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Nord: WAmerika.

Washington und die Gründung der Vereinigten Staaten. Nach Cornelis de Witt.*)

J. J. Ampère, deffen treffliche Skizzen des Lebens in den Vereinigten Staaten unsere Leser kennen, spricht fich bei Gelegenheit einer Anzeige des unten näher bezeichneten Werkes folgendermaßen aus: Das Leben. Washington's ist in. feinem Vaterlande von Sparks, dem amerikanischen Plutarch, beschrieben worden. Guizot hat das Werk durch eine von einer schönen historischen Studie begleitete Uebersetzung in Europa bekannt gemacht. Diese Studie, eine der vollendetsten, die je aus feiner Feder gefloffen, ist in dem Buche seines Schwiegersohnes, des Herrn Cornelis de Witt, eines Nachkommen des berühmten holländischen Staatsmannes dieses Namens, wieder abgedruckt, um es, fo zu fagen, bei dem Publikum empfehlend einzuführen. Bis dahin kannte man Washington in Frankreich höchstens durch die elegante Lobrede, die ihm Herr von Fontanes vor dem ersten Konful hielt: Ifokrates lobte hier den Aristides in Gegenwart Alexanders. Diese Huldigung der Freiheit überzeugte weder den ruhmvollen Zuhörer, noch den Redner felbst. Die Schrift des Herrn de Witt hat einen weit ernsteren Charakter. Sie wird nicht alle Welt überzeugen; allein kein unbefangener Leser wird dem Helden feine Bewunderung, dem Biographen feine Achtung versagen. Washington schien nicht zum großen Mann geboren; er hatte weder den Ehrgeiz, der zu kühnen Unternehmungen treibt; noch die außerordentlichen Talente, die deren Erfolg sichern. Es war ein virginischer Pflanzer, „deffen Leben anfangs nur eine feltsame Mischung darbot von abenteuerlichen Ausflügen und Arbeiten eines amerikamischen Hinterwäldlers mit den fitzenden und mühsamen Beschäftigungen eines Handelsmannes und dem wohlhabenden und schlichten Haushalt eines englischen Landedelmannes.“ Der durch die ungesetzlichen Auflagen von Seiten des Mutterlandes hervorgerufene Aufstand traf Washington auf feinem Gute. Mount-Vernon, wo er, ohne Gehülfen, mit feinen Geschäftsführern in London wegen feines Tabackshandels korrespondierte, feine Strazzen, feine Haupt- und BriefkopierBücher mit strengster kaufmännischer Pünktlichkeit führte. Allein der gewerbthätige Pflanzer, der Tabackskaufmann befaß im höchsten Grade kriegerischen und bürgerlichen Muth: eine Combination, die den zum Siege entschloffenen Demokratieen fo nothwendig und der amerikamischen Demokratie als charakteristisches Merkmal geblieben ist. An allen Maßregeln des gesetzlichen Widerstandes gegen die verfaffungswidrigen Eingriffe Englands in die amerikanischen Freiheiten nahm Washington energischen Antheil. Er, der in einem Feldzuge gegen die Franzosen bei dem Uebergang des Monongahela eine glänzende Tapferkeit entwickelt hatte, war zu verständig, um fofort die Gewalt aufzurufen. „Keiner darf einen Augenblick anstehen, nach den Waffen zu greifen, um so kostbare und heilige Intereffen zu vertheidigen; aber die Waffen müffen unsere letzte Zuflucht bleiben.“ Washington wünschte den Krieg nicht, war aber zu jeder Stunde entschloffen, für das Recht zu kämpfen. Als er den ersten Zusammenstoß der amerikanischen Milizen mit den englischen Truppen erfuhr, schrieb er: „Gewiß ist es schmerzlich, daß Brüder einander das Schwert in die Brust stoßen, daß die bisher so glücklichen und friedlichen Fluren Amerikas entweder von Blut geröthet oder von Sklaven bevölkert fein follen. Beklagenswerthe Alternative; kann aber ein tugendhafter Mensch über die Wahl unentschieden fein?“ Berufen zur Befehligung des Heeres, das zur Vertheidigung der amerikanischen Sache ausgehoben worden, übernahm er den Befehl nur mit bescheidenem Mißtrauen in sich selbst, wies übrigens den Sold als Obergeneral zurück. Er trat sein Amt an, ohne von Eigenliebe getrieben zu sein, ohne sich über die Schwierigkeiten des Unternehmens zu täuschen. „Wenn Alles im Lager schläft“, schreibt er, „verbringe

