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Nervenknoten repräsentirt, und dass für die Wechselwirkung, in der er mit den übrigen Individuen steht, dieselben Gesetze, wie für die einzelnen Theile des Nervensystems im Thierkörper, Geltung haben. Dabei ist aber auch der Mensch nicht nur eine Nerven-, sondern auch eine morphologische, physiologische und mechanische Einheit, und daher muss die gegenseitige Wirkung der Menschen in der Gesellschaft auf einander auch von mechanischen, physiologischen und morphologischen Gesetzen abhängen. Das Vorhandensein dieser Gesetze bekräftigt nur noch mehr die Realität der Analogie zwischen der Gesellschaft und den Organismen der Natur. Wir haben diese Analogie schon dargethan durch die Vergleichung der ökonomischen, juridischen und politischen Seite der Gesellschaft mit der physiologischen, morphologischen und individuellen Seite der Organismen. Hier beschäftigt uns nur die höhere Kundgebung der Wechselwirkung zwischen den Menschen als Nerveneinheiten, d. h. das reale Plus, das vom socialen Leben, im Vergleich mit den vollkommensten Thierorganismen, geliefert wird. Um daher auf's Ueberzeugendste die vollkommen reale Analogie zwischen der menschlichen Gesellschaft und den übrigen Naturorganismen darzuthun, liegt es uns demnach ob, nur noch nachzuweisen, dass die Wechselwirkung zwischen den Menschen in ihren höheren Aeusserungen vollkommen den im Thierkörper zwischen den einzelnen Theilen des Nervensystems stattfindenden, d. i. den sogenannten Nervenreflexen, homolog ist

XWII.
Die N er v e n reflex e.

Unter Nervenreflex im engeren Sinne versteht man in der Physiologie die durch einen Nervenknoten vermittelte Uebertragung der Reizung eines sensibeln Nerven auf einen motorischen, also die Uebertragung aus der empfindenden auf die bewegende Sphäre, die mit einer Contraction des betreffenden Muskels abschliesst. Dieser Vorgang kann in drei verschiedene Acte zerlegt werden; den Anfang bildet – die äussere Reizung; darauf folgt – die Thätigkeit des Nervenknotens oder Centrums selbst, d. h. das Festhalten und die Verarbeitung der durch die Reizung angeregten molekulären Bewegung der Nervensubstanz; endlich – die weitere Uebertragung des Reflexes, der stets mit einer Muskelthätigkeit oder Muskelcontraction schliesst. Bei Plötzlichem Schmerz, beim Erschrecken und dergl. werden zuerst unsere äusseren Nervenorgane, die Haut, das Auge, Ohr etc. erregt und diese Erregung wird stets durch Vermittelung der Materie errorgerufen; darauf wird die Erregung nach innen auf verschiedene Theile und Centra des Nervensystems übertragen. In diesen Centren wird die Erregung verstärkt oder gehemmt, festgehalten oder modificirt. Schliesslich erfolgt die Muskelthätigkeit. Verursachte ein Gegenstand Schmerz, so wird der betroffene Körpertheil von ihm zurückgezogen; war es ein Schreck, so stockt der Schlag des Herzens u. s. w. – Wir fassen den Begriff eines Nervenreflexes in weiterem Sinne und verstehen darunter die Uebertragung der Bewegung, Schwingung, Spannung oder Reizung von einem jeden Nervennoten auf einen andern, gleichviel, ob die Erregung aus der empfindenden auf die bewegende Sphäre übertragen wird, oder innerhalb der empfindenden oder bewegenden oder der Sphäre des Vorstellens und Denkens verläuft; wir subsumiren mithin unter den Ausdruck Nervenreflex auch alle Erscheinungen und Vorgänge, die von den Physiologen mit den Benennungen: symPathische, consensuelle Erregung, Synergie, Irradiation u. s. w. bezeichnet werden. – Wir glauben ein Recht zu haben, dem Begriff der Nervenreflexe eine solche Ausdehnung zu geben, indem es physiologisch und medicinisch bewiesen ist, dass alle oben bezeichnete Nervenerscheinungen nichts als auf halbem Wege stehen gebliebene, also unfertige Reflexe sind, die aber vollständig die wesentlichen Eigenschaften eigentlicher Nervenreflexe besitzen.

