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Abfassungszeit. Der angeredete Serenus ist Annaeus Serenus, der unter Nero an Gift starb (wohl bald nach 62, Friedländer zu Martial. 7, 45, 2), vgl. Plin. n. h. 22, 96. Die Schrift wird in den Anfang der neronischen Regierung fallen. Jonas, De ordine lib. Sen. philos., Berl. 1870, p. 43; Gercke 1. c. p. 295; vgl. auch unten § 460.

456. Ueber den Zorn (Ad Novatum de ira 1. III). Die auf Verlangen seines Bruders Novatus, des späteren Gallio, abgefasste Schrift über den Zorn besteht aus drei Büchern. Der Autor beginnt mit einer lebendigen Schilderung des äusseren Zustands eines Zornigen und der unheilvollen Folgen des Zorns. Leider folgt jetzt eine Lücke, in welcher die verschiedenen Definitionen des Zorns kritisiert waren. Manches Ausgefallene hat uns die verwandte Schrift des Lactantius „Ueber den Zorn Gottes" (c. 17; s. § 758) aufbewahrt. Die Untersuchung führt dann den Satz aus, dass der Zorn nur den Menschen, nicht den Tieren eigentümlich sei, und berührt kurz die verschiedenen Spielarten des Zorns. Damit ist die Betrachtung des Wesens des Zorns erschöpft.1) Es fragt sich nun, ob derselbe der Natur gemäss und ob er nützlich und teilweise aufrecht zu erhalten sei. Diese Fragen werden verneint und denselben gegenüber betont, dass die ratio, nicht die ira den Menschen beherrschen müsse. Nachdem im ersten Buch allgemeine Fragen berührt waren, nimmt das zweite speziellere (exiliora) in Angriff. So wird zuerst gezeigt, dass der Zorn, wenn auch die erste Regung unwillkürlich erfolgt, nicht ohne Teilnahme des Geistes sein Wesen entfaltet; 2) dann wird der Unterschied des Zorns und der Grausamkeit dargelegt. Im sechsten Kapitel taucht die auch im ersten Buch (c. 14) gestreifte Frage auf, ob die Tugend durch schlechte Dinge sich in Zorn bringen lassen soll; hier wird sie eingehender besprochen. Auch die unmittelbar sich anschliessende Partie greift wieder Probleme des ersten Buchs auf, das Problem der Nützlichkeit oder Schädlichkeit, der Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit des Zorns (c. 7; c. 11). Mit dem 18. Kapitel schreitet der Autor zu dem praktischen Teil, bei dem es sich darum handelt, dass wir nicht in Zorn fallen, dann dass wir unseren Zorn zu bezähmen wissen. Es muss daher dargelegt werden, was den Zorn hervorruft, um die Heilmittel gegen denselben angeben zu können, die Erziehung kann hier das Meiste thun. Allein auch im reiferen Lebensalter können wir durch Beobachtung einer Reihe von Vorschriften den Zorn verhüten. Gegen den Schluss des Buchs fällt Seneca wieder in theoretische Betrachtungen über das Wesen des Zorns zurück, indem er selbstgemachte Einwürfe zurückweist. Man sollte nun meinen, dass im dritten Buch der zweite Teil der Ankündigung durchgeführt und gelehrt würde, wie wir den Zorn bezähmen können; denn die im letzten Kapitel hingeworfene Vorschrift, dass der Zornige gut daran thue, sich im Spiegel zu schauen, kann doch nicht als eine genügende Lösung dieser Frage betrachtet werden. Allein das dritte Buch tritt nach einer allgemeinen Betrachtung über den Zorn an den praktischen Teil von neuem heran und gliedert ihn jetzt abweichend von dem zweiten Buch dreiteilig, indem als weiterer Gesichtspunkt erscheint, wie wir den

1) Vgl. den c. 5 markierten Einschnitt. 2) 2, 3, 4 neque enim fieri potest, ut de

ultione et poena agatur animo nesciente. Nach c. 4 ist wieder eine grössere Lücke.

fremden Zorn heilen können. Es ist sonach klar, dass das vorliegende Werk von Seneca nicht zu einer völligen Einheitlichkeit ausgestaltet wurde; das dritte Buch steht nur in einem losen Zusammenhang zu den zwei vorausgegangenen. Ja das dritte Buch bietet selbst wiederum einen Anstoss dar, da auch hier die vorgelegte Disposition nicht strenge eingehalten wird; denn der zweite Teil ist nirgends markiert, der letzte Teil wird kurz am Schluss durchgeführt, wenn nicht mit Lipsius eine Lücke vor dem 41. Kapitel anzunehmen ist.1) Die Beispiele treten in dem letzten Buch stark hervor.

