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Männe, der gerade sein Bierglas zum Munde führen Nee, nee,“ unterbrach ihn Heinrich fopfschüttelnd; wolite, ließ es langjam sinfen und fragte mit seiner phleg ,,wenn man sich det jo bedenkt, wat man alles jedacht matischen Stimme:

und jewollt hat, wie man noch 'n junger Bengel und Tot?"

ehrlich war, und denn jeßt - wo man jet fonn Lump Ja," wiederholte der andere und nickte ernst mit is und mal alles richtig überlegt und vor sich sieht, wie dem Kopfe, „kiek dir 'n mal selber an."

unsereener jo stirbt wie 'n Vieh ind feen Deibel kümmert Männe stand langsam auf, indem er den Stuhl ge fich drum, denn räuschvoll hinter sich zurückschob, und trat an den Stroh

Er machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung jack. Dann faßte er die falte Hand des Toten, blickte

und sah trübe vor sich nieder. ihm prüfend ins Gesicht und sagte in demselben Tone ,,Mir is det ejal," erwiderte Männe gleichmütig. wie vorhin:

Der Karle hat nu' Ruhe.“ meinte Heinrich, schwer,,Ja, er is tot.“ Damit nahm er wieder Plaß, trank einen tüchtigen feen Zuchthaus mehr.“

mütig zu dem Toten hinüberblichend, der kommt in Schluck Bier und stüßte, ruhig weiterrauchend, die rechte Wange in die Hand.

„Det weeß man ja ooch nich'," entgegnete der andre Heinrich stand indessen noch immer vor der Leiche;

achselzuckend, „vielleicht fängt for den det Leben nu' erst weiche Gefühle schienen in ihm aufzukeimen, denen er richtig an. Die eenen jooben det und de andern slooben nicht Ausdruck zu geben wußte, und so sah er mit einem

wat anders, man weeß ja von nischt wat jewisses uff de langen Blick, in dem sich Verlegenheit und Hilflosigkeit Welt. lind vielleicht" is is so bestimmt,' det unter de wiederspiegelten, auf das blaffe Åntlig des Toten hinab; Jeister ooch Lumpen bei sein müssen und vielleicht jiebt dann aber ging er leise auf den Fußspißen zu seinem Heinrich schwieg und es herrschte eine Weile Stile in

't da drüben noch schlinimere Zuchthäuser wie hier.“ Stuhl und ließ sich auf ihn nieder. So faßen die beiden Verbrecher am Tische, das

dem Totenzimmer. qualmende Lämpchen zwischen sich, und schwiegen wol

Wat icf schon alles bejangen hab', det jeht uff feene eine Viertelstunde lang, während der Männe langsam

Nuhhaut ’ruff“, erklärte er endlich mit gepreßter Stimme ; rauchte.

„jestohlen hab' ick, injebrochen, in zwee Zuchthäuser jeDet is doch wat Eijentümliches,“ brach Heinrich

effen, abjemurfst hab' ick schon eenen endlich das Schweigen, „jestern um die Zeit war er noch

Er brach ab. janz fidel und dachte an weiter nischt, wie an unsre nene

Männe, dem während des Redens die Zigarre ausArbeet und nu is er tot."

gegangen war, versuchte diese inzwischen an dem Lämpchen Janz tot,“ stimmte Männe bei.

wieder in Brand 31 seßen und gab keine Antwort. Heinrich jah zu der Leiche hinüber.

Heinrich versank von neuem in dumpfes Brüten; er hatte Wenn man det alles so bedenkt und ihn jetzt jo

den Kopf in die Hand gestützt, um seinen Mund lagen daliejen sieht mit ’s blasse Jesichte, denn jrault eenem

dice Falten, als hätte Bitterfeit sie zusammengezogen und orntlich, meinte Der andere nickte und beide

in seinen Augen spiegelte sich die Stimmung seines Innern

wieder. schwiegen einen Moment. „Hast du schon 'mal eenen umjebracht?“ erfundigte

Aber er jaß nicht lange so. Allmälig, ganz langsich Heinrich plößlich unvermittelt.

jam, wurde ein Blic milder, es 30g etwas Friedliches ,,Nee,“ erwiderte Männe gleichmütig.

imd Sanftes über fein hartes, kantiges Gesicht und er hob ,,Ick ja,“ sagte Heinrich dumpf.

den Kopf. ünd" haste dir dabei nich ooch jejrault?“ fragte sein

,,Und eenmal war ich doch 'n juter Sterl," begann Spießgeselle ' mit mattem Lächeln.

er leise und so schüchtern, als wenn er sich vor dem Ge„Ja,“ gestand der Verbrecher, „wie er tot dalag, da

noffen seiner Worte schäme. „Damals, wie meine Froßhab' ich Angst gefricht und bin davon jeloofen und hab'

mutter noch lebte. Soll icf dir det 'mal erzählen, ihm nischt wechnehmen könn'. Und wenn ich in de nächste

Männe?" Zeit immer 'n jeschlachteten Hammel oder ’n Schwein, Meinswejen," sagte dieser gleichgiltig. oder 'n anders jeschlachtetes Vieh jesehn hab', wo det Heinrich saß indessen mit einem wie von einer Fleesch janz steif und starr hing mit Blut dran, denn schönen Erinnerung verklärten Gesichte da und sah ins hab' ich immer wieder die Angst jefriecht. llnd in mir

Wesenlose. drinne is wat jewesen, wat mir jang jräßlich jequält „Damals warsch,“ fing er an, „wie mein Vater jehat, und det kommt ooch noch bis uff 'n heutigen Tach storben war und ick hatte 'nie olle froßmutter, die hatte manchmal wieder, troßdem nu schon zwee Jahre seitdem blos mir uff de Welt und ich war sechszehn Jahr und vorbei sind und feener wat davon weeß."

war Hausdiener, wo icf zehn Mark de Woche friechte. Er schwieg und stützte den Kopf in die ħand. Und wie Vater tot war, da hat se jo geweent und hat

„Weeßte," sagte er dann plößlich und seufzte schwer, jesacht, nu' wird je woll verhungern müssen uff ihre ollen man is doch 'n jroßer Lump, Männe."