Damit ein Reflex zu Stande komme, ist eine unmittelbare mechanische gegenseitige Berührung und Verbindung der Theile nicht erforderlich. Vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus hat sogar eine derartige unmittelbare Berührung und Verbindung der kleinsten Theilchen gar keinen Sinn, da es wissenschaftlich anerkannt ist, dass Alles in der Natur von Bewegung abhängt. So stossen auch die einzelnen, alle Organismen überhaupt bildenden Zellen nicht unmittelbar an einander, sondern wirken nur gegenseitig auf einander. So ist auch für die Uebertragung des galvanischen Stromes eine ununterbrochene Leitung im mathematischen Sinne nicht erforderlich, sondern nur die Möglichkeit der Fortpflanzung und Uebertragung der Bewegung und Schwingung durch ein geeignetes Medium. –

Wie innerhalb eines jeden einzelnen Nervensystems die Uebertragung der Bewegung und der Vibrationen zwischen den einzelnen Nervenfäden und Nervenknoten stattfindet, so kommen ähnliche Reflexe auch in der Gesellschaft und zwischen einzelnen Personen zu Stande, von denen eine jede ein selbstständiges Nervencentrum repräsentirt. Taine und andere Psychologen führen alle Thätigkeit des menschlichen Gehirns, und folglich auch der übrigen Theile des Nervensystems, auf bestimmte, von aussen oder von den übrigen Organen empfangene und durch sie wieder zurück auf die Aussenwelt übertragene Vibrationen zurück. Die Association der Gedanken wird von der Harmonie der Schwingungen bedingt, die zwischen verschiedenen Gruppen von Nervenzellen im menschlichen Gehirn vorgehen. – Die Association zwischen Menschen beruht auf der harmonischen Vibration der Nervensysteme derjenigen Personen, die zum Complex der Gesellschaft gehören. In einem wie im anderen Fall ist kein wesentlicher Unterschied in der Wechselwirkung vorhanden, eben so wenig wie ein wesentlicher Unterschied zwischen der Wirkung mechanischer Kräfte in jedem einzelnen unorganischen Körper und im Himmelsraum stattfindet, oder ein wesentlicher Unterschied zwischen der Wirkung der Kräfte in einer einzelnen organischen Zelle und in complicirten, aus einer Menge von Zellen zusammengesetzten Organismen besteht. – Auch das Nervensystem der Menschen und der Thiere besteht ja aus einer Summe von Organen, deren jedes eine grössere oder geringere Selbstthätigkeit besitzt, deren jedes einen mehr oder weniger selbstständigen Willen repräsentirt. Hartmann in seiner »Philosophie des Unbewussten« nennt nach Schopenhauer's Vorgang Willen jede Kundgebung von Kraft in der organischen sowohl, als unorganischen Natur. Ausgehend von den blinden mechanischen Kräften und mit dem vernünftig-freien Willen des Menschen schliessend, unterscheidet er nur mehr oder minder bewusste und unbewusste Willensacte. Die Thiere anbelangend, behauptet er, dass, wenn wir von den niederen zu den höheren emporsteigen, das Nervensystem derselben eine immer compliortere Summe von Willen darstelle, die sich durch Vermittelung der Nervenfäden und -Knoten manifestiren. Im niederen Thiere, welches nur aus einem Nervenfaden oder einem Nervenknoten besteht, thue sich nur ein Wille kund. In höheren Thieren eige sich in der Gesammtwirkung eine Unterordnung der Weniger entwickelten unter die mehr ausgebildeten Nervenfäden und-Knoten; wobei jedoch kein einziger Nerv, als Repräsentant eines besonderen Willens, seine ursprüngliche Selbstthätigkeit und Selbstständigkeit vollständig einbüsse. Daher setzen viele There auch niedere Verrichtungen, trotz der Entfernung der höheren Nervencentren, fort. Als Beispiel führt Hartmann den Frosch auf, der selbst nach Entfernung des Gehirns zu schwimen und sich von der Stelle zu bewegen fortfahre. Dessgleichen ören manche Insekten nicht auf sich zu nähren und zu begatten, auch wenn man ihnen den Kopf abschneidet. Aber so wie die öheren Thiere und der Mensch, im Vergleich zu niederen Tieren, ein mehr entwickeltes Nervensystem zeige, so geben auch die einzelnen Theile desselben in ihnen verschiedene, mehr oder weniger selbstständige Willen kund, die sich nur den mehr bewussten Willen, als deren Repräsentant das vollständig entwickelte Gehirn des Menschen dient, unterordnen. Hartmann "eset nach, dass von der ganzen Summe von Willen, die den Menschen beseelen, nur ein sehr geringer Theil zu seinem Be"usstsein gelange, der grössere Theil derselben ohne sein Bewusstein thätig sei und in gewisser Beziehung die gesammte EntWickelung der organischen und unorganischen Natur personificire. Da nun der den Menschen beseelende bewusste Wille nur einen sehr geringen Theil aller Willen, aus denen sich sein Leben zusammensetzt, darstellt, so schreibt Hartmann dem Princip »des unbewussten Willens« eine überaus grosse Bedeutung, sowohl in der Natur, als bei der Entwickelung des Menschen zu. Durch dieses Princip erklärt er viele dunkle Seiten der Psychologie und Physiologie und gründet auf dasselbe sein ganzes philosophisches System.

