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ten für Sifferatur. ***

1832 begründet
Herausgegeben von Otto Neumann. Epofer.

Union
von

Deutsche Derlags-Gesellschaft
Redaktion: 2Berlin. Charlottenburg II, Garmerstraße 10.
Joseph Lehmann.

Berlin u. Stuttgart.
Espedition: Berlin SW., Sriedrichstraße 207.
Ersoeint įeden Sonnabend. Preis 4 Mart vierteljährlich. Bestellungen werden von jeder Buchhandlung, jedem Postamt (Nr. 3589
der Postzeitungsliste), fomie vom Verlage des Magazin" entgegengenommen. Anzeigen 40 Pfg. die viergespaltene lonpareillezeile

as Preig der Einzeluummer: 40 Prg. Ro

63. Jahrgang.

Berlin, den 15. Dezember į894.

Mr. 50.

Auszugsweiser Nachdruck sämtlicher Artikel, außer den novellistischen und dramatischen, unter genauler Quellenangabe gestattet

Unbefugter Dachdruckt wird auf Grund der Gesetze und Verträge verfolgt.

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„Seit der Zeit gibt es auf der ganzen Welt keinen Inhalt:

Drt, dahin die Wahrheit nicht gedrungen, der nicht von

ihr erfüût wäre. Die Wahrheit ist die Erzieherin unseres Litteratur, Biffenschaft und öffentliches Leben.

Gewissens, sie macht uns das Herz warm und belebt Gjaltnkow.6 ch tschedrin: Ein Weihnachtsmärchen. Sp. 1569. unsere Arbeit, sie weist uns das Ziel, auf das unser Johannes 6 chlaf: Abälard und Beloise. Sp. 1577.

Leben gerichtet sein soll. Das bekümmerte Menschenherz Aus der Mappe eines lachenden Philosophen. 4. Die

findet an ihr eine sichere, stets geöffnete Zuflucht, wo es

Trost und Beruhigung finden kann, wenn zufällige Sprache. 1. Sp. 1582.

Lebensstürme gewütet haben. 4. Th1991: Die wallonische Litteratur. Sp. 1588.

„Im Unrecht sind diejenigen, welche behaupten, daß Korfiz solm: Qrakel. Sp. 1591.

die Wahrheit irgend einmal ihr Antlit verborgen habe Alfred Kerr: Vom neuen Drama. Sp. 1592.

oder was noch trostloser wäre daß sie jemals von Litterarische Chronit. Sp. 1592.

der Lüge besiegt worden sei. Nein, sogar in den leid

vollen Augenblicken, da es den furzsichtigen Menschen Fusik.

schien, daß der Vater der Lüge triumphirte, da errang Musitalische Chronit. Sp. 1595.

in Wirklichkeit die Wahrheit einen Sieg. Sie allein fügte

sich nie den Zeitgeiste, fie allein eilte beständig voraus, Bildende Kunst .

über die Welt ihre Flügel breitend und sie mit ihrem Sriedrich Suchs: Chronik der bildenden Künste. Sp. 1596

emigen lichte erleuchtend. Der vermeintliche Triumph der Bitterarische Anzeigen. Sp. 1599.

Lüge zerstob wie ein schwerer Traum, und die Wahrheit sekte ihren Fiegreichen Flug fort.

„Vereint mit den Vertriebenen und Erniedrigten drang Ein Weihnachtsmärchen.

die Wahrheit in Höhlen und Bergschluchten. Sie bestieg

mit den Gerechten die Scheiterhaufen und blieb in Reih Von

und Glied mit ihnen vor dem Angesicht der Peiniger

stehen. Sie entfachte in ihren Seelen ein heiliges Feuter, m. E. Sfatuliol Schtsdebrin.

sie scheuchte die Gedanken des auffeinienden Kleinmuts Uus dem Russischen übersekt von Heinrich Johannson.

und der Verleugnung von ihnen hinweg, fie lehrte fie

die Süßigkeit des Leidens. Vergeblich glaubten die Diener Eine ganz wunderschöne Festpredigt hielt heute unser des Vaters der Lüge bereits zit triumphiren, indem sie Dorfgeistlicher.

den Triumph in jenem äußerlichen Siege sahen, welcher „Vor vielen Jahrhunderten“, sprach er, „kam grade durch Marter und Todesstrafen scheinbar errungen wurde. an dem heutigen Tage die Wahrheit in die Welt. Die schrecklichsten Strafen waren ohnmächtig, die Wahr