Ueber den Charakter des dritten Buchs handelt eingehend Pfennig, De librorum quos scripsit Seneca de ira compositione et origine, Greifswald 1887. Das Buch wiederholt, abgesehen davon, dass es eine neue Disposition aufstellt, auch viele Gedanken aus den zwei vorausgegangenen Büchern. Vgl. die Zusammenstellung p. 32. Zur Erklärung dieser eigentümlichen Erscheinungen stellt Pfennig (p. 34) die Hypothese auf, dass das dritte Buch ursprünglich selbständig war; diese Selbständigkeit sei vielleicht dadurch entstanden, dass Seneca das Werk für Recitationen abgefasst habe, und zwar für zwei Recitationen, für eine längere, für welche die zwei ersten Bücher, für eine kürzere, für welche das dritte Buch bestimmt war, bei der Herausgabe habe Seneca die beiden Fassungen miteinander verbunden. Diese Hypothese ist nicht wahrscheinlich, zumal sie ohne Annahme einer wenn auch kleinen Redaktion nicht auskommt, denn 3, 3, 1 ut in prioribus libris dixi und 3, 4, 1 quem in prioribus libris descripsimus müssten dann spätere Zusätze sein.

Ueber die Quellen handelt Allers, De L. A. Senecae librorum de ira fontibus, Göttingen 1881. An griechischen Werken über die Affekte (nɛgi nav) und an solchen speziell über den Zorn (лɛo̟ì óo̟yǹs) fehlte es nicht. So hatte der Lehrer Senecas, Sotion, noi doyns geschrieben; vgl. Diels, Doxogr. gr., p. 256. Auch von Philodemus gab es eine Abhandlung über den gleichen Gegenstand, welche aus den Trümmern von Herculanum hervorgezogen wurde (Ausg. von Gomperz, Leipz. 1864). Mehrheit der Quellen statuiert Allers, nimmt aber (p. 43) besondere Benutzung des Chrysippus an, wie aus Cic. (Tusc. disp. 4, 41) und Galen (5 p. 388 Kühn) erhelle. Ueber die Benutzung der Schrift Sotions vgl. Buresch, Leipz. Stud. 9 (1886) p. 128.

Abfassungszeit. Nach Lipsius sind die Bücher de ira unter der Regierung Caligulas, nach Lehmann unter Claudius im J. 49 (Claudius und Nero 1, Gotha 1858, p. 11, anders früher Philol. 8 (1853) p. 316) abgefasst. Sicher ist, dass das Werk nach Caligulas Tod fällt, wie 1, 20, 9; 3, 18, 3 und besonders 3, 19, 1 zeigen. (Die rhetorischen Praesentia 3, 19, 3 können keine Gegeninstanz bilden.) Da vom Exil keine Rede ist (und Novatus noch nicht adoptiert ist), wird die Schrift bald nach Caligulas Tod entstanden sein (Jonas p. 29). Gercke, Fleckeis. Jahrb. Supplementbd. 22 (1896) p. 285; 287.

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457. Trostschrift an Marcia (Ad Marciam de consolatione). Es ist eine berühmte Frau, der diese Trostschrift gewidmet ist, Marcia, die Tochter des Geschichtschreibers A. Cremutius Cordus (§ 440, 1). Derselbe hatte ein Geschichtswerk geschrieben, in dem Brutus und Cassius lobend erwähnt waren. Unter Tiberius wurde ihm daher der Prozess gemacht, er setzte infolgedessen seinem Leben selbst ein Ziel, und seine Schriften wurden von den Aedilen verbrannt. Allein durch die Bemühungen seiner Tochter entgingen doch Exemplare dem Untergang (1, 3), und Caligula erlaubte am Anfang seiner Regierung die Publikation. Dieser Marcia war ein Sohn, Metilius, in jungen Jahren durch den Tod entrissen worden, nachdem er es bis zur Priesterwürde gebracht hatte (24, 3). Schon vorher hatte sie den Gatten verloren. Drei Jahre nach dem Hingang des Sohnes erhielt sie von dem Philosophen die Trostschrift. Den Eingang nimmt der Schriftsteller davon her, dass er Marcia an ihre Seelenstärke, die sie bei dem widrigen Geschick ihres Vaters gezeigt, erinnert, das verschiedene

1) Pfennig p. 30.

