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ihrer Unerkennbarkeit und in der Unmöglichkeit sie einer genauen Beobachtung und gründlichen Prüfung zu unterziehen liegen kann. Der menschliche Verstand kann bei der unendlichen Complicirtheit der Erscheinungen, auf die er in der Gesellschaft wie in der Natur stösst, sich leicht verirren und verwickeln. Doch daraus würden nur Schwierigkeiten und Hindernisse entspringen, welche die Wissenschaft nach Massgabe ihrer Entwickelung zu überwinden haben wird. Hat doch die Naturwissenschaft schon die Gesetze der Wirkungen von Kräften ergründet, deren Beobachtung noch bis vor Kurzem für unzugänglich und unmöglich gehalten wurde. –

Von dieser Unvollkommenheit und Machtlosigkeit des menschlichen Geistes einzelnen Erscheinungen gegenüber ist es noch weit bis zum inneren Widerspruche im Gebiete der Wissenschaft selbst und zum Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wissenschaft und Leben.

Dass ein Zwiespalt zwischen der Wissenschaft und dem Leben auf socialem Gebiete und in der socialen Wissenschaft selbst bis zum heutigen Tage herrscht, unterliegt keinem Zweifel. Das Unpraktische, die Unanwendbarkeit der von verschiedenen Wortführern der socialen Wissenschaft verkündigten Principien für Leben und Wirklichkeit, endlose Streitigkeiten und Debatten, die bis heute selbst unter den Wortführenden in Bezug auf viele wissenschaftliche Grundprincipien fortdauern, die beständig von Neuem auftauchenden Systeme und Theorien zeugen von diesem innern Zwiespalt, sie bezeugen auf wie schwankendem Boden die sociale Wissenschaft steht.

Auf welche Weise sie nun aber aus dieser Lage herausgebracht, auf welche Weise sie auf einen festen Boden, der ihr als unerschütterliche Grundlage zu dienen im Stande ist, verpflanzt werden kann, das ist die Aufgabe, die wir uns gestellt haben und die wir in den folgenden Kapiteln zu beantworten versuchen werden.

II.

Die Socialwissenschaft.

Für den menschlichen Geist giebt es überhaupt nur zwei Gegensinde der Erkenntniss. Er kann sich in sich selbst versenken, sein eigenes Ich zum Gegenstande seiner Betrachtungen und Forschungen machen, und dann verharrt er im Gebiet der Speculation, zu dem alle sogenannten speculativen Wissenschaften, wie die Mathematik, Logik, Psychologie, Metaphysik etc. gehören – oder er wendet seine Forschungen der ihn umgebenden Natur m, deren Erscheinungen er durch Vermittelung der Sinne wahrnimmt, und hieraus entspringt die Naturforschung mit allen ihren Unterabtheilungen: Naturgeschichte, Chemie, Physik, Meücin, Astronomie, Geologie u. s. w.