Tage. Ja, und det if' mir durch und durch jejangen, „Det schad't ia nischt,“ begütigte dieser gleichmütig. det weeß ick noch wie heute. Und da hab' ic jesacht,

Aber mir quält det,“ erwiderte Heinrich düster. Froßmutter, hab' ich jesacht, ick lass' dir nich' verhungern,

Du mußt det ruhijer betrachten, Heinrich," fuhr ick arbeete for dir er schwieg einen Augenblic Männe fort. Sieh 'mal, jeder Mensch spielt seine Rolle und fügte dann, wie erklärend, bei: „damals war ick uff de Welt, der eene als Lump und der andre als ehr noch 'n ehrlicher Mensch." licher Sterl und 'n dritter als noch wat anders. Ind det Männe nidte steht jarnich feste, det 'n richtjer ehrlicher Kerl mehr wert „lind stolz bin ich dadruff jewesen. det ick die olle is, wie 'n richtjer Lump. De Leute jlooben det blos so Frau hab' erhalten können! Jeden Morjen iim sechsen und weils alle iloo ben, sagen se, Set is so. Aber 's bin ic losjezogen uff Arbeet und zu Mittag hab' ick 'n if doch blos 'sie Ansichtssache und alles was man sich paar Schmalzsiullen jejeffen und uff 'n Abend um zehne Senft ii' Einbildung. Wenn de Lente alle jlooben würden, bin ic zahanje jefrochen. lind denn hab' ic mein Verdet 'n Dump mehr wert is, wie 'n anständiger Kerl, jnüjen jehabt, wenn se mir denn immer so 'n Stücksfen denn würden wir riesig hoch jeachtet sind

Fleesch gebracht hat und 'n Stücsken Brot und 'n

er.

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Töppken Kaffee dazu und ich hab' immer druff losje | Er schwieg wie in die Erinnerung verloren, während jeffen - mit Todesverachtung!"

Männé schlaftrunken gähnte. „Und wat haste denn je Er hatte sich ganz eingelebt in sein Erinnerungsge macht?" erfundigte er sich dann. mälde und die Gegenwart völlig vergessen.

„Denn woli i mir totschießen, ick wollte nischt mehr ,,Und wenn ich denn jesehn hab, wie je fich immer wissen von de Welt! Und wie ick dern so ans Wasser um mir geforcht hat - weil ich doch 's Familjenober- langjejangen bin, da hab' ick 'n Revolver 'rausjezogen haupt war — ind ob ic ooch satt bin, und ob ick och und wollte schießen – weeß Jott ja! Aber denn hab' warme Beene habe, und wie je sich jefreut hat, wenn icf ich mir 'S noch eenmal überlegt.“ Und wie denn de ihr 'mal 'n jutes Wort jejacht hab' det hat mir Freide Dampfers so dé Elbe 'runterjefahren sind und jetutet jemacht, sonne janz verjñüchte Freide !"

haben, und det Waffer sah so scheene aus, wo de Sonne Na ja,“ sagte Männe, augenscheinlich über die Leb immer druff jeschienen hat, und de Berje immer so vor haftigkeit seines Spießgesellen erstaunt.

mir mit lauter jriene Beeme Ferrjott, wenn ict Und uff 'n Strohsack hab' ic jeschlafen, Sommer noch jeßt dran denke, ick fonnte mir nich totschießen! und Winter," fuhr Heinrich unbeirrt" fort. And wenn Da bin ick wieder nach Berlin jewandert." ick mir so uff 'n Åbend hinjelecht hab, denn hab' ict Männe, der sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und inanchmal geweent vor Freide, det ick die olle Frau so die Augen geschlossen hatte, öffnete sie jeßt wieder und uff 'ne anständje Art erhalten kann, det se feenen ziir fragte: Last fällt und det ick det so janz alleene kann, als 'n junger Wat hat 'n deine Jroßmutter zur dir jesacht?" Bengel, wo mir keener bei jeholfen hat."

Ach," erwiderte Heinrich traurig, der hatten fe Er schwieg.

schon alles erzählt, wo 's Feld herjekommen war und wie Und wat is denn jekommen?“ erfundigte sich ick wieder zu ihr fam, da hat se jeschrien und denn is Mämne.

se jestorben und ich bin Schuld dadran." Mein Unjlück,“ sagte Heinrich dumpf.

Er hielt inne; den Kopf tief auf den Tisch gebeugt, Männe schwieg erst eine Weile und fragte dann, in war er damit beschäftigt, einen großen Tränentropfen, der aus dem er gähnte:

seinen Augen gefallen war, mit der Spiße seines kleinen Mit de Jroßmutter?"

Fingers freisförmig breitzudrücken. Er bemerkte dabei „Nee,“ erwiderte Heinrich traurig, „mit de Schmalz- garnicht, daß Männe soeben eingeschlafen war. stullen fam 'S! Wo ic da Haitsdiener war, det war 'n „Und denn bin ick zu meinen Chef hinjejangen und jroßes Geschäft und da waren 'ne Miasse Leite bei hab' ihin alles jejacht,“ fuhr er leise und gedämpft fort, sonne Kommis, die immer so ellojant 'rumloofen mit deals wenn er seine Erinnerung laut für sich weiter denke. weißen Krawatten und fo. Und weeßte, Männe, wenn lind da hat mir der 'n paar Ohrfeigen jejeben und hat is da zum Frühstücken kam, dann haben je mir immer jesacht: Lausekerl, du Lausekerl hat er jejacht, insperren 'runter jeschickt zum Budifer. Jek sage dir, die haben lassen werd' ich dir nich', aber niache schleunigst, detsie fein jelebt! Bier haben se jetrunken, jeder sein Seidelkin, / 'rauskommst und Schinfenstullen habeii se jejefsen: mehr Fleesch wie Er murnielte noch einiges vor sich hin, aber seine Brot! llnd wenn je denn so jeschwelcht haben, wie de Worte witrden immer leiser" und unverständlicher; das Barone, denn hab' ick immer hinten in de Ecke jeseffen Lämpchen brannte immer trüber und trüber, qualmte und hab' meine Schmalzstullen vertilgt. Und ich hab' immer mehr und mehr, und allmälig ward sein kleines feenen Schinfen nie jefriecht! Ja, und da hab' i« mir Flämmchen zum Schimmer und der Schimmer zum jesacht, sonne Leute, die haben 's jut, so möcht icf 's Funken und der Funken verlosch. doch mal haben! Wenigstens eenmal möcht' ik jo leben, So lag die Nacht über allen. blos eenmal so wie die, blog eenmal leben wie it Mensch, der wollt' ick mal."