*) Histoire de Washington et de la fondation de la République des Etats-Unis, par M. Cornelis de Witt, précédée d'une notice historique sur Washington, par M. Guizot. Paris, Didier, 1855.

ich die Nacht in traurigen Gedanken über unsere traurige Lage. Oft schon kam es mir in den Sinn, ob ich nicht viel beffer daran gethan haben würde, wenn ich mich, die Flinte auf der Schulter, hätte in die Reihen einschreiben laffen, anstatt unter folchen Umständen das Kommando zu übernehmen; oder ob ich nicht glücklicher gewesen wäre, wenn ich mich tief ins Land zurückgezogen und in einem Wigwam gelebt hätte, ohne zu besorgen, daß die Nachwelt und mein Gewifen mir mein Benehmen zum Vorwurf machen.“ Aber dieser Mann, fern von jeder Verblendung, den keine Begeisterung mit sich fortriß, mußte, einmal in die Bahn getreten, die er nicht gewählt, bis ans Ziel gehen, ohne Ermatten, ohne Entmuthigung; so wie der amerikanische Settler, in den jungfräulichen Wald vertieft, die Bäume vor sich niederschlägt, sich einen Weg bricht, nimmer rastet, nimmer einhält, bis das Hinderniß überstiegen ist. De Witt zeigt, mit welchen Schwierigkeiten. Washington während, besonders aber bei Beginn des Unabhängigkeitskrieges zu ringen hatte: „Jedes Kongreßmitglied, jede Provinzialversammlung, jeder einflußreiche Bürger war für ihn zugleich ein Hinderniß und eine unentbehrliche Stütze. Alle räumten ein, Washington sei die Seele des ganzen Unternehmens, und doch hatte man ihn kaum mit genügender Macht bekleidet, das Heer zu unterhalten! Um sich Munition und Lebensmittel zu verschaffen, um feine Stämme vollzählig zu machen, um feine geringsten Anordnungen ausführen zu laffen, mußte er hier zur Autorität des Einen, dort zum Einfluß eines Anderen Zuflucht nehmen, mußte er, um gehört zu werden, ziemlich laut und doch wieder mit großer Behutsamkeit sprechen, um die demokratische Empfindlichkeit nicht zu reizen. So viele Rücksichten wurden dem Stolze Washington's fauer genug; er unterzog sich ihnen jedoch aus Patriotismus, ohne es gewiffen Leuten jemals zu Dank zu thun. Unaufhörlich erhielt er von Philadelphia aus Winkel über die Klagen der öffentlichen Meinung: bald war es eine Versammlung, die, ihm bis auf die Existenz unbekannt, fich rücksichtlos behandelt fühlte; hier fchmollte eine Predigerfrau, die er zu Tische zu laden versäumt; dort wunderte fich ein Advokat, daß er erst Oberst fei.“ Vielleicht schlägt Herr de Witt, über diesen fein bemerkten und witzig gerügten Spießbürgerlichkeiten, den patriotischen Schwung, der gleichwohl die Amerikaner beseelte und fie unüberwindlich machte, nicht hoch genug an. Doch warum sollte es ihm nicht erlaubt sein, dies zu thun, wenn Washington selbst Augenblicke hatte, wo er an dem Erfolg zweifelte? In einer folchen Stimmung schrieb er an feinen Bruder: „Unter uns gesagt, ich fürchte, das Vaterland geht feinem Untergang zu.“ Indeffen, wie Witt bemerkt, ließ er sich von solchen Zweifeln nicht niederschlagen und blieb so fest, wie wenn er voll Vertrauen auf den guten Ausgang gewesen wäre. „Was thun wir, wenn Philadelphia genommen würde?“ fragten. Einige in feiner Umgebung. Ohne sich zu bedenken, antwortete er: „Wir gehen über den Fluß Susquehanna hinaus, und wenn es nöthig, steigen wir über die Alleghanyberge.“ Die Anfänge des Krieges schildert de Witt mit den Worten: „Es war ein Positionskrieg, kalt, wie eine Schachpartie; wenig Blut, wenig heldenmüthige Gefechte und glänzende Thaten; nur ein einziges großartiges Schauspiel feffelt uns: Die Festigkeit Washington's im Mißgeschick, fein unablässiger Kampf gegen die Entmuthigung, die Furcht und den Verrath unter den Seinigen.“ Bald aber bot sich ein anderes großes Schauspiel: Diese improvisierten Soldaten, diese aus dem Stegreif bewaffneten Volkshaufen, diese Menschen, hinter dem Pflug oder aus dem Comtoir weg – die besiegten zuletzt ein regelmäßiges Heer. Die Steine auf diesem Schachbrette lebten. Trotz dem Mangel an Erfahrung und Kriegszucht, trotz den kleinen Leidenschaften, die sich immer in die großen Dinge mischen, ihren Gang aber nicht hemmen, wenn ein großes Gefühl das Triebrad ist – trotz alle dem, zeigen sich die Amerikaner endlich ihres Führers würdig! Ein Mensch reicht nicht hin, die Unabhängigkeit eines Volkes zu gründen, das Volk muß mit dabei fein. Uebrigens würdigt de Witt den militairischen Charakter Washingtons sehr gut: durch diese Mischung von Geduld und Verwegenheit, von geschicktem Zaudern und kühner Entschiedenheit erwartete und ergriff er den Augenblick. Seine energische Entschiedenheit bewies er auch durch die Forderung einer unbeschränkten, wenn auch zeitweiligen Gewalt über das Heer. Sie wurde ihm auf sechs Monate bewilligt. Die Gefahr einer Militairdiktatur war freilich nicht groß bei einem Mann, der an den Kongreß schrieb: „Weit entfernt, mich durch diesen Beweis von Vertrauen aller bürgerlichen Pflicht entbunden zu glauben, werde ich stets eingedenk bleiben, daß das Schwert,

