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Nord- WAmerika.

Was wird aus den Mormonen?

„Der Mensch denkt, aber Gott lenkt!“ Dieser schöne Spruch wird von den Amerikanern nicht so häufig citiert, als von uns; nicht, weil sie weniger religiös find – im Gegentheil – sondern weil ihr starker Wille und ihr Selbstvertrauen fiel in den meisten Fällen in den Stand jetzt, sich das Glück unter than zu machen und ihr Ziel zu erreichen. Dann und wann jedoch werden sie von unerwarteten Ereigniffen überrascht, die sie an den eben angeführten Spruch erinnern, und sie wiederholen ihn alsdann mit der Andacht eines Volkes, das, auf seine Abkunft von den „Pilgern“ stolz, den gottesfürchtigen Charakter der Vorfahren auch in unserer skeptischen Zeit nicht verleugnet. Ein solches Ereigniß ist jetzt eingetreten, und die Nation wendet ihre Blicke ab von den Zuständen der Parteien, und der Märkte, von der Fülle des Aerndtesegens und der Unfruchtbarkeit politischer Agitationen, um die Lage und das Geschick der Mormonen zu betrachten. Nicht nur, daß die Existenz eines ganzen Volkstheils auf dem Spiele steht und daß eine Hungersnoth in diesem von natürlichem Reichthum strotzenden Lande ein eben so neues als furchtbares Schauspiel ist: die Amerikaner haben noch nähere Gründe, sich für das Schicksal der Bewohner von Utah und Deseret zu interessieren.

Es ist eine Frage, die mit jedem Jahre an Wichtigkeit gewinnt, was man mit dem Mormonenstaat anfangen soll, wenn die Zeit herannaht, wo er verfaffungsmäßig feine Aufnahme in die Union verlangen kann. Außer der Sklavereifrage hat sich bisher in der Geschichte der Republik kaum ein so schwieriges und gewiß kein so seltsames Problem dargeboten. Wenn man nicht einen Augenblick daran denken kann, Volksvertreter mit schwarzer Gesichtsfarbe im Kongreß zuzulaffen, obgleich sich eine derartige Farbenmischung in den legislativen Versammlungen der englisch-westindischen Kolonieen als ganz praktisch erwiesen hat, wie wird man sich entschließen können, die Abgeordneten einer Gemeinde von Polygamen aufzunehmen, welche ihre politische Macht zu theokratischen Zwecken gebrauchen und einen neuen Glauben mit Beseitigung des Christenthums einführen wollen. Es bestehen allerdings in den Vereinigten Staaten bereits so viele religiöse Formen, daß es nicht leicht ist, einen rechtmäßigen Grund zur Ausschließung der Mormonen aufzustellen. Die südlichen Staaten berufen fich zur Vertheidigung ihrer „eigenthümlichen Institutionen“ auf die Autorität der Patriarchen. Der Staat Connecticut rühmt sich einer Verfaffung, die von den ursprünglichen Ansiedlern auf die jüdischen Gesetze gegründet worden und die man erst später einigermaßen modifiziert hat, während in anderen Theilen der Union der Katholizismus das Uebergewicht befizt. Kann man bei einer so heterogenen Gestaltung der politischen und sozialen Zustände Amerikas den Mormonen die bürgerlichen Rechte verweigern – einer Sekte, die für alle ihre Absonderlichkeiten, von der Vielweiberei bis zur Concentration der geistlichen und zeitlichen Gewalt in der Person ihres Papstes, sich auf biblische und christliche Autoritäten zu stützen weiß. Wenn aber die guten Christen der Vereinigten Staaten vor dem Gedanken zurückschrecken, einen Juden oder Muhammedaner im Kongreß erscheinen zu sehen, was muffen fie bei der Aussicht empfinden, eine Gemeinde unter sich einzubürgern, welche die bedenklichsten Eigenthümlichkeiten der Juden und Muhammedaner zu einem ungeheuerlichen Ganzen verbindet? Schon bei der entfernten Möglichkeit eines solchen Dilemma waren die Amerikaner in so heftige Aufregung gerathen, daß fie fich gegen die Mormonen erhoben und sie in die Wildniß trieben. Es war dies die unüberlegteste Handlung, deren fie sich schuldig machen konnten, denn, wie bei allen religiösen Verfolgungen, wurde die Saat der Kirche durch das Blut der Märtyrer befruchtet. Man sah die von ihren Wohnsitzen Vertriebenen über Prairieen und Bergrücken ziehen, durch reißende Ströme setzen und in brennenden Wüsten mit Durst und Hunger kämpfen, und der Muth und die Geduld, mit der sie ihre Drangsale ertrugen, die brüderliche Liebe, mit der sie sich gegenseitig unterstützten und auf ihrer Wanderung innehielten, um für ihre nachfolgenden Religionsgenoffen zu säen und zu pflanzen, ließ sie so verehrungswürdig

