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Die Namen der Musen und übrigen Gottheiten waren dem Gebildeten damals nur Schemen und allegorische Figuren. Eben so wenig aber konnte in der Zeit der Ptolemäer das Herz so warm für das Vaterland schlagen, wie damals, als Aeschylos den Sieg der Griechen über die Perser verherrlichte. So entfremdete sich die Poesie immer mehr dem Leben. Nun war aber in Alexandrien unter den Ptolemäern eine Stubengelehrsamkeit entstanden, welche die Meistersänger des alten Hellenentums, vor allen Homer, studierte, ihn als Quelle und Mittelpunkt der Poesie betrachtete und sich in seiner Nachahmung gefiel; freilich nur in äusserer Nachahmung. Der Genius war gewichen. Kunst oder Künstelei trat an die Stelle der Natur. Durch Prunk mit Gelehrsamkeit suchte man den Mangel an Ideen zu verdecken und es entstanden langweilige Gedichte, wie z. B. die Argonautica des Apollonius Rhodius. Siehe da! Was mühsam angeeignete Büchergelehrsamkeit nicht bieten konnte, das fand Theokrits scharfes, klares Auge noch im Volke, im Leben der Hirten, eine Ader der Poesie mit dem reinsten Metall. Man denke ferner an die bürgerlichen und Kriegs-Unruhen, denen Sicilien vor dem Beginn des ersten punischen Krieges ausgesetzt war, beachte die Sehnsucht nach dem Frieden, welche Id. 16, 82 fig. ausgesprochen ist, und glücklich erscheint da der Hirt in seinen einsamen Bergen, wo nicht die Waffen erklirren mit eisernem Klang, wo nicht der Wahn und der Hass die Herzen verwirren. Hierzu kommt endlich der natürliche Kontrast zwischen Stadt und Land 25), der sich um so nachdrücklicher dem Gefühl aufdrängt, je höher oder verfeinerter die Kultur des Städters ist. Der Geschäftsmann unter seinen Sorgen und Mühen, um von dem Hofmann gar nicht zu reden, preist den Landbewohner glücklich in seinem dolce far niente.

Beatus ille qui procul negotiis,

Ut prisca gens mortalium,
Paterna rura bobus exercet suis

Solutus omni fenore,
Neque excitatur classico miles truci

Neque horret iratum mare,
Forumque vitat et superba civium

Potentiorum limina. In diesen Versen des Horaz (Epod. 2) liegen die Motive des ländlichen Gedichtes.

Tityre, tu patulae recubans sub tegmine fagi ist nicht zufällig der erste Vers in Virgils Eclogen. Vgl. Theokr. 7, 69. 7, 88. 7, 133. So war es denn ein glücklicher Griff, den

25) Bernhardy in der gr. Litteraturgeschichte behauptet mit Unrecht, Theokrit kenne diesen Kontrast nicht. Aber er ist die Grundlage der ganzen siebenten Idylle (vgl. 7, 2 ¿x tóllos). Siehe auch Id. 16, 84 (αστυ) 95 (ποιμένας κτλ.). Iliad. 4, 455 των δέ τε τηλόσε δούπον εν ούρεσιν έκλυε ποιμήν.

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Theokrit that, als er dieses frische Leben des Landvolkes zum Gegenstande seiner Dichtungen machte; und diese Naturpoesie wurde von den Zeitgenossen mit Freude begrüsst, weil sie die Gefühle des Dichters teilten, weil ein Interesse für dieses Naturleben vorhanden war, ungefähr wie bei unseren Zeitgenossen ein Interesse für die Dorfgeschichten oder die Volkslieder. Wir sind berechtigt, ihn den Erfinder des bukolischen Gedichtes zu nennen, wenn auch Aelian Var. Hist. 10, 18 den Beginn der bukolischen Poesie schon bei Stesichorus, welcher den Tod des Daphnis besang, finden will, ja wir, noch weiter zurückgehend, sagen können, dass die ersten Keime bei Homer liegen. Oder wer dächte nicht sofort an das neunte Buch der Odyssee, an die Herden des Polyphem und seine völlig eingerichtete Milchwirtschaft? Oder wem schwebte nicht die Episode des sechsten Buches der Odyssee vor, wo Nausikaa Wäsche hält und dann mit ihren Jungfrauen am Meergestade Ball spielt? Theokrit aber hat das Verdienst, dass er die bukolische Poesie als solche zuerst in die Litteratur einführte. [Über eine erotische Hirtengeschichte in einem Dithyrambus des Lykophronides, bei Athen. 15 p. 670 E, vgl. Rohde, der griech. Roman p. 113 und 506.]

