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Felsen verbargen sich die unglücklichen Bewohner. Die Einen bemühten sich, die Gottheit durch reiche, der Kirche dargebrachte Spenden, zu versöhnen, Andere zerstörten Paläste und Tempel, weil sie ihrer nicht mehr zu bedürfen vorgaben. Die im vierzehnten Jahrhundert auftretende Epidemie des »schwarzen Todes, die in Europa allein gegen 25 Millionen hinraffte, gab Veranlassung zum Entstehen der Sekte der Selbstgeissler oder Geisselbrüder. Nicht nur einzelne Gegenden und Länder unterlagen dem Einflusse dieser Manie, sondern ganz Deutschland, Ungarn, Polen, Böhmen, Schlesien und Flandern zahlten ihr ihren Tribut. Mächtig und schrecklich zugleich, bemerkt Hecker in seinem Werke: die »grossen Volkskrankheiten des Mittelalters,« war die Wirkung dieses Fanatismus, der die Gemüther in eine eben solche Aufregung versetzte, wie die war, unter deren Einfluss 250 Jahre früher die Bewohner Europas schaarenweise in die Wüsten Syriens und Palästinas getrieben wurden. Zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts brach eine Tanzwuth aus. Das schnelle Anwachsen der Zahl dieser Fanatiker, äussert sich Hecker, gab zu ernsten Befürchtungen Anlass. Sie bemächtigten sich der Kirchen, veranstalteten Prozessionen, hielten Messen ab; und diese Krankheit, an deren dämonischem Ursprunge Niemand zweifelte, erregte überall Staunen und Schrecken. Beim Anblick lebhafter Farben geriethen sie in Wuth, und lässt sich daraus auf eine nahe Beziehung dieser Krankheit zu dem Zustande schliessen, den wir bei wüthenden Thieren beobachten. Die Springer, Shakers, Spiriten – sind directe Nachkommen der Tänzer des Mittelalters. Einen gleichen epidemischen Charakter nehmen auch viele Verbrechen an. Der epidemische Selbstmord stellt, wie Esquirol) sich darüber auslässt, eine höchst merkmürdige Erscheinung dar. Wir wissen nicht, wodurch er bedingt wird: ob durch eine besondere Beschaffenheit der Atmosphäre, ob durch Nachahmungstrieb, politische, ein Land erschütternde Ereignisse, oder durch das Vorherrschen irgend einer seiner Entwickelung günstigen Idee; so viel jedoch ist unzweifelhaft, dass dieser plötzliche und zu Zeiten gewissermassen epidemische Selbstmordtrieb von sehr verschiedenen Ursachen abhängt. W. Lecky in seiner »Sittengeschichte Europa's« spricht von einer fürchterlichen Manie, die vom Ende des fünfzehnten bis Ende des siebenzehnten Jahrhunderts im Neapolitanischen herrschte, und als deren Ursache man den Biss der Tarantel bezeichnete. »Die von dieser Manie Ergriffenen gingen schaarenweise zum Meer und Viele von ihnen, beim Anblick der vor ihren Augen ausgebreiteten blauen Wasserfläche wilde - Begrüssungshymnen anstimmend, stürzten sich, von einer wüthenden Leidenschaft fortgerissen, in die Fluthen.