das wir nur als das äußerste Mittel zur Vertheidigung unserer Frei

heiten gezogen, sofort in die Scheide gesteckt werden muß, wenn diese Freiheiten fest gesichert sind.“ Washington gehörte aber zu denen, die, wenn sie ein solches Versprechen gegeben haben, es auch halten. Nach Beendigung des Krieges begann die politische Rolle Wahingtons, die bei weitem bewundernswürdiger war, als die militairische. Er betrat diese Bahn voll Hingebung, Selbstverleugnung und Weisheit; am Ziele winkte dem Vaterlande die Freiheit, ihm felbst der dauerndste und reinste Ruhmeskranz. Sein Uebergewicht versöhnte zwei Gewalten, deren Zerwürfniß die Zukunft Amerikas bedrohte: den Kongreß und das Heer. Der Kongreß feilschte um die Belohnungen, die er dem Heere verheißen; das Heer drohte, in Gegenwart eines besiegten, aber noch immer gefährlichen Feindes, aus einander zu gehen. Washington zeigte diesem das Schimpfliche eines solchen Beginnens, jenem den plumpen Undank gegen die Retter des Vaterlandes. Und diese Appellation an den gesunden Menschenverstand sicherte die Unabhängigkeit, welche die Waffen so eben erfochten hatten. Washington hatte noch eine andere Probe seines Patriotismus gegeben. Es bildete sich eine Partei, die auf die Wiederherstellung der Monarchie sann und dem siegreichen General die höchste Gewalt übertragen wollte. In dieser monarchischen Partei waren angesehene Männer, die aufrichtig die Republik für gefährlich, ja, unmöglich und die englische Verfaffung für die beste hielten. Washington war damals dem Gedanken nicht fremd, daß man auf diese Regierungsform zurückkommen dürfte. Allein er und Hamilton (der einzige Zeitgenoffe, den man neben Washington stellen konnte), was auch ihre Ansicht über die möglichen Ereigniffe der Zukunft gewesen sein mag, waren darin übereinstimmig, wie Hamilton sagte, auf loyale Weife das Experiment zu erproben. Washington brauchte die Freiheit nicht zu erdrücken; er brauchte nur die Fehler des Kongreffes zu benutzen, um sich von der Befreiungsarmee auf den Thron heben zu laffen. Ein Oberst schrieb an ihn in diesem Sinne im Namen seiner Waffengenoffen. Washington antwortete: „Mit einer Mischung von Ueberraschung und Schmerz habe ich Ihren Brief aufmerksam gelesen. Ich versichere Sie, mein Herr, daß kein Ereigniß im Laufe dieses Krieges mich so bekümmert hat, als die Nachricht, die ich durch Sie erhalte, daß solche Gedanken in der Armee umlaufen; ich kann sie nur mit Abscheu betrachten und sie streng verdammen. Ich suche umsonst in meinem Benehmen Etwas, was Jemanden zu einem solchen Vorschlag hätte aufmuntern können. – Antike Worte, wahrhaft römische Schlichtheit und Größe! Sie sind würdig, ein Vorbild in der Welt zu sein, und haben auch in Amerika selbst einen würdigen Nachahmer in dem edelherzigen Bolivar gefunden, dessen Ruf der Undank der Parteien nicht befleckt hat. Es war von Washington um so verdienstlicher, die Verlockungen zur Krone von sich gewiesen zu haben, als das Land nur eine proviforische Verfaffung