Theokrits bukolische Gedichte können wir also als Mimen bezeichnen, die entweder als Monologe (Id. 3, Id. 11), oder als Dialoge (Id. 1, 4 u. s. w.) in sich abgeschlossene Scenen des ländlichen Lebens in poetischer Form darstellen, damit der Leser sich an ihnen ergötze 26). Theokrit will nicht das Leben der Hirten oder das Landleben überhaupt beschreiben??), wie etwa Kleist im Frühlinge oder Thomson in den Seasons, was zuletzt ermüdend wird, sondern er will uns an der Hand der Poesie das Thun und Treiben der Hirten oder Schnitter (Id. 10) zeigen wie es ist, weil es schon in sich selbst einen Reiz hat. So fesselt das Auge ein Bild, dem man ansieht, dass es eine schöne Natur getreu wiedergibt. Fern von süsslicher Empfindsamkeit und Schwärmerei für idealisiertes Naturleben, aber ebenso fern von moralischen Zwecken2), lässt er die dorischen

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26) Aut prodesse volunt aut delectare poetae Hor. Art., poet, 333. Freilich Aristophanes Ran. 1008 fragt τίνος oύνεκα χρή θαυμάζειν άνδρα ποιητήν; und giebt die Antwort: δεξιότητος και νουθεσίας, ότι βελτίους τε ποιούμεν τους ανθρώπους εν ταις πόλεσιν

27) Ganz falsch schreibt Georg Weber, Lehrb. der Weltgesch. 13. Aufl . 1868, p. 269: „In der idyllischen Dichtung wird der plastische

J Charakter der älteren Poesie durch eine ins Breite gehende malerische (malende ?) Schilderung verdrängt.“

28) Moralische Tendenzen den bukolischen Gedichten unterzuschieben, sind wir durch nichts berechtigt. Siebe meine gr. Ausg. II p. 112-113. Nicht bloss der Vf. der Arethusa p. 39 ist dazu geneigt, sondern noch Rosenkranz (die Poesie und ihre Geschichte, Königsb. 1855 p. 207) findet darin „moralische Allgemeinheiten, welche z. B. die Vor

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Hirten Siciliens und Unteritaliens, treu ihrer Nationalität in ihrer Lebensweise, in ihren Beschäftigungen, mitten in ihrer Herde, vor uns auftreten, giebt er uns nicht hohle Phantasiegebilde, sondern Personen mit Fleisch und Blut in wahren, dann und wann sogar derben Zügen, damit es uns zu Mute sei, als wären wir wirklich mitten unter ihnen, als sähen wir sie sich mit ihren Ziegen oder Kälbern herumjagen (Id. 4, 44 flg.), als hörten wir sie mit einander plaudern, als hörten wir ihre gegenseitigen Sticheleien und ihr Gezänk (Id. 5, 5 flg.), als hörten wir, wie sie sich zum Wettgesange auffordern, als rasteten wir in der Mittagsglut mit ihnen im Schatten am kühlen Quelle und lauschten dem Liede eines Thyrsis. Nicht um Ideale ist es dem Dichter zu thun, sondern um plastisch ausgeprägte Gestalten der Wirklichkeit, welche um ihrer selbst willen gefallen sollen. Selbst die Namen der Personen sind daher zum grossen Teile sinnreich gewählt und ihrem Stande, Verhältnissen, Charakteren entsprechend, z. B. Aiyov = Capella, „Zieger“, „Geiser“ (Id. 4, 2 (vgl. Anm.]), Πολυβώτας Tolvbáras = „Bullreich“ (Id. "10, 15), 'Intotíáv = „Rössler“ (Id. 10, 16 (vgl. Anm. und Anhang]), Máxov (von laxéw, inxéw, λάσκω) = ,,Schreier“ (Id. 5, 2 (vgl. Anm.]), oder dem bekannten Hirtenmythus entnommen, z. B. Daphnis, Menalkas (Id. 8), Komatas (Id. 5). Der Schäferhund Id. 8, 65 heisst tounovoos, die Ziege Id. 1, 151 Kiosaita, das Schaf 5, 102 Kuvaisa, der Widder ebendaselbst Kávaços, ein anderer Widder Id. 5, 103 Φάλαρος.

