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HERAUSGEGEBEN VON HANS LIETZMANN

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TEXTE ZU DEM STREITE

ZWISCHEN

GLAUBEN UND WISSEN IM ISLAM

DIE LEHRE VOM PROPHETEN UND DER OFFEN.
BARUNG BEI DEN ISLAMISCHEN PHILOSOPHEN

FARABI, AVICENNA UND AVERRAES

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wesen.

EINLEITUNG Es ist allgemein die ansicht verbreitet, die bekannten philosophen griechischer richtung im islam seien mehr oder weniger freigeister ge

Die religion des propheten Muhammed hätten sie nicht oder doch kaum als eine übernatürliche offenbarung anerkannt. Das natürliche wissen sei höher zu stellen als der glaube und berufen, die dogmen des Koran umzudeuteln und umzugestalten. Die philosophie habe über den glauben zu gebieten. Sie sei eine vollkommenere form der erkenntnis, als sie die „offenbarung“ darstelle. Die vorliebe Renans für Averroes beruht wesentlich auf solchen voraussetzungen. Es ist nun die aufgabe der parteilosen geschichtsforschung, nachzuprüfen ob diese vorgefassten meinungen, die modernen religiösen kämpfen entspringen und in das mittelalter projiziert wurden, den tatsachen entsprechen.

Das problem der harmonie (oder disharmonie) zwischen glauben und wissen im mittelalter wird dadurch in die richtige beleuchtung gestellt und gelöst, dass man die lehre über den propheten auseinandersetzt. Wird ihm in einem systeme ein übernatürliches wissen zugestanden, dann ist seine lehre das massgebende moment in einem konflikte mit dem wissen. Dieses ist an die zweite stelle gedrängt und darf höchstens dunkele aussprüche der offenbarung interpretieren – jedoch nur so, dass diese auslegung mit anderen aussprüchen der offenbarung nicht in widerstreit tritt. Bekannt sind die grossen streitigkeiten zwischen theologie und philosophie im christlichen mittelalter. Der vergleich mit dem islam, der schwesterreligion des christentums, ist hier besonders reizvoll. Es wird sich zeigen, dass der islam, wenn nicht in derselben, so doch in verwandter weise seinen standpunkt fixiert hat. Dabei ist zu betonen, dass die bekannten philosophen Farabi, Avicenna und Averroes nicht etwa den islam angreifen oder gar überwinden, sondern dass sie ihn verteidigen wollen. Ihre systeme sind, vom religionsgeschichtlichen standpunkt aus betrachtet, nichts anderes als apologetische versuche, die koranischen dogmen mit dem wissen ihrer zeit zu harmonisieren. Sie bedeuten also bemühungen, die der islam selbst in seinen berufenen vertretern und verteidigern macht, mit dem natürlichen, weltlichen wissen ins gleichgewicht zu kommen.

FARABI950 + Farabi war seiner neigung nach ein mystiker. Das überirdische zieht ihn an, das idische stösst ihn ab. Er zog sich in vorgerücktem alter vor der welt zurück und lebte als sufi bei dem fürsten Saifeddau'a zu Aleppo. Danach steht zu erwarten, dass er seine lehre über den propheten stark ins übernatürliche steigern werde. Diese erwartung wird durch die äusserungen von ihm bestätigt. Das übernatürliche moment im propheten steigert er noch mehr, als es die nackte lehre des islam verlangt.

„Die prophetie ist in ihrem geiste in eigentümlicher weise mit einer heiligen (göttlichen) kraft ausgestattet, der die innere natur der grossen welt der göttlichen schöpfung (des makrokosmos) gehorcht wie deinem geiste die der kleinen (des mikrokosmos). Daher vermag die prophetische kraft auch wirkliche wunder zu vollbringen, deren ausführung ausserhalb technischer fertigkeit (menschlicher list, eventuell natürlicher kraft) und gewohnheit liegt. Ihr spiegel rostet nicht, sodass er dann die unvergänglichen schriftzüge, die auf der wohlbewahrten tafel stehen, nicht mehr als einprägungen („einmeisselungen“) empfangen könnte, und sodass er dann nicht mehr in verbindung stände mit den substanzen der engel, die die gesandten gottes (an die niedere schöpfung) sind. Auf diese Weise erhält er kenntnis von dem, was bei gott ist.“ (Ringsteine Farabis : Zeitschr. f. Assyriologie u. verw. Gebiete bd. 18 s. 280 z. 6—10.) „Der prophetengeist (der heilige, göttliche geist) redet im wachen zustande die engel an, der menschliche geist verkehrt mit ihnen nur im schlafe." (ibid. z. 14-15, vgl. ibid. 284 z. 6—9): „Den prophetischen geist lenkt nicht das tiefer stehende (die niedere welt und die leidenschaften) von dem, was über ihm ist (dem göttlichen), ab, noch nimmt der äussere sinn den inneren in anspruch. Die einwirkungen dieses geistes gehen von seinem leibe aus auf die körper und alle anderen bestandteile des weltalls (wunder wirkend). Dabei empfängt er die erkenntnisinhalte (direkt) vom dem geiste der engel ohne unterricht unterstützung) seitens der menschen.“