Verhalten bei Todesfällen durch zwei Beispiele aus dem Kaiserhause illustriert und eine Anrede des Philosophen Areus an die Livia einschaltet. Dann geht er zu seinen Trostgründen über. Das Trauern hilft nichts, einen mässigen Schmerz kann man sich eine Zeit lang gefallen lassen, ein fortdauernder, unmässiger ist gegen die Natur. Wir denken zu wenig daran, dass das Leid, das wir täglich vor unseren Augen sehen, auch uns nicht erspart bleiben kann. Die äusseren Güter besitzen wir nur leihweise. Alle Menschen werden geboren, um zu sterben. Hat das uns entrissene Kind uns noch keine Freuden gemacht, so vermissen wir es weniger; haben wir aber Freude von ihm geerntet, so sollen wir für das Empfangene dankbar sein. Dem Einwurf, dass die Freude länger hätte sein sollen, wird damit begegnet, dass die kurzwährende doch noch immer besser sei als gar keine. Das Unglück, das Marcia betroffen, ist auch anderen hochstehenden Leuten, Männern wie Frauen, widerfahren. Sie möge bedenken, dass ihr das Geschick immer noch genug übrig gelassen habe, zwei Töchter und Enkelkinder, darunter zwei Töchter des Verstorbenen. Marcia musste wissen, dass sie einen Sterblichen geboren. Der, welcher ins Leben eintritt, verpflichtet sich, sowohl dessen Freuden als dessen Leiden hinzunehmen, dies müssen sich die Eltern bezüglich der Kinder fortwährend vor Augen halten. Auch das ist zu bedenken, dass der Tod das Ende aller Widerwärtigkeiten herbeiführt, und manchem grossen Mann wäre ein früher Tod ein Segen gewesen. Auch bei dem Frühverstorbenen ist anzunehmen, dass er sein Lebensgeschick erfüllt hat, und man muss erwägen, aus wie vielen Gefahren des Lebens oft ein früher Hingang befreit. Der Vater der Marcia ist ja ein leuchtendes Beispiel, welches Unheil auf das menschliche Dasein einstürmen könne. Das Ausgereifte, auch wenn es in jungen Jahren erscheint, verlangt das Ende; Metilius hat, wenn man seine Tugenden betrachtet, lang genug gelebt. Sein Leib zerfällt, sein Geist aber gehört jetzt dem Kreise an, in dem die Scipionen und die Catonen und der Vater der Marcia verweilen. Mit einer beruhigenden Anrede, welche der Philosoph Cremutius Cordus an Marcia halten lässt, schliesst die Trostschrift, welche eindringlich und lebhaft geschrieben ist, in Bezug auf logische Gliederung und Stichhaltigkeit der Trostgründe aber manches zu wünschen übrig lässt.

Ueber die Quellen der Seneca'schen Consolationes im allgemeinen vgl. Allers, De Sen. librorum de ira font. p. 5; Dartigue-Peyrou, Quae sit apud Sen. consolationum disciplina vis ratioque, Paris 1897, p. 11.

Die Mängel der Schrift sind genau dargelegt von Schinnerer, Ueber Senecas Schrift an Marcia, Hof 1889, p. 14. Ueber das cap. 18 vgl. A. Uhl, Quaest. crit. in Sen. dial., Strassb. 1899, p. 26.

Die Abfassungszeit lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Lipsius ist der Meinung, dass die Schrift nach dem Exil geschrieben sei, ebenso H. C. Michaelis in seiner Ausg., Harlem 1841; Schinnerer (p. 11) sucht wahrscheinlich zu machen, dass sie aus der Zeit vor der Verbannung (Ende der Regierung des Caligula) stammt, ebenso Lehmann, Claudius p. 9 (41 n. Chr.); Heidbreede (De Senecae consolatione ad Marciam, Bielef. 1839) meint (p. 11), sie könne auch während des Exils geschrieben sein; Jonas (p. 37) bestreitet nur die Abfassung in der Zeit des Exils; abgesehen davon lässt er unentschieden, ob sie kurz vor dem Exil oder kurz nach demselben abgefasst sei. Am wahrscheinlichsten ist die Entstehung vor dem Exil. Buresch, Consolationum a Graecis Romanisque scriptarum hist. crit. (Leipz. Stud. 9 (1886) p. 113) setzt sie in das J. 40 oder Anfang 41. Vgl. auch Gercke 1. c. p. 284.