Betrachten wir nun die hauptsächlichsten Mittel, durch welche dies dem Dichter gelang, so ist es zunächst die Form des Gespräches, welche uns von selbst in die Scene der Handlung (Id. 1, 7 Anm.) versetzt und mit dem Wesen der Personen bekannt macht. Dann aber ist es, abgesehen von dem Inhalte der Gespräche, welche die Hirten charakterisieren, vorzüglich der Inhalt

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teile des Fleisses und der Genügsamkeit oder die Nachteile der Liebe und des Ehrgeizes schildern“. Dies lässt sich mit nichts beweisen. Darin aber hat der Vf. der Arethusa Recht, dass er p. 43 fig. behauptet, die Satire liege dieser Poesie nicht allzu fern. Anflüge von Satire sind Id. 4, 21 ilg. 7, 47 unverkennbar. Eine andere Frage ist die über die Allegorie. Von den zwei mimischen Stücken Id. 15 und 14 ist es klar, dass sie Tendenzstücke sind. Das kann man auch von Id. 11 sagen. Vgl. 11, 72 Anm. [Fritzsche meinte, die Worte seien „eine Anspielung auf Nicias, der gleich dem Cyklopen den Liebesgedanken nachhing, statt sich um seine Heilkunst zu bekümmern“.] Dass Lycidas in der 7. Idylle eine historische Person ist, welche nur unter anderem Namen auftritt, liegt anch am Tage. Allein man muss sich hüten, dass man nicht zu weit geht. Wo nicht handgreifliche Winke da sind, muss die nüchterne Exegese sich der Annahme von Allegorieen widersetzen. Sie widerstreben im allgemeinen der Naturwüchsigkeit der Theokritischen Dichtung. Anders verhält es sich mit Virgil, dessen bukolische Poesie mit Recht allegorisch genannt worden ist.

der Lieder, welche der Dichter sie singen lässt. Sie entsprechen der Beschäftigung, der Stimmung, dem Alter der vorgeführten Personen. Was z. B. die Hirtenknaben Id. 8 singen, was der verliebte Hirt Id. 3, das klingt so einfach und natürlich, dass man glauben kann, die nächsten Umgebungen, die ganze Örtlichkeit, hätte den Sängern nichts passenderes eingeben können. Zum Teil sind jene Lieder auf volkstümliche Gesänge basiert.

Das Lied von den Leiden des Daphnis, welches Thyrsis in der ersten Idylle singt, ist sicher seinem Stoffe nach dem Munde des Volkes entnommen (vgl. Id. 7, 73 ff.), nur darf man sich nicht mit Greverus 29) und anderen einbilden, dass darin die unveränderte Probe eines alten Hirtenliedes gegeben sei, wie Theokrit es im Munde sicilianischer Hirten gefunden. Richtiger sagen wir mit dem Verfasser der Arethusa pag. 8, dass Theokrit ein altes Lied vor Augen gehabt habe, wie man in neueren Zeiten alte Balladen nachgeahmt hat. Eine ähnliche Hinweisung auf Volkslieder finden wir Id. 7, 78 ff. Das Schnitterlied Id. 10, 42 fig. enthält Sprüchlein, die, wenn auch nicht durchweg in den Worten, doch im Grundgedanken sich an volkstümliche Regeln anschliessen.