erscheinen, wie andere Dulder und Märtyrer; ja, vielleicht wird die Tradition ihrer Reise von ihren Nachkommen nicht minder heilig gehalten werden, wie die Reife der „Mayflower“ von den Söhnen der Pilger, und das Ufer des Utah-Sees einem künftigen Geschlecht ein eben so geweihter Boden fein, wie der Fels von Plymouth den Männern Neu-Englands. Inzwischen waren die Mormonen in die Wildniß hineingetrieben, und zwar in eine solche Wildniß, daß ihre Feinde fich mit der gegründeten Hoffnung fchmeicheln durften, fiel nie wieder mit Augen zu erblicken. Die Seeküste lag weit entfernt; es gab in ihrem Lande weder einen schiffbaren Fluß, noch eine natürliche Straße von irgend einer Art. Und dennoch kamen fiel wieder zum Vorschein; ja, sie fähickten bald Deputationen nach Washington, mit der Bitte, nicht um Duldung, sondern um die Erlaubniß, fich zu einem Territorium zu konfituieren, als erster Schritt zur Aufnahme in die Union. In zehn Jahren war ihre Zahl auf über hunderttaufend angewachsen, die fich, außer einer unerhört raschen natürlichen Zunahme, durch Einwanderung jährlich um Tausende und Zehntausende vermehrten. Man konnte an ihrer Lebenskraft nicht länger zweifeln. Sie stellten zum mexikanischen Kriege ein Bataillon Freiwilliger, und nach Ueberwindung unglaublicher Mühfeligkeiten wurden sie allmählich reich. Sie hatten sich in einer Gegend niedergelaffen, die nicht einen einzigen Baum aufzuweisen hatte und wo der fandige Boden die von den Schneegipfeln der Berge herabfließenden Gewäffer einfog, ehe sie das Thal erreichen konnten. Einen ziemlich ansehnlichen Strom nannten fiel Jordan und bauten fich Hütten an seinen Ufern. Das Thal ihres Jordan war dem palästinensischen fo unähnlich, wie man fich nur denken kann: dürr, öde und ohne Vegetation. Aber fie gruben Kanäle und bewäfferten das niedrige Land und legten ihre Stadt so an, daß fiel Platz ließen für mächtige Baumgänge und meilenweite Gärten. Ehe fiel die Früchte ihrer Arbeit und Kunstfertigkeit genießen konnten, mußten fiel bittere Noth erdulden und waren einmal fogar gezwungen, die Häute, mit welchen fiel ihre Hütten bedeckt hatten, abzureißen und als Speise zu kochen. Seitdem ist bis in die neueste Zeit. Alles glücklich von fatten gegangen. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht, und ihre Industrie und Geschicklichkeit hat die Ungunst des Bodens so glücklich überwunden und feine Vortheile fo energisch ausgebeutet, daß man ihre materielle Wohlfahrt schon längst als gesichert ansah. Da trifft fie plötzlich ein furchtbarer und unerwarteter Schlag, der ihre ganze Zukunft zu vernichten droht. Die ersten Erforscher des Landes hatten einen anscheinend geringfügigen Umstand übersehen. Sie berichteten über die Salzseen dieser Region, über deren schlammige Ufer und fandige Untiefen, vergaßen aber, den Schlamm durch ein Mikroskop zu beobachten. Sie bemerkten von den Indianern ausgehöhlte Gräben, mit Spuren von Feuer auf dem Grunde, fragten aber nicht, was man darin gekocht habe, Wäre ein Naturforscher unter diesen Pionieren gewesen, so hätte er vielleicht die Existenz eines der eigenthümlichsten Völkchen gerettet und dem Geschick der amerikanischen Union eine andere Wendung gegeben. Jener mehrere Fuß dicke Schlamm, der fich über viele Morgen Landes ausdehnt, besteht aus den Larven verheerender Infekten; jene Gräben sind die Vorrathskammern der Eingeborenen, zu welchen sie ihre Zuflucht nehmen, wenn die Heuschrecken alle Früchte der Erde vertilgt haben. Die Infekten werden alsdann in die Gräben hineingefegt und, nachdem man ihre Flügel und Springbeine abgebrannt, zu Speise benutzt, wie in dem anderen Jordansthal. Heuer müffen auch die Mormonen von Heuschrecken leben oder verhungern, denn das räuberische Ungeziefer hat sowohl ihre Aerndten als ihren Viehstand vernichtet. Damals, als die Mormonen ihre Dächer einkochen mußten, waren sie, wie sie glaubten, durch ein Wunder von dieser Plage befreit worden. Eine Menge Vögel von seltsamer Gestalt hatten sich auf die Eilande des Sees niedergelaffen, die Heuschrecken verzehrt und sie bald gänzlich ausgerottet. Die Jahreszeit ist aber jetzt zu weit vorgerückt, als daß sich eine Wiederholung dieses Phänomens erwarten ließe, und eine Hungersnoth scheint unvermeidlich. Das Merkwürdigste bei der Sache ist, daß dieses Unglück den Ruin der ganzen Kolonie herbeiführen dürfte. Wäre es auch möglich, Lebensmittel nach einer Gegend zu schaffen, wo es weder schiffbare Ströme, noch fahrbare Wege giebt, so würde es doch auf die Dauer nichts helfen, da das Uebel in dem Boden, selbst liegt. Die ungeheuren Cicaden kommen aus der Erde hervor; die abscheulichen, drei Zoll langen Heuschrecken find Eingeborene des Landes. Allem Anschein nach werden ihnen die Mormonen das Feld räumen müffen, und es entsteht nun die Frage, wohin fie gehen sollen und wie lange es währen wird, bis sie wieder an die Thür des amerikanischen Senats anklopfen. Wären wir Amerikaner, fo würden wir – abgesehen von dem Mitleiden, welches das Unglück dieser armen Leute einflößen muß – die Vertagung eines fo intereffanten Experimentes eher bedauern. Das standhafte Festhalten an dem Föderationsprinzip, welches fich in der Zulaffung der Mormonen kundgäbe, wäre an sich ein schönes Schauspiel gewesen, während ihre Abweisung eine gewisse Schwäche dieses Prinzips verrathen hätte. Eine übermäßige Ausbreitung oder längere Fortdauer des Mormonismus war nimmermehr zu befürchten; fein politisches und foziales System ist zu korrumpiert, als daß ihm die Berührung mit einer vernünftiger organisierten Gesellschaft nicht verderblich werden müßte. Das Verlangen der Mormonen, fich der Union anzuschließen, war selbstmörderisch; aber es hätte dieser Gelegenheit gegeben, die Macht und Elastizität ihrer Institutionen einer glänzenden Probe zu unterwerfen. (D. N)

England.

Literatur-Briefe aus England.
Neunter Monats-Bericht. 1855.
(Schluß)