„Die Wahrheit stammt von Ewigkeit her. Sie saß heit zu vernichten, im Gegenteil, jie verliehen ihr eine vor alter Zeit mit Christus, dem Menschenfreunde, zur doppelte, zwingende Kraft. Beim Anblicke dieser HiltRechten des Vaters, zugleich mit ihm nahm sie Gestali richtungen entbrannten die einfältigen Herzen, und in an und entfachte ihre Leuchte auf Erden. Sie stand am

ihren erwarb die Wahrheit einen neiten dankbaren Boden Fuße des Marterholzes und ward zusammen mit dem für ihre Saat. Die Scheiterhaufen loderten auf und verHeilande ans Kreuz geschlagen. Sie saß als lichter Engel zehrten die Leiber der Gerechten, aber an der Feuergarbe an seinem Grabe und war bei seiner Auferstehung 311- | dieser Scheiterhaufen entzündeten sich eine unzählbare gegen. Und als der Menschenfreund gen Himmelofuhr, | Mienge von Leuchten, ebenso wie bei der Osterfrähmesse da ließ er die Wahrheit auf Erden zurück als ein leben

eine brennende Kerze den Tempel plößlich mit tausend diges Zeugnis seiner unwandelbaren Liebe zum Menschen Lichtern erhelt. geschlechte.

„Worin aber liegt die Wahrheit beschlossen, von der

ich zu euch rede? – Auf dicse Frage gibt uns ein evan Sserjölha Rußlanzew. Bisweilen zeigte er sogar eine gelisches Gebet Antwort. Du sollst lieben Gott deinen starfë Erregung, seine Augen füllten sich mit Tränen, seine Herrn, und demnächst deinen Nädösten als dich selbst! Wangen glühten, und er selbst stand mit vorgebeugtem Dieses Gebot enthält ungeachtet feiner Mürze die ganze Leibe da, gleichsam als wollte er nach irgend etwas Weisheit, den ganzen Sinn des menschlichen Lebens. fragen.

,,Habe deinen Gott lieb, denn er ist der Lebensspender Maria Sjergejewna Rußlánzei war eine junge und Menschenfreund, er ist die Quelle des Guten, des Witwe, welche ein sehr kleines Yütchen mitten im Dorfe littlich Schönen und Wahren: er ist die Wahrheit. Ji hatte. In den Zeiten der Leibeigenschaft gab es in dem dicjem Tenipel hier, wo Gott unblutige Opfer dargebracht Dorfe etwa sieben herrschaftliche Häuser, die nicht weit werden, hier findet auch eine ununterbrochene Verehrung von einander entfernt waren. Die Eigentümer besaßen der Wahrheit statt. Alle Wände des Gotteshauses find kein großes Areal, und Feodor Pawlowitsch Rußlárizem von der Wahrheit durchdrungen, so daß ihr alle — sogar gehörie zu den ubemittelisten: ihm gehörten im ganzen die Bösen unter euch wenn ihr deit heiligen Raum blos drei Bauernhöfe und ungefähr zehn Insassen. betretet, euch friedebeseelt und geläutert fühlt. Hier vor Aber da man ihn beständig zu verschiedenen Ueniferu: dem Antlik des Gefreuzigten stillt ihr euren Rummer; erwählte, so derhalf ihm der Dienst zu einem kleinen hier findet ihr Ruhe für eure schmerzbewegte Seele. Er Barvermögen. Als dam die Aufhebung der Leibeigenward um der Wahrheit willen gefreuzigt, deren Stralen ichaft statifand, braudte er als Kleingrundbefißer von von ihm aus sich über die ganze Welt ergossen den Bauernländereien nichts umsonst wegzugeben und fonnte werdet ihr den Mut verlieren, wenn eure Prüfungsstunde jo, das Fleckchen Erde bewirtichaftend, welches ihm nach fommt?