Der Vers, dessen sich Theokrit in diesen Idyllen bedient, ist der heroische Hexameter. Nur Idylle 8, 33 flg. finden wir einmal das elegische Distichon (s. die Anmerk. zu dieser Stelle). Dieses Metrum war durch Homer bei den Griechen populär geworden, während der deutsche Hexameter es nie dahin bringen wird und unsere Dichter klüger thun, wenn sie dem echten deutschen Reimvers sein gutes altes Recht lassen; ja manche Wendungen volkstümlicher Ausdrücke liessen sich in den Hexameter leicht oder ohne grosse Änderungen einfügen %). Der Verfasser des Abschnittes περί της ευρέσεως των βουκολικών (s. meine gr. Ausg. p. 6) hat uns einige sogen. priapeische Verse aufbewahrt, welche die Hirten, wenn sie bettelnd herumzogen, sangen. ganz in das Ohr fallendes Metrum ist hier dieses:

Ihr

Δέξαι ταν αγαθαν τυχαν,

δέξαι ταν υγίειαν
αν φέρομεν παρά τας θεού,

αν εκαλέσσατο τήνα.

29) Zur Würdigung, Erklärung und Kritik der Idyllen Theokrits. Von J. P. E. Greverus. Oldenburg 1850, 8. Die angegebene Ansicht steht dort p. 26.

30) Dies gilt namentlich auch von Sprichwörtern (8. Anm. zu Id. 10, 11), welche oft gerade die zweite Hälfte des Hexameters füllen, und von Ausdrücken wie Id. 2, 86 déx' õuata xai děxa vớxtas.

Wer die zwei letzten Verse von diesen vier Zeilen in einer Zeile beisammen sieht, wird ohne Anstand lesen, als wäre es ein Hexameter:

αν φέρομεν παρά τας θεού, αν εκαλέσσατο τήνα. Aus dieser Andeutung möge geschlossen werden, wie leicht sich der Hexameter Theokrits an die vorhandenen Verse de Volksliedes anschliessen konnte. Noch deutlicher geht dies aber aus der häufigen Anwendung einer Cäsur am Schluss des vierten Dactylus hervor, welche bei Theokrit so oft vorkommt, dass die Grammatiker sie deshalb die bukolische Cäsur genannt haben, obgleich schon Homer sie oft hat 31). Nehmen wir z. B. die Verse aus Id. 9, 7-8, so können wir die Hexameter so schreiben, dass aus einem Hexameter zwei Verse entstehen, deren letzterer, kürzerer, wie das Echo des ersteren klingt:

αδυ μέν α μόσχος γαρύεται,

αδυ δε χα βώς
αδυ δε χα σύριγξ, χω βουκόλος,

αδύ” δε καχώ. Schreiben wir diese Verse in der Weise, wie es hier eben geschehen ist, so erhalten wir dactylische Rhythmen, welche noch in der Litteratur der Alten nachweisbar sind. So sagt z. B. Alkman bei Athen. XI p. 499, A tom. II. p. 412 Meinek.:

τυρόν έτύρησας μέγαν άτρυφον
αργιoφόντα 318).

(). Nicht sehr verschieden davon sind die Rhythmen, welche wir bei Horaz finden, Od. 1, 4:

Solvitur acris hiems grata vice

Veris et Favoni. Vgl. Od. 1, 7 u. Epod. 12, 2. Weiteres über die Anwendung dieser bukolischen Cäsur siehe Anmerk. zu 1, 64. 1, 101 und 25, 125. In der Regel hat Theokrit vor dieser bukolischen Cäsur im vierten Fusse des Hexameter einen Dactylus, wodurch der Vers etwas ausserordentlich leichtes erhält. Allein der Spondeus ist an dieser Versstelle nicht ausgeschlossen, wie Id. 1, 6 lehrt 32). Bei Virgil findet sich der Spondeus vor dieser bukolischen Cäsur sehr häufig, weil im Lateinischen die Anwendung des Dactylus vor derselben

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31) vgl. Odyss. 1, 1 άνδρα μοι έννεπε, Μούσα, πολύτροπον δς ucla rodá. Bekker Monatsber. der Akad. der Wiss. Berl. 1859 p. 266 flg. [Homer. Bl. 1 p. 144 fig.] Wagner, lectt. Verg. im Philolog, Supplementbd. 1859 p. 319 flg. Bukolisch ist diese Cäsur, gleichviel ob im vierten Fusse ein Dactylus oder Spondeus steht, z. B. Odyss. 11, 30.

31 a) [Die Lesart ist hier völlig unsicher.]

32) Dort baben die Codd. roñs. Es war blofs metrische Grille, wenn man dafür e conj. Heinsii xpéas schrieb. (Vgl. Anhang zu 1, 6. Anm. zu 8, 13.]

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