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Nachdem ich in jener Laube zu Sesenheim meine Erzåhlung vollendet, in welcher das Gemeine mit dem Unmöglichen anmuthig genug wechselte, sah ich meine Hörerinnen, die sich schon bisher ganz eigen theilnehmend erwiesen hatten, von meiner seltsamen Darstellung auf's åußerste verzaubert. Sie baten mich inståndig, ihnen das Mährden aufzuschreiben, damit sie es öfters unter sich und vorlesend mit andern wiederholen könnten.

Ich versprach es um so lieber, als ich dadurd) einen Vor: wand zu Wiederholung des Besuchs und der Gelegenheit 311 nåherer Verbindung mir zu gewinnen hoffte. Die Gesellschaft trennte sich einen Augenblick und alle mochten fühlen, daß, nach einem so lebhaft vollbrachten Tag, der Abend einigermaßen matt werden könnte. Von dieser Sorge befreite mich mein Freund, der sich für uns die Erlaubniß erbat, sogleich Absdied nehmen zu dürfen, weil er, als ein fleißiger und in seinen Studien folgerechter akademischer Birger, diese Nacht in Drusenheim zuzubringen und morgen zeitig in Straßburg zu seyn wünsche.

Unser Nachtquartier erreichten wir beide schweigend; id), weil id, einen Widerhaken im Herzen fühlte der mid) zurüđzog, er, weil er etwas anderes im Sinne hatte, das er mir , als wir angelangt waren, sogleich mittheilte. – „Es ist doch wunderlich,“ fing er an, „daß du gerade auf dieses Mährchen verfallen bist. Hast du nicht bemerkt, daß es einen ganz besondern Eindruck machte?“ — „Freilich),“ versekte ich darauf; „,wie hätte ich nicht bemerken sollen, daß die åltere bei einigen Stellen, mehr als billig, lachte, die jüngere den Kopf schittelte, daß ihr euch bedeutend ansaht, und daß du selbst beinah aus deiner Fassung gekommen wårest. Ich läugne nicht, es håtte mich fast irre gemacht: denn es fuhr mir durch den Kopf, daß es vielleidt undhicklich sey, den guten Kindern folde Fraßen zu erzåhlen, die ihnen besser unbekannt blieben, und ihnen von den Männern so schlechte Begriffe zu geben, als sie von der Figur des Abenteurers sich nothwendig bilden müssen.“ – „Keineswegs! versetzte jener: „du erråthst es nicht, und wie soûtest du's errathen ? Die guten Kinder sind mit solchen Dingen gar nidit so unbekannt als du glaubst: denn die große Gesellschaft um sie her gibt ihnen zu manchem Nadidenken Anlaß, und so ist liberrhein gerade ein solches Ehepaar, wie du es, nur übertrieben und måhrchenhaft, schilderst. Er gerade so groß, derb und plump, sie niedlich und zier: lich genug, daß er sie wohl auf der Hand tragen könnte. Ihr übriges Verhältniß, ihre Geschidte paßt ebenfalls so genau zu deiner Erzählung, daß die Mädchen mid) ernstlich fragten, ob du die Personen kenntest und sie schalkhaft dargestellt håttest? Id versidyerte nein! uud

du wirst wohl thun, das Mährchen ungeschrieben zu lasren. Durch Zögern und Vorwände wollen wir schon eine Entschuldigung finden.“

Ich verwunderte inid) sehr: denn ich hatte weder an ein dießrheinisches noch) an ein liberrheinisches Paar gedadt, in ich håtte gar nicht anzugeben gewußt, wie ich auf den Einfall gekommen. In Gedanken mocyte id) mid) gern mit solchen Spåžen, ohne weitere Beziehung, beschäftigen, und so, glaubte id), sollte es aud) andern seyn, wenn ich sie erzählte.

Als ich in der Stadt wieder an meine Geschåfte kam, filhlte ich die Beschwerlichkeit derselben mehr als sonst: denn der zur Thåtigkeit geborne Mensd) über: nimmt sich in Plauen und überladet sich mit Arbeiten. Das gelingt denn auch ganz gut, bis irgend ein phyfisdes oder moralisches Hinderniß dazutritt, um das . Unverhältnißmäßige der Fräfte zu dem Unternehmen in's Klare zu bringen.