,,Ik kenne det,“ erklärte Männe.

llnd von da an is mir det immer im Koppe 'rumjejangen und ick hab 's nich' mehr lcs werden könn'. lluid eenmal jab mir der Kassirer fünfhundert Mart, die follt' icf uff de Reichsbank wechseln

„llud da biste natürlich mit durchjebrannt?" unterbrach ihn Männe matt lächelud. „Ja," antwortete Heinrich. ,,Erscht hab' ick Jroß

Litterarische Chronik. muttern de Hälfte abjejeben. Jroßmutter, freie dir, hab' ick Versuchsbühnel). Sonntag 10. März. Christnacht. Schaujejacht, ich hab' 's mang de Lotterie jewonnen."

spiel in 3 Aufzügen von Carl Maria. Er stand auf.

Endlich hat die erste Vorstellung der Versuchsbühne stattgefunden. „Weeßte, Männe,“ sagte er, die mand auf dessen

Der Winter ist fast darüber zur Rüste gegangen. Zunächst war die Schulter legend und ihni trenherzig ins Gesicht sehend Teilnahmlosigkeit des Voltes der Denker und Dichter zu überwinden, „die Freide von die olie Frau hätt'ste fehn follen! Um

und dann, als alles bereit war und am dritten März die Vorstellung mir'rumjesprungen is se und de Hände hat se mir je beginnen sollte, da ereignete sich etwas, das eigentlich unter „Kunst füßt und mir is janz anders dabei jeworden und ick hab'

und Polizei“ zu verzeichnen ist: gerade als der Vorhang aufgehen ihr immer sagen woll'n, wo ick 's her hab'.“

follte, berbot ein Bolizeibeamter die Aufführung. ,,Hm," brummte Männe.

Man führte als formellen Grund an, es hätte die Möglichkeit llud denn hab' ick mir ’n Revolver jefoo't und bin

vorgelegen, daß auch Nichtmitglieder des Bereins der Vorstellung nach de sächs'sche Schweiz jefahren. Vierzehn Tage lang beiwohnen fönnten. Es ist hier nicht der Ort, diese verwaltungsbin ick da rumjestrolcht und in de feinste Hotels hab' ick

rechtliche oder unrechtliche Frage zu behandeln, aber vielleicht erfolgte jewohnt - da hab' ic mal jelebt!' Und wie ich denn jo

die Auflösung ein ganz klein wenig mit aus dem Geist der hoffentlich bis ins Böhm'sche fam, da in Herrnsfretschen heeßt det

falschen Soffnung, das ilmsturzgeseß werde angenommen werden. Dorf, wat an de Elbe liegt, da hab' id noch mal orutlich Mittachbrot jejessen und denn warsch Jeld alle, wo 1) Siehe: Bruno Wille: Die Versuchsbühne, Magazin für bei mir der Kellner noch init de Guldens bemoogelt hat." Litteratur. 63. Jahrgang Nr. 48.

Das Gespenst des Antrags Rintelen ging gcrałe um, und zwei Das Stück war wert, auf der Bühne eine Probe sciner Personen in dem Stüde glauben nicht an die Unsterblichkeit der Leistungsfähigkeit geben zu dürfen. Seele – und sagen es sogar.

Richard Wrede. Der Verfasser, der auch nach Schluß der Vorstellung von dem in seinem Namen dankenden Regisseur Lessing nicht genannt wurde, betitelt sein Schauspiel „Christnacht“, ähnlich wie Hauptmann eins Leopold von Sacher-Majoch ist am 9. März gestorben, seiner Stücke „Das Friedensfest“ betitelt. Die Benennung ist aber 60 Jahre alt. Er hat ein tragisches Geschick an sich erfahren, im bei Hauptmann doch nicht so rein äußerlich wie bei Carl Maria Leben und Dichten. Sein Leben zerfiel und sein Dichten, beides in Dort ein fast ironischer Zwiespalt zwischen Inhalt und Titel: der großen Anfäßen beginnend, in flacher Berufsmühsal endigend. Der leßte Kampf der harten, neidigen und zornigen Menschen wird am Schriftsteller, der von sich selbst einst schrieb, sein „Don Juan von Tage der friedenbringenjollenden Geburt des Heilands ausgefochten. Kolomea“ sei seit Goethes „Werther“ die markanteste Prosadichtung Hier die erste Aussprache zwischen Alt und Jung, die zufällig in der der Deutschen, endigte als Begründer und Leiter einer unterwertigen Christnacht erfolgt und zum Auseinandergehen führt.

