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glücklichen Unternehmen gegen die Ordoviker und mit der Besetzung der Insel Mona. Hatte dies schon sein Ansehen sehr gehoben, so kam noch weiter hinzu eine sehr umsichtige und gewissenhafte Verwaltung. Auch die folgenden Jahre seiner Statthalterschaft zeigen überall den siegreichen Feldherrn,1) den trefflichen Verwaltungsbeamten, den klugen Menschenkenner, den edlen Mann. Ein merkwürdiges Abenteuer einer Cohorte der Usipier, welche desertierte, endet die Schilderungen und gewährt gewissermassen dem Leser einen Ruhepunkt. Es folgt die Erzählung der ruhmvollsten That Agricolas, der siegreichen Schlacht am Graupiusberge. Diese Partie der Schrift wird besonders durch die eingestreuten Reden der beiden Führer, des Calgacus und des Agricola, glänzend gestaltet. Mit diesem Ereignis schliesst die Statthalterschaft ab. Der Biograph wendet sich nun zum letzten Abschnitt im Leben seines Helden, das dieser in stiller Zurückgezogenheit in Rom verbrachte (84-93). Der Schwerpunkt dieser Schilderung liegt in dem Verhalten, das Agricola dem grausamen Herrscher gegenüber beobachtete. Es war das der vorsichtigen Zurückhaltung. Offenbar erfuhr dieselbe späterhin Tadel; der Historiker unterlässt es daher nicht, eine politische Maxime einzustreuen. Er sagt, dass auch unter schlechten Fürsten die Existenz grosser Männer möglich sei, und dass Loyalität und Zurückhaltung, mit kräftiger Thätigkeit vereint, Anrecht auf denselben Ruhm geben, den viele geerntet haben, welche in trotziger Verblendung ohne jedweden Nutzen für das Vaterland den Tod gesucht, nur um ihrem Ehrgeize zu fröhnen (c. 42). Es kommt der ergreifende Bericht von dem Ende Agricolas, der sich zuletzt zu einer warmen, feierlichen Apostrophe an den Verstorbenen erhebt.

Der Titel der Schrift lautet in A: Cornelii Taciti de vita et moribus Julii Agricolae; in B: Cai (vgl. § 427) Corneli Taciti de vita et moribus Julii Agricolae. Für den Titel vgl. Corn. Nep. Cato 5 huius de vita et moribus plura in eo libro persecuti sumus, quem separatim de eo fecimus.

Abfassungszeit. Zwei Stellen kommen in Betracht: c. 3 quamquam primo statim beatissimi saeculi ortu Nerva Caesar res olim dissociabiles miscuerit, principatum ac libertatem, augeatque quotidie felicitatem temporum Nerva Traianus; c. 44 non licuit (ei) durare in hanc beatissimi saeculi lucem ac principem Traianum videre. So lange Nerva lebte, wäre es ungeschickt gewesen, von Traian zu schreiben, wie es im letzten Satz geschehen. Auch konnte Traian vor dem Tode Nervas (27. Jan. 98) nicht princeps genannt werden. (Nissen, Tac. Agric. p. 14; Wex, Ausg. p. 145; Mommsen, Hermes 3 (1869) p. 106 Anm. 4.) Dass Nerva an der ersten Stelle nicht divus genannt wird, ist von keinem Belang. Dass der Agricola vor die Germania fällt, ergibt sich aus dem Prooemium.

Die Ueberlieferung beruht auf zwei ganz jungen codices, dem Vaticanus 3429 (A), der im 15. Jahrh. von der Hand des Pomponius Laetus geschrieben wurde, und dem Vaticanus 4498 s. XV (B), der zugleich den Dialogus (hier genannt), die Germania und Suet. de gramm. enthält. Die erste Handschrift ist die vorzüglichere Quelle; über die Randnoten derselben vgl. K. Schenkl, Zeitschr. für österr. Gymn. 12 (1861) p. 421; Joh. Müller, Ueber den Wert der Randbemerkungen im Codex r des taciteischen Agricola und der Noten des Fulvius Ursinus, Innsbr. 1863. In der Capitularbibliothek von Toledo befindet sich eine Handschrift s. XV, welche die Germania, den Agricola und einige Pliniusbriefe enthält; vgl. R. Wuensch, Hermes 32 (1897) p. 59 Anm. 1; Furneaux, An unknown ms. of the Agr. of Tac. (Class. Review 13 (1898) 7 p. 368; 9 p. 465); The Toledo ms. of the Agr. (ebenda 14 (1899) 5 p. 274). Ueber den Wert der Handschriften vgl. Wex, Proleg. zur Ausg.