Erklärung: Zum verständnisse dieses textes ist ein flüchtiger einblick in das weltbild* Farabis erforderlich. Wir müssen wissen, auf welcher, istufe des Weltalls wir uns bei dem propheten befinden, um sein wesen und seine eigenschaften und funktionen würdigen zu können. In der seinsordnung steht der prophet unterhalb der engel und oberhalb der menschen. Sein wesen, seine natur ist also etwas übermenschliches, das nie durch natürliche kräfte des menschen erreicht werden kann, und daher nicht graduell, sondern wesentlich von dem menschen verschieden ist. Daher ist es auch' ganz natürlich, dass seine eigenschaften und funktionen, die unmittelbar aus seinem wesen fliessen, ebenfalls einer höheren ordnung, als das menschliche ist, angehörer. Das wesen der engel besteht nun (Ringsteine no. 29)., darin, dass sie subsistierende wesensformen der .dmge, platonische ideen sind. Das, was der geist als wesenheit der dinge, als deren spezies erkennt, sind die engel in substanzieller form. In ihnen wird die wesensform der dinge nicht von einer individualisierenden form aufgenommen. Daher können sie keine individua nach art der materiellen dinge sein (vgl. die scholastische lehre, die die individualität der engel in demselben sinne logisch konsequent leugnet). Ihre „einzelwesen“, „einzelsubstanzen" (das wort individuum ist hier zu vermeiden) sind subsistierende „spezies“ der dinge. Aus diesem grunde können die engel auch den einzelnen arten der dinge, deren wesen sie selbst darstellen, „vorstehen“, sie „leiten“, beeinflussen, ihren individuen die wesensformen durch emanation verleihen usw. Die engel bilden den unteren teil der welt des logos, der geister, an deren spitze der nus, der erste intellekt steht, „das zweite göttliche wissen“ genannt.

Die menschenseele d. h. der menschengeist ist demgegenüber unvollkommen. Sie ist der welt des Logos herabgesunken und in eine materie „versenkt“ worden. Dieser menschliche geist stellt keine spezies der dinge dar. Er ist eine noch unbeschriebene tafel, gleichsam inhaltlos und muss alle seine inhalte aus der geisterwelt durch emanation empfangen. Er verhält sich also passiv,

aus

formaufnehmend, die engel

die engel aktiv, formgebend. Zwischen diesen beiden welten steht als mittelglied der prophet, der sphäre des menschlichen entrückt und direkt unterhalb der engel. Nunmehr wird der obige text verständlich. „Die prophetie“ bedeutet die biblischen propheten einschliesslich Christi, besonders aber Muhammed, „in eigentümlicher weise“, dass das folgende dem propheten ausschliesslich zukommt, sodass kein mensch jemals auf solche vorzüge anspruch erheben kann, wenn er sich auch noch so vervollkommnet. Die höchste graduelle steigerung der menschlichen vollkommenheiten erreicht den propheten nicht. Es liegt eine wesentlich verschiedene ordnung oder stufe des weltenbaus vor. „Heilig" bezeichnet was direkt mit gott (kuds) in beziehung steht, also in das gebiet des übernatürlichen gehört. Der mensch steht in seinen höchsten funktionen mit dem aktiven intellekte (dem geiste der mondsphäre) in beziehung, der die potenz des menschlichen geistes zur akluatität, zum wirklichen denken hinüberführt. Diese verbindung ist für den menschen natürlich. Einer ganz anderen ordnung gehört der prophetengeist an, dem eine direkt aus gott fliessende kraft innewohnt. Diese ist nicht etwa den naturkräften unterworfen, sondern beherrscht dieselben, ein schwaches, aber noch deutliches abbild der göttlichen macht. Daher vermag der prophet in den lauf der natur einzugreifen, regen herbeizuführen, wasser seinen fingern strömen zu lassen, zur tränkung der verdurstenden heere und andere bekannte wunder des propheten. Als deutliches beispiel wird das verhältnis unserer

unserem leibe, dem mikrokosmos, einem spiegelbilde des weltalls (parallelismus der welten), angeführt. Ebenso wie wir unsere glieder willkürlich bewegen können usw., vermag der prophet teile des weltalls willkürlich zu beeinflussen z. b. den mond zu spalten.

Es gibt zwei arten wundern. Die wirklichen, eigentlichen wunder (mugizát) übersteigen jedes menschliche können. Nur der prophet, der übermenschliche kräfte hat, kann sie ausführen. Die scheinbaren wunder sind solche vorgänge in der natur, die als wunder erscheinen (mira, nicht miracula). Sie werden von den heiligen vollbracht und überschreiten die kräfte der gewöhnlichen sterblichen. Unter „gewohnheit“ ist hier der gewohnheitsmässige verlauf der naturvorgänge, das gesetzmässige naturgeschehen d. h. das gewohnheitsmässige handeln gottes, das das naturgeschehen

aus

seele zu

von

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