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der nehme zugleich Horazens fünfte Epode und achte Satire des ersten Buches zur Hand. Bei der Lektüre der elften Idylle ist eine Vergleichung von Ovid, Metam. XIII, 762 flg., wo der Gesang des Polyphem travestiert wird, höchst ergötzlich. Aus späterer Zeit ist Calpurnius als Nachahmer des Theokrit zu nennen.

Als im 14. und 15. christlichen Jahrhundert die klassischen Studien wieder aufblüheten, war es zwar zunächst Virgil, mit dem die lateinischen Dichter jener Zeit seit Petrarca auch in der Idylle (Ecloge) wetteiferten 50). Aber auch Theokrit fand bald nach der allgemeinen Verbreitung der griechischen Sprachstudien seine Bewunderer und Nachahmer. Wurde doch schon vor 1483 eine Übersetzung der ersten sieben Idyllen in lateinischen Hexametern gedruckt. Ihr Verfasser ist Phileticus51). Als wirklicher Nachahmer aber nimmt die oberste Stelle Jac. Sannazario ein (geb. in Neapel 1458, starb 1530), der für Virgil so schwärmte, dass er dessen Geburtstag „alljährlich durch ein Gastgebot feierte“, aber auch Theokrit gründlich in sich aufgenommen hatte. Sowohl in dem italiänisch geschriebenen Gedichte Arcadia, als in seinen lateinischen Hexametern (Eclogae) hat er Gedanken und Wendungen Theokrits mit Geschick und Geschmack wiedergegeben 52). Noch überraschender aber sind die lateinischen Nachbildungen des elegantesten Humanisten aus dem Zeitalter Leos X., Marcus Antonius Flaminius (ursprünglich Zarabini, geb. zu Serravalle nach anderen zu Imola im Kirchenstaate starb 1550), der z. B. Id. 12 teilweise, Id. 13 ganz in lateinische Verse gebracht hat 58). Halle 1855, 4 (erste Abt.). 1856, 4 (zweite Abt.). Das Verdienst der Redaktion dieses opus postumum hat Eckstein. Früher schrieb derselbe zu früh verstorbene Gelehrte quaestt. de Horatio Graecorum imitatore, diss. Hal. 1845. Über Catull als Nachahmer des Theokrit 8. v. Leutsch, Philologus X (1855) p. 737, meine Anm, zu Theokr. 11, 53 ed. mai: und Arg. Id. II p. 72.

50) Petrarcas Eclogen stehen z. B. zusammen mit denen von Boccacio, Naugerio u. 8. w. in den Sammelwerken Eclogae Vergilii, Calphurnii, Nemesiani, Francisci Petrarcae cet. Florentiae 1504, 8 apud Iuntam. Bucolicorum autores XXXVIII, quotquot videlicet a Vergilii aetate ad nostra usque tempora eo poematis genere usos sedulo inquirentes nancisci in praesentia licuit. "Basileae ex off. Jo. Oporini 1546, 8. 51) Über die Ausgaben dieses seltenen Buches 8. Ahrens I p.

LXVIII flg. und meine Schrift zu Theokrit u. Virgil p. 28. 52) Das Gedicht Arcadia erschien zuerst Venedig 1502,

4, dann Neapel 1504, 4 u. öfter. Unter anderen steht es auch in dem Buche Le tre Arcadie, ovvero accademie pastorali di Messer Jacopo Sanazzaro (sic), del Canonico Benedettò Menzini, del Signor Abate Michel Giuseppe Morei. Venezia 1746, 8. Die in lateinischen Hexametern verfassten Eclogen stehen in Sannazarii opera omnia, Lugd. Bat. 1569, 12 und 1687, 12, in dem delectus poetarum Ital. Francof. 1608, tom. 2. Einzelausgabe San. ecl. quinque, Bas. 1546, 8. Proben seiner Nachahmungen von Theokrit s. zu Theokrit . Virgil p. 29 Ag.

53) Die lateinischen Dichtungen des M, A. Flaminius sind jetzt zuVon englischen Dichtern genüge es hier, auf Milton und Pope hinzuweisen, die in vielen Versen zeigen, wie vertraut sie mit Theokrit waren 54).

