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Wie bei den heutigen Italienern die Improvisatoren eine Rolle spielen, so hörten schon die alten Bewohner Unteritaliens und Siciliens die Vorträge und Spafse der γελωτοποιοί, ήθολόγοι, αυτοκάβδαλοι, ιλαρωδοί, λογόμιμοι, scurrae, welche komische

, , , , Momente oder Charaktere, Betrunkene, Verliebte, Schmarotzer u. dgl. bei Festen oder Gastmählern bald pantomimisch, bald in einem improvisierten Dialoge darstellten, mit Vorliebe an. Horaz erzählt Sat. 1, 5, 51 von der angenehmen Unterhaltung, welche dem Mācenas und seinen Begleitern auf der Reise nach Brundisium durch die in der That gemeinen Witze der scurrae Messius und Sarmentus bereitet worden sei: „prorsus iucunde coenam producimus illam" (v. 70). Tarent wird namentlich als ein Hauptsitz der in Campanien bei Volksfesten gepflegten komischen Improvisation genannt 18). Ein heiteres Naturel und unverwüstliche Spottund Lachlust wird aber ganz besonders den Bewohnern Siciliens nachgerühmt. Nunquam tam male est Siculis, quin aliquid facete et commode dicant, sagt Cic. in Verr. act. II. libr. IV. cap. 43. Nicht nur die Komödie bildete sich bei ihnen durch Epicharmus (dessen Blütezeit 490—480 a. Chr.) in eigentümlicher Weise aus 14), sondern auch kleinere, Komödien ähnliche Stücke wurden dort verfasst. Ich meine damit um anderes zu übergehen namentlich die selbst von Plato hoch geschätzten uiu ou des Sophron um 420 a. Chr. und seines Sohnes Xenarchus. Dies waren nicht eigentliche Komödien, sondern Dialoge oder kleine Scenen in rhythmischer Prosa, in welchen das Leben und Treiben von Leuten aus der niedrigen Volksklasse in ihrer Denkund Redeweise dargestellt wurde, die bald durch Spässe ergötzten, bald durch einen ernsteren Gedanken und wär's nur Sprichwort, wahr Wort, gewesen die Aufmerksamkeit fesselten. Selbst die gemeine Sprache, das rohe dorische, in Sicilien landläufige Patois, um die Sache durch einen modernen Ausdruck anzudeuten, hielt Sophron fest. Man könnte diese Mimen etwa mit dem Eckensteher Nante und den Berliner Guckkastenbildern oder mit Görge und Marje uf der Redutte in Alm'rig (- Altenburg) und ähn

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die bukol. Dichter der Alten, in dessen sämtl. Werken. Wien 1822, Bd. 4 p. 60. Fraguier, sur l'eclogue, in den Mémoir. de l'Académ. des Inscriptions tom. II. p. 132. Jacques Hardion, discours sur les bergers de Théocrite, in den Mémoir. de l'Académ. des Inscriptions tom. IV. p. 534. tom. VI. p. 459. Discourse on pastoral poetry, in Alex. Pope's Works. Lond. 1752. Bd. 1. p. 39. Ger. Ioann. Vossii poet. institt. Amstelod. 1647, 4. libr. III cap. 8.

13) Vgl. Plat. Legg. 1 p. 637, B. Bode, Gesch. der hellen. Dichtk.

14) Vgl. Theokr. Epigr. 17. Aug. 0. Fr. Lorenz, Leben u. Schriften d. Epicharm. Berl. 1864 p. 56. Die Fragmente Epicharms bei Ahrens, Dial. Dor. p. 435.

3 p. 96.