458. Ueber das glückliche Leben (Ad Gallionem de vita beata). Diese Abhandlung ist wie die Bücher de ira für den Bruder Senecas Novatus geschrieben, doch führt derselbe hier den Namen Gallio, so dass also die Schrift nach der Adoption desselben anzusetzen ist. Das Ende der Schrift ging verloren. Um die vorliegende Frage nach dem glücklichen Leben zu lösen, musste der Philosoph auf zwei Dinge sein Augenmerk richten, auf das, was das Leben glücklich macht, und auf die Mittel und Wege, welche uns zu dem glücklichen Leben führen. Das glückliche Leben bestimmt sich nicht nach dem Urteil der Menge, sondern nach dem Urteil der Weisen. Im allgemeinen kann dasselbe definirt werden als ein Leben, welches der Natur entspricht. Allein es sind noch andere Definitionen möglich, welche dieselbe Sache uns stets in einer neuen Beleuchtung erscheinen lassen. Das Wesentliche ist, dass das Glück des Lebens in der Ausübung der Tugend besteht. Dieser Gesichtspunkt führt auf eine Polemik gegen die voluptas in der Form, dass verschiedene Einwürfe eines fingierten Gegners zurückgewiesen werden. Nachdem der Begriff des glücklichen Lebens festgestellt und gegen abweichende Ansichten geschützt ist, erwartet man, dass dargelegt wird, wie man zu dem glücklichen Leben gelange. Es wird auch in der That (c. 16) die Frage aufgeworfen, was die virtus von uns wolle. Allein die Frage wird mit einer sehr vagen Antwort abgethan; die Untersuchung richtet sich jetzt vielmehr auf die Anfeindung der Philosophie, welche sich darauf gründet, dass Worte und Thaten der Philosophen nicht im Einklang stehen; besonders der Gesichtspunkt ist stark hervorgekehrt, dass der Philosoph die Verachtung des Reichtums predigt und dabei im Besitz von Reichtümern ist. Man gewinnt den Eindruck, dass sich Seneca selbst gegen Angriffe seiner Gegner verteidigt.

Abfassungszeit. Jonas (p. 42) will aus der Stelle 17, 1 lacrimas audita coniugis aut amici morte demittis? verglichen mit epist. 63, 14 haec tibi scribo is, qui Annaeum Serenum, carissimum mihi, tam inmodice flevi, ut, quod minime velim, inter exempla sim eorum, quos dolor vicit schliessen, dass Seneca den Tod des Serenus im Auge habe, der unter Nero (wohl bald nach 62, vgl. § 455 p. 292) erfolgte, und dass demnach der Dialog nach der Schrift de otio, also nach 62, geschrieben sei (p. 45). Allein diese Beziehung ist ganz unsicher, der Dialog ist als eine Rechtfertigungsschrift mit der Anklage des Suillius im J. 58 in Verbindung zu bringen und in dieses Jahr zu setzen. Richtig daher Schultess, De L. Ann. Sen. quaest. nat. et epist., Bonn 1872, p. 47: scriptus est cum Seneca imperatoris gratia etiamtum valeret, ante secessum illum a. 62 factum, post illa a Suillio a. 58 iactata crimina.“ Vgl. Gercke 1. c. p. 299.

Litteratur. Chr. F. Schulze, Proleg. in Sen. librum de vita beata, Leipz. 1797. Die persönlichen Beziehungen der Schrift sind besonders von Gercke (1. c.) erörtert.

459. Ueber die Musse (Ad Serenum de otio). Der Eingang wie der Schluss der Schrift ist verloren. Aber die Disposition hat sich erhalten, so dass wir über die Grundideen nicht im Unklaren sein können. Zwei Thesen sollen erwiesen werden: 1) dass es gestattet ist, sich von Anfang an ganz der Spekulation zu widmen; 2) dass man dies auch erst im Alter thun könne, nachdem man sich längere Zeit im geschäftlichen Leben bewegt habe. Die erste Behauptung wird durch den Satz erwiesen, dass das höchste Gut ist, der Natur gemäss zu leben. Nun aber ist klar, dass die Natur uns nicht bloss für das Handeln, sondern auch für die Spekulation bestimmt hat; denn der Forschungstrieb ist allen Menschen