« »Im sechszehnten Jahrhundert fingen, wie Macaulay mittheilt, die Fälle von Vergiftungen sich beständig zu mehren an, so dass im siebenzehnten Jahrhundert sich dieses Verbrechen in Europa gleich einer Pest verbreitete.« Lebret erzählt, im Jahre 1659 sei der Papst Alexander VII. Von vielen Geistlichen davon in Kenntniss gesetzt worden, dass mehre Weiber in der Beichte sich der Vergiftung ihrer Männer schuldig bekannt hätten, was zur Entdeckung einer ganzen Gesellschaft junger Frauen führte, die Nachts zusammen kamen, um gemeinschaftlich über die beabsichtigten Verbrechen zu beraten. In den 1670ger Jahren wurde ganz Paris durch den knis Brinvillier in Aufregung versetzt. »Alle Einzelnheiten ihrer Verbrechen wurden, wie Mackay mittheilt, veröffentlicht und mit Gier gelesen und auf diese Weise entstand zuerst der Gedanke heimlichen Giftmordes im Kopf einer Menge von Persollen, die sich später dieses Verbrechens schuldig machten. Die Epidemie hörte nicht eher auf, als bis mehr denn hundert Menschen auf dem Scheiterhaufen und am Galgen umgekommen.« Diese Erscheinungen liessen sich in folgender Weise erklären: er Irrthum oder die Verirrung eines Individuums wirkt aneckend auf die Masse; diese wirkt wiederum auf das Indivium zurück, indem sie jeder Aufregung einen höheren Grad on Intensität ertheilt. Die Gedankenrichtung oder Aufregung, e stets jeder Verirrung vorhergeht, kann in der einzelnen erson einen geringen Grad haben, aber wenn sie mit einem Wale sich Vieler bemächtigt, so handelt jedes Individuum gleicham unter dem Einfluss der vereinten Kraft aller dieser PerS0IleIl. Worin aber besteht diese Wechselwirkung, wenn nicht in errenreflexen? Und wodurch unterscheiden sich diese Nervenflexe zwischen Individuen von den ähnlichen Reflexen zwischen als nur dadurch, dass die einzelnen Individuen complicirtere Apparate darstellen, welche mit vielseitigerer Fähigkeit Reflexe aufzunehmen, festzuhalten, umzuändern und weiter zu übertragen im Stande sind? Und da die oben angeführten Fälle sittlicher Epidemien nur auffallendere, sich von den gewöhnlichen nur durch ihre Abnormität und ihren Intensitätsgrad unterscheidende Erscheinungen bilden, so folgt daraus, dass überhaupt jede Wechselwirkung zwischen einzelnen Personen in der Gesellschaft auf mehr oder weniger starken Reflexthätigkeiten beruht. Des Volkes Liebe und Hass, die öffentliche Meinung, die gemeinschaftliche Richtung der Geister auf diesen oder jenen Zweig des Wissens oder der Kunst, die Erregung politischer und religiöser Leidenschaften – alle diese Erschenungen sind die Folge von Nervenreflexen, die durch verschiedene, auf diese oder jene Weise, mittel- oder unmittelbar von einem Individuum auf das andere, von einer socialen Gruppe auf die andere und den ganzen gesellschaftlichen Organismus übertragene Schwingungen und Vibrationen bedingt werden. –

