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Der Prätendent an Prinz Karl.

Albano, den 13. Juni 1747. Ich weiß nicht, ob es Dich wundern wird, lieber Carluccio, wenn ich Dir schreibe, daß Dein Bruder am ersten Tage des nächsten Monats Kardinal werden wird. Eigentlich hätte man bei einem Entschluß der Art Dich zu Rathe ziehen sollen, ehe er in Ausführung gesetzt wird. Doch da der Herzog und ich unseren unabänderlichen Beschluß hierüber gefaßt haben und wir voraus sahen, Du würdest ihn wahrscheinlich nicht billigen, so meinten wir, daß es von mehr Rücksicht gegen Dich zeugte und Dir sogar noch '' seyn müßte, wenn die Sache vor sich geht vor dem Eintreffen Deiner Antwort hier selbst, und Du dann sagen kannst, es sei ohne Dein Wissen und Gutheißen gefchehen.“ Es ist wahr, ich erwartete nicht, den Herzog hier so bald zu sehen, und seine Zärtlichkeit und Liebe zu mir trieb ihn zur unternehmung dieser Reise; doch nachdem ich ihn gesehen, erfuhr ich bald, daß der Hauptzweck derselben der sein, sich mit mir ausführlich und freimüthig über den Beruf zu besprechen, den er schon längst in sich gefühlt, in den geistlichen Stand zu treten, und den er mir so lange verborgen und bei sich behalten, ohne Zweifel aus dem Grunde, daß er es in seiner Macht habe, Dir in den Konjunkturen der letzten Zeit von Nutzen zu feyn. Aber jetzt ist die Sache anders, und da ich von der :: keit und Wahrheit seines Berufs vollkommen überzeugt bin, so würde ich dem Willen Gottes zu widerstehen und gegen mein Gewissen zu handeln glauben, wenn ich es wagte, ihn in einer Sache, die ihn so nahe angeht, zu beschränken. Die Grundsätze, in denen ich Dich auferzogen und die ich immer beobachtet, An deren in Sachen der Religion Freiheit zu lassen, haben auch bei dieser Gelegenheit meine Handlungsweise bestimmt, zumal da ein König, der ein Vater seines Volkes seyn will, unmöglich ein Tyrann '' Kinder sein kann. Ueberdies will ich Dir nicht verbergen, mein lieber Carluccio, daß Gründe des Gewissens und der Billigkeit nicht allein mich in diesem Fall bestimmt haben, und daß, wenn ich ernstlich. Alles bedenke, was in Betreff des Herzogs seit einigen Jahren vorgegangen, hätte er nicht den Beru gehabt, den er hat, ich meine besten Bemühungen und alle mögliche Gründe aufgeboten hätte, ihn zu bewegen, daß er in diesen Stand trete. Wenn die Vorsehung Dich zum älteren Bruder gemacht, so ist er doch eben so sehr mein Sohn als Du, und ich bin meine väterliche Sorgfalt und Liebe Dir und ihm in gleichem Maße schuldig, so daß ich geglaubt hätte, in Beiden meine Pflicht gegen ihn zu verletzen, wenn ich mich nicht auf alle mögliche Weise bemüht, ihm, so viel in meinen Kräften, jene ' und Glückseligkeit zu sichern, die er, wie ich sah, in keinem anderen Stand erreichen konnte. Du wirst meine Gedanken errathen, ohne daß ich mich über diesen unangenehmen Gegenstand weiter verbreite, und Du kannst Dich nicht beklagen, daß ich jeden Dienst, den Dir der Herzog hätte leisten können, unmöglich mache, da Du einsehen mußt, daß, Alles genau er wogen, er für Dich in der Welt ohne Nutzen gewesen wäre. Doch blicken wir lieber vorwärts, statt rückwärts. Der Entschluß ist gefaßt und wird ausgeführt seyn, ehe Deine Antwort hier ein: treffen kann. Wenn Du es für gut hält, zu sagen, Du wüßtest nichts davon und hättet ihn nicht gebilligt, so nehme ich Dir das nicht übel; aber um Gottes willen laß nicht einen Schritt, der für den Rest unseres Lebens Friede und Eintracht unter uns sichern sollte, zu einer Quelle von Skandal werden, der mehr auf Dich als auf uns in unserer gegenwärtigen Lage fallen würde, und den ein kindliches und brüderliches Verhalten von Deiner Seite leicht verhindern kann. Dein Stillschweigen gegen Deinen Bruder und was Du mir über ihn schriebst, seitdem er Paris verlassen, würde Dir wenig Ehre machen, wenn es bei kannt wäre; es sind dies Kränkungen, die Dein Bruder nicht verdiente, die aber seine Gesinnungen gegen Dich nicht ändern können. Er schreibt Dir jetzt selbst ein paar Zeilen; doch ich verbiete ihm, sich in Details einzulassen, da dies nach Allem, was ich hier von ihm gesagt, ihm und Dir unnütze Verdrießlich keiten machen würde. Du weißt, daß ich bei vielen Gelegen, heiten. Ursache hatte, über Dich Klage zu führen, und daß ich darum lange Z", en Dich mehr wie ein Sohn als wie ein Vater gehandelt. Doch ich kann versichern, mein Kind, daß ich von allem dem nichts nachtrage, und ich vergebe Dir um so aufrichtig ger und herzlicher all' den Kummer, den Du mir gemacht, da ich überzeugt bin, daß es nicht Deine Absicht war, mir weh zu thun, und daß ich Ursache haben werde, für die Zukunft mit Dir zufrieden zu seyn. Diejenigen, die ihre eigenen Absichten gehabt haben mögen, indem sie uns von Deinen Angelegenheiten zu entfernen suchten, find nicht mehr. Wir sind versöhnt, und Du bleibst Herr, so daß ich kein Korn von Zwietracht mehr übrig sehe, und überhaupt nichts, was unter uns Frieden und Einigkeit für die Zukunft hemmen kann. Gott segne meinen theuersten Carluccio, den ich zärtlich umarme. Ich bin ganz der

Deinige, James R.

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Vor wenigen Wochen hatte ich zum ersten Male Gelegen heit, dem ergreifenden Schauspiel der Hinrichtung eines Soldaten beizuwohnen. Die damit verknüpften Umstände waren von der Art, daß eine genauere Beschreibung derselben nicht ohne Inter effe sein dürfte.