Aber wer kauft dieses auf Leinwand verwüstete Oel bei dieser allgemeinen Bildung und westlichen Civilisation? Ich habe eine dunkle Erinnerung an ein deutsches Buch über englische Kunst (ich glaube, von Franz Kugler), worin den Anglo-Sachsen ein bestimmtes, phyfisches Defizit an Geschmack zugeschrieben wird, so daß fie selbst durch Uebung und Bildung keinen ästhetischen Sinn entwickeln könnten. Daran ist wohl etwas Wahres, denn die in London aufgehäufte, zum Theil prächtige und fabelhaft kostspielige Geschmacklosigkeit in Architektur, Monumenten, Luxusfachen, Kleidern, Möbeln u. f. w. fcheint dies zu bestätigen. Und dann will ja der reich gewordene Spekulant, Fabrikant, Brauer, Fleischer u. f. w. – und es werden hier alle Tage ungebildete Leute reich – so schnell und wohlfeil als möglich einen drawing-room voll Oelgemälde haben. Er hat Geld genug, aber übers Herz bringen kann er doch nicht, 1000–6000 Thaler für ein einziges Bild auszugeben; fo kauft er sich alte, große, neuvergoldete Rahmen und die nöthigen Ellen beölte Leinwand hinein und fieht fich plötzlich von ein paar Dutzend großen Bildern umgeben, ohne daß ihm die ganze Herrlichkeit fo viel kostete, als die Portraits von ihm und feiner Frau. Außerdem kauft Bruder Jonathan auch gern Kunst nach dem Flächeninhalte, außerdem nimmt die Bildung unter den Ost- und Westindiern, unter den Negern und Hotentottenfo reißend überhand, daß auf den ausländischen Märkten zehnfach gewonnen wird, was die etwa zuhause zunehmende Aesthetik dieser Kunst verschließen mag. In dieser Richtung ist denn England allerdings rühmlich thätig. Der Krystall-Palast entstand als größtes Wunderwerk des Jahrhunderts rein aus Speculation auf das steigende Bedürfniß der Maffen für Geschmack und Bildung. Wandernde Museen, Galerieen und stehende Museen in den Provinzen, höhere Schulen und KunstJustitute fprangen während der letzten vier bis fünf Jahre überall in der Abficht auf, den Maffen Geschmack, Schönheitsfinn, Bildung beizubringen. Liegt freilich nach Behauptung des deutschen Kunstrichters ein organischer Fehler im Oberstübchen der Anglo-Sachsen zu Grunde, wird alle Schule nichts helfen, zumal da die Alles überwuchernde National-Leidenschaft des Geldmachens immer wieder verdirbt, was im Aesthetischen etwa lehr- und lernbar sein mag. Nicht zu leugnen ist, daß der ästhetische Einfluß Deutschlands und Frankreichs in England fortwährend bedeutend steigt; aber die so entstehenden Bedürfniffe des Schönen können bis jetzt blos von deutschen und französischen Malern, Stubenmalern, Musterzeichnern, Cifeleurs und Modelleurs, Schneidern und Schustern, Mechanikern, Uhrmachern und felbst Bäckern befriedigt werden. Ja, felbst Bäckern. Es giebt Hunderte deutscher Bäcker hier, und nur zu ihnen kann der Engländer fchicken, wenn er gute Formen von Backwerk auf den Tisch bringen will, und nicht blos das nationale, klobige Viereck des „Quartern-Loaf“, worin jetzt nationalerweise in der Regel weniger Mehl als Gyps, Sägespäne, zerstoßene Gebeine, Alaun, Potasche und verdorbene Luft stecken. Ueberhaupt ist in England jetzt Alles falsch, von der Palmerstonschen Politik an bis zu dem Farthing-Zuckerstängelchen, das die zärtliche Mutter ihrem Säugling zwischen die schreienden Lippen steckt. Thackeray hat eben feine vollendetste Figur, einen edlen, wahren „Colonel Newcome“, vollendet. Er kennt die englische Gesellschaft beffer und feiner, als

irgend Jemand, und wo bringt die Gesellschaft diesen Mann der Wahrheit und Echtheit hin? Ins Charterhouse, wo verschämte Arme von anständiger Herkunft, wie Mönche, von dem öffentlichen Wohlwollen leben. Thackeray gilt mit feinen vollendeten „Newcomes" als der literarische Heros der verfloffenen Seafon, während Tennysons „Maud" als eine mißlungene Schöpfung betrachtet wird. Sonst ist nichts Heroisches in der Literatur vorgefallen. Selbst die Heroen der Krim, geschildert von G. Ryan („The Lives of the Heroes of the Crimea), entwickeln sich unter der Feder dieses Autors als Schwächlinge an Geist, Talent und – Muth. Weist er doch nach, daß der Held der Balaklava-Schlächterei, Lord Cardigan, wie wahnsinnig durch seine eigenen Dragoner hindurchgebrochen und geflohen sei. Seine Renommiftereien bei Festeffen zuhause wären nichts als Münchhaufladen. Die Preffe sagt, der edle Lord fei es feiner Stellung schuldig, diese Anklagen Lügen zu strafen; aber er gehört zu den Verächtern der Preffe und behält feine Stellung und die Anklagen unwiderlegt. Von sonstigen literarischen Erscheinungen notiere ich noch: Mrs. Norton's („des weiblichen Byron“) Brief an die Königin über die Sklaverei der Frauen in England (die immer nur noch nach Ehebruch, Prügel und Mißhandlung aller Art für den Preis von fünftausend Pfund durchs Parlament geschieden werden können): „A Letter to the Queen on Lord Chancellor Cranworth's Marriage and Divorce Bill”, „des Droschkenkutschers Feiertag“ („The Cabman's Holyday”) und „Beatrice, or the Unknown Relations", von Katharine Sinclair, die in fromm-polemifirender Weise die Seelenrechte des Droschkenkutschers gegen die unheilige Geldmacherei feines Herrn vindiziert und in der „Beatrice“ eine Art „Onkel Tom“ gegen die Sklavenherrschaft des Papstes liefert, wobei fie freilich vergißt, daß der Papst nicht mehr das Recht hat, Seelen, die fich loskaufen wollen, zurückzubehalten, „Zenon“, von dem Autor der „Mary Catchpole", von dem es in einer Zeitung hieß, daß das Beste, was Bulwer je geschrieben, rubbish, Schund, dagegen fei (ich habe „Zenon“ nicht gelesen), „Gertrude oder Familienstolz“, von Mrs. Trollope; von der Memoiren-Literatur die Bellot's, der bekanntlich feinem tragischen Tod im arktischen Eife fand, den dritten und vierten Band der Memoiren des Herzogs von Buckingham über den Hof und die Kabinette Georgs III. (1800–10), „Die Heirat und das Grab Byron's mit einem vollständigen Führer zu und durch Newstead-Abtei“ („The Home and the Grave of Byron"), in der Naturwiffenschaft ein wichtiges Werk von Lindley Kemp: „Die Erscheinungsformen der Materie“ („The Phases of Matter"), in geologischer und chemischer Beziehung als Erdschichten in unorganischer, organischer, chemiko-physikalischer, Lebens- und Kunstform (verdient, in Deutschland näher angesehen zu werden; der Verfaffer ist Autor der „Naturgeschichte der Schöpfung“, „Natural History of Creation"); über Rußland ein wichtiges Werk vom russischen Geheimen Staatsrathe L. von Tengoborski: „Die produktiven Kräfte Rußlands“ (aus dem Französischen), fehr ausführlich und detailliert; eine Abhandlung über denfelben Gegenstand im Augusthefte von Blackwood's Magazin, die hier viel Aufsehen erregte, da sie in bestimmtesten Zügen und Details die furchtbaren, ruinierenden Folgen des Krieges unter den produktiven Klaffen nachwies und darauf die Hoffnung baute, daß man den Feind bald erschöpft und reif zur Nachgiebigkeit gemacht haben werde, um so eher, als die englische Diplomatie sich bekanntlich verpflichtet hat, Rußland im Wesentlichen gar nicht zu verkürzen, und vollkommen damit zufrieden ist, die Kriegsschulden des Landes um zweihundert Millionen Pfund, auf runde tausend Millionen vermehrt, fich moralisch und die Türkei materiell vollends ruiniert zu haben. Auch das aus Erlebniffen an Ort und Stelle geschriebene „Rußland, wie es jetzt ist.“ („Russia as it is at the Present Time”), von James Carr, einem Arbeiter (er war mehrere Jahre Aufseher in einer Baumwollenspinnerei in Rußland), enthält eine große Menge Materialien, aus denen man Rußland beffer und näher kennen lernt, als aus Custine und anderen berühmten Werken. Noch muß ich ein Werk über eine der faulsten Sphären des englischen Lebens, das Kirchliche, erwähnen: „Enthüllungen eines armen Predigers“ („Revelations of a Poor Curate”), von dem Rev. W. Wickenden. Daß die wirklichen, aktiven englischen Geistlichen zuweilen Hunger leiden und auf Almosen angewiesen find, während die Bischöfe und Stellenverkäufer in Tausenden von Pfunden schwelgen, in denselben Pfunden, welche den Predigerstellen selbst zukommen, ist bekannt. Schwerlich wird aber Jemand, der nicht schon vorher eingeweiht war, glauben, es für möglich halten, daß Corruption und Simonie so weit, bis zu dieser Frechheit und Unverschämtheit gehen, wie wir es in diesem Buche detailliert und spezifiziert vor uns aufrollen fehen. Was sagt man zu der Liste der Hochkirch-Prediger, welche herumgingen und – wohlhabende Nachbarn um abgelegte Kleider baten? Mit vierzig bis funfzig Pfund jährlich und starker Familie, mit oft gar nichts (insofern fiel auf Avancement dienen und nur zuweilen für eine Predigt oder sonst einen geistlichen Dienst ein paar Shilling Douceur erhalten) läßt sich diese Bettelei um alte Sachen und Brod leicht erklären. Der Bischof von London hat jährlich über eine Million Pfund Einkünfte (??), und die anderen Bischöfe beziehen entsprechende Gehalte, können aber nichts entbehren, da fie nichts zu thun haben und der Müßige von Stande stets mehr Geld braucht, als wenn er fleißig wäre. Die Klagen der öffentlichen Meinung und der Preffe über die schamlose Geldmacherei der Bischöfe und Kirchenstellen-Eigenthümer, über die Armuth und Bettelei der wirklichen Prediger u. f.w. find alt und bilden in manchen Zeitungen ein stehendes Thema; aber die Macht der „freien Prefe“ bewährt sich auch hier fo, wie ich sie in politischer Sphäre gefunden habe. Man hat kein Ehrund Schamgefühl gegen die Stimme der Preffe, die ja größtentheils von Leuten geschrieben wird, welche nicht zur Aristokratie gehören.