besaß und große Schwierigkeiten und Stürme zu fürchten standen. Die Gemüther waren geheilt, schwankend, von heftigen Leidenschaften bewegt; die Gefahr vor einer drohenden Umsturzpartei bot Vielen einen scheinbaren Grund, die Tyrannei anzurufen. „Der frühere Krieg gegen die Engländer“, sagt de Witt, „wandte sich jetzt gegen die Reichen. Die Noth, der Bankerott, der Kommunismus, der soziale Krieg im Schooße der Staaten, der Bürgerkrieg unter diesen, die Verachtung und die Schmähungen des Auslandes, all diese Uebel waren in Aussicht oder schon gegenwärtig.“ Washington hätte glauben können, er sei berufen, ein so bedrohtes Vaterland zu retten, indem er das Scepter ergriff. Allein feine Seele war größer: mitten in diesen Gefahren verzweifelte er nicht an der Freiheit und ging in den Konvent nach Philadelphia, um an der Gründung, nicht feiner Macht, sondern der Verfaffung seines Vaterlandes zu arbeiten. Der Konvent von Philadelphia war die Wiege der amerikanischen Verfaffung; man hatte hier große Mühe, sich zu verständigen. Die entgegengesetztesten Richtungen waren hier vertreten, und während Hamilton eine Regierung wollte, die, ohne Monarchie zu fein, doch fie einleiten könnte, fürchteten Andere die Tyrannei einer zu energisch befestigten Centralgewalt. Trotz der unvermeidlichen Meinungsverschiedenheit aber ward das aufrichtige Bedürfniß der Einigung und der Wunsch, das Wahre zu finden, gefühlt. Die richtigen Ideen, von welcher Seite sie auch kommen, fiegen zuletzt. Der Kampf bestand zwischen den großen und kleinen Staaten, zwischen der ausschließenden Vertretung der Zahl und der Vertretung der politischen Einheiten, dargestellt durch die einzelnen Staaten. Hätte die erste allein gesiegt, so war die amerikanische Republik ohne Gegengewicht der Herrschaft der Menge preisgegeben; dadurch aber, daß den zugleich wirklichen und

idealen Personen, den Staaten, Rechte ertheilt wurden, schuf man eine Barre gegen das absolute Prinzip der Mehrheit, ersetzte das abwesende aristokratische Element und rettete die Vereinigten Staaten vor jenem verflachten Durcheinander, aus dem Nichts hervorragt, Nichts Widerstand leistet, und mit dem Wühler und Despoten so leicht fertig werden. Der Vorschlag des Abgeordneten Dikinson, den Senat durch die örtlichen Legislaturen ernennen zu laffen, war der erste Schritt auf diesem heilbringenden Weg. Der zweite, noch entscheidendere war, in dem Senate felbst den großen und den kleinen Staaten eine entsprechende Vertretung zu geben. Bei diesem Vertretungsmodus berückfichtigte man noch etwas Anderes als die Zahl: ein Kollektivrecht machte fich neben dem Individualrecht geltend, hielt ihm die Wage und beschränkte defen Gewalt. Die lokalen Intereffen und das lokale Leben laufen auf diese Weise nicht Gefahr, jenem luftigen Wesen geopfert zu werden, das man Volk nennt, jenem unverantwortlichen und unfaßbaren Souverain, dessen Namen den bequemen Vorwand bietet, alle Mißbräuche, alle Verbrechen zuzudecken. (Schluß folgt.)