Blicken wir auf die deutsche Litteratur, so hat Theokrit seit Opitz55) vielfach Einfluss geübt, am meisten auf Gessner und Hebel. Ja, am lautesten hat wohl unter allen Dichtern Salomo Gessner (geb. in Zürich 1730, starb daselbst 1787) seine Begeisterung für Theokrit in der Vorrede zu seinen Idyllen (Zürich 1756, 8 und öfter) ausgesprochen 56), die ihren Platz stets in der Geschichte der deutschen Poesie behaupten werden. Schon Herder 57), um die oberflächlichen Schriftsteller aus unseren Tagen nicht zu erwähnen, urteilte mit der ihm eigenen schneidenden Schärfe zu hart über diese lieblichen Dichtungen. Es ist überhaupt schwer, Vergleichungen zwischen Dichtern anzustellen und beweisen zu wollen, der sei grösser als jener. So ist es auch

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gänglicher durch die Ausgabe M. A. Flaminius und seine Freunde von C. B. Schlüter, Mainz 1847, 8. Vgl. Ebert, allg. bibl. Lex. I p. 275 n. 3544. Brunet, manuel du' libraire II p. 286. Übersetzungen &. in meiner gr. Ausg. des Th. I p. 378. II p. i.

54) Siehe Anm, zu Id. 9, 33 (Pope, past. III p. 37). 1, 66 [Milton, Lycidas, in Dryden misc. poems I p. 163 ed. London 1716). 8, 41 [Pope, Past. I).

56) Man vergleiche namentlich Martin Opitz's Gedicht ,,Schäfferey von der Nimfen Hercinie" p. 248 in der Ausg. Amsterdam 1645, kl. 8 (Martini Opitii weltliche poemata, Tl. 2), oder p. 192 flg. „Galathea". Die spanische und die italiänische Schäferpoesie von Tasso's Aminta und Quarini's pastor fido an kommt hier eben so wenig in Betracht, als die spätere der Franzosen, wenn auch noch Marie Antoinette in einem Schäferstücke auftrat, ein natürlich sehr weiss gewaschenes Schaf am rotseidenen Bande führend.

56) Ich habe, sagt er, den Theokrit immer für das beste Muster in dieser Art Gedichte gehalten. Bei ihm findet man die Einfalt der Sitten und der Empfindungen am besten ausgedrückt, und das Ländliche und die schönste Einfalt der Natur; er ist mit dieser bis auf die kleinsten Umstände bekannt gewesen. Wir sehen in seinen Idyllen mehr als Rosen and Lilien. Seine Gemälde kommen nicht aus einer Einbildungskraft, die nur die bekanntesten und auch dem Unachtsamen in die Augen fallenden Gegenstände häuft; sie haben die angenehme Einfalt der Natur, nach der sie allemal gezeichnet zu sein scheinen. Seinen Hirten hat er den höchsten Grad der Naivetät gegeben; sie reden Empfindungen, 80 wie sie ihnen ihr unverdorbenes Herz in den Mund legt, und aller Schmuck der Poesie ist aus ihren Geschäften und aus der ungekünstelten Natur hergenommen. Sie sind weit von dem epigrammatischen Witz entfernt und von der schulgerechten Ordnung. Er hat die schwere Kunst gewusst, die angenehme Nachlässigkeit in ihre Gesänge zu_bringen, welche die Poesie in ihrer ersten Kindheit muss gebabt haben. Er wusste ihren Liedern die sanfte Miene der Unschuld zu geben, die sie baben müssen, wenn die einfältigen Empfindungen eines unverdorbenen Herzens eine Phantasie befeuern, die nur mit den angenehmsten Bildern aus der Natur angefüllt ist u. 8. W.

57) Herder, über die neuere deutsche Litteratur. Erste Sammlung von Fragmenten. 1767, 8. „Theokrit und Gessner.“