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Literarische Kuriositäten Englands. IV. Paternoster-Row und der „Magazin-Tag“.“)

Paternoster-Row läuft als die dunkelste und engste Straße zwifchen den prächtigen Läden im Norden der St. Paulskirche und dem Newgate-Central-Fleischmarkte hin. Man kann zehn Jahre lang vorbeigehen, ohne sie nur zu bemerken. Sie hat von Cheapfide aus nur eine enge offene Einfahrt, die anderen Zugänge unter und zwischen Häusern durch Höfchen und Gäßchen hin kennt blos der Gelehrte, der Literat, der etablierte und der „fliegende“ Buchhändler. Sie war urfprünglich eine verzettelte Reihe von morschen, dumpfen Holzhütten, in denen Perlen und Rosenkränze gedrechselt und „Paternosters, Aves, und Gebete“ geschrieben und zum Verkaufe an die Andächtigen zuerst gemacht wurden, als die Buchdruckerkunft und der Protestantismus noch nicht existierten.

Als diese deutschen Gäste herüberkamen, verdrängten sie die frommem Drechsler und Abschreiber, die „weißen, schwarzen und grauen Mönche“ („friars", die noch in fo vielen Straßennamen fortleben) zunächst von ihrem „Brode“, dann auch aus Paternoster-Row felbst, um aus der engsten Straße den weitesten Weltbuchhändlermarkt zu machen. Zunächst wurde sie hauptsächlich Markt für die reichsten Kleiderstoffe, der jetzt unmittelbar fich an der Kirche hinzieht, weil die Buchhändler die „Row“ nach und nach ganz eroberten. Unter Königin Anna zogen fie fämmtlich aus einer anderen dunklen Straße (Little Britain) in die „Row“. Seit der Zeit wuchs der literarische und typographische Ruhm stetig mit jedem Jahre bis zu feiner jetzigen fabelhaften Größe. Die „Row“ wird jetzt von mindestens funfzigtausend Autoren und tau. fend Dampfpreffen versorgt. Die Row versieht dafür die ganze eivilisierte Welt in Bogen und Bänden stets mit frischer Literatur, zu der die Longmans, wie erwähnt, in einem einzigen Jahre über fünf Millionen Bände beitrugen.

Die „Row“ sieht in der Regel von keiner Seite – und es giebt deren eine ziemliche Menge durch alle mögliche, geheimnißvolle Zugänge und Schluchten – danach aus, als könnte hier ein Geschäft gedeihen oder ein anständiger Kaufmann für den ganzen Erdglobus arbeiten. Ein krummes, melancholisches Gäßchen von Mörtel und Mauer mit allen Arten von Baustylen und auch gar keinem Styl, mit einem Trottoir, nicht breit genug für einen dicken Herrn, und einem Fahrweg, an manchen Stellen kaum hinreichend für einen einzigen Wagen. Unten ist. Alles Buchhandelschaufenster, aber ohne Prätention und ohne die Koketterie des Kleinhandels. Geht man so zufällig hindurch, meint man, die Leute müßten hier alle mitfammt ihren Büchern verschimmeln. Nur hier und da geht ein fettgeschmierter Fleischerbursche hindurch und verschwindet in einen der vielen engen Schlupfwinkel, die manchmal nach Newgate, manchmal nach der Paulskirche, öfter auch nirgends wohin führen und einen Sack bilden; der andere schmutzige Junge dort mit einem Sacke auf der Schulter ist ein fliegender Buchhändler. Und entdeckt man einen Gentleman, läuft er so schnell als möglich hindurch, oder er befieht sich blosgedankenlos einige Büchertitel und Bilder, ohne etwas zu kaufen. Rings herum donnert und dröhnt, rumpelt und raffelt es ununterbrochen vom dichtesten, leidenschaftlichsten Verkehr. Hier herrschte Todtenstille, wenn nicht auf dem einzigen Baume, der fich hier in einem besonderen Winkel feit einem Jahrhundert gehalten, die Sperlinge Parlament hielten und nicht zuweilen deutsche Straßenmusikanten mit verrosteten Instrumenten und herzzerreißenden Mißtönen die Burfchen und Clerks in den dunklen Geschäften inwendig entzückten. Wo bleiben denn nun aber die funfzigtausend Autoren, tausend Dampfpreffen und die mindestens achtzig Millionen Bände und Publicationen, die im Durchschnitt jedes Jahr in die Welt gehen sollen? Das Gefchäft ist hier ein Wechselfieber und kehrt blos in bestimmten Zeiträumen zurück. Während der fieberlosen Zeiten kommen und gehen ziemlich unbemerkt blos die eigentlichen Verleger, deren Buchhändler und Agenten und Schriftsteller. Hier und da ächzt und fchnaubt unter fei