WAfrika.

Die Völkerschaften des Baher-el-Abiad.
(Schluß)

Die Bary, wie die meisten Uferbewohner, die ich kennen lernte, sind im Allgemeinen falsch, rachgierig und zänkisch; Sklaven ihrer Lüfte, ohne Zügel, ohne Gesetz, überlaffen sie sich allen möglichen Exzeffen. Der geringste Streit endet oft in Lanzenstichen, welche mitunter den Krieg herbeiführen. Don Angelo versichert, daß mehr von ihnen eines gewaltsamen Todes, als durch Krankheiten sterben. Aber mit allen diesen Fehlern haben sie eine gute Eigenschaft, die noch etwas von ihnen hoffen läßt: fiel nehmen eben so schnell Vernunft an, wie sie in Zorn gerathen; so wüthend sie auch waren, habe ich sie nach einigen Worten Don Angelos sanft wie Lämmer werden sehen. „Es ist wahr, Du hast Recht“, sagten sie, damit war Alles beendet. Während eines Aufenthalts in Belenia hat er viele Mordthaten und sogar Kriege verhindert; es hatte nie solche Ruhe geherrscht, als damals. Nach feiner Abreise haben die Bary, die Lyria und die Lokaia zweiundvierzig Personen getödtet und mehrere Hütten verbrannt. Dieser Misfionär hatte mehrere Schüler, die ihn allenthalben hin begleiteten und dazu dienten, ihm bei den Völkerschaften, die er besuchte, eine günstige Aufnahme zu bereiten und diese mit dem Unterschied bekannt zu machen, der zwischen unseren Lehren und ihrem Aberglauben flatt