Zuweisung der Landparzellen an die Bauern übrig blieb, „Liebe deinen Nächsten als dich selbst! so lautet die von einem Tage zum andern leben. zweite Hälfte von Christi Gebot. Ich werde nicht davon Maria Sfergejewna heiratete ihn, nachdem nach der. sprechen, daß ohne Nächstenliebe ein Leben der Gemein Befreiung der Bauern bereits eine beträchtliche Zeit verschaft unmöglich ist — ich sage offen und ohne Vorbehalt: Flossen war, und ward schon ein Jahr nach der Bochzeit diese Liebe an und für sich, abgesehen von allen neben zur Witwe. Als Feodor Pawlowitsch einmal zu Pferde sächlichen Erwägungen, ist ein Schmuck und eine Woune jeinen Wald besichtigte, schente das Tier vor irgend etwas unseres Lebens. "Wir sollen unseren Nächsten nicht lieben, und warf seinen Neiter ab, der beim Falle fich den um seine Gegenliebe zu erringen, sondern um der Liebe Stopf an einem Baumsiamm zerschmetterte. Nach zwei willen selbst. Wir sollen lieben unaufhörlich, selbst Monaten gebar die junge Witwe einen Sohn. verleugnend, bereit, das Leben zu lassen, gleich dem guten Maria Ssergejewnia lebte in recht bescheidenen Vers Hirten, der sein Leben läffet für seine Schafe. US ir isältnissen. Die Feldwirtschaft gab sie auf, indem sie das jollen unserem Nächsten zit Hilfe eilen, ohne daran zu Land den Bauern verpachiete. Für sich behielt sie blos das denfen, ob er den ihm erwiesenen Dienst dergelten werde herrschaftliche Haus mit den Nebengebäudent .und ein oder nicht. Wir sollen ihn vor lingemach schüßen, wenn Stück Land, auf welchem ein Obst- und ein Gemüjes auch dieses llngemach uns selbst zu verschlingen droht. garten eingerichtet ward. Ihr gesamtes lebendes Fiventar Wir jollen Fürsprache für ihn einlegeri, sollen für ihn in bestand aus einem Pferde und drei fühen; ihre Dienerden Kampf gehen Das Gefühl der Nächstenliebe ist schaft aus einer Familie früherer Instleute, zu der ihre jener kostbarste Schaß, dessen allein der Mensch teilhaflig alte Wärterin und deren Tochter und verheirateter Sohn ist und dessen Besitz ihn von den übrigen Lebewesen gehörten. Die Wärterin führte über alles im Hause die unterscheidet. Ohne den belebenden Geist dieses Gefühls Aufsicht und hütete den kleinen Sjerjësha; die Tochter sind alle menschlichen Dinge tot, ohne diesen Schatz wird war Nöchin, und der Sohn mit seinem Weibe besorgte der Daseinszweck selbst dunkel und unverständlich. Nur dus Vieh, fütterte das Geflügel, bearbeitete den Garten 2c. diejenigen Mien chen leben ein volles Leben, welde von Das Leben der Hausgenossen floß geräuschlos daljin. Liebe und Selbstverleugung beseelt sind; nur sie allein Neußerer Mangel war nicht fühlbar. Denn Holz und femnen die wahren Lebensfreudent.

die hauptsächlichsten Lebensinitiel brauchten sie nicht zu ,,llnd jo laßt uns Gott und einander lieb haben kaufen, und nach den Dingen, welche man für Geld hätte darin besteht der Grundgedanke der menschlichen Wahr- erstehen müssen, war fast gar keine Nachfrage. Alle im heit. Laßt uns diese jichen und auf ihrer Spur gehen. Hauje pflegten zu sagen: „Wir leben wie im Paradiese.“ Wir wollen die Ränfe der Lüge nicht fürchten, sondern Maria Sjergejevna selbst hatte ganz vergessen, daß es in brav bleiben und ihr die von uns erworbene Wahrheit der Welt noch ein anderes Leben gebe; nur flüchtig hatte entgegen halten. Die Lüge wird Schimpf und Schande jie demselben zugesehen aus den Fenstern des Instituts, in ernten, aber die Wahrheit bleibt bestehen und wird die welchem sie erzogen worden war Herzen der Menschen bejeligent.

Nur durch Sjerjösha ward sie bisweilen in Auf,,Jet werdet ihr alle in cure Wohnungen zurück regung verseßt. Anfangs gedieh der Anabe gut, aber als fehren und eich der Festesfreude über die Geburt injeres er sich dem siebenter Jahre näherte, begann er Anzeichen Herrn und Heilandes hingeben.

Aber inmitten eurer einer gewissen frankhaften Erregbarkeit zu offenbaren. Er Fröhlichkeit vergeßt nicht, daß mit ihm die Wahrheit in war ein begabteš, stilles Kind, aber zugleich schwach und die Welt gefonimen ist, daß sie alle Tage ind Nächte, fräuflich. Als er sieben Jahre alt geworden, feßte ihn Stunden und Minuten unter cudi amwesend ist, und daß Maria Ssergejewna an die Bücher; anfangs unterrichtete sie das heilige Feiter darstellt, welches des Menschen Das sie ihn selbst, aber später, als der Knabe zehn Jahre zählte, sein erleuchtet, das Menschenherz durchglüht.“

erteilte auch der Geistliche Pawel ihm in einigen Fachern Als der Geistliche geendet hatte iind vom Chore der lluterricht. Man hatte die Absicht, ihn aufs Gymnasium (Sesang ertönte: „Gejegnet jei der Name des Herrn!“ da zu schicken, und deshalb war es erforderlich, ihn wenig ging durch die ganze Kirche ein tiefer Seufzer, gleichsanı stens mit den Anfangsgründen der alten Sprachen befanut als ob damit die ganze Schaar der Beter in den Wunsch zu machen. Die Zeit war nahe, und die Mutter dachte einstimmte: ,,Er sei gesegnet!"

