den Naturorganismen sind die verschiedenen Theile des Nervensystems mehr oder weniger unbeweglich, und die Concentration der Reflexe in diesem oder jenem Abschnitt desselben giebt daher diesem, indem die Reflexe an bestimmte Lokalitäten gebunden und in bestimmte Grenzen eingeschlossen werden, eine besondere Ausbildung, Form und Fügung. Da aber das Nervensystem der Gesellschaft, nicht nur im Ganzen, sondern auch in seinen Theilen, ein bewegliches, selbstthätiges und bewusstes ist, so kann unter solchen Umständen die Concentration der Reflexe nicht an bestimmte Lokalitäten gebunden, durch bestimmte äussere Contouren begrenzt sein. – Im Wesentlichen wird aber die Spannung der Kräfte und werden die Resultate derselben durch dieselben Naturgesetze in socialen, wie auch in den Naturorganismen bedingt. –

XIX.

Die Entwickelung der höheren Nervenorgane.

Darwin weist in seinem epochemachenden Werke das Hervorgehen des Menschen aus niederen organischen Formen nach. Nichtsdestoweniger macht er darauf aufmerksam, dass es dennoch, trotz der nahen Analogie in der Entwickelung, nicht nur der niederen Organe, sondern auch sogar des Nervensystems und Gehirns, unmöglich sei, den ungeheuren Unterschied in der Entwickelungsstufe zwischen den höheren Wirbelthieren und dem selbst am wenigsten ausgebildeten Menschen in Abrede zu stellen. Sich davon zu überzeugen, hatte Darwin selbst bei Umschiffung der Erde Gelegenheit, als er mit den wilden Bewohnern des Feuerlandes an der Südspitze Amerikas in Berührung kam, die, nachdem sie so viel englisch erlernt hatten, um Gedanken austauschen zu können, Begriffe und Gefühle ähnlich ausdrückten, wie jeder beliebige Europäer. Auf welche Weise lässt sich dieser ungeheure Unterschied zwischen dem Menschen und den höheren Wirbelthieren erklären? Auf welchem Wege vermochte der Mensch ein Produkt in sich auszubilden, das einen so wichtigen Schritt auf der Bahn des Fortschritts bezeichnet? Mit Hilfe welcher Mittel entwickelte er sein Nervensystem, seine inneren Erkenntnissorgane zu einer so hohen Stufe der Vollkommenheit? Der Weg, auf dem der Mensch diese Resultate erreichte, auf welchem er dieses Plus in sich ausbildete, ist in seinem socialen Leben zu suchen, ist darin begründet, dass der Mensch nicht bei den geschlechtlichen Beziehungen zu seines Gleichen stehen bleibt, sondern als Organ, als Zelle, einem höheren Organismus – der Gesellschaft angehört, die für jedes Individuum dieselbe Bedeutung hat, welche die Naturorganismen für die einzelnen Organe und Zellen, und die ganze physische Welt für die Entwickelung der einzelnen Individuen haben. Schon Göthe sagte: »das Auge ist ein Produkt des Lichtes.“ Die Wahrheit dieses Ausspruchs hinsichtlich aller pflanzlichen und thierischen Organe ist durch die Fortschritte der neueren Biologie vollständig dargethan. Mit gleicher Berechtigung lässt

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