*) Vgl. Nr. 108 des „Magazin“.

nem stets fchwerer werdenden Sacke der fliegende Buchhändler, d. h. der Sammler von Bestellungen, die bei Buchhändlern in der weiten Stadt umher gemacht wurden, von Laden zu Laden, ohne Rücksicht auf den am Schaufenster vertieften Bücherwurm, der vom Sacke geradezu in eine Nebengaffe hinein oder auf den Fahrweg geschleudert wird, ohne Rücksicht auf Menschen- und Wagengedränge draußen in den Hauptstraßen, denn er hat nie Zeit, auszuweichen. Er muß bis um vier Uhr spätestens an unzähligen Orten gewesen und zwanzig englische Meilen zurückgelegt haben, damit die Bestellungen in Fieberhaft noch bis sechs Uhr zur Post oder Fuhre gebracht werden können. Jeden Freitag stellt sich das Geschäftsfieber in Paternoster-Row ein. Freitags um die Poststunde marschieren die unzähligen Karawanen von Säcken, Packeten und Bündeln der wöchentlichen Zeitungen und Journale, von denen die „Row“ einen guten Theil publiziert oder wenigstens besorgt, nach dem General-Postamte dicht dabei oder nach den Eifenbahnhöfen. Das fchnelle Zusammenholen der Blätter, die Verpackung für die Agenten, die Addrefirung an Privatkunden, die Ausfchreibung der Fakturen, das Binden und Packen „in weniger denn keiner Zeit“, damit die Jungen ihre Säcke und Ballen noch kurz vor dem Glockenschlage Sechs in das große offene Fenster hineinwerfen können (denn mit dem fechsten Schlage rollt mitten durch den Sackund Bündelregen eine eherne Mauer herab und schneidet jedesmal eine Menge Säcke, zum Gaudium der Umstehenden, die expreß zu diesem Zweck warteten, gleichsam mitten in der Luft durch, so daß die letzten krachend auf die Werfenden zurückprallen), alle diese Geschäfte setzen die ganze Mannschaft in jedem Geschäft in die fieberhafteste Thätigkeit, da es zuletzt auf die Minute, auf die Sekunde ankömmt. Mit dem sechsten Glockenschlage geht eine gewaltige elektrische Zuckung durch London, mit welcher alle Räder und Hebel und Schrauben und Feffeln des Großgeschäfts von Tausenden fallen, so daß sie nun plötzlich Menschen werden und plötzlich fühlen, wie hungrig sie find. Ein noch heißerer und fieberhafterer Tag stellt sich in der „Rown alle Monate einmal ein, der unter Buchhändlern, Buchbindern und Druckern unter dem Namen „Magazin-Tag“ gefürchtet und geliebt wird. Dieser letzte jedes Monats bringt die Row in eine Bewegung, wie ein Topf voll Mäufe. Jedes Haus vom Keller bis zum Dache ist in Bewegung, als brennte es und gälte es, den Flammen noch einige Schätze zu entreißen. Jedes Stäubchen im letzten Winkel bekömmt Flügel und irrt verdutzt umher, da ihm nirgends ein Ruheplätzchen gegönnt wird. Solch ein Reißen und Binden, Werfen und Schreien, Drängen und Stoßen ist wahrhaft fehenswerth. Der Magazin-Tag fängt jedesmal mit dem Abende vorher an und schwillt während der Nacht zu heißem, dichtem Kampfe an. Die Bestellungen der Provinzial- und Kolonial-Buchhändler find während des Tages alle angekommen. Danach müffen die Monatsschriften und Magazine in aller Haft zusammmengeholt und die Fakturen ausgefertigt werden, größtentheils eine leichte und blitzschnelle Arbeit, da gedruckte Listen der Magazine u. f. w. dazu gebraucht werden. Jeder Buchhändler und ordentliche Kunde hat fein besonderes „Taubenloch“, fein „Fach, in welches die ausgefertigten Fakturen nebst Büchern u. f. w. deponiert werden. In manchem Geschäfte giebt es fünf- bis sechshundert solcher „Taubenlöcher“, die alle in den letzten vierundzwanzig Stunden gefüllt, geleert, gepackt und befördert werden müffen. Die Drucker haben ihre Blätter und Journale während der Nacht gesandt. Aus diefen naffen Ballen müffen die einzelnen „Taubenlöcher“ gespeist werden. Das wäre Alles noch in den Gränzen des Thunlichen; da aber in der Regel jeder Provinzial-Buchhändler nur mit je einem in London verkehrt, muß dieser zugleich alle anderen Bestellungen aus allen Gegenden und Entfernungen Londons zusammenjagen laffen. Diese wilden Buchjäger bilden eine eigene Menschen- und Gewerbsklaffe, die merkwürdig genug ist, so daß fiel ein Wort verdienen. Der „Collector“, ein fo unentbehrliches Glied in der Kette des Buchhandels, ist ein ganz anomales Subjekt, weder Mann, noch Junge, weder schmutzig, noch anständig. Seine Mütze hat entweder gar keinen Schirm, oder auf einer ganz ungewöhnlichen Stelle, fein Hut leidet stets an einigen Dutzend Brüchen und Entstellungen. Selbst fein großer Sack ist räthfelhaft in Farbe und Form, und der Rock, der hier und da wie noch ein brauchbarer abgelegter Rock aussieht, hat gleichwohl fo viel Riffe und Flecke, daß man nicht begreift, wie er in der Lite ratur noch eine so wichtige Rolle spielen kann. Gebt Acht, die Herren dort im Geschäft, die auf Niemand hören, ihn hören sie, ihm gehorchen fie, so grob und unsauber er auch ist. In seiner schmierigen Tasche drängen sich zuweilen mehr Goldstücke, als man in einem Jahre zum anständigen Leben brauchen würde. Jede feiner fcharfen Bestellungen wird mit harter Kaffe bezahlt. Alle die kleineren Buchhändler-Artikel werden stets baar berichtigt. So muß ihm Jeder, der ihn brauchen will, das Geld vorschießen, fo gewagt dies auch sein mag. Aber der Collector hat zu viel esprit de corps, er geht stets im Schuß und trifft stets. Jede Krümmung, jede Unehrlichkeit ist ihm ein Gräuel, ein Wahnsinn, da sie den ganzen Buchhandel und also auch ihn ruinieren würde. Er ist unentbehrlich, aber auch der Buchhandel ist ihm fo nothwendig wie die Luft. Er hat nichts darin gelernt, als Büchertitel und deren Preise, und darin fucht er nach drei-, vierjähriger Dienstzeit feinesgleichen unter allen Bibliothekaren der Welt. Er weiß immer den nächsten Weg zu jeder Quelle und versteht es, sich mit feinem umfangreichen Sacke durch das dichteste Gedränge am Ladentische zu schieben und Gehör zu verschaffen. Die anständigsten Gentlemen mit weißem Halstuche und kirchlicher Physiognomie werden im Stiche gelaffen, um ihn zu bedienen. „Look alive, will you?” fchreit der Eine; „Pots of Manna” six, and „Phials of Wrath” thirteen as twelve!” Während Einer hinter dem Ladentische nach den „Fläschchen des Manna“ und „Töpfchen des Zornes“ fucht, fordert ein anderer lattenförmiger Junge unter feinem Sacke hervor: „Coming Struggles", 26 as 24, two „Devices of Satan”, and one „Little Tommy Tabbs'” „Do you keep the „Pious Pieman?” Let's have a lot. Be quick! And a dozen „Blaspheming Blacksmiths", thirteen, you know” „Nine „Broken Pitchers and Jacob's Well”, and „What's a Church"? and „Wheat or Chaff”!” „Ten Garments of Faith”! Fifty „Bands of Hope”!” „Two „Two Thieves” and „Thoughts in Prison”!” So schreit es in allen Lagen verschiedener Oktaven. Die kleinen frommen Traktätlein und Spitzbubengeschichten, welche für die Provinzen und das Land so reißend abgehen, kommen rasch aus verschiedenen Winkeln hervor, das Geld klingt, das Herausgegebene verschwindet in schmutzige Taschen, die Bücher in Säcke, und die fliegenden Buchhändler faufen davon, um Anderen Platz zu machen. In Buchhandlungen, wo die Guineen-Bücher, die theuren „Reviews” und „Magazines” vorherrschen, geht es im Ganzen ruhiger her, selbst an diesem Tage, da die größten „Künstler“ des Packens angestellt und thätig find und mit einer wahrhaft wunderbaren Geschicklichkeit und Schnelligkeit lüderliche Haufen von Büchern und nasfen Neuigkeiten ununterbrochen in die foldeten, kompaktesten braunen Packete verwandeln. Draußen hat sich inzwischen vom Westen her eine dichte Wagenburg von Fuhrwerken gebildet, welche fich mit den Packeten füllen und in östlicher Richtung einen Ausweg finden müffen, ein Kunststück, das niemals ohne Krieg und Streit unter den Roffebändigern ausgeführt werden kann, da sich immer einige Neulinge unter ihnen einfinden, welche mit Gewalt gegen Sitte und Nothwendigkeit westlich wieder ausfahren wollen, was niemals erlaubt wird. Wenn die Literatur-Fuhrleute fich alle heraus- und durch das Rädergedonner von Cheapfide hineingefunden haben, athmet die ganze „Row“ tief auf, und Taffen Kaffee und Thee und „Chops” und „Steaks” werden von dienstbaren Geistern hereingetragen und mit verklärten Augen von denen bewillkommnet, die noch bis zum Schluffe der Laden aushalten müffen. Die Anderen sind wie der Blitz in ihre guten Röcke gefahren und in allen möglichen Richtungen durch enge „Courts“ und „Lanes“ verschwunden. Einige Millionen Exemplare der neuesten Wochen- und Monats-Publicationen verbreiten sich nun über Nacht mit Dampf zu Waffer und zu Lande über das ganze vereinigte Königreich, zumal jetzt, da das Bleigewicht des Stempels nicht mehr an ihrem Preise hängt. Aus dieser Skizze ergiebt sich von selbst der Grund, weshalb die Buchhändler in ihrer alten „Row“ so hartnäckig kleben bleiben, aus demselben Grunde, weshalb in jeder Straße der City fich gleichartige Geschäfte zusammengedrängt haben und hier den kleinsten, dunkelsten Winkel theurer bezahlen, als draußen und droben, zehn bis zwanzig Meilen davon, ihre umblühte Villa, Aber dem Welthandel ist es längst zu eng geworden in der City, am meisten dem Buchhandel, der sich deshalb aus Mangel an Platz in der „Row“ in den verschiedensten Stadttheilen anfiedeln mußte, fo daß der fliegende Buchhändler oft wegen eines einzigen Büchleins meilenweit davonzuschießen genöthigt wird und trotz aller Dampfkraft feiner Beine nicht immer zu rechter Zeit zurück ist. Deshalb gehen die großen Verleger mit dem Plane um, eine große „Publishers' Hall” im Mittelpunkte der Stadt, wahrscheinlich in der Nähe der „Row“ zu errichten, in welcher alle gangbaren Verlags-Artikel stets fo vertreten fein follen, daß jede Bestellung fofort befriedigt werden kann.