Feuilleton-korrespondenz. Derselbe Mann, der die Franzosen und „Das Recht der Jugend“, das wäre wol der richtigere Titel ges Rufen einst aufrief, um zu zeugen, daß er der zur Wiedererwedung wesen: das Recht, das die Jugend zu haben sich vermißt auf Glüď der deutschen Poesie bestimmte Genius sei, erlebte es, daß eine und Lebensgenuß, ein jugendkraftgeborenes Recht, dessen Anerkennung National-Subskription, die wolmeinende, aber unbesonnene Freunde sie unter jeder Bedingung zu erkämpfen bereit ist. Dieses Recht zu seinem 60. Geburtstage vorbereiteten, auch nicht den allerbedes Sichauslebenfönnens stößt natürlich auf den Widerspruch des scheidensten Erfolg hatte. Diese leßte schmerzliche Erfahrung brach erfahrungsreichen Alters.

seinen seit lange schon geschwächten Körper und bedrohten Geist. Seit Die Handlung des Stückes ist sehr einfach und kurz. Arnold dem Tage nach seinem 60. Geburtstage (27. Januar) verfiel er in Marnegge, der, der Familientradition folgeud, Theologie studiren Wahnsinn. Eine eigensinnige perverse Vision, eine Zwangsvorstellung, follte, hat sich in Berlin litterarisch beschäftigt und fällt im Eramen durch. ein Besessensein von einem Bilde erweďte sein bestes Können und

So kehrt er ins Vaterhaus znrück, ohne vorläufig sein Eramenes verdarb sein Talent: das Weib als Dämon, als Spoitgeburt aus misgeschid den Eltern mitzuteilen. Im Pfarrhause befindet fich noch Wollust und Grausamkeit, die naďte Haut von Pelzhaaren getiķelt, Elly Weddin, das Mündel des Pfarrers; auch sie hat einen Jugend die Peitsche in der Hand schwingend, und vor ihr der winselnd nach wunsch: sie wil zur Bühne.

Züchtigung verlangende Mann. Die Sexual-Psychologie hat diesen Edy und Arnold wollen von der Kunst nicht lassen und werden Gegensaß zum Sadismus den Masochismus genannt. In der verstoßen.

Psychiatrie wird darum Sacher-Masochs Name fortleben, wahrscheinIm ersten Akt, wird eine sehr hübsche. stimmungsvolle Exposition lich länger als in der Litteratur, denn die litterarisch ausgeprägteste gegeben. Der zweite ist stellenweise etwas langatmig und bombastisch. Darstellung des Masodjismus findet sich nicht bei Sacher - Masoch, Gewiß, es gibt solche patbetische Kinder, die in ihrer Dummen sondern in Zolas „Nana“. jungenhaftigkeit in schönen Worten schwärmen, aber quod licet vitae, non licet poëtae. Mich haben die Stellen, wo die jugendliche Unerfahrenheit in glänzenden Tiraden sich bestätigte, gerührt, Am 28. Februar starb Siegmund Haber, der langjährige die Stimmung im Bublifum, das sich im übrigen musterhaft benahni,

Redakteur des „ullt“, im 60. Lebensjahre. Haber war persönlich

einer der liebenswürdigsten und gütigsten Menschen; litterarisch war schlug einigemale fast um. Man sucht eben nicht zu verstehen, sondern

er der Vertreter einer im Absterben begriffenen Art des berliner zu verurteilen.

Wißes, der seinen erfolgreichsten Ausdru£ in den Possen von David Der dritte Akt ist in jeder Hinsicht der bedeutendste. Wie der Kalisch fand. Haber hat einen Einafter geschrieben „Ein Stündchen alte Bastor erfährt, daß sein Sohn durchgefallen, wie Arnold dann

im Comptoir"; diese kleine Plauderei ist eine Blütenlese jener Art

von Wiß, die aus Wortspiel und derber Satire gemischt ist. Die den väterlichen Verfügungen nicht folgen will, das Eingreifen der Region, aus der diese Wiße hergeholt sind, ist die faufmännische, sorgenden Mutter, des blinden Bruders, Ellys schließlich, das noch genauer, die kleingewerbliche. Und das ist ja auch die Region, sich Gegenübertreten von brutaler Gewalt bei Vater und Sohn, das aus der der berliner Wiß der fünfziger und sechsziger Jahre überden leşteren hinaustreiben muß aus dem Vaterhause die Art der

haupt herstammt. Diesem Wiß war die litterarisch-künstlerische und

philosophische Färbung, die den berliner Wiß der zwanziger und Darstellung verrät einen tüchtigen Dramatiker, einen Stenner des

dreißiger Jahre auszeichnete, ebenso fremd, wie die landwirtschaftliche Lebens und der Bühne.

Färbung, die der plattdeutsche Humor Reuters 3. B. – an sich Carl Maria ist aber auch Lyriker, nicht etwa der Gedichte, die trug. Siegmund Haber hatte auch den besten Erfolg, den ein im Stüđe vorkommen, sondern einer kleinen Periode wegen.

journalistischer Satiriker haben kann: es gelang ihm, eine stehende

Figur zu schaffen. Das war die Paula Grbswurst, die berliner Theodor, Arnolds Bruder, ist von Jugend auf blind, aber im

Konfektionöse vom „Hausvogteiplaş links“. Sie wird ihn überleben. zukünftigen Leben, da wird auch er Augen bekommen, er wird Edy Eine andere Figur dagegen, die Faber einzuführen versuchte, der sehen und lieben können. Das ist sein Glaube, und den will er „Nunne“, brachte es zu feinem rechten Leben; zweifellos deswegen, von Egy als richtig anerkannt wissen. Dieser kurze Dialog zwischen

weil er nicht, wie die Paula Erbswurst, aus den gegenwärtigen

berliner Volksleben aufgegriffen, sondern ein blasses Abstraktionsbeiden ist mit dem Herzblut eines fein, zart und tief empfindenden produkt war, ein Versuch, den alten berliner „Edensteher Nante“ neu Menschen geschrieben.

zu beleben.

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Rudolf Stegmann ist in Dresden nach schwerem Leiden ges storben. Von ihm ist ein Drama „Julius der Abtrünnige“ erschienen, auf dem Berliner Hoftheater aufgeführt und – vergessen worden.

*

1

Die erste Schlacht der Versuchsbühne ist geschlagen; ist sie ges wonnen oder verloren? Ich meine, sie ist gewonnen; kein Sieg, von dem wir unseren Urenkeln noch erzählen werden, aber ein fast unangefochtener Erfolg.

Es sind keine neuen Ideen, die in der „Christnacht“ uns geboten werden; es ist schließlich sogar recht gleichgiltig, was ein Paar Finder Elly und Arnold sind Kinder mit recht findlichen Ansichten -- über die linsterblichfeit der Seele und das höchste Gut denken.

Nah Leieinander wohnen die Gedanken, doch hart im engen Raume stoßen sich die Sachen, das weiß die Jugend zu wenig und betont das Alter zu viel.