Wir sind nicht gesonnen uns hier in metaphysische Unterschungen und Discussionen darüber einzulassen, ob der menschiche Geist, vollständig unabhängig von äussern Wahrnehmungen, als selbstständige Quelle der Erkenntniss aufzufassen ist, oder nur als Spiegel, auf dem sich die Naturerscheinungen in anderer Gestalt und Anordnung abprägen, d. h. mit andern Worten: ob dem menschlichen Geiste angeborene Vorstellungen und Anschauungen innewohnen, oder ob es unzweifelhaft feststeht, dass äne jede Vorstellung mit Nothwendigkeit in irgend einer sinnichen Wahrnehmung von Naturerscheinungen ihren Ursprung hat. Eins ist klar: ohne geistige Anschauung und Vernunftschluss ts keine Erkenntniss der Natur für uns möglich. Von der andern Seite aber stützt sich jede geistige Anschauung, selbst in den höchsten Sphären, auf irgend etwas zu Grunde liegendes Reales. Bei dem einfachsten physikalischen Experiment sind wir genöthigt die Ursache mit der Wirkung in Verbindung zu bringen, den Unterschied oder die Analogie zwischen Dem, was der beobacheten Erscheinung und was andern Naturkörpern eigenthümlich, stzustellen, d. h. geistig anzuschauen, vernunftgemäss zu chliessen. Andrerseits giebt es keinen allgemeinen Begriff von et, Raum, Dasein, dem nicht irgend etwas Reales entspräche. Daher giebt es auch weder reine Vernunftwissenschaften, noch on reale Wissenschaften. Wir geben der Wissenschaft diesen oder jenen Namen, je nach dem Verhältniss, in dem das eine oder andere Element in ihr enthalten ist oder vorwaltet. Giebt es doch eine theoretische Physik und eine angewandte Mathematik. Mag diese unlösbare Verknüpfung, diese harmonische Wechselwirkung zwischen Geist und Materie hervorgehen aus angeborenen Ideen, wie Descartes annimmt, oder aus der uranfänglich prästabilirten Harmonie des Weltalls, wie Leibnitz lehrt, oder endlich der Geist als Centrum der Materie, und diese als Peripherie des Geistes angesehen werden analog der Gravitationsbewegung im Kosmos, wie neuerdings Planck ausführt; die Betrachtung dieser Fragen liegt ausserhalb unserer Aufgabe. Uns gilt es hier vor Allem nur die Frage zu entscheiden: in welches Gebiet des menschlichen Wissens gehört die Socialwissenschaft; ist sie eine vorzugsweise speculative oder reale Wissenschaft? Ist es nothwendig, dass zur Erforschung der socialen Erscheinungen und Gesetze wir uns in uns selbst versenken, in den logischen Folgerungen der eigenen Vernunft die Entscheidung socialer Fragen suchen, oder sollen wir zu diesem Zweck uns zur Betrachtung Dessen wenden, was ausserhalb uns vorgeht, so wie wir es in Bezug auf die Natur thun? – Diese Frage, wichtig schon an und für sich, wird noch wichtiger dadurch, dass von ihrer Entscheidung in einem wie im andern Fall auch die Methode der Forschung abhängt. In der Naturwissenschaft herrscht vorzugsweise die empirische inductive Methode, die, von Thatsachen in der Natur ausgehend, sich ihren Ursachen zuwendet, die, indem sie vom Besonderen zum Allgemeinen emporsteigt, aus speciellen Fällen allgemeine Gesetze entwickelt; in den speculativen Wissenschaften dagegen herrscht die deductive, die synthetische Methode, die vom Allgemeinen zum Speciellen herabsteigt. Gehörte die menschliche Gesellschaft zum Bereiche der uns umgebenden Natur, so bildete die Socialwissenschaft einen Theil der Naturkunde und müsste in ihr die inductiv-empirische Methode zur Anwendung kommen; zeigte sich dagegen die Gesellschafts-Kunde vorzugsweise auf übernatürlichen, ideellen Principien begründet, so müsste die Socialwissenschaft den speculativen Wissenschaften zugezählt und die deductiv-synthetische Methode in ihr angewandt werden. Es lautet also die erste sich auf diesem Wege entgegenstellende Frage: kann die menschliche Gesellschaft so, wie sie sich gegenwärtig uns darstellt und in der bisherigen stufenweisen