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theilung über die Missionen auf den Gesellschafts-Inseln geschrieben, der wir das Folgende entnehmen. Die eigentlichen Gesellschafts-Inseln, im engeren Sinne des Wortes, bilden drei verschiedene Staaten, die von dem französischen Protektorate über Tahiti und den dazugehörigen anderen Inseln der Georgs, Gruppe gänzlich unabhängig find. Diese drei Staaten bestehen aus folgenden Inseln: 1) Nuahine und Maiao, oder Charles Saunders'-Inseln. 2) Raiatea (Ulietea) und Tahaa. 3) Borabora, Maupti, Tupai, Maupihaa und Manuae. Die Unabhängigkeit dieser drei Regierungen wurde am 19. Juni 1847 durch eine Uebereinkunft zwischen England und Frankreich anerkannt. Wie auf allen Inseln des Stillen Meeres, waren auch hier die Häuptlinge oder Könige ursprünglich mit unbeschränkter Gewalt über das Leben und Eigenthum ihrer Unterthanen versehen. Im Jahre 1818 begann die Einführung des Christenthums, und 1820 waren sämmtliche Inseln dem Namen nach christlich. Es wurden nun Gesetze gegeben, aber die Häuptlinge meinten, daß dieselben nur für das Volk seien, und daß sie felbst über den Gesetzen fänden. Sie waren indessen günftig für Kirchen und Schulen gestimmt. Wie aber das Volk allmählich aufgeklärter wurde, wollte es sich die Tyrannei der Häuptlinge nicht mehr gefallen laffen. Es machte sich ein zunehmender Widerstand bemerklich, und endlich, nachdem die mit der französischen Befiznahme von Tahiti in Verbindung stehenden Unruhen vorüber waren, bei welchen das Volk die Inseln vertheidigt und fich felbst fühlen gelernt hatte, rief die Tyrannei der Häuptlinge von Nuahine und Raiatea offene Revolution hervor. Die Anhänger dieser Häuptlinge wurden in verschiedenen Gefechten geschlagen und diese selbst verbannt. Neue Häuptlinge wurden gewählt, die nun, indem sie ihre Gewalt dem Volke selbst verdankten, eine ganz andere Stellung einnehmen. Der von Nuahine hat sich bisher gut benommen. Der von Raiatea, welcher in despotische Gelüste verfiel, wurde abgesetzt, und das Volk beschloß, den früheren Häuptling unter Bedingung und Garantie von Seiten des Häuptlings von Borabora zurückzurufen. Auch in Borabora brach zweimal eine Revolution aus, die aber keinen anderen Erfolg hatte, da der Häuptling dieser Inselgruppe keine begründeten Ursachen zur Klage gegeben hatte. Die jämmtlichen Inseln stehen unter dem Einfluffe protestantischer Missionäre, die von der Londoner Missionsgesellschaft geschickt werden, Unter den Missionären der Gesellschafts-Inseln stehen auch die Inseln der Austral-Gruppe. Von denen der Taumotu-Gruppe, oder des gefährlichen Archipels, find sie durch die Franzosen ausgeschloffen worden, gerade so wie von Tahiti.