1) Eine Streitfrage ist hierbei, ob Agricola Irland betreten habe oder nicht. Vgl. Pfitzner, Ist Irland jemals von einem römischen Heere betreten worden (c. 24), Neustrelitz 1893; Fleckeis. Jahrb. 153 (1896)

p. 560; A. Gudeman, Proceedings of the American Philol. Assoc. 29 (1898) p. XXXVI; Class. Review 14 (1900) p. 51; dagegen Haverfield, Class. Rev. 13 (1899) p. 302; 14 (1900) p. 53.

p. 5; Kämmerer, De indole ac pretio cod. mss. Tac. Agr. et edit. vet. ad Lipsium usque, Breslau 1842.

Spezialausg. des Agricola. Editio princeps von F. Puteolanus, hinter seinen Paneg. lat., Mailand (wahrscheinlich 1476); cum comment. Boxhornii, Leyden 1642, Amsterdam 1664; cum notis Bosii, Jena 1656; rec., annotat. illustr. Dronke, Fulda 1844; with crit. and philol. remarks partly collected by C. H. Barker, London 1824; rec. U. J. H. Becker, Hamb. 1826; rec. P. Hofmann-Peerlkamp, Leyden2 1864; Urschr., Uebers., Anm. und eine Abh. über die Kunstform der antiken Biogr. (p. XXXIII), durch G. L. Walch, Berl. 1828; m. Erl. u. Exk. v. C. L. Roth, Nürnberg 1833; recogn. Fr. Ritter, Bonn3 1852; mit ausführl. Proleg. und ausführl. Commentar von Wex, Braunschweig 1852; vgl. dazu L. Spengel, Münchner gel. Anz. 1853 nr. 25; recogn. et perpet. annot. illustr. Fr. Kritz, Berl. 1874; vgl. dazu Karlowa, Bem. zu der Kritz'schen Ausg. des Tac. Agr., Pless 1886; K. L. Urlichs, Würzb. 1875 (Facsimile von A und Varianten von B auf der einen Seite, die scriptura emendata auf der anderen); brevi annot. explic. Fr. Dübner, Paris 1878; rec. J. J. Cornelissen, Leyden 1881 (zahlreiche Conjecturen); A. E. Schöne, Berl. Stud. 10 (1889) H. 1 (mit willkürlicher Kritik); — erkl. von C. Peter, Jena 1876; J. Prammer, Wien 1880; Knaut, Gotha 1889; Tücking, Paderborn3 1890; A. Dräger, Leipz. 1891; bearb. und erl. von Fr. Seiler (mit der Germania), Bielefeld 1896; Némethy, Budapest 1899. Französische Ausg. von J. Gantrelle, Gand 1875; E. Jacob, Paris 1895; engl. Ausg. von Furneaux, Oxford 1898; A. Gudeman, Boston 1899 (mit ausführl. Proleg.); ital. von Decia, Turin 1886; Ercole, Florenz 1898.

Uebers. des Agricola von L. Döderlein, Aarau 1817 (nebst Rechtfertigungen); Artzt, Meissen 1820; mit Erl. von H. W. F. Klein, München 1825; W. Bötticher, Berl. 1830; mit Commentar von D. A. F. Nissen, hsg. von F. Lübker, Hamb. 1847; A. Bacmeister, Stuttg. 1872; mit der Germania von C. H. Krauss, Stuttg. (Metzler) 1883; Fr. Seiler (mit der Germania), Leipz. 1897.