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mit Theokrit und Gessner. Beide hatten ganz verschiedene Zwecke bei ihren Dichtungen, und deshalb mussten dieselben ganz verschiedene Gestalt gewinnen. Gessner wollte beides aus dem Spruche des Horaz: et prodesse volunt et delectare poetae. Er wollte eine patriarchalische, goldene Zeit schildern, deren Bilder dem Herzen wohlthun, das Gefühl für die Natur und ihre Schönheit erwecken, den Willen zum Guten stärken sollten. Er wollte Gemälde von stiller Ruhe und sanftem, ungestörtem Glücke geben, welches die Frömmigkeit und die Tugend im Schosse der Natur findet, zufrieden im engsten Kreise der nächsten Umgebungen mit dem Wenigen, was not ist zum Leben. Und das ist ihm gelungen wie keinem nach ihm. Anders verhält es sich mit Theokrit. Dieser hatte, wie wir schon oben sagten, nicht den Zweck moralischer Besserung, sondern wollte nur Gemälde aus dem Hirtenleben geben, wie es war, weil es Reiz hatte in seiner Wirklichkeit. Er zeichnet die Hirten als Menschen mit ihren menschlichen Leidenschaften, aber nicht als moralisch unschuldige Kinder der Natur. So ist es bemerkenswert, dass in seinen bukolischen 58) Gedichten lauter männliche Gestalten auftreten, dagegen in Gessners Idyllen auch weibliche. Wahr ist es allerdings, was Herder hervorhebt, bei Gessner finden wir menschliche Wesen, welche singen, küssen, trinken, Gärten pflanzen, sich beschäftigen; bei Theokrit menschliche Charaktere, welche nicht sich beschäftigen, sondern handeln: bei Gessner immer denselben Schäfer, nur in anderen Situationen; bei Theokrit Mannigfaltigkeit der Empfindungen, Wechsel der Leidenschaften. Geben wir dies gern zu, so bleibt doch der Lorbeer auf des ehrwürdigen Schweizers Haupte unverrückt: moralisch müssen wir ihn über Theokrit stellen; als Dichter ihn ehren wegen der Tiefe seines Gefühls, der Erhabenheit und der Zartheit seiner Gedanken, der Anmut der Darstellung, des Wohllautes seiner Sprache. Nennen wir ihn immerhin den Dichter des idealisierten Naturlebens und preisen den glücklich, der noch die geistige Unschuld hat, sich daran zu laben. Ja, kehrt die Zeit wieder, wo die, welche Gebildete sein wollen, die Alten wieder lesen mit der Absicht, in welcher sie Melanchthon las, nämlich um sich zu bessern und ihren Geschmack zu veredeln und sie wird wieder kommen – so wird der klassische Wert der jetzt bespottelten Dichtungen auch wieder anerkannt werden und das Entzücken sich erneuern, mit welchem die Väter unserer Väter sprachen: Ja, Gessners Idyllen sind doch schön.

Aber einen zweiten, noch frischeren Kranz, nicht ohne Rosen und Veilchen, für Joh. P. Hebel! Dieser (geb. in Basel 1760, starb in Schwetzingen 1826), der selbst am Lyceum zu Karlsruhe

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58) Ich betone bukolisch. Denn Idylle 2, dieses weibliche Seitenstück zu Idylle 1, wie Kreussler sehr fein sagt, ist mimisch.

den Theokrit erklärte, hat Theokrit das abgelauscht, wodurch die ländliche Dichtung zur volkstümlichen wird, die Sprache. Die Sprache seiner Heimat im Schwarzwalde, der allemannische Dialekt mit seinen gemütvollen Eigentümlichkeiten und seinem melodischen Klange, den Hebel für seine Dichtungen (allem. Lieder, zuerst herausgegeben Karlsruhe 1803) benutzte, wirkt auf den Leser, wie der Dorismus Theokrits auf dessen Zeitgenossen. Auch dies, dass Hebel in gebundener Rede, nicht in Prosa schrieb, ist ein Vorzug vor Gessner. Denn so bekommt der Gedanke seinen festen Rahmen, das Bild haftet in der Seele, dessen Gedanke, in Prosa ausgedrückt, vom Winde verweht wird. Die interessantesten Parallelen bietet der Dialog die Feldhüter, verglichen mit Theokr. Id. 8. Hier, wie dort, ist ein Wechselgesang. Aber wer singt? Nicht Damon oder Lamon oder sonst ein nebelhafter Jüngling Gessners, sondern Fritz und Heinerle, zwei stramme Burschen, die wir schon längst gesehen zu haben meinen. Denn fassen wir den Inhalt ins Auge, so treten wir wieder, wie bei Theokrit, in eine reale Welt voll lebendiger glaubhafter Wesen, die, wie sie der unbefangenen Beobachtung des wirklichen Lebens ihren Ursprung verdanken, so auch das Gepräge der Wahrheit an sich tragen. Aber Hebel übertrifft seinen griechischen Vorgänger. Denn er wandelt auf christlichem Boden, er verschont uns mit Panen, Dryaden u. dgl. Wir atmen bei ihm die reine Gottesluft der Berge, welche die Brust leicht, die Seele hell macht und heiligen, reinen Sinn erweckt und belebt. Denn eine wahre christliche Frömmigkeit, eine feste Zuversicht und stille Freude in Gott, eine frohe Aussicht auf eine bessere Welt, das ist es, was uns ihn lieb und wert macht. „Dort (auf der Milchstrasse)

isch’s viel schöner einst als an der Limath G'stad. Als deutsche Idyllendichter bezeichnet man gemeinlich auch Goethe wegen Hermann und Dorothea und Voss wegen Luise. Über diese werden wir weiter unten sprechen 59).