Capitain Nugent, vom 36sten Regimente, stand mit seiner Compagnie zu Moncrief, einem Vorposten auf Barbados. Am Abend des 29. September 1838 ritt dieser Offizier von einem Diner nach Hause, und zwar auf dem Pferde eines anderen ihm

' dem er aber, wie sich bald ergeben wird, die Rettung eines Lebens verdankte. Noch eine halbe Englische Meile von dem Cantonnement entfernt, hörte er plötzlich einen Flintenschuß, Erst kürzlich waren in der kleinen Garnison zwei Selbstmorde vorgefallen, und Capitain Nugent besorgte deshalb mit Grund, dieser Schuß verkünde ein drittes Verbrechen dieser Art. Er spornte das Pferd zum Galopp und fragte, als er Moncrief er reicht hatte, den Sergeant Major, ob Etwas vorgefallen sei. Die Antwort lautete, verneinend; der Schuß war in der Richtung einer benachbarten #“ gehört worden. Um ein Viertel vor zehn Uhr ging der Capitain mit dem Sergeanten aus, um nach den Schild machen zu sehen. Sie fanden den Posten Nr. 3 unbesiegt, kehrten sogleich zurück und zogen deshalb Erkundigung ein. Der wachhabende Korporal erklärte, er habe den Soldaten Michael Kinnelly um 8 Uhr an den Posten Nr. 3 gestellt. Jetzt schickte Capitain Nugent kleine Abtheilungen Soldaten nach verschiedenen Richtungen aus, den Kinnelly zu suchen; allein sie kehrten sämmtlich nach Mitternacht zurück, ohne eine Spur von ihm entdeckt zu haben. Mit Tages- Anbruch wurden neue Patrouillen herumgeschickt, und der Capitain selbst bestieg ein Pferd und ritt aus. Als er etwa zwei Engl. Meilen von den Cantonnement bei einer Hütte, in der man Grog schenkt, vorüberkam, erblickte er hier einen Soldaten, den er sogleich für Kinnelly erkannte. Mit dem Rücken gegen die Thür gelehnt, hielt der Deserteur seine Flinte zwischen den Beinen. Nugent schwenkte sein Pferd, um einem Korporal und zwei Soldaten, die ihm gefolgt waren, zu winken. In demselben Augenblick bemerkte ihn Kinnelly, trat schnell auf die Seite, um “ Hand zu haben, und legte sein Gewehr auf den Capitain an, der nur zehn Schritte von der Thür entfernt war. Der Capitain sprang mit bewun dernswürdiger Geistesgegenwart vom Pferde und stürzte auf Kinnelly los; indem er dies that, bemerkte er, daß Letzterer mit dem Feuerrohr nach seiner (des Capitains) Brust zielte die Flinte schwankte ein paar Augenblicke, dann lag sie wieder fest: Kino nelly's Hand spielte mit dem Schlosse; der Abzug bewegte sich ein entschlossener Fingerdruck, und es war um den Capitain gechehen. Aber der Bösewicht verlor die rechte Zeit – Capitain Nugent kam ihm zu Leibe, packte ihn mit der rechten Hand bei der Gurgel und bemeisterte sich mit der Linken des Gewehrs. In demselben Moment waren der Korporal und die beiden Gemeinen angelangt: Kinnelly wurde entwaffnet und nach dem Cantonne ment abgeführt. Capitain Nugent fand das Gewehr geladen und die Pfanne mit frischem Zündpulver betreut. Es ist ein altes Sprüchwort, daß der Erzfeind seine Opfer im Stiche läßt, sobald die Schlinge, die er ihnen selbst gelegt hat, ihren Fuß umstrickt. Eben so schien es Kinnelly zu ergehen; denn als man bei einer Zucker, Pflanzung vorbeikam, deutete er nach der Stelle, wo er in vergangener Nacht sich versteckt gehalten und einen Schuß gethan hatte, um den Capitain heranzu, ziehen und dann mit einem zweiten Schulte ihn niederzustrecken. „Es war sein Glück“, sagte der Elende, „daß er ein fremdes Pferd ritt; ich hörte den Galopp – ich merkte gleich, daß es ein anderes Pferd seyn mußte – so glaubte ich, der Reiter sey ein anderer Offizier, oder ein Bedienter – und dieser Umstand rettete sein Leben; denn ich hatte mir vorgenommen, ihn zu erschießen.“ Ist es nicht eine merkwürdige Thatsache, daß oft die abscheu lichsten Bösewichter, im Anfang ihrer Verhaft nehmung, ihre beabsichtigten Verbrechen offen eingestehen, gegen sich selbst Zeugniß ablegen und anscheinend nichts Anderes beklagen, als das Mißlingen ihrer blutigen Pläne? Dies ist eine wunderbare, uner klärbare Anomalie der See, e; denn dieselben Menschen leugnen später – vermuthlich bei kühler Ueberlegung – mit großer Ents schlossenheit das Nämliche, was sie ein paar Stunden vorher setz bekannt haben. innelly wurde vor das Kriegsgericht gestellt: die Aussagen des Klägers, Capitain Nugent's, waren klar, bestimmt und männlich. Er berührte das Attentat auf sein Leben so kurz, als er nur konnte, und gab den Gefangenen, so oft dieser eine Frage an ihn richtete, aus Großmuth lauter Antworten, die ihm mög lichst vortheilhaft waren, „Hatte ich“, so entgegnete Kinnelly, „nicht Zeit genug. Sie zu erschießen, von dem Augenblick an, als Sie herbeigeritten kamen, bis zu dem Augenblick, als Sie mich ergriffen.“ „Die hattest Du wohl““, verletzte der Kläger, -, allein Du warst unschlüssig, und ich stürzte auf Dich es „Als Sie mich ergriffen“, fuhr der Beklagte fort, „hätte ich da nicht mein ' ' “ seien können, im Fall ich nach Ihrem Leben gestrebt hätte." - “ “ der Capitain; „als ich Dich bei der