Mannigfaltiges.

– Copernicus als Arzt und Staatsmann. So eben ist wieder ein recht dankenswerther Beitrag zur Copernicus-Literatur und zur näheren Kenntniß der Kulturgeschichte Preußens unter dem ersten Herzoge erschienen. Das Schriftchen führt den Titel: „Nikolaus Copernicus in feinen Beziehungen zu dem Herzoge Albrecht von Preußen, von Dr. L. Prowe“ (Thorn, 1855). Es ist ein Vortrag, den der schon als Biograph des Copernicus bekannte Verfaffer in der öffentlichen Sitzung des Copernicus-Vereins für Wiffenschaft und Kunst zu Thorn am 19. Februar d. J. gehalten und den dieser Verein jetzt als Festschrift zur fechshundertjährigen Jubelfeier der Stadt Königsberg dem Druck übergeben hat. Wir sehen in diesem Schriftchen den berühmten Frauenburger Domherrn nicht nur in dem Forschenszweige, der feinen Namen verewigt" und mit dem er die erste Glorie auf sein Heimatsland, das bis dahin in den Wiffenschaften kaum genannte Preußen, geworfen hat; wir fehen nicht nur den weithin geltenden Astronomen wirken, sondern wir finden ihn auch auf Gebieten thätig, wo wir von feiner Bedeutung bis jetzt entweder keine oder doch nur geringe Kenntniß hatten. Das Schriftchen führt uns nämlich den Mann zugleich in feiner ärztlichen und in feiner staatsmännischen Thätigkeit vor. In allen diesen Beziehungen nämlich trat er dem geistesfrischen und nach allen Seiten hin regsamen damaligen Haupte des herzoglichen Preußenlandes, dem Herzoge Albrecht, persönlich nahe, sei es, daß er von ihm zu Rathe gezogen oder an ihn vom Bischof von Ermland zu bestimmten Verhandlungen entsendet wurde. So wird das kleine, aus zerstreuten Winken zeitgenössischer Berichterstatter und sonstigen Reliquien, welche aus der Zeit der schwedisch-polnischen Kriege in die Haupt-Archive des Landes, das Geheime Archiv zu Königsberg und das bischöfliche Archiv zu Frauenburg, gerettet worden, geschöpfte Schriftchen zugleich eine schätzenswerthe Ergänzung der im Jahre 1841 erschienenen trefflichen Monographie von J. Voigt über den schriftlichen Verkehr der berühmtesten Gelehrten des Reformationszeitalters mit dem Herzog Albrecht von Preußen. (Pr. C.)

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Italien.

Die Katakomben des Kapuzinerklosters bei Palermo.

Unter dem Titel „Aesthetische Wanderungen in Sicilien“ hat Dr. L. Goldhann“) die Erinnerungen an seine ficilische Reife zu einem ansprechenden Gefammtbilde zusammengefaßt und den Freunden der Kunst und schönen Natur als eine erfreuliche Gabe dargeboten. Er vergleicht im Vorwort das Entstehen feiner Arbeit mit dem Werden eines Kunstwerks und nimmt keinen Anstand, durch das Bekenntniß, daß sie ihn nach ihrer Vollendung mit einer gewifen „artistischen Befriedigung“ erfüllt habe, die Rachegeister der Kritik heraufzubeschwören und auch den Lesern, die genießen und nicht rezensieren wollen, eine argwöhnische Verstimmung einzuflößen. Aber ein feiner Sinn für Naturschönheit und eine warme, dem Zauber der Landschaft entfprechende Diction schmeicheln bald den Unmuth fort, den jene kecke Herausforderung erregen konnte, und erfüllen den Leser mit dem behaglichen Gefühl, daß er in der That, wenn nicht ein makelloses Kunstwerk, so doch eine durch Form und Inhalt gleichmäßig anziehende Schrift vor sich hat. Herr Dr. Goldhann beginnt feine Darstellung mit der Ueberfahrt von Neapel nach Palermo, verweilt längere Zeit in dieser Stadt und deren Umgegend, reift dann von hier durch das Innere der Insel nach Syrakus und führt uns dann längs der Ostküste nach Messina. Die landschaftliche Scenerie, das Volksleben und die Denkmale der Kunst, besonders der Architektur, – das find die Gegenstände, auf welche der Verfaffer unsere Aufmerksamkeit hinlenkt; gefunde Empfindung, ein klares Auge und eine überaus glückliche Herrfchaft über die Sprache befähigen ihn in hervorragender Weise, seinen landschaftlichen Gemälden den vollen Zauber der südlichen Natur einzuhauchen, die Genrebilder aus dem Volksleben mit aller charakteristifchen Lebendigkeit auszustatten und die merkwürdigen Bauten aus der Zeit der griechischen, farazenischen und normännischen Herrschaft mit ficheren Umriffen uns zu veranschaulichen. Aber die objektive Darstellung des Gesehenen ist nicht der alleinige Zweck des Verfaffers; wie der Titel eines Buches andeutet, beabsichtigte er, einen Beitrag zur Aesthetik zu liefern, indem er fich überall den ästhetischen Gehalt der Erscheinungen und die Motive des ästhetischen Eindrucks durch Reflexionen klar zu machen fucht. Und diese zahlreich eingestreuten Raifonnements bilden an sich nicht nur den schwächeren Theil des Buches; fie stören auch den ruhigen Genuß und find unserer Anficht nach das Haupthinderniß, die anziehende Schrift für ein Kunstwerk zu erklären. Niemand wird, wie wir glauben, die da niedergelegten Betrachtungen ohne Intereffe lesen; aber Wenige werden fie bei genauerer Erwägung für etwas mehr als geistreiche Spielereien halten. Und selbst folche würden wir gern hinnehmen, wenn fiel uns weniger abfichtlich und vor Allem nicht in kompakter Phalanx entgegenträten, sondern ungezwungener mit ihrem zierlichen Geflecht die Darstellung durchsetzten und umrankten. Jetzt zerfällt das Buch in zwei heterogene durch einander geworfene Theile: Darstellung und angehängtes Raifonnement, die so lose verknüpft sind, daß das letztere ohne Schaden für die erstere hätte fortfallen können; mitten in der Freude über eine gelungene Darstellung beschleicht uns das trübselige Gefühl, daß im Hintergrunde ein peinliches ästhetisches Verhör auf uns lauert; und die Erfahrung zeigt uns bald, daß der Verfaffer, weit davon entfernt, uns mit überlegener Meisterschaft die Mysterien der Aesthetik zu erschließen, felbst noch im Dämmerlicht umhertappt und fich Resultate abquält, die, ganz davon abgesehen, daß auf diesem Gebiete die Subjektivität mit verfchiedenem Maßstabe mißt, auch vom allgemeineren Standpunkte nicht als stichhaltig betrachtet werden können. Dr. Goldhann legt auf solche Episoden augenscheinlich großen Werth; gleichwohl ist der feine Sinn für die innere Harmonie eines Kunstwerks, den er sonst überall zu erkennen giebt, diesen mit Unrecht bevorzugten Kindern feines Geistes gegenüber nicht vollständig stumm gewesen; wir glauben vielmehr aus einer Anmerkung fchließen zu dürfen, daß er selbst nachträglich an