eingepflanzt; schon durch den Bau unseres Körpers werden wir auf die Erkenntnis des Universums hingewiesen. Indem wir aber der Natur folgen und uns in die Betrachtung des Seienden versenken, handeln wir zugleich; denn mit der Spekulation ist auch Aktion verbunden; den Forscher wird es drängen, das Erforschte ins Leben einzuführen. Allein auch wenn der Weise ganz in sein Studium aufgeht, so nützt er oft mehr durch dasselbe, als andere durch die glorreichsten Handlungen; auch das Auffinden neuer Wahrheiten ist ein Handeln. Uebrigens sind die politischen Verhältnisse in der Regel derart, dass man dem Philosophen nicht verübeln kann, wenn er sich in sein otium zurückzieht.

Unvollständigkeit der Schrift. In der handschriftlichen Ueberlieferung ist die Monographie de otio mit der vorausgehenden de vita beata zusammengeflossen. Muretus erkannte dies zuerst und Lipsius nahm dementsprechend die Scheidung der zwei Abhandlungen vor. Diese wird bestätigt durch den Index des Ambrosianus, der auf die Schrift de vita beata den Traktat ad Serenum (diese Worte sind ausradiert) de otio folgen lässt. Durch den Ausfall der zwei äusseren Blätter eines Quaternio ging das Ende des Traktates de vita beata und der Anfang des Traktates de otio und das Ende dieser Schrift verloren (Gertz, Ausg. p. 263).

Abfassungszeit. Die Monographie passt am besten in die Zeit, in der sich Seneca vom Hofe und von den Staatsgeschäften zurückgezogen hatte, sie wird also nach 62 geschrieben sein. Man kann sie als eine Rechtfertigung Senecas gegen den Vorwurf, dass er durch das Aufgeben seiner staatsmännischen Laufbahn den Lehren der Stoa ungetreu werde" (Lehmann, Claudius p. 15) betrachten. Vgl. Gercke 1. c. p. 317.

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460. Ueber die Ruhe der Seele (Ad Serenum de tranquillitate animi). Die Abhandlung steht durch die Art der Einkleidung singulär da;1) es wird nämlich im Anfang Serenus redend eingeführt, indem er seine Seelenverfassung darlegt. Ihm antwortet Seneca. Zuerst wird der Zustand, welcher der Seelenruhe entgegengesetzt ist, geschildert; derselbe gipfelt in der Unzufriedenheit mit sich selbst, in dem sibi displicere. Dann setzt er auseinander, in welcher Weise man zu dem inneren Gleichgewicht, zum Frieden der Seele gelangen kann. Der Philosoph empfiehlt gewissenhafte Prüfung der eigenen Kräfte und der Aufgaben, an deren Lösung man herantreten will, endlich Vorsicht in der Wahl unseres näheren Umgangs. Da das Streben nach materiellem Besitz viel Unruhe in unserem Innern erzeugt, predigt er Genügsamkeit. Weiterhin mahnt er jeden, sich mit seiner Lebenslage ruhig abzufinden und stets auf alles, was das Schicksal bringt, gefasst zu sein, alles Ueberflüssige und das geschäftige Nichtsthun zu vermeiden, die richtige Mitte zwischen Eigensinn und Leichtfertigkeit einzuhalten, sich durch die Thorheit der Menschen und durch das traurige Ende berühmter Männer nicht ausser Fassung bringen zu lassen, nicht allzu ängstlich sich zu geben und zwischen Arbeit und Erholung abzuwechseln.

Dies ist der wesentliche Inhalt der Schrift. Die Gedanken sind in anmutiger, gemeinverständlicher Form gegeben.

Gegenstand der Schrift. 2, 3 quod desideras magnum et summum est deoque vicinum, non concuti. Hanc stabilem animi sedem Graeci euthymian vocant, de qua Democriti volumen egregium est; ego tranquillitatem voco. Aus dieser Stelle schliesst Hirzel (Hermes 14 (1879) p. 354), dass der Titel der Schrift nicht de tranquillitate animi, wie die Ueberlieferung darbietet, sondern bloss de tranquillitate war (vgl. noch 17, 12). 2, 4 quaerimus, quomodo animus semper aequali secundoque cursu eat propitiusque

1) Ueber die dialogische Form vgl. Hirzel, Der Dialog 2, Leipz. 1895, p. 28 Anm. 1.

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