schon mit großer Aufregung an die bevorstehende Trennung von allen, die in der Kirche anwesend waren, lauichte vom Sohrie. Nur auf Kosten dieser Trennung war es den Worten des Predigers am aufmerksamsten der zehiie möglich, dem Rinde eine zielbewuste Erziehung zu gebeu jährige Sohn der Eigentümerin eines fleinen Landsikes, Die Gouvernementsstadt war weit, und mit sechs bis

siebenhundert Rubeln jährlicher Einfünfte war es unmög- reden: dazu ist ja die Stirche da, daß man in ihr von gelich, dahin überzusiedeln. Die Mutter hatte darum auch rechten Dingen hört. Du magst hören, wein Lieber, fowegen ihres Sohnes mit ihrem leiblichen Bruder korre viel du willst, nur laß auch den Verstand dabei nicht spondirt, welcher in der Gouvernementsstadt einen kleinen ganz aus dein Spiel!" Posten bekleidete. Der Bruder hatte ihr vor furzer Zeit ,,Die Wahrheit muß man zur Richtschnur seines einen Brief geschrieben, in welchem er sich bereit erklärte, Lebens nehmen, aber dabei mit Umsicht verfahren," klang Sserjësha in seiner Familie aufzunehmen.

es weise aus dem Munde des Arbeiters Grigorij

. Nach der Rückkehr aus der Kirche, beim Theetisch, Warum z. B. trinken Mama und ich ini Speisedauerte die Erregung des Knaben noch fort.

zimnier den Thee und ihr in der Küche? Verlangt es „Mütterchen,“ rief er wiederholt, „ich will so leben, etwa die Wahrheit fo?" erhişte sich Sjerjčíha. wie es die Wahrheit gebietet.“

„Mag sie es verlangen oder nicht, aber so ist es von „ Gewiß, mein Liebling, die Hauptsache im Leben jeher gewesen. Wir sind einfache Leute, uns gefällt es ist die Wahrheit,“ versuchte ihn die Mutter zu beruhigen. auch in der Küche ganz gut. Wenn alle im Speisezimmer ,,Doch dir steht das Leben ja noch bevor. Die Kinder sigen wollten, dann würde man nicht genug Zimmer leben nicht anders und föhneit nicht anders leben, wie es bauen können.“ die Wahrheit erheischt.“

Du, Sjergoi Feodorytích, hör mal!" mischte sich „ Nein, nicht so; der Geistliche sagte, daß, wer nach Grigorij aufs neue in die lInterhaltung. „Wenn du einst den Geboten der Wahrheit lebt, den Nächsten vor Beleidis groß sein wirst, dann kannst du sißen, wo dit willst: im gungen schüßen soll. Siehst du, so foll man leben; und Speisezimmer oder in der Küche. Aber so lange du noch habe ich das etwa getan?" Sieh, vor einigen Tagen ver klein bist, fiße bei der Mutter – eine bessere Wahrheit als fauften sie dem armen Jwan seine Kuh habe ich ihn diese gibt es für deine Jahre nicht! Nachher fommt da in Schutz genommen? Ich sah nur zu und weinte.“ der Geistliche zu Mittag, der wird dir dasselbe jagen.

„Nun, siehst dit, in diesen Tränen äußerte sich die Wir machen alle groben Arbeiten, besorgen das Vieh, bes Wahrheit, welche dir als einem Kinde eigen ist. Du arbeiten den Boden, aber den Herrschaften geziemt dies konntest auch gar nichts anderes tun. Sie verkauften dem nicht. Nicht wahr?" armen Iman die Ruh nach dem Sejep für eine Schuld. Ja, aber das ist ja auch wider das Gebot der Es gibt ein Gefeß, daß jeder seine Schulden bezahlen Wahrheit!" muß."

und nach unserer Ansicht steht es fo: Wenn die „ Iwan, Mama, konnte nicht zahlen. Er hätte es Herrschaften gut und inilde sind, so erfüllen sie das Ges sicher gern getan, aber er hatte nichts. Auch die Wärterin bot ihrer Wahrheit lind wenn wir, die Arbeiter, eifrig sagt: ärmer als er ist kein Baiter im ganzen Dorfe. Wo den Herrschaften dienen, sie nicht betrügen und uns Mühe liegt denn da die Wahrheit?"

geben – jo leben wir unserer Wahrheit gemäß. Man „Ich wiederhole és dir, es giebt ein solches Gefeß, könnte schon zufrieden sein, wenn jeder die Gebote der und alle müssen das Gesetz erfüllen. Wenn die Menschen Wahrheit beharzigte, welche ihm gelten." in Gesellschaft leben, so habeit fie auch kein Recht, ihre Es trat ein minutenlanges Schweigen ein. SferVerpflichtungen zu vernachlässigen. Du denke lieber an jöjha wollte offenbar etwas erwidern, aber die Einwände deine Schule, das ist die Wahrheit, der du folgen mußt. (Grigorijs waren so guimütig, daß er schwankend wurde. Wenn du aufs Gyninasium fommst, so sei fleißig, führe Die Wärterin unterbradi zuerst die eingetretene Stille. dich gut auf - danu wirst du den Geboten der Wahr „In der Gegend," erzählte sie, aus welcher deine Mutter heit gemäß leben Ich mag es nicht, daß du dich so auf und ich herstammen, lebte ein Gutsbesizer Rafsoschnikow. regst