*) Leipzig, F. A. Brockhaus, 1855.

einer dieser Digresfionen Anstoß genommen hat. Hätte er das natürliche Gefühl, das ihn hier beschlich, ungehemmt wirken laffen; wäre er ihm auf den Grund gedrungen, so würde ihm vermuthlich klar geworden sein, daß es nicht rathsam war, feinen kunstreichen Schilderungen derartige weitschweifige Erklärungen anzuhängen, und mühelofer würde er erreicht haben, was er erstrebte: den Ruhm einer meisterhaften Darstellung Da die „Wanderungen in Sicilien“ nicht nur ihres Inhalts, fondern auch ihrer vollendeten Form wegen alle Beachtung verdienen, würden wir zu einer höchst einseitigen Beurtheilung Anlaß geben, wenn wir unseren Lesern zur Charakteristik des Buches statt eines farbenreichen lebenswarmen Gemäldes einen dürftigen Abriß bieten wollten, dem die Fülle der Anmuth fehlt, welche in dem ganzen Werke über die Darstellung ausgegoffen ist. Es wird den Lesern ein richtigeres Urtheil geben, wenn wir ein Fragment hervorheben. Die Wahl ist fchwer, da das Buch so viel des Schönen enthält; die Rücksicht auf Kürze bestimmt uns, die Schilderung der Katakomben des Kapuzinerklosters bei Palermo mitzutheilen, zumal da Dr. Goldhann hier zeigt, daß feine weiche, anmuthige Sprache am angemeffenen Ort einer fehr nachdrucksvollen Steigerung fähig ist. „In einem eigenthümlichen Zickzack zwischen ummauerten Gärten kreuzend, deren versteckte Herrlichkeit nur hier und da durch eine überhängende Palme oder hochaufstrebende Cypreffe bemerkbar ward, erreichten wir bald das Kloster der Kapuziner, wo fich jene berühmten Katakomben befinden, die unter den Sehenswürdigkeiten Palermos gewöhnlich in erster Reihe aufgezählt werden. Unser Wagen hielt im Schatten eines mächtigen Kastanienbaumes, und da mein Freund, nach einigen dem Führer entschlüpften Aeußerungen, die Behaglichkeit einer kleinen Siesta dem in den Klosterhallen zu gewärtigenden Genuffe vorzog, folgte ich allein dem Signor Gregorio nach der Eingangshalle, wo auf bloßes Kopfnicken der Pater Guardian erschien und über eine Treppe von ungefähr dreißig Stufen nach einer Art von Kellerthür voranschritt, die fichfofort dröhnend aufhat. Ein wahrhaft mephitischer Verwesungsgeruch, der uns fogleich entgegenqualmte, war nur der harmlose Vorläufer eines nunmehr fich erschließenden Schauspiels, fo gräßlich, so schauderhaft grotesk, wie nur die ausgelaffente Phantasie in Fieberhitze fichs erträumen könnte. Wer immer von Katakomben hört, denkt fich darunter durch hohes Alterthum geheiligte unterirdische Gänge, wo in geheimnißvollen Nischen schwere Sarkophage stehen, oder allenfalls blanke Skelette, in langer Folge an den Wänden gereiht, mehr Verwunderung als Grausen erregend, wie aus Schilderungen der Katakomben von Rom, Paris und anderen Städten der Begriff sich gebildet. Wer aber dachte jemals daran, einen monströsen Kirchhof, worin Tausende von Leichnamen jedes Geschlechts, Alters und Standes, von den fernsten Jahrhunderten her bis auf die jüngsten Monate, alle Stadien des Verwesungs- oder richtiger des Verstaubungs-Prozeffes zur Schau tragen, mit eigenen Augen bloß- und offengelegt zu finden? Das Kapuzinerkloster bei Palermo bietet diesen ungeheuerlichen Anblick. In einem unterirdischen Gewölbe, das aus vier weitläufigen, ein Quadrat bildenden Gängen mit von oben einfallendem matten Tageslichte besteht, fieht man die Todten Palermo's aller Zeiten, gekleidet und theilweife geputzt, wie es ihre Zeit- und Lebensverhältniffe mit fich brachten, in einer schauderhaften Versammlung vereinigt. In drei- bis vierfachen Reihen über einander stehen die Männer an den Wänden, die Frauen und Kinder dagegen liegen, nur durch Glastafeln fichtbar, ebenfalls in mehrfacher Uebereinanderstellung in hölzernen Kasten näher dem Boden. Man wandelt auf Tod, man berührt und athmet ihn; wohin das Auge flieht, nichts als gräßlich verzerrte Todtenfratzen, halbzerfreffene Schädel, einfinkende Gestalten, braune, hautumzogene Knochenhände, und alles das noch hundertfach schauriger gemacht durch die bunten Kleiderlappen und Putzflitter, welche um diese stockdürren Gl und pergamentartigen Larven in barocker Mannigfaltigkeit schlottern. Aus wurmzernagten Kapuzinerkutten grinsen schwarze Gefichter mit leeren Augen, lederähnlich umspannten Knochenwangen und über den krampfhaft verbissenen Mund noch zaufig hinabzottelndem Barte; leere Harnische wölben sich um verfallenes Gebein, das

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