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hatte, – jene Hörner und Trommeln, die ihn sonst täglich an seine Pflicht mahnten, – er hörte sie nun zum letzten Male. Der zur Execution bestimmte Platz war ein niedriges und flaches, dem Soldaten. Kirchhofe gegenüber liegendes Stück Land, auf welchem Unkraut und schmutziges Dschongle üppig wucherten. Die Truppen stellten sich so auf, daß sie drei Seiten eines hohlen Vierecks beschrieben; ein schwarzer Fleck erschien im Mittelpunkt der vierten Seite – es war ein frisch aufgeschüttetes Grab. Die zum Feuern bestimmte Mannschaft – ein Lieutenant, ein Sergeant und zwanzig Gemeine – nahm in der Mitte des Vierecks Poto. Auf ein " des Brigade-Majors verkündete der erste Schlag auf die verhüllte Trommel den Anfang des Trauerzugs. Voran schritten die Spielleute des Regimentes; ihnen folgten vier militairische Arbeiter, die einen Sarg trugen; dann kam der Verurtheilte, von seinem Priester begleitet, und zuletzt eine militairische Eskorte mit umgekehrtem Gewehr. Auf den Hügeln und Felsen in der Nachbarschaft des Wachthauses und des Richtplatzes schaarte sich die schwarze Bevölkerung der Umgegend; alle Negerfrauen erschienen weiß gekleidet, zum Zeichen der Trauer. Es herrschte eine feierliche Stille, die nur der ergreifende Todtenmarsch aus dem Oratorium „Saul“ unter brach. Der Zug bewegte sich in langsamen gemessenen Schritten vorwärts, und mit jedem Schritte wurden die Grabestöne der verhüllten Trommel vernehmlicher - Endlich trat der Zug am rechten Ende des Vierecks in den eingeschlossenen Raum und umging die drei Seiten desselben. Die Blicke aller Anwesenden waren auf den Verurtheilten gerichtet, allein er selbst sah Niemanden. Kinnelly trug die weiße Verbrecher Kleidung, und seine Arme waren auf dem Rücken gefeffelt; er schritt eben so sicher und taktfest einher, als ging es zur Parade. Auf einem blaffen Angesicht las man ruhige Fassung; die tiefen Furchen der Stirn, und der scheue Verbrecher Flick, den er vor Gericht gehabt, waren verschwunden. Seine ganze Aufmerksamkeit schien auf das Anhören der Zeitgründe

gerichtet, die ihm der ehrwürdige Beichtvater einflößte.

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Als der Brigade-Major die Verhandlungen und den Spruch des Kriegsgerichtes vorlas, machte Kinnelly ihm und dem Obersten seines Regiments eine tiefe Verbeugung. Dann trat er ein Paar Schritte voran und sprach, mit Ruhe sein Haupt erhebend:

„Kameraden, ich sterbe gern. Ich liebte meine Offiziere; aber hütet euch vor dem Ruin – hütet euch vor der Trunken heit – ' ist mein Verderben gewesen und hat mich zu diesem Ende gebracht.“ Er schloß seine Lippen, seine letzte Handlung war vollzogen. Noch einmal hielt die Trauer Prozession ihren " und als man wieder zum Grabe gekommen war, trat Kinnelly in seinen Sarg. Der Geistliche zog ihm eine weiße Kappe über das Geficht, und sie beteten noch ein paar Minuten z: Unterdes rückte die Abheilung, welche feuern sollte, bis in eine Entfernung von zwölf Schritten heran; der Priester entfernte sich z von dem Verurtheilten und winkte mit seinem Schnupftuche. an hörte nichts, als den schweren Athem der Truppen und das Klirren der Flintenschlösser – plötzlich erfolgte eine Salve aus zwanzig Gewehren, und die weiße Figur, welche so gerade und fest, wie eine Statue, dagestanden hatte, war verschwunden – der entseelte Körper Kinnelly's lag ausgestreckt über seinem Sarge. Die Truppen zogen in geschlossener Reihe an den zerschmetterten

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Quarbände, welche die jämmtlichen eigenhändigen Manuskripte

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für die

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einer raschen Beförderung der Personen und Waaren, zu Stande

gekommen sind; man hat in Bezug auf Frankreich noch größere Wunder vorher verkündet, wenn man sich nur hier erst ans Werk machen wolle. Wie indeß die Sache anzugreifen fey, und unter welchen besonderen Umständen dieselbe ins Leben treten müsse, davon hat man wohlweislich weniger gesprochen. Wo man übrigens auf diese Gesichtspunkte eingegangen ist, da hat man wenig Haltbares zu Tage gebracht, und bis auf diese Stunde sucht man noch in Frankreich, in Bezug auf die anzulegenden Eisenbahnen, nicht einmal nach dem absolut besten Verfahren, sondern auch noch nach demjenigen, welches die wenigen Erfahrungen auf diesem weiten Gebiete, die große Zersplitterung des Privat Vermögens und die Gewohnheit, der Regierung. Alles anheimzustellen, wie sehr man auch in Uebrigen dieselbe schmähe, als das zweckmäßigste erscheinen laffen. In der vorjährigen Session der Kammern bekämpften sich das Ministerium und die Deputierten Kammer auf dem unsicheren Boden der Eisenbahn, beide fest entschlossen, keine ihrer Ideen aufzugeben. Das Ministerium nahm alle Bahnen oder wenig stens alle Hauptlinien für eine bevorrechtete Körperschaft, für das Departement der Brücken und Heerstraßen, in Anspruch; die Kammer wollte sie ausschließlich den Compagnieen überweisen, um dadurch die Entwickelung des Associationsgeistes, von dem man Wunder erwartete, zu begünstigen. Wenn beide Staatsgewalten ihre Ansichten über diesen Punkt einander so schroff gegen überstellten, so muß man dies wohl theilweise auf Rechnung des Widerspruchsgeistes setzen; theilweise ließen sie sich auch durch ihre gegenseitige Stellung dabei bestimmen. Das Ministerium glaubte sich natürlich, wie jedes andete Ministerium, zur Veriheidigung der Rechte der Verwaltungs-Behörden berufen, und die Deputierten Kammer warf fich, wie dies in der Lage der Sachen gegeben ist, zum Verfechter der Privat-Industrie gegen die Ansprüche des Staates auf. Wir sind weit entfernt, das erste Votum, welches die Kammer in dieser Angelegenheit abgab, einer systematischen Feindseligkeit, deren man schon damals die