Schon oben wurde bemerkt, dass die Zeit, in welcher Theokrit lebte, sich vorzüglich in dem Studium und der Nachahmung des Homer gefiel. Als Erzeugnisse dieser Zeitrichtung haben wir die epischen Gedichte Theokrits zu betrachten, zu deren Betrachtung wir uns jetzt wenden. Wir können mit grosser Wahrscheinlichkeit vermuten, dass dieselben, wenigstens zum grossen Teil, in den jüngeren Jahren Theokrits entstanden sind (vgl. Id. 7, 47). Die fünfundzwanzigste Idylle, welche wir für echt erklären (s. Einl. dazu), verrät trotz mancher Schönheit in einzelnen Partieen deutlich das Streben, den Homer in Kleinigkeiten, in der Anwendung des Hiatus, Dehnung kurzer Silben u. s. w., nachzuahmen. Mehr

59) Vgl. C. v. Langsdorft, die Idyllendichtung der Deutschen im goldnen Zeitalter der deutschen Litteratur. Heidelberg 1861, 8 p. 42 flg. Freiheit finden wir schon in der vierundzwanzigsten, noch mehr in der dreizehnten Idylle. Nachahmung der alten epischen Hymnen sind Id. 22 und 26 59). Den wenigsten dichterischen Wert haben Id. 16 und 17, die Loblieder auf Hiero und Ptolemäus, von denen nicht in Abrede gestellt werden kann, dass langweilige Partieen darin vorkommen. Was den Dialekt anbelangt, so finden wir hier die alte epische Ausdrucksweise vorherrschend, jedoch mit dorischen Formen, durch welche der Vers feierliche Würde erhalten sollte, durchzogen. Auch in diesen epischen Gedichten verrät sich aber das eigentliche Wesen Theokrits, seine Vorliebe für die Natur und ihre Schönheiten, ja, eine solche Verwandtschaft mit den bukolischen Gedichten zeigt sich in Id. 13. 24. 25, dafs wir sagen können: sie schildern die Vorzeit der heroischen Welt in ihrem Still-Leben. Wegen dieser Schilderungen des häuslichen Lebens, namentlich in Id. 24, vergleicht man mit diesen epischen Gedichten Hermann und Dorothea von Goethe und Luise von Voss besser, als mit den bukolischen Gedichten. Bei Goethe ist freilich der Einfluss Theokrits nicht sichtbar, eher kann man das von Voss sagen.

Einen höheren Schwung als die Enkomien auf Ptolemäus und Hiero haben die lyrischen Gedichte Theokrits, die zwar kurz, aber reich an poetischen Schönheiten sind. Zu ihnen gehört die achtzehnte Idylle, das Brautlied der Helena. Dies ist in Hexametern und zwar deshalb im dorischen Dialekte geschrieben, weil es von spartanischen Jungfrauen gesungen wird. Die zwölfte Idylle, erotischer Art, ist ebenfalls in Hexametern, aber im ionischen Dialekte abgefasst, dessen Weichheit 'den Gefühlen entspricht, welche diese Dichtung atmet. Mutmafslich ist sie ein Werk der Jugendzeit, in welcher der Dichter sich in dieser und jener Form versuchte. Dieselbe Vermutung trifft die neunundzwanzigste und dreissigste Idylle, zwei Liebeslieder im Tone der äolischen Poesie des Alcäus. Von Goethe haben wir das Schweizerlied: Uf'm Bergli bin i gesässe, ha de Vögle zugeschaut; hänt gesunge, hänt gesprunge, hänts Nästli gebaut. Wie hier Goethe den Schweizerdialekt, so ahmt in ähnlicher Weise Theokrit in jenen Gedichten den äolischen Dialekt nach und bedient sich in Id. 29 eines daktylischen Versmasses, welches Alcäus und Sappho oft anwendeten. Folgendes ist die Form desselben:

Jo-vul- vul- vul-uy. In gleichem Versmafse schrieb Alcäus; Aristoph. Vesp. 1234 ed. Meineke:

άνθρωφ, ούτος ο μαιόμενος το μέγα κράτος,

αντρέψεις έτι ταν πόλιν. α δ' έχεται βοπάς. 59a) [Über die Nachahmung Homers bei Theokrit überhaupt vgl. Stanger, Blätter f. d. bayer. Gymnasialschulwesen, 3 p. 201 flg. Futh, de Theocriti studiis Homericis. Diss. Halis 1876.]

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