Entwickelung in der Weltgeschichte uns vorgeführt wird, überhaupt einen Gegenstand des Studiums, ein Object für die Wissenschaft, in derselben Weise abgeben wie die materielle Welt, die Erscheinungen der uns umgebenden Natur uns als reales Object dienen? Dazu wäre aber erforderlich, dass den Erscheinungen der Natur und den Thätigkeitsäusserungen der Gesellschaft dieselben allgemeinen Gesetze zu Grunde liegen, dass zwischen Ursache und Wirkung in den Kundgebungen der Materie wie der menschüchen Gesellschaft ein constanter, der menschlichen Beobachtung und Erkenntniss zugänglicher Zusammenhang herrsche. Die Wissenschaft ist nichts Anderes, als die Kenntniss des Zusammenhangs der Erscheinungen, also: Erkenntniss; und umgekehrt muss jede Erkenntniss als Wissenschaft gelten. Die Wissenschaft des Thieres beschränkt sich auf das Verständniss der Beziehungen zwischen der sehr geringen Zahl der seinen Mothwendigsten Bedürfnissen am nächsten liegenden Erscheinungen; Sie bewegt sich beständig in demselben engen Kreise der Beobacuung und vergleichenden Zusammenstellung. Die Wissenschaft des Menschen dagegen ist unendlicher Vervollkommnung fähig und hat für ihre Entwickelung keine Grenzen. Als der Mensch noch in seiner Kindheit umherschaute in der ihn umgebenden Natur und, überrascht durch die Mannigältigkeit, in Staunen gesetzt durch die Herrlichkeit, überwältigt und in Schrecken gesetzt durch die Grossartigkeit der Erscheinungen, Erklärung suchte für ihren Zusammenhang, da, unwiderstehlich getrieben von innerem Drange nach Erkenntniss, drängte ihn das Gefühl der Abhängigkeit zur Ahnung und dann allmähich zur Erkenntniss einer Alles bewirkenden Macht, eines Alles umfassenden Zusammenhanges, einer letzten und unmittelbaren Ursache – der Gottheit. Jegliche Vernunftthätigkeit beruht auf dem Vergleichen der von aussen empfangenen Eindrücke und dem Aussuchen des zwischen ihnen stattfindenden Zusammenhangs, entweder des positiven Zusammenhangs – in der Analogie – oder des negativen Zusammenhangs – im Contrast. Die von aussen aufgenommenen Eindrücke lenkt der menschliche Geist in Gedanken, wenn es erlaubt ist sich so auszudrücken, Radien leich zu einem Punkt hin, in dem sie sich sämmtlich vereinigen, m gemeinsamen hellen Focus – der Erkenntniss. Der letzte, *m entferntesten gelegene Focus der menschlichen Erkenntniss

wird stets die Gottheit sein, d. i. der unsichtbare Punkt, zu welchem der Geist des Menschen alle Radien des Daseins hinzulenken und von dem er alle herzuleiten gezwungen ist. Bei den ersten Menschen lag dieser Punkt unmittelbar hinter den ersten Eindrücken, welche die umgebende Natur auf sie machte. Je mehr das Gebiet des menschlichen Wissens sich erweiterte, desto weiter entfernte sich dieser Punkt, in dem sich der Zusammenhang aller seiner Wissenschaft concentrirte, anfangs vereinzelten vergleichenden Zusammenstellungen, später ganzen wissenschaftlichen Systemen Platz machend. So drängten in letzter Zeit die Fortschritte der Geologie den ursprünglichen Schöpfungsakt der sichtbaren Welt in unserer Erkenntniss in eine unendlich ferne Vergangenheit, ohne dadurch das Dasein des Schöpfers umzustossen. So wurde auch in den Geschicken der menschlichen Gesellschaft früher Vieles der unmittelbaren Thätigkeit der Gottheit zugeschrieben, das sich jetzt aus natürlichen Ursachen, aus allgemein anerkannten Entwickelungsgesetzen der Gesellschaft selbst erklärt und somit nur mittelbar Gott entstammt. Und nach Massgabe der Entwickelung der socialen Wissenschaft wird sich beständig der Wirkungskreis dieser natürlichen Gesetze erweitern. Selbst der Gott des Krieges, dieser höchste Repräsentant des blinden Fatums und des Zufalls, hat gegenwärtig schon von der nebelhaften Höhe, auf welcher er thronte, herabsteigen müssen und ist gezwungen der menschlichen Vernunft von seinen Thaten Rechenschaft abzulegen. Wir leben bewusster, als unsere Vorgänger, weil der Zusammenhang der uns ringsum umgebenden Erscheinungen uns klarer und vielseitiger geworden ist. Vieles jedoch, das uns noch dunkel und räthselhaft erscheint, wird für die nachfolgenden Generationen in den Bereich der klaren Erkenntniss, in den Bereich der Wissenschaften fallen. Die menschliche Gesellschaft in ihrer Gesammtheit wurde, wie wir sahen, später, als die Natur, Gegenstand der Wissenschaft, wovon die Ursache darin liegt, dass die gesellschaftlichen Erscheinungen, weit verschiedenartiger gestaltet, scheinbar unregelmässiger auf einander folgen, als die Erscheinungen in der Natur und daher die Aufsuchung des unter ihnen stattfindenden constanten Zusammenhangs, die Unterbringung unter den ge“ meinschaftlichen Nenner festbestimmter unabänderlicher Gesetze grössere Schwierigkeiten verursachen. Bei jeder Erscheinung do

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