Aber auch Hartmann bleibt beim einzelnen Menschen stehen. Er dehnt seine Untersuchungen nicht auf die Gesellschaft aus, die doch eine eben solche Summe von mehr oder minder bewussten oder unbewussten Willen, als das Nervensystem eines jeden Individuums, repräsentirt, während doch auch hier, wie überall, der Unterschied zwischen der Gesellschaft und den übrigen Organismen nur in der Entwickelungsstufe, in der grösseren oder geringeren Selbstthätigkeit und Selbstständigkeit der Theile und ihrer Unterordnung unter ein höher entwickeltes Organ besteht. So wie im Nervensystem eines jeden Thieres, eines jeden Menschen, sich nicht ein Wille, sondern eine ganze Reihe verschiedener, mehr oder weniger bewusster, unter einander eine bestimmte Hierarchie bildender und gegenseitig aufeinander mittelst Reflexe wirkender Willen offenbart, so verknüpfen sich auch in der menschlichen Gesellschaft, als höchstem Organismus die Willen der ganzen Individuen und wirken gegenseitig auf einander nach eben denselben Gesetzen, wie die Zellen, Nervenfäden und Nervencentren in jedem Organismus. In Bezug zur ganzen Gesellschaft bildet jedes Individuum einen Nervenknoten, der Gedanken, Empfindungen, Willensacte anderen Gliedern der Gesellschaft harmonisch oder nicht übereinstimmend reflektirt.

Diejenigen Individuen, die vermittelst Reflexe in eine har“ monisch beschaffene Vibration oder Spannung versetzt werden bilden Vereine oder Organe, welche ihrerseits wieder durch gemeinsame übereinstimmende Bewegungen auf die übrigen Individuen, die übrigen Organe und den ganzen Organismus, als Gesammtheit, zurückwirken. Das Princip des Unbewussten hat dabei dieselbe immense Bedeutung, wie überhaupt in der Natur Eine individuell bewusste Handlung eines jeden einzelnen Indiv“ duums ist noch keine bewusste Handlung vom Standpunkte der ganzen Gesellschaft, als Gesammtheit. So wie das persönliche

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