findet. Alle diese Völker gehen nackt, mit Ausnahme der verheirateten Frauen. Nur die Mädchen der Schirs und der Bary tragen Schurze, die von Baumrinde gewebt und vier Finger breit sind. Sie kennen nur zwei Jahreszeiten, die des Regens und den Sommer. Letzterer trifft mit unserem Winter zusammen und ist auch die Zeit der stärkften Hitze, die höchstens durch die Nordwinde gemäßigt wird, welche in dieser Jahreszeit herrschen. Die Nächte sind frisch, was von der Höhe des Terrains herrührt, und der Schlaf kann den Verlust an Kräften ersetzen, den man während des Tages erleidet. Die Regen beginnen gegen Ende des März und enden im November. Während dieser Jahreszeit wird die Luft von erfrischenden feuchten Winden und von den Wolken, die oft die Sonne verhüllen, abgekühlt. Die ersten Ungewitter besonders werden von furchtbaren Donnerschlägen begleitet; sie währen zuweilen zwei volle Tage. Die Feuchtigkeit, welche in dieser Zeit herrscht, verursacht viele Wechselfieber, die aber nicht fehr gefährlich sind. Man leidet auch an Wafferbrüchen, am Bandwurm und an Wunden an den Beinen, aber diese Krankheiten entstehen durch die Gewohnheit der Eingeborenen, nackend durch die fumpfigen Landstriche zu gehen. Ihre Kraft, die Schönheit ihrer Frauen, die große Anzahl ihrer Greise find ein Beweis der Gesundheit des Landes, besonders jenseits des fechten Grades nördlicher Breite. Diese Leute effen gewöhnlich nicht öfter als einmal des Tages, gegen Sonnen-Untergang: ihre Hauptnahrung besteht aus Milch und Meriffe, so wie aus Durah, welchen sie, als Brei oder in Waffer gekocht, verzehren. Das Fleisch ist für sie ein Leckerbissen, welches man nur an Festtagen, bei Opfern, und wenn ein Thier fällt, zu genießen pflegt. Sie bauen auch Schminkbohnen, Erbsen, Sesamkraut, Kürbiffe und Taback, welchen sie an den Ufern des Nil und auf den Inseln ziehen. Auch die Wälder versehen sie mit einigen Bedürfniffen, als Wurzeln, wilde Früchte, Champignons und Honig in Menge. Sie haben ziemlich geschickte Schmiede, welche Lanzen, Pfeile, verschiedene Utensilien zum Jäten u. f. w. verfertigen. Ihre Tischler machen kleine Stühle und grobe Statuetten. Diese Handwerker find wenig geachtet. Wie den Uferbewohnern, die sich von Fischen nähren, giebt man ihnen ebenfalls den Beinamen Tumuit, welchen ein Kuhhirt oder Eigenthümer als eine Beschimpfung betrachten würde. Die Bary befinden sich in einer günstigeren Lage, als die anderen nördlichen Völkerschaften, da sie vortreffliches Salz haben, dessen ganzer Nutzen ihnen aber nicht bekannt ist. Die Länder jenseits des siebenten Grades nördlicher Breite find mit Wäldern von Tamarinden, Jgliks, Ebenholzbäumen und den schönften Akazien bedeckt. Diese immergrünen Bäume sind mit Lorbeerrofen vermischt, welche Blumen-Büschel der verschiedensten Art und vom lieblichsten Ansehen tragen. Sie bilden natürliche Gärten, die einen kühlen Schatten verbreiten, indem ihre Sträucher den Umfang unserer schönsten Kirschbäume haben. Die Dörfer der Bary und der Uanguarah find theils stufenweise an den Abhängen der Berge gelegen, die ihnen als Zuflucht gegen ihre Feinde dienen, und theilsgruppirt oder zerstreut in den reichen Waldungen, die fie beschatten. Die Berge im Süden des Barylandes erzeugen Krystall und Eisen im Ueberfluß, so wie ein wenig Kupfer; sie würden dem Mineralogen ein Feld für eben fo intereffante als nützliche Studien darbieten. Die Nuer erkennen nur einen einzigen Gott, den sie Nav nennen. Ihr Oberpriester, Dua genannt, ist eine Art Dalai-Lama, für welchen sie eine Ehrerbietung hegen, die an Kultus gränzt. Sie halten ihn für unsterblich und von den Schwächen, die der menschlichen Natur anhängen, wie von der Nothwendigkeit, Speise zu genießen, frei. Sein Tod wird von feinen Schülern aufs forgfältigste verheimlicht, von denen der älteste eine Stelle einnimmt. Seine Wohnung ist mit Palisaden umgeben und nur den Dschink, Königen oder Anführern der Krieger, zugänglich. Auf der Reise wird er in einer Sänfte von Laubwerk getragen. Nichts geschieht im Volke, ohne daß er um Rath gefragt würde. Er bringt, wie die Gläubigen fagen, fein Leben damit zu, sich mit den Geistern, welche die Welt beherrschen, zu unterhalten, und lehrt auch einen Schülern die Kunst der Weiffagung und der Wunderkuren. Wenn der Krieg beschloffen ist, schickt er einige feiner Priester, die Feinde zu verfluchen; diese Bileams werfen nachher drei Wurfspieße jenseit der Gränzen, die sie mit Krieg überziehen wollen. Sie fasten während des Monats Utisch, der mit unserem Winterfoltitium übereinstimmt; sie dürfen alsdann vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne nichts effen, aber das Trinken ist ihnen nicht verboten. Sie enthalten sich auch des Fleisches, der Milch und genießen nichts als Fische und wilde Früchte. Die ersten Tage des Monats, welcher dieser Fastenzeit folgt, find Volksfesten und Belustigungen gewidmet. – Wenn ihr Häuptling stirbt, so folgt ihm der jüngste seiner Kinder. Den Dieben wird der Hals abgeschnitten. Der Meuchelmörder wird der Willkür der Verwandten des Todten preisgegeben, die so viel Kühe von ihm verlangen können, als er Finger an den Händen und Zehen an den Füßen hat. Die alten Frauen und die jungen Mädchen folgen den Männern im Kriege, um ihnen Muth einzuflößen. Der König und fein Gefolge bleiben gewöhnlich hinter den Reihen der Krieger, um sie, wie es heißt, anzufeuern und die Zurückweichenden zu tödten. Ein Theil der dem Feinde abgenommenen Beute gehört dem Könige; das Uebrige wird unter die Krieger vertheilt. Hat ein Mädchen einen Fehltritt begangen, so verweist man es außerhalb des Lagers oder des Dorfes, aber die Aeltern adoptieren das Kind, um, wenn es heranwächst, ihnen das Vieh zu hüten.“

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Frankreich.