Darauf nun ein Drama aufzubauen, ist nicht neu, aber das „Wie“ ist doch für den Dichter zukunftverheißend.

Georg von 6 i zydi ist gestorben. Er hat sich nicht ohne Ers folg bemüht, die moderne englische Philosophie, vorzugsweise die Moralphilosophie, in Deutschland populär zu machen. Seine eigenen Studien galten der Ethit, und was er geleistet, ist für unsere Zeit insofern charakteristisch, als er für sozialistische Ideen empfänglich war, freilich weder dafür noch dagegen mit Entschiedenheit Stellung nahm. Jedenfalls suchte er auf ein breiteres Publikum zu wirken

er gab auch die Zeitschrift „Ethische Kultur“ heraus und das zeichnete ihn als Universitätsdozenten vor den meisten seiner Kollegen vorteilhaft aus.

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JA e ue litterarische Eri cljcinungen. Aus der er: nennen nur die wichtigsten Erscheinungen: Ernst von Wolzogen jählenden Litteratur sind einige neue in Aussicht gestellte Er: apostrophirt den Adel in der bereits erwähnten Broschüre: Links

um scheinungen zu verzeichnen. Leo Hilded (unter welchem Namen fehrt schwenkt — Trab! (8°, 27, Bog., Berlin, F. Fontane & Co.) sich eine" in Frankfurt a. M. Ichende begabte Schriftstellerin verbirgt) Ernst von Wildenbruch làßt seinen Protestartifel in der Nationals zeigt einen Ntoman , Feuersäule" an, den sie die Geschichte eines zeitung Besinnt euch!“ als Broschüre (bei Freund & Sedel in

chlechten Menschen“ nennt ($°, 22 Bgn., Dresden, Minden). In Berlin, gr. 80, 12 S.) erscheinen. Auf entgegengeseptem StandSarl Holtach, dem Helden der Geschichte, will die Dame Marpunkt steht die Publikation des fatholischen Pfarrers Dr. $. Rody Stirners Erdenwallen dichterisch frei nachschaffen. Wilhelm Die moderne Litteratur in ihren Beziehungen zu Jensen fündigt, mehrere Jahre nach Lindau und Maullner, jetzt Glaube und Sitte, Glosjon zur Ilmstučzvorlage (80, 9 Bg., Mainz, auch eine „Geschichte aus Berlin W." an. Sie heißt „Ein Früh- frz. Kirchheim). In entfernterer Beziehung, zu der berüchtigten lingsnachmittag“, und ist von E. Zinimer illustrirt (89, 8 Bgn ). Celebesvorlage steht die Publikation deš Professors Adolf Wagner

Von Sans Hopfen wird eine neue Geschichte „Šm Schlafe Mein Konflift'init dem Freiherrn von Stummsø alberg. geschenkt“, und auch von Ernst von Wolzogen eine „um (gr. 89, Herlin, D. Haering). 13 Uhr in der Christnachi" angezeigt. Die 3 lebten Erzählungen Nächstdem drängen sich die zum 80. Geburtstage des Altreichs (Jensen, Hopfen und Wolzogen werden Bändchen der eleganten fanzlers herauskommenden Erscheinungen. Die wertvolleren unter Edsteinchen „Miniaturvibliothet“ bilden (Berlin, Rich. Efsteins chnen sind die Illustrationswerke, die nicht hierher gehören. Von Nachf.). Von Otto Elfter erscheint als neuester Band des „Ver den anderen ist das neiste zum Teil gutgemeinte, aber feichte Ges eins der Bücherfreunde“ ein Roman „Der Pförtnersohn von legenheitsmache, zum Teil platte Spekulativnswaare. Darüber erSt. Veit“ (8°, 220 S., Berlin, Schall & Grund).

heben sich nur wenige Erscheinungen und zwar fast nur solche, die zwei dramatische Werke von Interesie sind zu verzeichnen: mit dem 80. Geburtstage nichts zu tun haben, sondern nur zufällig Der Mann im Schatten“, stomödie in vier Akten von Cárlot um diese Zeit erscheinen. Da ist vor allem zu nennen:

Fürst Gottfried Reuling, das Stüd, das bei seiner Erstaufführung Bismard, Neué Tischgespräche und Interviews, herausam ,, Deutschen Theater“ eine neue respektakle dramatische Begabung gegeben von H. v. Poschinger“ (gr. So, 28 Bog., Stuttgart, Deutsche dem größeren Publikum bekannt machte (Berlin, F. Fontane & Co ). Berlags-Anstalt). Es ist dieses Buch eine wiüfomnene Ergänzung Alsdann: „Marianne“, Schauspiel in drei Aften von Karl zu den vom selben Herausgeber im vorigen Jahr edirten „Ansprachen Hauptmann, dem Bruder Gerhart Hauptmanns (Berlin, S. Fischer). des Fürsten Bismarck“. Ergänzend tritt hierzu: „Fürst Bismard

Auf dem Felde der litterarischen, philologischen und ästhetischen in einen Aussprüchen 1845 - 1894, von E. Schroeder“, Forschung find, wie immer, eine erkledliche Anzahl Neuigkeiten zu einem der Herausgeber der Werke Friedrichs des Großen (fl. 80, verzựichnen.' Heinrich Dünßer ist der älteste deutsche Goethe 3. Bog., Stuttgart, Deutsche Verl.-Anst.) — Felix Dahn veröffentspezialist, troßdem aber noch immer der streitbarste. Jeßt ärgert er licht eine Festschrift „Zum 80. Geburtstag des Fürsten Bissid) über Ottokar Lorenzens Festrede zum 93 er Goethetag über márc“ (gr. 160, 51/2 Bog., Breslau, Schottläuder). Endlich sei Goethes politische Lehrjahre. Diesen Aerger ergießt er in einer erwähnt: ,,Die Bismarck-litteratur in Deutschland. BiblioStreitschrift