431. Charakteristik. Jede Betrachtung der Schrift hat davon auszugehen, dass sie eine Lobschrift sein soll. Damit ist uns auch der Massstab für die Würdigung der Arbeit gegeben. Dem Schriftsteller lag keine leichte Aufgabe vor; Agricola gehörte nicht zu den durch eine ungewöhnliche Geistesgrösse emporragenden Männern seiner Zeit, auch durch Charakterstärke leuchtete er nicht hervor, im Gegenteil, er wusste sich ganz gut zu den verschiedenen Regierungen zu stellen, selbst den Grausamkeiten Domitians entging er durch seine Klugheit. Ist es schon an und für sich schwierig, einen solchen Helden zu feiern, so war dies für Tacitus noch mehr erschwert, weil zur Zeit, als er mit seiner Monographie hervortrat, eine sehr feindselige Stimmung gegen Domitian und alle, welche unter ihm wirkten, herrschte. Wollte der Autor daher seiner Schrift eine günstige Aufnahme bei dem Publikum sichern, so konnte er keinen Kampf mit der öffentlichen Meinung in dieser Beziehung aufnehmen. Seine Lobschrift durfte nicht die Form einer offenen Rechtfertigungsschrift erhalten, höchstens eine leise Andeutung konnte er sich gestatten, wie dies in der That in der berühmten Stelle (c. 42) geschehen ist. Im Gegenteil, er musste sogar dieser Stimmung des Publikums entgegenkommen und auch den Agricola als einen Mann darzustellen versuchen, welcher von Domitian manche Unbill zu ertragen hatte und nur durch seine weise Zurückhaltung grösseren Gefahren entging. Besonders die thatenlose Zeit Agricolas nach der britannischen Verwaltung eignete sich, diesen Gesichtspunkt hervorzukehren. Die Schwierigkeit, welche die lobende Partie machte, wurde von Tacitus dadurch umgangen, dass er rasch über die Zeiten, in denen von seinem Helden wenig oder nichts zu berichten war, hinwegeilte und alles auf einen Wurf setzte, auf die Schilderung der Statthalterschaft in Britannien; hier lag ja die einzige Lichtseite im Leben Agricolas. Um das Interesse der Leser für diesen Abschnitt und damit für das ganze Werk besonders

zu wecken, verliess er den Rahmen der Biographie und leitete die Erzählung ins Historische über; es treten uns daher auch Einwirkungen der sallustischen Monographien entgegen.1) Er schickte der Erzählung von den Thaten des Agricola eine Geographie und Ethnographie Britanniens, wie einen Abriss der römischen Expeditionen in jenes Land, voraus. Weiter liess er vor der Entscheidungsschlacht die sich gegenüberstehenden Feldherren Reden halten, durch welche die folgende Darstellung einen bedeutenden Hintergrund erhielt. Auf diese Weise empfangen wir den Eindruck, als ob sich ein wichtiges Stück der Zeitgeschichte vor unseren Augen abspielte. Zugleich tritt der Träger der Handlung, Agricola, dadurch in ein helles Licht. Aber des Autors Mittel sind noch nicht erschöpft; er weiss die Spannung des Lesers aufrecht zu erhalten, ja noch zu steigern; er bewirkt dies durch die ergreifende Apostrophe an Agricola. Unsere Blicke werden auf die andere Welt gelenkt. Nicht Klagen verlangt der Verstorbene, sondern Nacheiferung in seinen Tugenden; nicht seine körperliche Hülle, sondern seinen Geist sollen sich die Ueberlebenden stets vergegenwärtigen; denn jene ist hinfällig, dieser ist ewig. Alles, was an Agricola bewunderns- und liebenswert war, wird in den Herzen der Menschen ewig fortleben, und, während viele Vorfahren schon der Vergessenheit anheimgefallen sind, werden von Agricola noch die spätesten Zeiten sprechen. Der Biograph redet in so eindringlicher Weise, dass wir in tiefer Rührung von ihm scheiden.

Die Komposition und die Tendenz des Agricola ist in der neueren Zeit Gegenstand vieler Abhandlungen geworden. Vier Grundanschauungen sind dabei hervorgetreten:

a) Der Agricola vertritt die Stelle einer laudatio funebris, er ist eine in buchmässiger Form publizierte laudatio funebris. Diese Ansicht hat E. Hübner (Hermes 1 (1866) p. 438) aufgestellt, vor ihm hatte den Gedanken schon angeregt A. Mohr, Bem. zu und über Tac. Agr., Meiningen 1823, p. IV. Freilich muss Hübner zugeben, dass manches, wie die Beschreibung von Britannien und die Erzählung von den früheren Expeditionen dahin, die eingelegten Reden des Calgacus und des Agricola, ja selbst der Bericht über Agricolas britannische Verwaltung dem Charakter der Rede geradezu widerstreitet oder über die derselben gesteckten Grenzen hinausgeht; diese Schwierigkeiten sucht der Urheber der Hypothese durch den Satz zu heben (p. 442): „Das rhetorische Kunstwerk wird durch diese Erweiterung über seine Sphäre hinaus und in die des historischen Kunstwerks gehoben." Mit diesem Satz ist aber der Hypothese ihr Todesurteil gesprochen; denn ein Schriftstück, das in eine andere Sphäre gehoben wird, gehört eben dann auch dieser anderen Sphäre an. (Vgl. Eman. Hoffmann, Zeitschr. für österr. Gymn. 21 (1870) p. 250);