. Was du auch sehen und hören magst, alles dringt Anfangs lebte er ebenso wie die übrigen, aber auf eindir bis ins tiefste Herz hinein. Der Geistliche sprac) im mal gelüftete es ihn, nach den Geboten der Wahrheit zu allgemeinen; in der Kirche kann man auch gar nicht an

1- leben. Ilnd was glaubst du, daß er am Ende tat? ders reden, und du beziehst alles auf dich. Bete für die verkaufte sein Gut, verteilte sein Geld unter die Armen, Nächsten – mehr als dies verlangt auch der liebe Gott und selbst begab er fich auf die Wanderschaft. Seitdem nicht von dir."

fah ihn niemand wieder." Aber Sserjösha ließ sich nicht beruhigen. Er lief in „Ach, Alte, was ist das für ein herrlicher Mensch!" die Rüche, wo eben die Dienstboten sich versammelt hatten Und dabei hatte er einen Sohn in einem Regiund, da es Feiertag war, ihren Thee tranken.

inent in Petersburg“, fügte die Wärterin hinzu. Die Köchin Štepanida war beim Ofen damit be ,,Der Vater verschenifie sein Vermögen, und der Sohu schäftigt, mit Hilfe einer Kohlenzange einen Topf mit blieb ganz ohne Mittel zurück Den Sohn mußte kochender, fetter Kohlsuppe hervorzuziehen und wieder man fragen, ob die Wahrheit, für welche der Vater alles zurückzuschieben. Der Geruch von gedämpftem Rindfleisch opferte, gut war," äußerte Grigorij. und von der Feiertagspastete durdydrang den ganzen „Aber hat der Sohn denn nicht begriffen, daß der Raum.

Vater nach den Geboten der Wahrheit gehandelt?“ erAlte, ich werde jo leben, wie es die Wahrheit be widerte, Partei nehmend, Sjerjesha. fiehlt,“ erklärte Sferjösha.

Das wars ja eben, daß er es feinesivegs begriff, „Oho, wie früh der schon damit anfangen wil!“ fondern vielmehr das Weggegebene zurück zu erlangen fich scherzie die Wärterin.

bemühte. Warin, fo fragte er, hat der Vater mich fürs „Nein, Alte, ich habe mir das Wort gegeben! Ich Regiment bestimmt, wenn ich keine Mittel zum Unterhalt werde sterben für die Wahrheit und der Unwahrheit mich befovimen jou?" nie fügen.“

„Fürs Regiment bestimmt ? . . feine Mittel zum „Äch di, mein Herzblatt! Was ist dir nur in den IInterhalt .. ?i wiederholte mechanisch Sjerjöiha GriSim gekommen?"

gorijs Worte, da dieses Dilemma ihn verwirrt machte. „Þast du nicht gehört, was der Geistliche in der „, Auch ich erinnere mich eines Falles,“ fuhr Grigorij Kirche jagte? Für die Wahrheit muß man sein Leben fort." Ein Bauer in unserem Dorfe, mit Namen Marıyı, hingeben siehst du! Für die Wahrheit muß jeder in nahm sich an jenein Raffoíchuifow ein Beispiel. Er gab den Kampf treten!"

gleichfals alles Geld, das er bejab, den Armen und be„Natürlich, wovon soll man denn in der Kirche hielt nur seine Hütte für die Familie. Er selbst hing fich

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einen Quersack über die Schulter und ging heimlich in | und war niemals durch sie besonders aufgeregt worden. der Nacht davon. Nur, weißt du, vergaß er dabei seiner Heute aber durchdrang ihn eine neue Empfindung, welche Paß in Ordnung zu bringen, und so schickte man ihn ihn reizbar und aufgeregt machte. denn nach einem Monat wieder nach Hause.“

„Íß!" ermahnte ihn die Mutter, als sie sah, daß er Weshald denu? hatte er etwas Böjes getan ?“ fragte die Speisen faum berührte. Sjerjösha.