, die betitelt ist: „Goethe, Karl August und Pro- graphische Zusammenstellung aller bis Ende März 1895 über den fcfíor Ottofar Lorenz, ein Denkmal“ (8°, 5 Bgn., Dresdner Fürsten Bismarck im deutschen Buchhandel erschienenen Schriften“. Verlagsanstalt V. W. Ciche). Düntzer nennt Lorenzens Rede eine Dieses bibliographische Hilfsmittel enthält an tausend Titel. (Leipzig, ungeschichtliche Plauderei; sein Büchlein erhebt den Anspruch, „zum D. Gradlauer). ersten Mal das geniale Verhältnis des deutschen Dichters zu dem Bon anderen hierher gehörigen Publikationen feien folgende jungen Fürsten in übersichtlicher Entwidlung anschaulich darzustellen." erwähnt: „Schultheb' Europäischer Geschichtskalender. Nach Dünger hat Lorenz dieses Verhältnis zu einer ganz gewöhn Neue Folge. 10. Ig. 1894 (der ganzen Reihe 35. Band. (Herausg. lichen Dienststellung philisterhaft herabgezogen, Goethe zu einem von Hans Delbrück und Oskar "Noloff. (80, 25 Big., München, untertänigen Regirungsbeamten gemacht, der aus Ehrfurcht vor C. H. Bec). Dieses zeitgeschichtliche Bilfs- und Handbuch hat seine seinem fürstlichen Herrn erstirbt, fein freies Wort gegen ihn wagt, Brauchbarkeit seit vielen Jahren erwiesen. -Eleniente der durch das er seine nahrhafte Stellung verlieren zu fönnen fürchtet, Politik, Versuch einer Staatslehre auf Grundlage der vergleichenund doch war es das freieļte, auf bewundernder und liebevoll glühender den Rechtswissenschaft und Kulturgeschichte“ von Fulius Schvarcz, Freundschaft beruhende Verhälinis, in welchem der acht Jahre ältere Professor in Budapest. (Ler. So, 10 Bog., Berlin, Rosenbaum & Hart). Dichter den Leiter und Erzieher des Fürsten abgab, dem er oft derb Die Verfassung des deutschen Reiches“, mit Einleitung, die Wahrheit sarte und hemmend entgegentrat, aber auch manches Słomnieniar und Sachregister von Dr Adolf Arndt, Prof. in Halle. zuließ, ja selbji sich daran beteiligte, um nicht das ihm vor allem Das Buch füllt eine langfühlbare Lücke aus (89, Berlin, Guttentag). nötige volle Vertrauen zu verlieren.

- Sozial oder sozialistisch? Antrag an die Mitglieder der Von Herrn 6. Schmidt erscheint ein Buch Faust ein deutschen Gesellschaft für ethische Kultur von H. von SamsonMen'chenleben, Versuch einer harmonistischen Analyse des Himmelstjerna (8°, Freiburg i. *, Mohr). Frau Dr. Emilie Goetheschen Faust“ (gr. 8°, 1011, Bog, Berlin, Rosenbaum & Hart). šë e mpin in Zürich läßt eine Arbeit über die Rechtsstellung

Ernst Sühneniann, Privatdozent in Marburg, zeigt ein Buch der iš rau“ als Nr. 5 der von Gustav Dahms herausgegebenen an: „Kants und Schillers Begründung der Aesthetik, ein Serie „Der Eristenzkampf der Frau im modernen Leben" erscheinen Beitrag zur deutschen Geistesgeschichte" (gr. 80, 12 Bog., München, (Berlin, Rid. Tändler). Herr Otto Henne am Rhyn beteiligt C. $. Beck). Sollte nicht Ernst Kühnemann identisch sein mit Eugen jich an der Honkurrenz in Bellamyaden: , Aria, das Reich des Kühnemann, den ausgezeichneten Herder - Biographen, der schon ewigen Friedens im 20. Jh., ein Zukunftsbild auf Grund der Ges 1889 seine Schrift über die Sèantischen Studien Schillers" ver schichte“ 80, 10 Bog., Pforzheim, Ernst Haug; ist seine neueste öffentlicht hat?

Publifation. Albert Schäffle, der bekannte Nationalökonom, Professor und Aus der naturwissenschaftlichen Litteratur ist nichts von allges ehemalige österreichische Minister, veröffentlicht als 18. Band der mcinerem Jnteresse zu berichten. Denn die Darwin-Biographie, Vettelheinschen Serie „Geisteshelden“, cine Biographie von „Cotta“ die Wilhelm Þreyer in Aussicht stellt (als 19. Band der Beitel(gr. 8°, 12 Bog., Berlin, Ernit Hoffmann & Co.) Schäffle be heimschen Bibliothek „Geisteshelden“) wird erst in einigen Monaten Icuchtet den alten Cotta als Buchhändler, Freund der Klassiker, herauskommen. Patriot, Diplomat, Parlamentarier, Politiker, Volkswirt und Menschen Von liebersegungen aus der schönen Litteratur der fremden Das Buch wird erst im April herauskommen.

Völker ist diesmal auch wenig zu melden. Fernand Bandérems, Noch sei verspätet von Edwin Bormanns „Shake eines der jüngsten pariser Autoren, Roman „Asche“ (La Cendre) {peare-Geheimnis“ Notiz genommen Ler-8°, 356 S. Tert, 68 S. der in París eine gewisse Beachtung fand, erscheint in einer Ueber Abbild., 2 Buntdructabellen, Leipzig, Edw. Bormanns Selbstverlag). legung von Frau Mathilde Mann 18", 22 Bgn., Leipzig u. Paris, Soeben ist auch die englische Ausgabe erschienen, besorgt von Mr. Alberi Langen). Widersprüche der empirischen Mo ral" Sarry Brett, unter dem titel ,,The Shakespeare-Secret", (im selben betitelt sich cine als „neu“ bezeichnete, von Luise Flachs übers Berlag).