b) Der Agricola hat keinen einheitlichen Charakter, er ist Biographie und Geschichte zugleich (K. Hirzel, Ueber die Tendenz des Agricola von Tac., Tübingen 1871). Von diesem Satz ausgehend stellt Andresen (Festschr. des grauen Klosters, Berl. 1874, p. 302) die Hypothese auf, dass die Kapitel 10-38 einer von Tacitus verfassten Geschichte der Unterwerfung Britanniens angehören, dass diese Geschichte aber sich nach dem Tode Agricolas durch Hinzufügung der Kapitel 1-9 und 39-46 in das uns vorliegende Buch verwandelte, das von nun an zum Teil einen biographisch-nekrologischen Charakter trug. (Verwandt damit ist die Ansicht Niebuhrs, der in seinen Kl. Schr. 1 p. 331 eine doppelte Bearbeitung des Agricola statuiert.) Diese Ansicht lässt die Schriftstellerei des Tacitus in einem Licht erscheinen, wie sie niemals zu dem Bilde stimmt, das wir von Tacitus gewonnen haben, und rückt die Schrift aus dem Rahmen eines Kunstwerkes. (Vgl. A. Eussner, Fleckeis. Jahrb. 111 (1875) p. 350; Pauer, De rer. ab Agric. in Britannia gestarum narratione Tacit., Gött. 1881);

c) Die Schrift ist in der Form der Biographie wesentlich eine Apologie des Agricola, eine Ehrenrettung desselben. Sie sucht Agricola gegen den Vor

1) Vgl. unten § 439 Vorbilder.

wurf der Servilität in der Zeit Domitians zu verteidigen, mittelbar verteidigt der Biograph sich selbst, da er ja auch unter Domitian ausgezeichnet wurde, und sucht Traians Gunst zu gewinnen (Eman. Hoffmann, Zeitschr. für österr. Gymn. 21 (1870) p. 252). Mit Eman. Hoffmann berührt sich vielfach A. Stahr, Gesch. der Reg. des Tiberius p. 11-12; vgl. auch Pichlmayr, T. Flavius Domitianus, Erlangen 1889, p. 16 Anm. 7. Diese Ansicht übersieht den Charakter der Schrift als einer Lobschrift und macht einen Nebenumstand zur Hauptsache. (Dagegen K. Hirzel, Ueber die Tendenz des Agric.) Noch stärker wird diese politische Tendenz von Boissier, Gantrelle (Fleckeis. Jahrb. 115 (1877) p. 787; vgl. dazu noch Revue de l'instr. publ. en Belgique 21 (1878) p. 217) und Asbach in Raumers Hist. Taschenb. 6. F. 5. Jahrg. (1886) p. 69 und in Röm. Kaisert. und Verfass. p. 131 betont.

d) Die Schrift ist eine historische Lobschrift; so K. L. Urlichs, De vita et honoribus Taciti, p. 20 und p. 24. Als verwandte Bezeichnungen erscheinen noch: „Biographische Lobschrift von Artzt in seiner Uebersetzung, Meissen 1800; „Éloge historique" oder Historische Lobschrift von Gantrelle; Eulogistic biography" von Gudeman (Ausg. p. XIX), der seine Untersuchungen über den Charakter der Schrift in dem Satz zusammenfasst: the Agricola of Tacitus is exactly what its author says it was (c. 3 und 46) a eulogistic biography, constructed, as we have seen, on fairly orthodox rhetorical lines, more particularly in accord with the detailed rules governing the Saoilizo's loyos, preserved in Menanders negi έnıdɛızııxov, which, though of a late date, merely reflects orthodox, scholastic traditions. But these, in their substance, far antedate the time of Tacitus himself." Diese Ansicht ist offenbar die richtige. Ziel der Monographie ist die Verherrlichung Agricolas; dieses Ziel schliesst in sich das Verschweigen der Fehler und ihre Bemäntelung, also auch die politische Rechtfertigung. Dieser Grundcharakter der Schrift wird aber modifiziert durch den Studienkreis des Autors. Anders hätte ein Rhetor dieses Elogium geschrieben, anders ein Antiquar, anders ein Philosoph; wiederum anders hat es der Historiker abgefasst.