„In corpore sano mens sana,“ fügte seinerseits der Das kommt hier nicht weiter in Betracht. Id) Geistliche hinzu. „Gehorche deiner Mama, damit wirst spreche nur davon, daß man in vernünftigen Grenzen dit am besten deine Liebe zur Wahrheit beweisen. Die nach den Geboten der Wahrheit leben soll. Ohne Paß Wahrheit soll man lieben, aber wer sich ohne Ursache darf man nicht umherwandern das ist die Geschichte als Märtyrer dünft, deß Herz ist voll soffart und Wenn alle so ins Fafeln geraten, ihre Arbeit liegen lassen, Eitelkeit.“ dann wird man vor diesen Herumtreibern sich gar nicht Die abermalige Erwähnung der Wahrheit erregte mehr retten können."

den Atnaben noch mehr. Er beugte sich über seinen Teller Der Chee war getrunken. Alle erhoben sich und und bemühte sich zu essen, schluchzte aber plößlich auf. sprachen das Tischgebet.

Alle umringten ihn voll Besorgnis. So, jeßt werden wir bald zu Mittag essen,“

sagte Tut dir der Kopf weh ?" forschte Maria Sjergedie Wärterin. Gehe jeßt, mein Goldfind, zur Mama jewna. und siße bei ihr; bald wird auch der Geistliche mit „Ja!" antwortete er mit schwacher Stimme. seiner Frau kommen.“

„Nun fo geh und leg dich in dein Bettchen. Alte, Gegen zwei Uhr erschien der erwartete Besuch. bring ihn zu Beit!“

„Ich werde fo leben, wie es die Wahrheit befiehlt! Man brachte ihn fort. Das Mittagessen ward auf Ich werde für die Wahrheit in den Kampf gehen!" so mehrere Minuten unterbrochen, weil Maria Sfergejewna begrüßte Sserjölha die Gäste.

aus Besorgnis der Wärterin folgte. Endlich fehrten Da hat sich der richtige Kämpe gefunden! So ein beide zurück und erklärten, Sserjëjha lei eingeschlafen. Stöpsel, und ist schon ziim Kampf bereit!" scherzte der Der Schlaf wird schon alles wieder gut machen!" Geistliche.

beruhigte der Geistliche die Mutter. „Ja, er ist mir schon zum Ueberdruß geworden. Gegen Abend ward jedoch der Kopfschmerz heftiger, Vom frühen Morgen an spricht er nur allein davon," | und es stellte sich Fieber ein. Sserjösha erhob sich in der sagte Maria Sjergejewna.

Nacht voller Unruhe und tastete mit den Händen umher, Das hat nichts zu bedeuten, verehrte Frau. EI gleichsam als ob er etwas suchte. {pricht eine Zeit lang davon und vergißts wieder.

Martyn :: zurückgebracht für die Wahr„Nein, ich werde es nicht vergessen!" verseßte Sferjösha heit ... wie ist das möglich ?" lalte er zusammenhartnäckig. Sie haben ja selbst vor kurzem gesagt, daß hangślos. man nach den Geboten der Wahrheit leben müffe ... in Von was für einem Martyn-spricht er da?“ fragte der Kirche haben Sie es gejagt!"

Maria Sfergejewna die Wärterin, da sie den Zusammen„Dazu ist die Kirche auch da, daß man in ihr von hang nicht erriet. der Wahrheit predige. Wenn ich als Seelenhirt meine Ach, erinnern Sie fich, bei uns im Dorfe war ein Pflicht nicht erfülle, so wird die Kirche selbst die Wahr Bauer, der um Christi willen auf die Wanderschaft ging .. heit fund tun. Auch ganz abgesehen von mir, ist Vor kurzem erzählte Grigorij die Geschichte in Sferjěshas jedes Wort, das in ihr gesprochen wird, Wahrheit; Gegenwart." nur die verhärteten Herzen wollen sie nicht aufnehmen." „Ihr müßt auch immer Dummheiten machen!“ sagte „Und wie soll man leben?"

Maria Sjergejeina erzürnt. „Man darf den Anaben ,,Auch leben soll man nach den Geboten der Wahr. gar nicht mehr zu euch laffen.“ heit. Wenn du erst einmal erwachsen bist, wirst du auch Um andern Tage nach der Frühmesse erbot fich der die Wahrheit in ihrem vollen Umfange begreifen lernen, Geistliche in die Stadt nach einem Arzte zu fahren. aber zunächst hast du genug an der Wahrheit, welche dei Die Stadt war vierzig Werft entfernt, so daß der nem Alter angemessen ist. Lielie deine Mania, sei ehr: Arzt vor Nacht nicht eintreffen konnte. Und dazu war erbietig gegen ältere Leute, lerne fleißig, betrage dich dieser ein alter Mann, der wenig verstand und fein anartig darin besteht die Wahrheit, die für dich be deres Mittel als Dpodeldof verordnete, welches er zum stimmt ist."