Coalition beschuldigte, zuzuschreiben; dieselbe konnte ganz andere

Fragen aufgreifen und hat sie auch aufgegriffen, um ihre Kräfte zu erproben. Gewiß waren unter der Majorität, welche sich gegen die Ansichten des Ministeriums aussprach, viele Depus irte, welche die Gelegenheit, ihm zu schaden, begierig ergriffen, aber dieselben gehorchten doch mehr einer inneren Ueberzeugung, welche ihnen sagte, daß man das Staats Vermögen nicht mit einer ungeheuren Ausgabe belasten dürfe, bevor man nicht versucht habe, was die Privat-Affociationen leisten könnten. Uebrigens standen beide Parteien bei der Erörterung dieser wichtigen Frage nicht bloß unter dem Einfluffe eines blinden Oppositionsgeistes und wurden nicht bloß von dem Wunsche beseelt, ihren Schütz lingen zu nützen. Beide konnten zur Unterstützung ihrer Ansicht ten glänzende Erfahrungen aus anderen Ländern anführen. Die Verfechter der Compagnieen konnten sich auf das Beispiel Eng lands und Amerika's stützen, und sie ermangelten nicht, es zu hun. Die Schutzredner der Privilegien des Departements der Brücken und Heerstraßen citierten das, was in einem benachbarten Lande, in Belgien, auf eine so rasche und erfolgreiche Weise ins Werk gesetzt worden war. Ein Umstand, und vielleicht der wichtigste, wurde dabei über sehen. In beiden Heerlagern wappnete man sich mit fremden Erfahrungen und versäumte darüber, im eigenen Lande Beobachtungen anzustellen. Hätte man dies gethan, so wäre man viel leicht auf die Idee eines gemischten Systems geführt worden, und die Kräfte der Regierung und die Hälfsquellen der Specu lation hätten zu einem gemeinsamen Zwecke vereinigt werden

können. Vor ungefähr einem Jahre kam man freilich auf den Gedanken eines gemischten Systems, und zwar so, daß der Staat und die Compagnie sich zu gleichen Theilen in die Hauptlinien theilen sollten. Unglücklicherweise aber war dies nicht das geeignete Mittel, die Staats-Affociation und die Privat- Affociation zum Streben nach einen Ziele zu vereinigen. Auf diese Weise mußte zwischen beiden Gesellschaften, welche sich hätten die Hand reichen sollen, nicht ein ersprießlicher Wetteifer, sondern eine störende Eifersucht erweckt werden; die Mängel einer jeden mußten so ohne Gegengewicht bleiben. In der That würde bei einer so anarchischen Vereinigung, wenn man auf einer solchen Grundlage weiter gebaut hätte, eine jede Linie nur ihre eigenen Uebelstände zu tragen gehabt haben, ohne in den Vortheilen des an deren Systems einen Ersatz zu finden. Oft würden sogar beide an der Unmöglichkeit gescheitert seyn. Eben so gut hätte man die sich selbst widersprechenden und sich aufhebenden Behauptungen - aufstellen können: Frankreich befinde sich in derselben Lage wie die Vereinigten Staaten und England, wo die Anlegung der Eisenbahnen der Privat-Industrie zufällt, oder Frankreich sei in demselben Falle von Belgien, wo der Staat als der geeignetste und sicherste Unternehmer der Eisenbahnen erachtet wurde. "Man that nichts Anderes, indem man Frankreich in zwei gleiche Theile zerschnitt und den einen den Experimenten der Privat-Industrie, den anderen dem Departement der Brücken und Heerstraßen zu wies und beiden die ausgedehntesten Vollmachten gab, in ihren beiderseitigen Bezirken ausschließlich ihre Theorieen in Anwendung zu bringen. Es fragt sich, welchen Werth haben die aus der Fremde rbeigeholten Beispiele, und in wie weit können England, merika oder Belgien für Frankreich als Muster hingestellt werden, da man doch einmal die Eisenbahnen in Frankreich nach den doppelten Vorbilde, welches diese drei Völker hingestellt haben, zuschneiden will, ohne irgend eine durch Frankreichs Eigenthüm, lichkeit bedingte Veränderung zuzulaffen. Hierauf könnte geant wortet werden, daß, wenn eines dieser Völker eine solche Aehnlichkeit mit Frankreich hätte, daß man sein Beispiel knechtisch nachahmen müßte, hierdurch schon von selbst die vollständige Annahme dieser verschiedenen Muster wegfiele. Und dennoch scheint man dies bezweckt zu haben, als man beide entgegengesetzte Mes thoden zur Ausführung bringen wollte. Erwägt man indes die Eigenthümlichkeit dieser drei Völker, so kann man die wesentlichen Unterschiede, welche zwischen ihnen und den Franzosen bei stehen, nicht in Abrede stellen. Diese finden in allen den Beziehungen statt, welche hier vorzüglich in Anschlag gebracht werden ' in dem Nationalreich heune, in der Ausdehnung der Länder, in der Dichtigkeit der Bevölkerungen, in den Veran, laffungen zum Reisen, in der Lebhaftigkeit des Handels, überhaupt in allen Bedingungen, welche eine rasche Beförderung

nothwendig machen. Um mit England den Anfang zu machen, so fällt zunächst auf, daß dieses Land durch das än von Privatpers sonen ein großes Eisenbahnnetz ins Leben rufen konnte, während dieses hier so wirksame Mittel fich in anderen Ländern, besonders in Frankreich, erfolglos zeigte. Das eigentliche England hat eine Bodenfläche von 9921 Französischen Quadratmeilen; “ dagegen hat ein Areal von 34,512 Quadratmeilen. Hieraus sieht man schon, wie viel leichter es den Engländern werden mußte, ihr Land mit Eisenbahnen zu durchziehen. Die Bahn von London nach Liverpool, welche jetzt ganz vollendet ist, hat ungefähr dieselbe Ausdehnung, wie die projektierte Französische Hochebnenbahn mit ihren bedeutendsten Abzweigungen. Aber durch eine Verbindung Londons und Liverpools werden auch die beiden Meere verbunden, welche das mächtige Inselland im Osten und Westen bespülen. Jede Bahn, welche künftig von dieser großen Pulsader auslaufen wird, z. B. die von Brighton, wird ohne eine eben sehr kostspielige Verlängerung an dem Vor theil der Verbindung der Nordsee und des Kanals mit der Irischen See uud den St. Georgs-Kanal Theil nehmen können. Ün Englands begünstigte Lage ganz zu begreifen, muß man daran denken, ' die Meere, welche es von allen Seiten ums fließen, seine “ feine große Handelsstraße bilden, und daß die Eisenbahnen im Innern des Landes nur als Abzweigungen derselben anzusehen sind. Hier braucht das Werk, welches die Natur nach einem so großen Maßstabe angelegt hat,