*) Die Geisteskrankheiten. E. Esquirol.

* Nervenknoten und -Centren eines einzelnen Nervensystems, *anken aber die Socialwissenschaft der Zukunft. L. 13

XVIII.
Offenbare und latente Reflexe.

Gegen die von uns aufgestellte Analogie zwischen der Geselschaft und den höheren Naturorganismen, namentlich insofern sie das Nervensystem betrifft, wird es freilich nicht an Einwendungen fehlen. –

Man wird von Neuem geltend machen, dass, um der Go“ sellschaft ein Nervensystem zuzuerkennen, das Vorhandensein einer mechanischen substantiellen Verbindung zwischen den einzeln" Nervencentren, welche den einzelnen Gliedern der Gesellschaft entsprechen, erforderlich wäre.

Dass aber jede mechanische Verbindung eine nur scheinbare ist, dass jeder mechanische Zusammenhang in der Natur nur in der Wechselwirkung der Kräfte besteht, haben wir schon nach gewiesen. Auf welche Weise Empfindungen im Nervensyste" der Thiere und des Menschen reflektirt werden – ist bis heute noch völlig unermittelt. Man vergleicht die Nervenfäden und -Knoten mit Telegraphendräthen und galvanischen Batterien. Und in der That findet zwischen ihnen eine grosse Aehnlichkeit statt. Aber wenn man ein Nervengeflecht mit einem geschlossenen Telegraphennetz, vermittelst dessen Telegramme unmittelbar von einem Ende zum anderen befördert werden, vergleichen kann, so kann man mit völlig gleicher Berechtigung auch zwischen einzelnen Individuen – den Nervenknoten des socialen 0rganismus – stattfindende Reflexe mit einem solchen Telegraphennetz vergleichen, durch welches Mittheilungen nach allen Seiten hin, jedoch mit Unterbrechungen auf den einzelnen Stationen, gemacht werden. Würde ein elektrischer Telegraph erfunden werden, bei Welchem nicht, wie jetzt, ein geschlossener, über der Oberfläche der Erde gezogener Drath, sondern einzelne in der Erde eingegrabene oder über ihr befestigte Platten angewandt würden, und ginge der galvanische Strom nur, von einer Platte zur anderen überspringend, durch, so würden wir, obgleich der Telegraphendrath nicht aus einer geschlossenen mechanisch zusammenhängenden festen Masse bestände, dennoch einem solchen Apparat nicht die wesentlichen Eigenschaften eines Telegraphen absprechen. Im Gegentheil könnte der eigentliche Zweck des Telegraphen, die Uebertragung von Mittheilungen, bei einer solchen Einrichtung mit bedeutend besserem Erfolge und geringeren Verlust an Kraft und Kosten, als bei der gegenWärtigen Einrichtung, erreicht werden. Eben so erscheint auch das Nervensystem des Menschen, im Vergleich zu dem niederer Thiere, unter Anderem namentlich desshalb als ein höher entwickeltes, weil die Reflexe in ihm, bei einem möglicherweise geringeren Verlust an Kraft und Mitteln, in der vollständigsten und vielseitigsten Weise stattfinden. – Dieser Zweck wird in der Gesellschaft zwischen den einzelnen Individuen mit noch grösserer Vollständigkeit und Vielseitigkeit erreicht. Gedanken, Gefühle, Ansichten austauschend, sich gegenseitig durch ihre Willensäusserungen beeinflussend, reflektiren einzelne Individuen und ganze sociale Gruppen wechselseitig Vibrationen, die, von jedem Nervenknoten und Nervencentrum aufgenommen, in mehr oder minder veränderter Gestalt weiter übertragen werden. Das

ist – eine nach dem Belieben der einzelnen selbstständigen Nervenknoten- und -Centra, von denen jedes eine besondere, den Strom aufhaltende Station darstellt, sich beständig schliessende und öffnende galvanische Batterie. Thatsächlich geht hier dasselbe vor, wie in einem jeden Nervensystem, nur mit dem Unterschiede, dass das Princip der Zweckmässigkeit, Vernunftmässigkeit und Freiheit im gesellschaftlichen Organismus, als dem höchsten, im Vergleich zu den Naturorganismen, sich in höherem Grade offenbart. Ein Aufhalten des Stromes und die Weiterbeförderung des Reflexes, nachdem er umgeändert und mehr oder weniger selbstständig verarbeitet worden, findet ja auch zwischen den Nervencentren eines jeden Nervensystems statt. Ein gleichfalls nur relativer Unterschied zeigt sich auch zwischen ganzen auf verschiedenen Entwickelungsstufen stehenden Gesellschaftsgruppen. So lange in den frühesten Zeiten die menschliche Sprache aus einzelnen unarticulirten Lauten bestand, musste sie nothwendig, um Gedanken und Wünsche auszudrücken, von unmittelbaren Handlungen und Körperbewegungen begleitet werden, wie es auch noch gegenwärtig von Personen geschieht, die sich in einer oder anderen Sprache nicht verständigen können. Die Uebertragung der Gedanken und der Ausdrücke des Willens erfolgt unter solchen Umständen vermittelst derartig reeller Formen, dass die Analogie mit der Uebertragung der Wirkung der Kräfte in der Natur auch dem oberflächlichen Beobachter in die Augen fallen muss. Auf welche Weise in Wirklichkeit diese Uebertragung erfolgt – ist für uns ein unergründliches Geheimniss. Die Uebertragung von Gedanken und Gefühlen von einem Menschen auf den anderen ist für uns eben so wenig begreiflich, wie der Uebergang der rein mechanischen Bewegungskraft von einem Körper auf einen anderen bei ihrem gegenseitigen Zusammenstoss. Von dieser einfachsten Form der Kraftübertragung bis zur Uebertragung von Gedanken und Gefühlen vermittelst der Sprache zwischen Menschen bietet uns die Natur eine unendliche Reihe von Wechselwirkungen dar, in der jede höhere Wechselwirkung der niederen so nahe steht, dass es unmöglich ist, irgendwo eine feste strenge Grenze aufzufinden. Bei Wechselwirkungen niederen Grades herrscht das Princip der Ursächlichkeit, der Nothwendigkeit, der Unfreiheit vor; bei höheren macht sich unter unmerklichen Uebergängen, nach Maasgabe ihres Aufsteigens, immer mehr und mehr das

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