Eine meist nur referierende Zusammenstellung der über den Agricola vorgebrachten Ansichten findet sich bei Ulbrich, Der litterarische Streit über Tacitus' Agricola, Melker Programm vom J. 1884. Ergänzend dazu J. Golling, Zeitschr. für österr. Gymn. 37 (1886) p. 481. Wir verzeichnen noch folgende Abhandlungen: Junghans, Ueber Tac. Agricola, Lüneb. 1872; Jul. Jäger, Quae fides Tac. in Agric. habenda sit, exponitur deque consilio, quo liber ille conscriptus esse videatur, agitur, Gött. 1874; Güthling, De Corn. Tac. libr. min. I De Agric., Liegnitz 1878; Löwner, Der litterar. Charakter des Agric. von Tac., Eger 1884; Büsse, De Tac. Agric., Hildesheim 1886; P. Dietrich, Ueber die Tendenz des Tac. Agric., Stralsund 1887; C. Wunderer, Tac. nach seiner Biogr. des Agric., Blätter für das bayr. Gymnasialschulw. 1897 p. 221 (Biographie); J. Fischer, De Tac. in componenda Agric. vita consilio, Brilon 1898; A. Gudeman, The vita Agric. of Tacit. a biography (Proceedings of the American Philol. Association 28 (1897) p. XLVIII); W. H. Forbes. Subject matter of the Agric. and Germ. of Tac., London 1899.

432. Die Germania. Bald nach dem Agricola, in demselben Jahre 98, schrieb Tacitus eine ethnographische Monographie, die Germania. In einem allgemeinen Teil spricht er zuerst über die Grenzen des Landes, über die Abstammung des Volks, über das Klima, über die Produkte; dann wendet sich der Historiker zu den Bewohnern und beschreibt zuerst das öffentliche Leben; es sind interessante und für die Geschichte unserer Nation sehr wichtige Bilder, welche uns vorgelegt werden; da werden uns geschildert das Kriegswesen, die religiösen Gebräuche, die Staats- und Gerichtsverfassung, die Wehrhaftmachung und die Gefolgschaft. Es folgt die fesselnde Darstellung des Privatlebens der Germanen, wir werden unterrichtet über Wohnung, Kleidung, über das Familienleben, wie über Ehe, Kindererziehung, Erbrecht und Blutrache, Gastfreundschaft, Nahrung und Vergnügungen, dann über die sozialen Verhältnisse, über den Stand der Sklaven und Freigelassenen, über Volkswirtschaftliches wie Geld und Ackerbau. Den Schluss bildet die Leichenbestattung und der Totenkultus. Nachdem in dieser Weise Land und Leute besprochen sind, handelt der Schriftsteller in dem speziellen Teil über die einzelnen Völkerschaften. Auch hier ist sein Augenmerk auf hervorstechende Eigentümlichkeiten der ein

Handbuch der klass, Altertumswissenschaft. VIII, 2, 2. 2. Aufl.

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zelnen Stämme im Leben und in Sitten gerichtet.1) Zuerst nimmt er die Grenzvölker sowohl germanischen als nichtgermanischen Ursprungs vor, dann kommen die germanischen Völkerschaften im Westen Germaniens, weiterhin im Nordwesten an die Reihe. Damit ist die erste Völkertafel geschlossen, der Einschnitt wird durch eine allgemeine Betrachtung über die Kämpfe der Germanen mit den Römern in wirkungsvoller Weise markiert. Es folgen die Suebenvölker, zuerst die Stämme im Innern Germaniens bis zur Elbemündung und zur cimbrischen Halbinsel hinauf, dann die an der Donau hausenden, endlich die im Osten und an der See. Den Schluss der Monographie bilden die östlichen Grenzvölker und die märchenhaften Tiermenschen.