nur weitergeführt zu werden. In Frankreich dagegen muß die Kunst. Alles schaffen, und sie hat eine ungeheure Aufgabe zu vollbringen; die Hochebnenbahn, welche wir mit der Bahn von London nach Liverpool verglichen haben, ist nur der erste und kürzeste Abschnitt einer Eisenbahn, welche beide Meere zu verbin den hätte; dieselbe müßte von Paris nach Marseille fortgeführt werden." Ein wie schwieriges und kostspieliges Unternehmen für eine Gesellschaft, welche auf sich selbst beschränkt wäre! Sodann ist auch noch zu bedenken, daß England verhältniß, mäßig weit bevölkerter ist als Frankreich, daß den Engländern aller Klaffen der Trieb der Ortsveränderung in wohnt, und daß fie ein wahrhaftes Bedürfniß haben, das Innere des Landes nach allen Richtungen zu durchstreifen. Hierdurch wird die Bevölker rung, vermöge der raschen Beförderung, verdoppelt oder verdreifacht, und die Eisenbahnen erhalten so einen ungemeinen Vortheil, der den Französischen Spekulanten ganz entgeht. Wo wollte man in Frankreich unter den günstigsten Voraussetzungen eine Eisenbahnlinie auffinden, welche, wie die von London nach Birmingham, einen reinen Ertrag von 9 pCt. gewährte, wenn die Anlagekosten sich auf 2500000 Francs oder gar 3,000,000 Francs für die Französiche Meile beliefen? Die günstigen Resultate, welche dies kühne und kostspielige Werk schon jetzt ergiebt, sind natürlich nur geeignet, die Eng lischen Kapitalisten zu ähnlichen Unternehmungen zu ermuntern, während in Frankreich nur fast eben so große Opfer ohne Auss ficht auf einen gleichen Gewinn zu fürchten find. Damit ist in deß noch nicht. Alles erschöpft; in dem Nachbarlande ist ein größerer Ueberfluß an Kapitalien, und dieselben erhalten bestän dig neuen Zufluß aus tausend anderswo unbekannten Hüfsquellen. Dadurch erhalten die Speculationen eine solche Kühnheit und Großartigkeit, und man macht täglich die gewagtesten Versuche, die in Frankreich, in Betracht des geringeren Nationalver mögens und der weniger ausgedehnten Handelsbeziehungen, aben teuerlich und verwegen erscheinen müßten. Dabei haben wir die Subsidien, welche das Parlament den Eisenbahn - Gesellschaften auf ihr Ansuchen zuweilen bewilligt, noch gar nicht in Anschlag gebracht. Diese Hülfsbewilligungen find übrigens von ganz ei: ener Beschaffenheit und ganz anders aufzufaffen, als es in #"ei in den meisten Fällen geschehen würde: das Parla ment bewilligt Subsidien, für welche es fich Zinsen bezahlen läßt, die durch ein besonderes Gesetz bestimmt werden. Beruht die Speculation also auf keiner ficheren Grundlage, so darf sie auch auf diese bezahlte und verzinste Unterstützung keine große Hoffnungen setzen. Eine beim Staate aufgenommene Anleihe ist nur eine Last mehr, ist ein Beweis, daß die Kostenanschläge über schritten sind, und es kann daraus nur ein ungünstiges Vorurtheil gegen das Unternehmen erwachsen. Man darf also wohl behaup» en, daß in England die Kapitalien durch eine besondere und eigenthümliche Kraft nach diesem Industriezweige hingeleitet wer den. Die Eisenbahnen würden hier gern des unvollkommenen und eigennützigen Schutzes, zu dem sie zuweilen ihre Zuflucht nehmen, entrathen. In den Vereinigten Staaten find die Kapitalisten gewiß nicht weniger unternehmend als in England, aber das Umlaufs Kapi tal ist hier nicht so beträchtlich. Das bewegliche Vermögen, welches in der alten Welt aus den lich Fonds beständig den industriellen Unternehmungen zu str mt, und aus diesen wie der in die öffentlichen Fonds zurückfließt, hat in Nord-Amerika noch nicht diese Flüssigkeit erhalten, oder vielmehr die Leichtig keit und Ausdehnung des Geldumsatzes ist nur eine scheinbare ewesen und gründete fich nur auf ein unhaltbares Kredit-System. ' den Vereinigten Staaten würden die flüssigen Kapitalien nicht für die '' von Eisenbahnen ausreichen, wenn die selben hier eben so große Summen wie in England verschlängen. Außerdem ist die Bevölkerung in diesem Lande ungleich weniger dicht, als in Großbritanien, und die Bodenfläche, welche von den Eisenbahnen durchzogen werden soll, ist, besonders wenn man das unbebaute Land hinzurechnet, von einer so ungeheuren Ausdehnung, daß die schon spärliche Bevölkerung dadurch noch dün ner wird. Da trotzdem die Ausführung von Eisenbahnen hier möglich geworden ist, ohne daß die s sich sehr lebhaft oder auf direkte Weise dafür interessiert hätte, so läßt es sich wohl kaum bezweifeln, daß die Speculation hier durch die Oertlichkeit und andere Umstände in einer Weise begünstigt worden ist, wie fie es in Europa niemals werden könnte. In der That hätten die so weit auseinanderliegenden Bun desstaaaten ohne die Eisenbahnen nicht ihre gegenseitigen Naturerzeugniffe und ihre geistigen Schätze austauschen können. Ver. geblich würde das jungfräuliche Land seinen Bebauern einen so reichen Ertrag gewähren, wenn der Ueberfluß desselben keinen Abfluß fände. Ohne die Aussicht auf einen Absatz seiner Erzeug niffe in der Ferne würden die Kolonisten nicht in die Einöden und Urwälder des Westens vorgedrungen seyn. Die Niederlassungen wären in diesem Falle auf die Staaten beschränkt geblieben, in denen sich schon eine dichtere Bevölkerung gesammelt hatte. So wäre der Kultur ein ungeheures Gebiet entzogen worden, oder sie hätte sich erst nach Jahrhunderten eine Aufgabe stellen können, die jetzt schon zum großen Theile gelöst ist. Zu erst mußten Wege eröffnet werden, denn es waren keine in Lande vorhanden, und da wählte man gleich die vollkommenste Art derselben. Indes verfuhr man dabei auf eine ökonomische Weise; die Schienen waren plump, und man ließ Senkungen und Krümmungen zu, so oft die Beschaffenheit des Bodens oder ein wohlverstandenes Intereffe diese Unvollkommenheiten anzu:

rathen schienen. Selbst in Europa, wo die Kunst ihre höchsten Triumphe feiert, nimmt man die Sache nicht so genau, wenn die Bahn für die Benutzung eines Schmelzofens, eines Hammer, werks oder einer Steinkohlengrube bestimmt ist. Diese Bestimmung haben wesentlich die Nord-Amerikanischen Eisenbahnen, und es kömmt hauptsächlich nur darauf an, daß sie die nöthige Länge haben. So begreift man leicht, daß hier die Eisenbahnen durch die Beisteuer der bescheidensten Ersparniffe zu Stande kommen konnten; selbst wenn sie den Theilnehmern keine große Vortheile gesichert hätten, so waren sie doch in höchsten Grade nützlich und ein wahrhaftes Bedürfniß. Hiernach ist es denn auch klar, daß diejenigen Staaten, welche eine Uferbegränzung haben, oder in denen die Eisenbahnen auslaufen, die mächtigsten Beweggründe hatten, diese Unternehmungen, welche durchaus nicht aus dem Gesichtspunkte einer gewöhnlichen Spcculation zu betrachten sind,

zu unterstützen. Das nächste und wichtigste Interesse ist, die Pro

dukte zu verwerthen, was ohne freie Circulation nicht möglich ist. Die Eisenbahnen sind die Nebensachen; die Nutzbarmachung des Bodens, die Manufakturen und der Handel die Hauptsache.“ Die Actionaire selbst denken weniger an den direkten Gewinn, den ihnen die Eisenbahnen gewähren, als an die Beförderung des allgemeinen Wohlstandes, dessen Hebel dieselben sind. In Frankreich tritt eigentlich keiner von den Umständen, welche die Anlegung von Eisenbahnen so nothwendig machen, ein; es sind weder dieselben Antriebe, noch dieselben Bedürfniffe oder Aussichten wie in England und Nord Amerika vorhanden. Es muß hier ein Hebel gefunden werden, welcher die Stelle der jenigen vertreten kann, die in England und Amerika so mächti wirken, denn bis jetzt sind die Fränzösischen Spekulanten "# nicht in Bewegung zu setzen gewesen. Vorher wäre indes noch zu prüfen, ob nicht Frankreich vielleicht das von Belgien aufge stellte Beispiel zum Muster nehmen sollen. Hier müssen wir ' vorworten, daß wir allerdings zu der Ansicht hinneigen, welche dem Staate die Errichtung der Eisenbahnen übertragen will. An Gründen zur Unterstützung dieser Ansicht dürfte es wohl nicht fehlen, indes ist Belgien noch das einzige Land, welches dieselbe bis jetzt praktisch durchgeführt hat, und wir wollen daher das hier befolgte Verfahren etwas näher betrachten. Freilich ist die Reihe der Erfahrungen noch keineswegs geschloffen, indes er #" sich auch aus dem, was bis jetzt bekannt ist, für den eobachter schon ein einigermaßen genügendes Resultat. Es braucht wohl kaum noch an die unglaubliche Dichtigkeit der Bes völkerung des kleinen Königreichs erinnert zu werden; daffelbe zählt vier Millionen Einwohner, also den achten Theil der Bes völkerung Frankreichs, auf einer sechzehnmal kleineren Boden fläche. Eine solche Begünstigung bleibt lange das Eigenthum des Volkes, dem sie einmal zu Theil geworden ist, und dieser Unterschied kann nur im Laufe von Jahrhunderten ausgeglichen werden. Belgien erfreut sich übrigens noch anderer Vorzüge. Außer den Gebietstheilen, welche es von Limburg und Luxemburg in Anspruch nimmt, begreift es nur noch neun Departements des ehemaligen Französischen Kaiserthums, und diese geringe Ausdehnung gestattete es, die Leitung aller Eisenbahn-Angelegen heiten. Einem Manne zu übertragen. Der Beamte, dem dieses Geschäft übertragen wurde, hatte keine andere Obliegenheiten, welche eine Zeit und seine Kräfte in Anspruch genommen hät ten, und konnte daher die Sache mit einer so außerordentlichen Schnelligkeit und einem solchen Nachdrucke betreiben. Da fragt es fich denn, wird man in Frankreich denselben Weg einschlag gen? Wenigstens wäre es hier nothwendiger als irgendwo, wenn die Regierung die Ausführung der Eisenbahnen übernehmen wollte. Das Eisenbahnnetz, welches Frankreich durchziehen - sollte, müßte natürlich weit ausgedehnter und verwickelter seyn, als das jenige, welches für Belgien genügt. Dem Departement der Brücken und Heerstraßen" liegen indes mehr Arbeiten vor, als es ausführen '' wenn es den Kreis seiner gewöhnlichen Beschäftigungen nicht überschreiten und fich nur mit der Vert befferung der Kanäle, der Flußschifffahrt, der Brücken, Heer straßen u. f. w. befaffen wollte. Die Zahl der Ingenienre müßte also vermehrt werden, und durch diese Vergrößerung des '' nals würde eine neue Abtheilung, welche sich ausschließlich mit den Eisenbahn-Angelegenheiten zu beschäftigen hätte, entstehen. Mag aber dies und vieles Andere geschehen, so ist immer noch nichts gethan, wenn man nicht die Oberleitung einem Minister und einem so zuverlässigen Manne, wie Herrn Nothomb, über trägt. Aber unsere Minister sind allen politischen Schwankungen unterworfen und nicht sicher, ein halbes Jahr lang ihren Platz zu behaupten. Welche parlamentarische Notabilität würde sich wohl dazu verstehen, allen Partei-Umtrieben zu entsagen und Jahre lang bescheiden und in der Stille Gutes zu wirken? In der Erwartung befferer Zeiten würde man also wohl genöthigt seyn, zu den Gesellschaften zurückzukehren; aber auch hier würde das zu befolgende System ein anderes und weniger einfaches als das in England und Amerika durchgeführte seyn. Die Trennung und Vers einzelung der Gesellschaften hat nur traurige Früchte getragen, und ihre zu große Freiheit ist ihnen verderblich geworden; fie haben sich nicht bewegen können, weil ihnen das Leben fehlte. Wenigstens findet das Gesagte auf die größeren Gesellschaften

seine Anwendung. - (Schluß folgt.)