lichen Stückchen unserer Zeit vergleichen 15). Theokrit trat nun in Sophrons Fussstapfen16) und bildete diese Mimen in Sprache und Vers (Hexameter) künstlicher aus. Am deutlichsten sieht man dies aus der fünfzehnten Idylle, welche nach den Berichten des Scholiasten 17) in der Anlage einem Mimus des Sophron nachgebildet ist. Wir haben dort ein kleines Drama. Es spielt in Alexandrien. Eine Frau, Gorgo, kommt zu ihrer guten Freundin, Praxinoa, klatscht mit ihr, zieht echt weiblich über ihren lieben Ehegatten los, was die andere ihresteils auch thut, und fordert endlich die Freundin auf mit ihr zur Königsburg zu gehen, wo die Königin Arsinoe, Gemahlin des Ptolemäus II., grossartige Feierlichkeiten zum Adonisfeste veranstaltet hat. Praxinoa putzt sich unter dem nötigen Schelten auf ihre Magd. Beide Freundinnen betreten die Strafse; ziehen unter dem Wogendrange der Menge zum Königshofe; fragen eine alte Frau, die ihnen begegnet, ob es leicht sei hineinzukommen und erhalten den orakelhaften Bescheid „Wagner gewinnt“ (v. 62); drängeln sich mit Mühe und Not zu dem Schauplatze; bewundern die Herrlichkeiten; hören das Loblied, das eine Sängerin anstimmt, und kehren reich befriedigt nach Hause. Denn der Brummbär von Ehemann wartet auf das Frühstück. Das alles erfahren wir aus dem Gespräche der Weiber, in welches sich insbesondere ein Mann (v. 87 flg.) mit hinein mengt, den unsere Freundinnen gehörig abtrumpfen, als er sich ihr „braites“ dorisches Gewäsch (atkateléfovoiv), mit dem die „Starmätze“ ihn schier tot machen, verbeten und ihnen Ruhe geboten hat. Ergötzen wir uns nun auch an der gelungenen Schilderung der weiblichen Charaktere, welche uns hier der Dichter vorführt, so liest man doch zwischen den Zeilen hindurch das künstlich angebrachte Lob auf den König Ptolemäus (v. 46) und seine Gattin (v. 110), ein Lob, das um so feiner ist, als es aus dem Munde der plaudernden Weiher scheinbar zufällig, und in dem Liede der eingeführten Sängerin völlig natürlich klingt.

Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der vierzehnten Idylle. Dort klagt ein junger Brausekopf seinem Freunde, wie höhnisch seine Geliebte bei einem fröhlichen Gelage ihn behandelt habe, berichtet, dass er hinter ihre Treulosigkeit gekommen sei, und äussert, er wisse kein anderes Mittel, seines Grames Meister zu werden, als in die weite Welt und unter die Soldaten zu gehen.

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15) L. Botzon, de Sophrone et Xenarcho mimographis. Lyccae 1856. Derselbe Sophronis reliqq. Marienb. 1867. Die Fragmente auch bei Ahrens p. 464.

16) Der Beifall, den die gaúcxes des Rhinthon aus Tarent (um 300), die Dichtungen des Bläsus und ähnliche Stücke fanden, mag nebst anderen Umständen mit dazu gewirkt haben.

17) Hypoth. zu Theokr. 15 p. 26 Ahr, rapétlaos d'è moinuétiov εκ των παρα Σώφρονι θεωμένων τα "Ισθμια. Vgl. gr. Ausg. Band 2 p. 32.

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Der andere billigt dieses Vorhaben und rät ihm, sich nach Ägypten zum Heere des Ptolemäus zu begeben. Denn einen besseren Soldherrn gebe es nicht für einen freien Mann. Der erstere fragt weiter über den König, und so schliesst das Gedicht mit einem reichen Lobe der Herrschertugenden des Ptolemäus, einem Lobe, was um so gelungener eingeflochten ist, als dasselbe im Verlaufe des Gespräches ganz ungesucht ausgesprochen wird.

Auch die zweite Idylle müssen wir als ein Monodrama betrachten, dessen Grundzüge unser Dichter einem Mimus des Sophron entlehnte, welcher den Titel paquaxeútplal hatte 18), was aber dem Ruhme unsres Dichters keinen Abbruch thut. Denn Originalität in der Behandlung kann ihm nicht abgesprochen werden; ja, die Gewalt der geschilderten Leidenschaft, der Wechsel der Gefühle, die treue Zeichnung des weiblichen Wesens, machen dieses Gedicht zu einem der schönsten des Altertums. Racine soll gesagt haben: „qu'il n'a rien vu de plus vif et de plus beau dans toute l'antiquité que la Magicienne de Théocrite“. Longepierre urteilt so: ,,cette idylle est, à mon gré, la plus belle de Théocrite et peut-être nous reste-t-il peu de morceaux de l'antiquité aussi parfaits. Il y règne d'un bout à l'autre un génie, une vivacité, une force d'expression, et surtout un pathétique qui touche et qui attache agréablement“19). Diese Vorzüge sieht man besten, wenn man jene Dichtung mit Virgils Nachahmung (Eclog. 8, 64) vergleicht.