Das Juristische trieb ich mit so viel Fleiß als nöthig war, um die Promotion init einigen Ehren zii absolviren; das Medicinische reizte mich, weil es mir die Natur nach allen Seiten wo nidt aufschloß, dod) gewahr wer: den ließ, und ich war daran durch Umgang und Gewohnheit gebunden; der Gesellsdhaft mußte ich auch einige Zeit und Aufmerksamkeit widmen: denn in mauden Familien war mir mehreres zu lieb und zu Ehren geschehn. Aber alles dieß wäre zu tragen und fortzufihren gewesen, håtte nid)t das was Herder mir auferlegt, unendlich auf mir gelastet. Er hatte den Vorhang zerrissen, der mir die Armuth der Deutschen Literatur be: decte; er hatte mir so mandjes Vorurtheil mit Graus samkeit zerstört; an dem vaterländischen Himmel blieben nur wenige bedeutende Sterne, inden er die librigen alle nur als vorüberfahrende Schnuppen behandelte; ja was id) von mir selbst hoffen und wähnen konnte, hatte er mir dermaßen verkümmert, daß id) an meinen eignen Fähigkeiten zu verziveifeln anfing. Zu gleicher Zeit jedoch riß er mich) fort auf den herrlichen breiten Weg, den er selbst zu durdywandern geneigt war, madte mich aufmerksam auf seine Lieblingsschriftsteller, unter denen Swift und Hamann obenan standen, und schüttelte mid) Fråfriger auf als er mid) gebeugt hatte. Zu dieser vielfachen Verwirrung nunmehr eine angehende Leidenschaft, die, indem sie mich zu versdylingen drohte, zwar von jenen Zi1stånden mid) abziehn, aber wohl schwerlich dar: liber erheben konnte. Dazu kam 110ch ein körperliches Uebel, daj mir nåmlid) nach Tische die Kehle wie zuge: schnürt war, welches id) erst spåter sehr leicht los wurde, als id) einem rothen Wein, den wir in der Pension gewöhnlich und sehr gern tranken, entfagte. Diese uners tråglide Unbequemlidikeit hatte mich auch in Sesenheim verlassen, so daß ich mich dort doppelt vergnügt befand; als ich aber zu meiner stådtischen Diåt zurückkehrte, stellte sie sich zu meinem großen Verdruß sogleich wieder

ein. Ades dieß machte mid) nachdenklich und mirrisd), und mein Aeußeres mochte mit dem Innern ibereinstimmen.

Verdrießlicher als jemals, weil eben nad Tische jenes Uebel fich heftig eingefunden hatte, wohnte id) dem Clinicum bei. Die große Heiterkeit und Behaglichkeit womit der verehrte Lehrer uns von Bett zu Bett führte, die genaue Bemerkung bedeutender Symptome, die Beurtheilung des Gangs der Krankheit liberhaupt, die schöne hippokratisdhe Verfahrungsart, wodurch sich, ohne Theorie, aus einer eignen Erfahrung, die Gestalten des Wissens heraufgaben, die Sülußreden mit de: nen er gewöhnlich seine Stunden zu kronen pflegte, das alles zog mid) zu ihm und machte mir ein fremdes Fach, in das ich nur wie durch eine Nitze hineinsalı, um desto reizender und lieber. Mein Abscheu gegen die Kranken nahm immer mehr ab, je mehr id) diese Zustände in Begriffe verwandeln lernte, durd) welche die Heilung, die Wiederherstellung menschlicher Gestalt und Wesens als möglich erschien. Er mochte mich wohl, als einen seltsamen jungen Menschen, besonders in's Auge gefaßt und mir die wunderlidie Anomalie, die mid) zu seinen Stunden hinführte, verziehn haben. Diesmal schloß er seinen Vortrag nidt, wie sonst, mit einer Lehre, die sich auf irgend eine beobachtete Krankheit bezogen hätte, fondern sagte mit Heiterkeit: „Meine Herren! wir sehen einige Ferien vor uns. Benußen Sie dieselben sich auf

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