Graf Beugnot in den Revolutions-Gefängniffen. 1793 – 94. (Schluß) Unter den Generalen, die für das Revolutions-Tribunal reif waren, befand sich ein Divisions-General, Namens Lamarlière, der in Lille kommandierte, als die Oesterreicher unter den Herzog von Sachsen, Teichen diese Stadt angriffen. Dieser Mann war dem ancien régime nicht ganz fremd gewesen; er bekleidete nämlich vor der Revolution das etwas lächerliche Amt eines Wind, spiel-Kommandanten Monsieur"s. Als dieser Prinz auswanderte, ließ er die Windspiele und den Kommandanten in Frankreich zu rück. Lamarlière, der ehrgeizig war, wechselte schnell die Farbe; aus einem Anhänger der Constitution von 1791 wurde er 1793 Republikaner, war aber übrigens ein Mann von Geist und lie benswürdigem Charakter, obgleich etwas zur Intrigue geneigt. Trotz dem Allen klagte man ihn an, daß er als Commandeur von Lille die Republik verrathen, und dieser Verrath muß von anz besonderer Art gewesen seyn, da der Herzog von Sachsenechen die Blokade aufgehoben und # nicht ohne Verlust an Menschen und Geschütz zurückgezogen hatte. Die Sache dieses armen Generals war nur eine gute, und er vertheidigte fich auch mit eben so viel Gewandheit als Muth. Bei seinem freund lichen, zuvorkommenden Benehmen gelang es ihm im Gefängt niß selbst, die Richter, die Geschworenen, die Gendarmen, ja, selbst die Thürwächter für sich einzunehmen. Niemand zweifelte, daß man ihn freisprechen würde, und alle Welt war von ihm entzückt. Er war auch die Veranlassung einer Beschwörungsscene in der Conciergerie, von der ich bald mehr sagen werde und wo ein Adjutant des Grafen d'Estaing die Rolle der Pythos niffe spielte. Die rasche Erfüllung der Prophezeiung erfüllte uns Alle mit abergläubischen Ideen, und die Schrecken der Gegen wart steigerten sich durch die der ' ein Wunder war es, wenn der stärkste Geist hier seine Faffung behielt. Und als sollte

Alles in Lamarlière's Ende ungewöhnlicher Art seyn, gab ihm

das Geschick zum Begleiter aufs Schaffot meinen alten Schloß kameraden Parisot, der, nachdem er während der Revolution die verschiedensten Beschäftigungen ergriffen, ohne sein Glück zu fin: den, zuletzt aristokratischer Journalist wurde und als solcher den Tod fand. Er hatte gleichzeitig mit Lamarlière das Schaffot bestiegen, wo der Letztere sich einfallen ließ, das honorable Pu blikum zu haranguiren, zu erklären, daß er immer Republikaner gewesen und es bis auf den letzten Blutstropfen bleiben werde, und dem guten Volk seine Familie und sein Andenken zu empfehl len. Da er nicht enden wollte, wurde Parisot ungeduldig und rief mit lauter Stimme, indem er die Achseln zuckte: „Bürger, glaubt ihm doch nicht: er ist mehr Aristokrat als ich.“ Doch ich kehre zu der Beschwörungs-Scene zurück, deren ich oben gedacht. Der Adjutant des Grafen d'Estaing hatte den Amerikanischen Feldzug mitgemacht; er war ein gebildeter Mann, von feinen und behutsamen Manieren. Wir kamen alle Abend mit ihm und Lamarliäre zusammen, in dem Zimmer eines gewissen Bunel, der zum Konvent gehörte, aber ein durchaus wohlmeinen der Mann war und während eines langen Aufenthalts im Eng lischen Indien mit Eifer die ersten Spuren menschlicher Eivin sation verfolgt hatte. Wir spielten gewöhnlich eine Partie Whist, und wenn noch Zeit übrig war, ehe man Jeden in seinen Kerker wies, unterhielten wir uns über einen Gegenstand der Philos fophie. Um diese Zeit pflegte auch Bailly in unser Zimmer zu kommen, und er schmeichelte sich, hier eben so pünktlich zu seyn, wie früher in der Akademie. Der Adjutant stellte die Behaupt tung auf, daß das, was wir das Mögliche zu nennen pflegten, nur eine Bestimmung unserer Unwissenheit fey, die in der Zus kunft sich als unwahr erweisen müsse. Er hatte Beispiele genug, um zu beweisen, wie sehr sich die Schranken des Möglichen seit Pythagoras und Aristoteles erweitert hätten. Das Christenthum, meinte er, habe den Schwung der Geister gehemmt, und darum freue er sich über den Sturz, der ihm drohe. Sein ReligionsSystem war der Pantheismus: er glaubte, es gebe eine unzäh lige Menge belebter Wesen, die fich unserem Sinne entzögen, und der Mensch nehme noch lange nicht den Platz ein, der ihm in dem großen Ganzen gebühre. Bunel, dem es darum zu thun war, nicht umsonst. Indisch gelernt und Pagoden besucht zu has ben, unterstützte den Adjutanten mit Autoritäten, deren Echtheit zu prüfen wir nicht vorbereitet waren. Der General hielt fest an der Philosophie seines alten Voltaire; er gab zu, daß die Naturwissenschaften einige Fortschritte gemacht äe" im Uebrigen schien ihm nichts so wechselnd und unsicher, als das, was von jedem Jahrhundert die Wahrheit genannt würde; er glaubte, die menschlichen Ideen bekämen von jeder Epoche andere Formen, '' sich aber immer in einem bestimmten Kreise, den fie nie überschreiten könnten. Unter Anderen bemerkte er auch Fols gendes: „Sie loben gewiß, meine Herren, den Bischof von aris, der so eben im Konvent öffentlich seine Religion abger schworen. Gut! wir stehen nicht fern vom Ende des 18ten Jahrhunderts, und es ist nicht wahrscheinlich, daß Einer von uns das 19te erlebt; aber ich prophezeie, es wird noch eine Zeit kommen, wo man Kapuziner Prozessionen in den Straßen von Paris sehen wird, und Konvents Mitglieder, die mit dem Rosen kranz in der Hand daran Theil nehmen, wenn es ihnen gestattet wird.“ Bailly war für die erste Ansicht und für die unendliche Perfektibilität des Menschengeschlechts: „Der Orkan, der in diesem Augenblick tobt“, sagte er, „beweist freilich nichts und wird gar viele Blätter des Waldes verwehen, ja er wird einige