dem bisher Gesagten erhellt, dass die drei besprochenen Idyllen Theokrits in ihrem Inhalte dem Leser etwas ganz anderes bieten, als er erwartet, wenn er das Wort Idylle bisher nur aus Gessners gleichnamigen Schilderungen einer harmlosen Schäfer welt gekannt hat. Aber allerdings führen uns eine Anzahl Theokritischer Gedichte auch in die Hirten- oder Schäferwelt, wenn auch nicht in so eine ideale 2o), wie vielleicht mancher Idiot denkt. Das sind die Gedichte, welche wir schon oben mit dem Namen bukolische Gedichte bezeichnet haben.

War es nämlich von vorn herein besonders Sophrons Beispiel, welches unseren Dichter zu einer poetischen Schilderung aus dem Leben gegriffener Charaktere veranlasste, so führte vorzüglich eine Seite des Lebens in Sicilien durch seinen besonderen Reiz ihn zu dem Gebiete der Poesie, in welchem er unsterblich geworden ist. Sicilien war ein Hirtenland; Pindar (Olymp. 1, 12)

am

18) Siehe meine gr. Ausg. I p. 70. [Einl. zu Id. 2.]

19) Adert, Théocr. p. 49. Didot, les idylles de Théocrite, traduites en vers français par Firmin Didot. Paris 1833, 8. p. 423.

20) Horat. Art. poet. 317 respicere exemplar vitae morumque iubebo doctum imitatorem, et veras hinc ducere voces.

nennt es geradezu πολύμαλος Σικελία. Das Leben der Hirten in ihrer Waldeinsamkeit übt auf jedes unverdorbene Gemüt einen mächtigen Zauber. Musik und Gesang sind der natürliche Zeitvertreib der Hirten auf ihren Triften. Denn Gesang, Lied, Syrinxklang sind so alt als das Geschlecht der Hirten, die schon auf Achilles' Schilde Hephästos' kundige Hand (Iliad. 18, 525) ausprägte, wie am Spiele der Syrinx sie sich ergötzen. Wahr ist es, was Lucr. 5, 1378 singt:

At liquidas avium voces imitarier ore
Ante fuit multo, quam levia carmina cantu
Concelebrare homines possent, aurisque iuvare.
Et Zephyri cava per calamorum sibila' primum
Agrestis docuere cavas inflare cicutas.
Inde minutatim dulcis didicere querelas,
Tibia quas fundit, digitis pulsata canentum,
Avia per nemora ac silvas saltusque reperta,

Per loca pastorum deserta, atque otia dia. Das Poetische, was das Hirtenleben überhaupt hat, mochte sich bei den sicilischen Hirten noch besonders deutlich zeigen.

Sie waren reich an Liedern, Gesängen und Weisen, reich an Sagen von Hirten, unter denen Daphnis der berühmteste ist 21). Über diesen Daphnis gab es verschiedene Sagen. Nach Diodor. Sic. 4, 84, Parthen. Erot. 29 und Aelian. Var. Hist. 10, 18 war er der Sohn des Hermes und einer Nymphe. Diese setzte ihn aus in einem Lorbeerhaine, wovon er den Namen Acquis erhielt. Die Nymphen erzogen ihn, Pan selbst unterwies ihn im Flötenspielen (Serv. zu Virg. Ecl. 5, 20). Er ward ein Hirte, der viele Herden weidete. Die Lieder, die er erfand, lebten nach ihm in Sicilien fort. Er jagte auch mit der Artemis und ergötzte die Göttin mit seiner Syrinx und seinen bukolischen Weisen. Als treuer Diener der jungfräulichen Artemis vermass er sich und beteuerte, er werde nie der Macht der Liebe unterliegen. Dadurch erregte er den Zorn der Aphrodite, welche ihm Liebe zu einem Mädchen einflöfste, das ihn ihrerseits auch leidenschaftlich liebte (Id. 1, 82 (vgl. Anm.]). Daphnis mied sie, die ihn nun vergebens in Wald und Berg suchte. Er suchte die Leidenschaft in seinem Herzen zu bezwingen, er wollte mit Eros ringen (Id. 1, 97). Aber der Kampf war vergeblich. Er unterlag und schmachtete (étńxero, Id. 1, 66), sein Lebensfaden rifs (Id. 1, 139–140), er verschied zum Leidwesen der Musen und Nymphen. So erzählt Theokrit Id. 1, 64 flg. die Leiden des Daphnis. Nach einer anderen Sage liebte er eine Nymphe, welche ihm verkündigte, dass er erblinden werde, wenn er je eine Sterbliche liebe. Eine Königstochter wusste ihn aber trunken und der Nymphe ungetreu zu machen. Alsbald