äußerlichen und innerlichen Gebrauche verschrieb. In der „Aber die Märtyrer .. Sie selbst sagten un Stadt sagte man von ihm: „An die Medizin glaubt er längst

nicht, wol aber an Dpodeldok!" Es hat auch Märtyrer gegeben. Ilm der Wahrheit Gegen elf Uhr nachts fam der Arzt angefahren. willen soll man auch Verunglimpfungen ertragen. Nur Er betrachtete den Kranfen, befühlte ihm den Puls ist für dich noch nicht die Zeit gekommen, daran zu und erklärte, daß es ein „Fieberchen" sei. Darauf hieß denken."

er den Patienten mit Dpodeldof einreiben und ließ ihn „Märtyrer ... Scheiterhaufen .

Scheiterhaufen ...“ stammelte Sfer- zwei Kügelchen davon verschlucken. jëjha voller Verwirrung.

,,Ein Fieberchen ist vorhanden, aber Sie werden „Jeßt aber ists genug!" rief ihm ungeduldig die schon sehen, daß durch Opodeldof alles wie mit der Hand

entfernt werden wird!“ erflärte er voll Ueberzeugung. Sjerjësha verstummte, war aber während des ganzen Man gab dem Arzte zu essen und wies ihm ein Mittagseffens nachdenklich. Nach Tische unterhielt man Schlafzimmer an, Sferjčjha aber warf sich die ganze sich wie gewöhnlich darüber, was im Dorfe passirt war. Nacht hin und her und glühte wie im Feuer. Eine Erzählung folgte der andern, und nicht immer Mehrmals wedte man den Arzt, aber dieser wiederging daraus hervor, daß die Wahrheit triumphirt hatte. hoite blos die Dosis von Opodeldot und versicherte, daß Genau genommen, war weder Wahrheit noch Lüge dabei, gegen Morgen alles wie mit der Hand weggenommen es war das gewöhnliche Leben in den Formen und auf

jein würde. der Grundlage, an welche alle von jeher gewöhnt waren. Sferjösha lag in Fieberfantasien da; darin wieders Sfericsha hatte diese Gespräche unzählige Male angehört holte er stets die Worte: „Christus . Wahrh.it ...

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Mutter zu.

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zu ihm

Raffoschnifov ... Martyn ...“ und fuhr fort, umher zu gefommen, das diesem Mangel in sehr dankensierter taften, indem er ausrief: „Wo, wo? ...“ Gegen Morgen Weise Abhilfe schafft

. Wir meinen den „Briefwechsel beruhigte er sich jedoch und schlief ein.

zwischen Abälard und Heloise mit der LeidensDer Arzt sagte: „Nun, habe ich nicht recht?" id geschichte Abälards“, aus dem Lateinischen überseßt und reiste ab, indem er als" Grund'angab, daß in der Stadt eingeleitet von Dr. P. Baumgärtner(Leipzig, Ph. Reclam, ihn andere Patienten erwarteten.

Univ.-Bibl 3288-90). Ein Blich, das zu den klassischen Der ganze Tag schwand zwischen Furcht und Hoff- der Weltlitteratur gehört, ist mit dieser Üeberießung dem nung dahin. So lange es draußei hell war, fühlte sich Staub der Bibliotheken und der Abgeschlossenheit der der Aranke woler, aber der Verfall der Kräfte war fó Gelehrtenstube entzogen und den größeren Laienpublikum rapid, daß er fast gar nicht sprach. Mit Anbruch der zugänglich gemacht." Wir haben nun Gelegenheit, uns, Dämmerung stellte sich das Fieberchen“ wieder ein, und den Auslassungen des alten züricher Professors und Griesder Pulsschlag steigerte sich. Maria Sergejewna stand grams gegenüber, unser eigenes Urteil zu bilden an einem in lautlosem Schrecken am Bette des Kindes und beniühte Buche, das uns einen hinreichenden Einblick in das sich etwas zu begreifen, das ihr unverständlich war. Seelenleben des weiblichen Teiles sowol wie des männi

Die Opodeldokdosis gab man auf; die Wärterin lichen in dieser tragischen Liebesgeschichte gewährt und legte dem Aranfen Effigkomprefsen auf den Kopf, machte das wir mit tiefster lebendigster Anteilnahme lesen werihm ein Senfpflaster, flößte ihm Lindenblütenthee ein, den, ungeachtet alles theologisch-gelehrten und dialektischmit einem Worte, fie gebrauchte, ob sie paßten oder nicht, ipißfindigen Nebenbeis, welches übrigens dem Renner alle Mittel, von denen sie gehört und welche zur Hand und Liebhaber den unentbehrlichen Geschmack der Zeit waren. In der Nacht trat der Todeskampf ein. Um zu einem Schicksal geben wird, das in seinem Verlauf acht Uhr abends ging der Vollmond auf, und da die so unvergänglich typisch ist. Vorhänge aus linachtsamkeit nicht geschlossen worden waren, so bildete sich an der Wand ein großer heller Fleck ab. Sferjësha erhob sich und streckte die Hände da. Der notwendigsten Daten aus dem Leben Abälards nach aus.

wollen wir uns, bevor wir auf das Buch selbst eingehen, Mama!“ lallte er, „fieh! alles in Weiß i. das in furzem erinnern. ist Christus .. Das ist die Wahrheit ... Ihm nach ... Abälard wurde 1079 zu Palais bei Nantes, dem

alten Palatium, als Sohn eines Kriegers geboren. Ein Er fiel auf das Kissen zurück, schluchzte nach Kinder- geborener Dialektiker ist er bald über das System seiner art auf und verschied.