jeste Schrift von Leo Tolstoj (Berlin, $. Steinit). Wahrscheinlich Gerr Ernst Maas, der flassische Professor in Greifswald, vers ist es aber eine ältere Arbeit oder ein Stüd aus einer älteren öffentlicht: Orpheus, Intersuchungen zur griechischen, römischen Arbeit Tolstojs. und altchristlichen Jenseits-Dichtung und Religion (gr. 8°, 18 Bog., München, T. $. Beck). Dieses Werk stellt sich zur Aufgabe, den Georg Christoph Lichtenbergs ausgeipählte Schriften, bisher wenig beachteten Beziehungen zwischen der altchristlichen Religion und dem als nationalhellenisch erwiesenen orphischen Sulte

herausgegeben und eingeleitet von Adolf Wilbrandt. Stuttgart,

Cotta. nachzugehen, und verwertet zu diesem Zweck die Denkmäler der antiken Litteratur, der Inschriften und der ard;äologischen Monumente

für heutige Leser gab es bisher nur eine handliche Auswahl „erstmalig“ in umfassender Weise.

aus Lichtenbergs Schriften: die von Eugen Reichel besorgte, die in Sehr zahlreich sind wieder die Erscheinungen zur Zeitgeschichte Reclans llniversal-Bibliothek im Jahre 1879 erschien. Wilbrandts und den sozialen und politischen Fragen der Gegenwart. Die Broschürenlitteratur der lezten zwei Wochen beschäftigt sich fast aus.

Auswahl hat vor ihr einen großen Vorzug voraus; fie gibt einige schließlich mit dem Umsturzgese, „dieser Schmach für das deutsche

von Lichtenbergs Briefen, die den lie benswürdigen Menschen uns in Bolt" des 19. Jahrhunderts“ nadi Paul Heyses Ausdruck. Wir größerer Nähe zeigen. Sie hat gegen die Reichelsche aber auch

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cinen Nachteil: jic gibi unter der Rubrik „Abhandlungen, flcinc Schriften“ weniger Material, und, was schlimmer ist, aud) weniger Material aus den Gedenf- und Tageb dern unter der Rubrif „Allerlei Gedanken.“ linter jener Abteilung vermißt man ungern den Timorus, den Orbis pictus und den Parakletor; noch unlieber vermißt man unter dieser Abteilung eine Reihe von Gedanken und Bemerkungen, die für Lichtenbergs Ideenfreis bezeichnend sind. Allerdings ist sich Wilbrandt vollkommen bewust gewesen, daß Verehrer Lichtenbergs und ich zähle mich unbedingt zu seinen Verehrern ihm den Vorwurf machen werden, daß er zuviel ausgeschieden habe. Wenn er aber meint, er hätte die Mitte halten müssen zwischen dieser Meinung und der andern, wonach er schon zuviel aufgenomnien hätte, und hätte das Unbergängliche von Zeitlichen absondern müssen; so glaube ich, daß es solcher Leute, die sich überhaupt mit Lichtenberg beschäftigen, faum geben wird, die Lichtenbergs Gedanken auch nur zum fleineren Teile für überflüssig hielten. Mit vollem Recht sagt Wilbrandt, daß sich aus Lichtenbergs Gedenkbüchern ein Hausschat gewinnen läßt, „ein Buch der Weisheit und des Wißes“, wie vielleicht feines der andern Völker vorzuweisen verniag: denn jo tiefem Ernst fehlt gewöhnlich so leichtflüssiger Wiß und so unwiderstehlichem Gumor fehlt gemeiniglich so edle Weisheit. Da ist sobald nicht etwas zuviel. Lichtenb rg ist vor allem ein Psychologe ersten Ranges und zugleich cin voi trefflicher Stilist. Man hat ihn oft mit Lessing zusammengestellt; aber inan könnte ihn in jenen zwei Beziehungen noch passender mit Schopenhauer zusammenstellen, und es ist gewiß nicht zufällig, daß Schopenhauer sich so oft auf ihn bezieht. In Lichtenbergs Gedankenwelt spazieren gehen, ist wie eine Tour in einer ungemein abwechlungsreichen Landichaft. Da ist alles vereinigt, was die Natur bietet: Lebendiges und Totes, in tausendfacher Variation, das Liebliche, wie auch das Schrosse und Tiefe. Ade bekannten Elemente find vorhanden, und durch ihre Anordnung, in der sie fich gegenseitig heben, wirken sie noch bekannter, ja heimlich und vertraut; aber niemals alltäglich, niemals banal. Lichtenberg gehört zu jener kleinen Schar von selbständigen psychologischen Denkern, die gerade in dem Alltäglichsten das Ungewöhnliche finden, und gerade dieses Vermeiden des Banalen, auf Wegen, wo der gewöhnliche Kopf unfehlbar darauf stoßen müßte, macht den wundervollen Reiz der Lektüre Lichtenbergscher Gedanken aus. Dabei aber ist jene Landschaft, fo abwechslungsreich sie sein mag, jo labyrinthisch Wald und Fels und blumige Gärten und heimliche Höhlen sie erscheinen lassen mögen, leicht zu durchstreifen: sie ist mit weiten, bequemen Wegen gebahnt. Das ist Lichtenbergs klassischer Prosastil.

zu billigen ist es, daß Wilbrandt die Erklärungen zu Hogarth fortgelassen hat, wie das auch Eugen Reichel getan hatte. Schade, daß dem so ist. Aber ohne Hogarths Zeichnungen sind sie nur etwas Dalbes. Hohe Zeit ist es jedoch, daß Lichtenbergs Erflärungen mit Hogarths Zeichnungen in einer handlichen, eleganten und billigen Ausgabe erscheinen. Der Herausgeber und die Buchhandlung, die sich einer solchen Aufgabe unterzögen, würden sich den Danf vieler Leser und wahrscheinlich auch das Geld einer genügend großen Anzahl von Käufern verdienen.