Der Titel der Schrift. Im Vaticanus 1862 (und 1518) lautet der Titel De origine et situ Germanorum (vgl. Sabbadini, Studi ital. di filol. class. 7 (1900) p. 99 f.), im Leidensis De origine, situ, moribus ac populis Germanorum. Als echten Titel betrachtet Reifferscheid (Symb. philol. Bonn., Leipz. 1863-67, p. 623), vom Vaticanus ausgehend: De situ Germaniae, Wölfflin (Hermes 11 (1876) p. 126), den codex Leidensis zu Grunde legend: De situ ac populis Germaniae; dagegen Reifferscheid, Ind. lect.. Breslau 1877/8, p. 9. Später kehrte Wölfflin (Rhein. Mus. 48 (1893) p. 312) zu dem Titel des cod. Leidensis zurück: „nach dem Anecdoton Holderi (ed. Usener, Wiesbaden 1877) S. 4 schrieb Cassiodor eine historia Gothica, originem eorum et loca moresque in zwölf Büchern, die uns nur in dem Auszuge des Jordanis erhalten ist. Offenbar ist loca nichts anderes als eine Verdeutlichung von situs und der Titel nach dem Muster der Germania des Tacitus formuliert. Dass Cassiodor diese Schrift gekannt, beweist er Var. 5, 2 durch seine Notiz über den Bernstein Germ. 45." Weyman (Deutsche Zeitschr. für Geschichtswissensch. 11 (1894) p. 152) vermutet, dass Lucan mit den Worten (10, 177) Phariae primordia gentis terrarumque situs volgique edissere mores | et ritus formasque deum auf Senecas Buch über Aegypten anspiele, welches ungenau bei Serv. zu Verg. Aen. 6, 154 (2 p. 33, 24 Thilo) de situ et sacris Aegyptiorum genannt werde, höchst wahrscheinlich aber einen viergliedrigen Titel aufgezeigt habe: de primordiis (origine?), situ, moribus et sacris Aegyptiorum, und dass sonach Tacitus für seinen viergliedrigen Titel einen Vorgänger in Seneca habe. Auch ich glaube, dass wir dem cod. Leidensis folgen müssen, zumal bei situs eine mittelalterliche Interpolation wohl ausgeschlossen ist; bezüglich des Ausdrucks vgl. annal. 4, 33 situs gentium. Ohne Grund vermutet Bergk (Zur Geschichte und Topographie der Rheinlande, Leipz. 1882, p. 40), dass der ursprüngliche Titel mit einem an eine bestimmte Persönlichkeit gerichteten Vorwort, in dem er sich über das Ziel seiner Abhandlung ausgesprochen, verloren ging; vgl. auch Asbach, Röm. Kaisert. und Verf. bis auf Traian, Köln 1896, p. 144.

Abfassungszeit. Um zu berechnen, wie viel Jahre seit dem ersten Cimberneinfall verflossen sind, nimmt Tacitus (c. 37) das zweite Konsulat Traians als Ausgangspunkt für die Gegenwart. Dieses fällt ins Jahr 98. In die ersten Monate des J. 98 setzt die Germania Asbach (1. c. p. 138), in das Ende des J. 98 Müllenhoff (Deutsche Altertumsk. 4. Bd. 1. H. p. 11). Es ist ungereimt, anzunehmen, dass Tacitus ein von der Gegenwart weiter zurückliegendes und seinen Lesern nicht mehr völlig vertrautes Ereignis als Ausgangspunkt seiner Berechnung genommen; vgl. Müllenhoff 1. c. p. 6.

Die Ueberlieferung der Germania hängt mit der des Dialogus zusammen; doch ist das Problem etwas verwickelter, da mehr Handschriften zu untersuchen sind. Einen falschen Weg nahm die Untersuchung der Ueberlieferung durch Holder (Ausg. 1878) und Bährens (Fleckeis. Jahrb. 121 (1880) p. 265), welche in dem Hummelianus (H) eine von dem Exemplar des Enoche unabhängige Quelle zu erblicken glaubten. Dieser Hummelianus ist jetzt verschollen, doch kann ein Bild desselben aus den Kollationen seines ehemaligen Besitzers Bernh. Friedr. Hummel, des Longolius und des Prof. Selling gewonnen werden. Allein auch dieser Codex stammte aus dem exemplar Enochianum und eine sogenannte germanische, d. h. direkt auf die deutsche Urschrift zurückgehende Ueberlieferung der Germania existiert also nicht. Vgl. Schefczik, De Corn. Tac. Germ. apparatu crit., Troppau 1886; H. Jordan, Quaest. crit., Ind. lect. Königsberg 1886, p. 9, und besonders die streng methodischen Ausführungen von R. Wuensch, De Tac. Germ. codicibus Germanicis, Marb. 1893. Die Bedeutungslosigkeit des Hummelianus hat übrigens bereits Nipper

1) Vgl. über diesen Teil Kettner, Die Komposition des ethnograph. Teils der Germ.

des Tac. (Zeitschr. für deutsche Philol. 19 (1887) p. 257).

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