Lehrer, der besten und berühmtesten jener Zeiten, hinaus Die Wahrheit war ihm aufgegangen und hatte sein und bereits in sehr jungen Jahren einer der bestbeneideten Wesen init Wonne getränkt

, aber das Herz des Knaben, und bestgehapten Lehrer der Theologie, als welcher er „eine welches noch nicht erstarkt war, hielt den Ansturm nicht Art Peripathetiker“, disputirend die Gegenden seines aus und mußte brechen.

Vaterlandes durchzieht und eine große Schülerzahl um sich versammelt. Schließlich bekommt er nach längerem Umherwandern, Rehren und Lernen, in Paris einen Lehrstuhl. Hier lernt er 1118 die damals siebzehnjährige Heloise kennen. Sein Verhältnis mit ihr dauert bis 1119. Nach vielen Leiden zieht er sich in das Kloster

St. Denis zurück, nimmt aber später seine Lehrtätigkeit Abälard und beloise.

wieder auf und schreibt ein gelehrtes Buch, sein Haupt

werf, die Introductio in theologiam“. Später irrt er, Won

Neid und Verfolgungen aller Art ausgeseßt, unter steter Soljannes Schlaf.

Lebensgefahr, .wieder im Land umher und wird dann

noch einmal als Lehrer jebhaft. Die Synode von Von der Prima her wissen wir Laien noch ein Soissons verurteilt sein Buch; er muß es eigenhändig weniges von jenem großen französijchen Kirchenlehrer den Flammen preisgeben. Nach kurzer Kerferhaft und und "Gottesgelehrten Ä bälard; und wenn nicht seine mehrjähriger zurückgezogenheit tritt er mit einem neuen Lehre, so ist es sein tragisches weltliches Schicjal

, das Buch auf, in dem er die Lehren des alten wiederholt uns – fast einzig von all der stolzen Fracht theo- und die Lehrer der griechischen Philosophie höher stellt logischer Gelehrsamkeit

, mit der mehr oder weniger frei- als die üppigen und unwissenden Bilchöfe seiner Zeit willig beladen wir in die über und in dem er daß man das Christentum nur als

1142 wird auch mit dem Schreiber dieser Zeilen von der stirbt der ehemals so feurige und temperamentvolle GeLektüre seines Scherr her über das Thema orientirtlehrte, körperlich und geistig gebrochen, orthodor, gläubig sein, der im 2. Band jeiner „Menschlichen Tragi- und kirchlich in Kloster zu St. Marcel bei Châlons-surfomödie“ in dem Efsan „Heloise“ über das Schick- Saône, 21 Jahre vor dem Abscheiden Heloisens. sal Ubälards und seiner Heloise in seiner herben, etwas einseitig-extremen Weise berichtet, die Abälard, nicht durchaus gerechtfertigter Weise, recht schlecht weg Diese eiligen Notizen über seinen Lebensgang mögen kommen läßt.

genügen. Am besten werden sie durch den Briefwechsel

, Das Material selbst, sich über dieses berühmte dem wir uns nun zuwenden wollen, ergänzt. Liebespaar und sein Geschick ein Urteil 311 bilden, lag Es ist die alte Geschichte: „der Liebe Lust, der Liebe bisher für den Laien, wenn er sich nicht an die latei- Leid" in und über den Zeiteit, den Meinungen, Sysiemen, nischen Urtegte wenden fonnte, nicht vor. Denn in den und Gebäuden menschlichen Wisjens und Wirfenis: das vierziger Jahren war wol eine Ueberseßung des Brief- ist das alte undersiegliche Thema, das uns dieses Stück wechsels zwischen Abälard und Heloise von Mori | Leben über die Fluft der Zeiten und Lebensanschauungen Carrière erschienen, aber diese ist längst nicht mehr im hinweg interessant und frisch macht. Buchhandel vorhanden. Soeben ist nun ein Buch heraus Ueber das, was dem eigentlichen Briefwechsel voran

fiede igen, Grebächtnis haften gebliebent ie "Manchen Sache einege blinden Autoritätsglaubenste aujähe!

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