Bäume entwurzeln; aber er wird auch alten Schmutz wegschaffen, und der gereinigte Boden kann dann ganz neue, bisher unbe: kannte Früchte liefern.“ – Gegen das Ende einer solchen unter haltung fragte der General den Adjutanten: „Sie glauben also an Mesmer, Cagliostro und tutti quanti?" – „Allerdings“, ant, wortete der Adjutant kalt. – „Ich möchte sehr gern vor meinem Tode noch einer Scene aus dem Gebiet des Somnambulismus beiwohnen.“ „Das ist hier nicht leicht, doch ich will hun, was ich kann.“ Dieser Adjutant, der, ich wiederhole es, eben so sehr gebil: det als verständig war, sucht sich nun mit vielen Ernst die vers fchiedenen Instrumente, deren er zu einer solchen Scene bedarf, '' und unter dem Mittags-Couvert eines Jeden von uns in die Conciergerie einzuschmuggeln. Eine Seherin hineinzubringen, war nicht möglich; man mußte sich also mit einen jungen Knaben behelfen, der die nöthigen Bedingungen erfüllte: d. h. er durfte nicht älter, als 12 bis 14 Jahre, mußte unter dem Zeichen des Schützen, der Zwillinge oder der Jungfrau geboren und vor Allem von makelloser Reinheit sein. Als es endlich ge: lungen war, einen solchen zu finden, traf der Beschwörer in dem Lokal, wo wir gewöhnlich die Whistpartie spielten, alle Anstalten, die feine Operation erforderte, und wir konnen an dem bestimmt ten Tage zusammen. Nachdem das Kind vor der Glaskugel eine knieende Stellung eingenommen, fragte der Beschwörer den General, welches Faktum der Vergangenheit oder Zukunft er zu wiffen wünsche. – „Das Urtheil, das mich erwartet.“ – „General, wählen Sie einen anderen Gegenstand, ich wäre außer mir, wenn die Antwort schlecht ausfiele.“ – „Ich bleibe dabei und versichere Ihnen, daß die Antwort, welcher Art sie auch feyn möge, mich nicht erschrecken wird.“ – „Dann bin ich gezwungen, die Beschwörung aufzugeben, und wir kehren zum Spiel zurück.“ – „Wie? so schnell verlieren Sie den Muth, noch ehe Sie angefangen haben! ' ahnte es gleich, daß hier nur Kinderei dahinterstecke.“ – „Sie wollen es durchaus, General Gut, dann fange ich an.“ Nachdem sich der Beschwörer und der Knabe eine halbe Stunde lang heftig angestrengt, schwitzten fie. Beide große Tropfen, und auch die drei Zeugen waren durch die Erwartung und die Zuckungen, die sie vor sich sahen, höchst unangenehm aufgeregt. Endlich trübt sich das Waffer, und das Kind schreit, es sehe. – „Was?“ „Zwei Männer, die sich schlagen.“ – „Wer find fie?“ – „Ich weiß nicht.“ – „Wer find sie?“ Und jede Frage wird mit Beschwörungen, Drohungen und Geschrei so lange wiederholt, bis endlich das Kind antwortet: „Mein Gott! ein Nationalgardist und ein Offizier.“ – „Wer ist der Stär kere?“ – „Ach, mein Gott, der Nationalgardist streckt den Offizier nieder und haut ihm den Kopf ab!“ – Und nach diesen Worten fällt das Kind rücklings zu Boden. Der arme General, der noch eben erst so gefaßt schien, zitterte jetzt an allen Gliedern. Wir suchten ihn damit zu trösten, daß das Urtheit, wonach er gefragt, und der Kampf zwischen einem Nationalgardisten und einem Offizier nichts gemein ha?e. Diese Scene hatte den 20. Dezember stattgefunden; am Abend des 21sten empfing der General seine Anklageakte, den 23sten wurde er verurtheilt und an demselben Tag von dem Henker hingerichtet, der zu jener Zeit als Grenadier der Nationalgarde gekleidet war. – Von den Zeugen, die der Scene beiwohnten, bin ich der Einzige, der noch lebt; doch zur Noth könnte ich auch an Herrn Bailleul appellieren, einen Konvents - Deputierten, der in der Conciergerie denselben Flügel bewohnte, wie wir. Zwar war er selbst bei der Beschwörung nicht zugegen, er muß sich aber erinnern, welches Aufsehen sie damals im ält machte. Daß dies eine Taschenspieler-Scene gewesen, zweifle ich; der Adjutant war viel zu ernst und wahrheitsliebend, um sich einen so strafbaren Scherz zu erlauben. Auch hatte er weder Zeit, noch Mittel gehabt, das Kind abzurichten, welches man von fünf an deren ausgewählt. Endlich waren wir schon im Begriff gewesen, die Operation aufzugeben, aus Furcht, Robespierre möchte davon erfahren und eine ' in ihr wittern. Wenn mir Jemand diese Beschwörungs-Scene erzählte, würde ich ungläubig dazu lächeln; es steht also auch meinen Lesern frei, sie nicht zu glauben. Man kann sich denken, daß sie von Leuten, die nichts Besseres zu thun hatten, oft und viel bei sprochen wurde; aber eine befriedigende Lösung erreichten wir nie. War an diesem Apparat. Alles Täuschung, dann hatte man Lamarlière damit kränken wollen; diese Kränkung konnte nur von einem Feinde ausgehen, und der General war nur von Freunden umgeben, die das gemeinschaftliche Unglück rasch verband; auch ist es nicht denkbar, daß man zu einem solchen Streich einen so furchtbaren “ einen so schrecklichen Ort ausgesucht hätte. Was den jungen Menschen betrifft, so war dieser der Sohn eines Thürwächters, Namens Langlois, welcher selbst zu gegen war, um den Sohn fortzunehmen, sobald man ihn etwas Ün ziemliches zumuthen sollte. In der Halsbandgeschichte kommt eine ähnliche Scene vor; hier spielt die Latour die Rolle der jungen Unschuldigen. Sie sieht den Engel Gabriel in die Wasser kugel steigen, und durch diesen schaut die Alles, was man dem allzu leichtgläubigen Kardinal einreden mufte, um ihn frre an machen.“ Haß Cagliostro und Konsorten diese Gaukelei nach ihrem Belieben anordnen konnten, ist sehr denkbari mit diesem armen Kardinal, der Alles glaubte, nur nicht an den Gott, der ihn reich machte, mußte eine Bande Spitzbuben, die sich vor trefflich unter einander verstanden, leichtes Spiel haben. Aber um 1793, in Paris, in einem Gefängnisse, und noch dazu in der

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