Im übrigen hat Wilbrandt sein Amt als Herausgeber mit geschmadvoller Diskretion geübt. Er hält sich gebührend zurüd, und wo er erläuternd hervortritt, sagt er kurz und deutlich das Notwendige. Seine kleine Einleitung charakterisirt Lichtenberg vortrefflich. Und er bezeichnet das Tragische in Lichtenbergs schriftstellerischer Persönlichkeit sehr scharf – wenn auch, als verehrender Erneuerer, in der zurüdhaltenden Form der Frage: – „Was war daran schuld, daß er nicht nur als satirischer Romanschreiber zu dem ihm doch das eigentlich dichterische Vermögen fehlte sondern auch als Naturforscher und als Philosoph bei ungewöhnlichen Fähigkeiten keine schaffende Tat vollbrachte? daß sein wissenschaftlicher Name nur in einen Ringgebirge auf dem Mond und in den „Lichtenbergschen Figuren fortlebt, die auf elektrisirten Körpern sich bilden? War es die verhängnisvolle Gebrechlichkeit seines Organismus, die ihn halb unbewust antrieb, den höchsten Anspannungen seiner Kraft aus dem Wege zu gehen, immer aufzuschieben", wie er von sich klagte, und in zersplitternder Verteilung seiner Interessen die lebener

haltende Ausgleichung zu finden? Lder war es die Anordnung seines geistigen Organismus, daß ihm auf seinem Baum doch nur wol war, wenn er von Ast zu Ast flatterte, nirgends zu lange verweilend; daß sein vogelflarer, humorfroher Blic nur in diesem beweglichen Wechsel sein Genüge fand, sich zur Vervollkommenheit schärfte, bis dann vom höchsten Wipfel des Humors die hellen und tiefen Töne erflangen, die ein cigenster, unvergeßlichster Ges jang sind ?"

Für denjenigen, der in den Garten der Lichtenbergschen Ges danken eingeführt sein wid, ist Wilbrandts hübsche handliche Ausgabe der beste Führer. Für denjenigen, der sich in jenem Garten schon orientirt hat und der schweren veralteten Gejamtausgabe keinen Geschmack abgewinnen kann, fehlt, zum liebevollen Schweifen und genaueren Zusehen, noch eine vollständigere, vor allem auch des pogarth nicht entbehrende, clegante Ausgabe.

Th. Br. Wir erhalten folgende Zuschrift: In Nr. 8 des „Magazins“ rubrizirt mich Verr Friß Kögel, offenbar vom Standpunkt der Standpunktlosigkeit, unter die demokratisch-sozialistischen Feinde Nießsches. Der Begriff Feind scheint zu schwanken. Wenigstens hat mich Mar Nordau wegen meiner Nießscheverehrung unter die ichlimmsten Entarteten gerechnet ein Glück übrigens, daß die promovirten Schäfer Ast ihre diagnostischen Feststellungen ihren Opfern nicht anzuheren vermögen. Wenn Herr Kögel weniger rubris ziren und mehr Inbefangenheit zeigen wollte, so müßte er erkannt haben, daß meine fleine Arbeit über Friedrich Nießsche, die im wesentlichen zwei Jahre früher geschrieben, als sie erschienen ist, und deshalb unter den kritischen Nietzscheschriften die Priorität beanspruchen darf, weit weniger gegen Nieysche als gegen seine „Affen“ gerichtet war. Sie hat in dieser Hinsicht ihre Schuldigkeit getan und ist damit überflüssig geworden. Ich weiß freilich nicht, ob ich durch jolches Bekenntnis zur Affenfeindschaft meine Lage gegenüber den linbedingten verbessere. Wie man philosophische (erkenntnistheoretische u. f. w.) Probleme auf ihre Wahrheit von einem politischen Standpunkt aus prüfen kann, ist mir nicht verständlich wenn ich auch in unserer Zeit des „Wlut“wahns täglich erwarte, daß man gelegentlid) ein mathematisches System aus dem mongolischen, cine Mechanik aus dem senritischen, und eine Logit aus dem arischen oder antisemitischen Najjeninstinkt heraus neu begründen wird. Aber daß man je über erkenntnistheoretische Fragen etwa vom nationalliberalen Standpunkt entscheiden wird, das erwarte ich denn doch nicht, schon deshalb nicht, weil die Erhaltung des Standpunkts allzusehr von den Launen des allgemeinen Wahlrechts abhängen würde. Der Philosoph Niebiche fann wahrhaftig ganz ohne folchen Standpunkt widers legt werden. Wenn ich heute über den Philosophen, nicht über den Künstler, Niepsche, zu urteilen hätte, jo würde ich weit schärfer noch als in meiner Gelegenheitsarbeit betonen, daß es nicht tief, sondern unsäglich seicht ist, in das Zentrum der Menschheitsbetrachtung die Gegensäge von Ich und Tu, von Egoismus und Altruismus, von Individualismus und Sozialismus, von Askese und Genuss zu rüden. Das sind nicht nur keine Gegensäße, sondern es sind aud) gar keine Probleme, die ernster Vordergrundsarbeit wert sind. Das jind lieberbleibsel aus einer überwundenen religiös-metaphysischen erkenntnistrüben Geistesepoche. Deshalb ist man aber noch lange kein Feind Nicksches. Oder ist man verpflichtet, sofern man sich zu den „Freunden" Goethes rechnen will, auch seine Farbenlehre oder seine läppischen Pamphlete gegen die französische Revolution zu unters schreiben?

Hurt Eisner.

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Herr Bourgeois, der Bauunternehmer der Lourdesschen Kirche, hat sich durch Zolas Lourdes in seiner Unternehmerehre gefränkt gefühlt und gegen Zola Klage erhoben. Er ist abgewiesen und in die Kosten verurteilt worden. Die Begründung des gerichtlichen Ulrteils ist in einer Hinsicht interessant: das Gericht hat sich dahin auss gesprochen, daß ein Dichter für die Reden und Benerkungen nicht selbst verantwortlich zu machen ist. Das klingt selbstverständlich und jeder, der über dichterisches Schaffen nur einmal ein ganz klein wenig nachgedacht hat, ist von selbst zu dem Standpunkt gekommen. Für Prebprozesse aber ist es eine Errungenschaft, und Herr Bourgeois hat sich mit seiner Klage entschiedene Verdienste um die Litteratur erworben in Frankreich. Ob auch um die Religion durch seinen Kirchenbau – ? Darüber schweigt das IIrteil.

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