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21) Dazu kommen Komatas (Theokr. 7, 78), Menalkas (8. Anm. zu 8, 2), Diomus (Athen. 14 p. 619, A. Welcker kl. Schr. 1 p. 410).

ging die Drohung der Nymphe in Erfüllung. Nach einer Sage beim Schol. zu Theocr. 8, 92 stürzte er in der Blindheit einen Abhang herab. Ovid. Met. 4, 278 lässt ihn von der eifersüchtigen Nymphe in einen Stein verwandelt werden. Nach Servius l. l. entrückte ihn Hermes in den Himmel und liess an jener Stätte einen Brunnen entspringen, an dem noch später geopfert wurde?).

Der Ruf der sicilischen Hirtenlieder war weit verbreitet, das Eigentümliche ihrer Weisen anziehend. An gewissen Festen kamen die Hirten singend in die Stadt man könnte an die Pifferari erinnern, die in der Adventszeit aus den Abruzzen nach Rom kommen – und liessen sich dort in WettgesängenaS) hören, von denen wir uns aus Id. 5 und 8 eine genaue Vorstellung machen können. Überbleibsel solcher poetischer Wettstreite will man noch in neuerer Zeit in Sicilien und auf den balearischen Inseln angetroffen haben 24). Ein offenes, für die Freuden der Natur empfängliches Gemüt, wie es Theokrit hatte (vgl. Id. 7 Schluss, Id. 6 Schluss), konnte leicht durch diese poetische Seite des Hirten-lebens angezogen werden, um so mehr in der Zeit, in welcher er lebte. Es ist dies die Epoche der griechischen Litteratur, welche man kurz die alexandrinische nennt. Nach dem Untergange von Griechenlands politischer Freiheit waren zwei der mächtigsten Triebfedern aller wahren Poesie verschwunden, die volle, hingebende Liebe für das Vaterland und die religiöse Begeisterung, ohne welche auch dem Heiden kein Gedicht von bleibendem Werte möglich war. Denn fehlte ihm auch die reine Gotteserkenntnis, so belebte ihn doch, wie wir namentlich an Pindar sehen, die Ahnung des lebendigen, ihnen „unbekannten Gottes“ (Apostelgesch. 17, 23), der, da die Zeit erfüllet war, sich der Welt Offenbarte. Dieser Offenbarung hatte von der Zeit des peloponnesischen Krieges an die berufene Zweifelsucht der Sophisten und später die der Philosophen der sogenannten neueren Akademie

um anderes hier zu übergehen vorgearbeitet. Der Glaube an die Wirklichkeit der Götzen war bereits wankend geworden, Ptolemäus hatte seinen Eltern Tempel und Altāre errichtet (Id. 17, 123), die Zeit der von Schiller fälschlich so genannten Ideale war verschwunden. Aber ein Ersatz war der ängstlich aufschauenden Seele nicht geboten. Es war die Zeit der „harrenden Kreatur“ (Rom. 8, 22), da erst unter Kaiser Augustus das wahrhaftige Licht, das alle Welt erleuchtet, erscheinen sollte, dessen Abglanz auch die wahre, die christliche Poesie hervorrief.

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22) Weiteres über Daphnis, dessen tragisches Ende schon Stesichorus besang, s. grosse Ausg. I p. 12. [Anm. zu 1, 19 a. 64; za 7, 73; Einl. za 8; Anm. zu 8, 93.]

23) S. de poet. bucol. p. 13. Hauler p. 43.

24) S. de poet. buc. p. 14 ***). Areth. p. 7. Nachtr. zu Sulzer 1, 1 p. 103*).

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