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WENN in Asklepios Dienst, des ernsteren Gottes, mein Tagwerk

Heilig vollendet nun ist, flüchť ich zum Tempel Apolls;
Und ein Flehender knie' an den Stufen des Opferaltars ich
Dort, und mit betendem Mund ruf' ich zum schauenden Gott:
«Du, den Asklepios Vater begrüfst, du Pythonbezwinger,

Hauche mir Kraft und Trost mild in die bangende Brust,
Löse das Räthsel der Sphinx mir auf, das Geheimnifs des Schmerzes,
Der, ein unsterblicher Geist, zieht durch der Menschen Geschlecht;
Bade das Auge mir hell, um zu schaun in das Dunkel des Leidens,
Lafs aus meinem Gemüth nimmer die Jugend entfliehn. "
Huldvoll winkt mir der Gott, und reicht mir die göttliche Lyra,
Welche den Völkern stets Weisheit und Freude getönt;
Und ich verstehe den Wink, berühre die schlafenden Saiten,
Weck' in ihnen den Geist alter entschlummerter Zeit.
Und die Lyra durch weht, wie des Äolus Harfe, vom Lufthauch
Tönt mit echotischem Klang ihrer Entflohenen Lied;
Oder die bebende klinget vom Lie d, das dem Busen entquillet,
So wie des eigenen Tags Leiden und Lust mir es schenkt.

Fromm in die sühnende Gluth des Gesangs taucht betend der Geist sich,
Und aus dem flammenden Schoofs kehrt er gereinigt, verjüngt;
Gern ach! wendet er dann gelockt vom rührenden Heimweh,
Sich zur Kindheit zurück und zu dem heimischen Land,

Wo er jetzt nur ein Gast mit dem Lied euch, Freunde der Kindheit,
Grüfsend besuchet und fleht: Freundlich des Fernen gedenkt!

“...

EINE trene an ihre Vorbilder genau sich anschliefsende und dennoch dem Gemius der deutschen Sprache nicht fremde Uebersetzung der elegischen Dichter der Roemer, ist der Wunsch aller derjenigen, welche den bedeutenden Einfluss dieser in der letzten Zeit so glücklich gelungnen Uebertragungen auf die Bildung unsrer Literatur bemerkt und gebilligt haben. Mehr der Neigung gehorchend, als die Kræfte prüfend, habe ich in den Stunden der Musse versucht, die ræmische Elegie in germanischen Klængen wiedertonen zu lassen. Tibullus einfacher Gesang zog mich zuerst an. Seine Lieder beginnen auch die Reihe, in welcher bald der bacchantisch begeisterte Catull, der ernstere Gallus, der in Romas blühender Pracht und Fülle schwelgende Properz, uud der von üppiger Sinnlichkeit entflammte Ovid erscheinen sollen.

Selbst kein Philolog, habe ich den Text nach den besten 'Autoritäten unverändert abdrucken lassen, und habe mir nur da die eigenmachtige Wahl zwischen mehreren Lesarten angemafst, wo das Bedürfnifs des dichterischen Sinnes mich dazu berechtigte. Viele werden mich strenge tadeln, weil ich Scaligers Zusammenstellungen, und nicht lieber den Heynischen Restitutionen gefolgt bin. Ich kann nicht umhin zu gestehen, dafs so willkührlich auch Scaligers Veränderungen seyn mogen, und so gerecht auch Heynes Tadel sie treffe, dennoch in den meisten nach seiner Abtheilung geordneten Elegien ein poeti

scher Geist herrscht, welcher dem der ursprünglichen Anordnung sehr nahe zu kommen scheint, und welchen mehrere Freunde des Dichters in den Heynischen Wiederherstellungen vermissen. Auch hat ein grofser Philolog kürzlich bewiesen, dafs einem neuen Herausgeber Tibulls noch unendlich viel zu thun übrig bleibe, dafs Scaligers Unrecht bloss darin bestehe, zu weit gegangen zu seyn, dafs man mit Grund viele Zweifel gegen Heynes Anordnung erheben konne, und dafs die Aufgabe der Zusammensetzung der Elegien noch gar nicht gelæst sey. Vielleicht wird der grofse Kenner des Alterthums, dessen Lyra uns bald das Lied so vieler alten Sænger, Heroen der Vorwelt, mit germanischer Treue echotisch wiedersang, der bald das Leben des Deutschen im eignen Liede idyllisch feierte, der selbst jetzt noch unermüdet auf der nie alternden Lyra, dem Germanen, den sein Gesang schon so oft nach Hellas und Italia geführt, Romas Elegie singt; vielleicht wird der Sænger der Luise, von sinniger, klarer Inspiration geführt, den Sænger des Alterthums mit befreundete m Sinne leicht errathen und ihn von den Verunstaltungen befreien, womit die Hand so vieler Barbaren gegen die schoenen Bildungen unsers Dichters so freigebig war. Einem solchen Barden kommt es am meisten zu, den Dichter als Gastfreund im fremden Lande zu empfangen, ihn von dem entstellenden Staube der Wandrung zu reinigen, und den herrlichen Fremdling in seiner angebohrnen Pracht dem staunenden Volke zu zeigen,

ALBIUS TIBULLUS LEBEN.

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ALBIUS Tibullus war in einem Momente gebohren, wo der schwindende Schatten der Republick mit der wachsenden Willkühr Einzelner, welche die Volker zur Alleinherrschaft reif machte, ohnmachtig kæmpfte; ein Augenblick, wo jeder edle Roemer auf die Vergangenheit trauervoll hinblickte und von keinem Geiste einer würdigern Zukunft zu freyem Dulden und muthigem Handeln gemahnt wurde; ein Augenbliek, wo nothwendig die Elegie in der Geschichte eines jeden Volks gebohren oder gebildet werden muss.

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Das Jahr der Geburt unsers Dichters ist nicht genau anzu geben. Es scheint zwischen die Jahre 690 und 705 zu fallen. Eben so schwierig ist es, den Ort seiner Geburt zu bestimmen. Vermuthlich war Rom seine Wiege. Wenige Jahre vor ihm war der Freund seines Lebens, M. Valerius Messala Corvinus, gebohren.

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* In dem Jahre wo die Consulen Hirtius und Pansa fielen, wurden Properz und Ovid gebohren. - Catull war nach dem Jahre 705, gestorben, und so hatte die Zeit die elegischen Dichter nicht ohne symbolische Bedeutung beynahe zusammen hervorgerufen.

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