Neue Ausgabe der „Abenteuer des Barons von Fänefte“

Kürzlich ist eine neue Ausgabe des satirischen Romans: „Les aventures du Baron de Faeneste", verfaßt von dem berühmten hugenottischen Zeitgenoffen Heinrichs IV., Theodor Agrippa d'Aubigné, erschienen.“) Dieses zur Charakteristik des fechzehnten und fiebzehnten Jahrhunderts außerordentlich interessante Buch verdient auch in Deutschland näher gekannt zu werden. P. Mérimée hat daffelbe mit einer historischen Einleitung, so wie mit erklärenden Anmerkungen, ausgestattet. Aus der ersteren theilen wir nachstehend das Wesentliche mit:

„Theodor Agrippa d'Aubigné war ungefähr vierundsechzig Jahr alt, als er die ersten Bücher der „Abenteuer des Barons von Fäneste“ schrieb. Heinrich IV. war seit sechs Jahren todt; feine Witwe regierte Frankreich im Namen Ludwigs XIII. unter dem Beistande ihres allgemein verhaßten Günstlings: des Marschalls d'Ancre. Die Prinzen und die großen Herren machten ihm seine Stellung nicht streitig: fie erhielten in Folge dessen, daß sie mit Aufstand drohten, Unterfützungsgelder, durch welche die Staatsfinanzen zugrundegerichtet wurden. D'Aubigné lebte in dieser Zeit, fern vom Hofe, auf seinem Schloffe du Dongeon, immer gerüstet und verproviantiert, den der Königin und ihren Ministern verdächtigen Platz zu behaupten und nur mit den Häuptern der reformierten Partei ziemlich laue Verbindungen unterhaltend. Sein ganzes Leben hindurch war er der Oppositions

*) Paris, Jannet (Librairie Elzévirienue), 1855.

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sucht ergeben gewesen: Niemand hatte Gnade vor ihm gefunden. In den Bürgerkriegen räsonnierte er, wenn er die dem Tode geweihten Soldaten ins Feuer führte, über feine Generale und klagte sie der Unwiffenheit oder der Feigheit an. In den berathschlagenden Verfammlungen der Protestanten hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die ehrgeizigen und felbstsüchtigen Bestrebungen eines jeden ihrer Häupter zu entlarven. Selbst der zur Ausübung der Autorität nöthigen Eigenschaften ermangelnd, hatte er die verhängnißvolle Gabe, zu verhindern, daß Andere fiel ausübten. Er war von Natur zänkisch und spottsüchtig; nie hat er ein Witzwort zurückhalten können. Sein lebendiger und fatirischer Geist, feine Tapferkeit, die bis zur Verwegenheit ging, fein unermeßliches und mannigfaltiges Wiffen machten, daß er von allen feinen Zeitgenoffen gefürchtet war. Es war schwer, ihm beizukommen: er war ein beißender Dichter, ein gefährlicher Duellant, ein mit Beweis stellen reich versehener Theolog; wer sich an ihm rieb, hatte ein Epigramm oder einen Degenstich, bisweilen auch Beides zusammen zu gewärtigen. Gefürchtet von Allen, geachtet von Einigen, hatte er fehr wenig Freunde, und er liebte vielleicht. Niemanden. Man warf ihm, wohl nicht mit Unrecht, vor, Verwirrung in die Angelegenheiten der reformierten Kirche gebracht zu haben; man machte ihn für alle Widerwärtigkeiten verantwortlich; man schrieb ihm alle gewaltthätigen und unbesonnenen Unternehmungen zu; man hatte ihm deshalb den Beinamen „Sündenbock“ gegeben. Aufgewachsen unter den Gräueln der Religionskriege, hatte er feinen Antheil an der Rohheit des fechzehnten Jahrhunderts. Im Alter von fiebzehn Jahren legte er einmal, als er sich dem Tode nahe glaubte, mit lauter Stimme feine Generalbeichte vor alten verhärteten Wüstlingen ab, und diesen standen die Haare zu Berge, als sie die Beichte hörten. Jedoch zeichnete er sich unter den wilden Männern dieser unglücklichen Zeiten durch einen gewissen ritterlichen Sinn oder, wenn man will, durch einen unmäßigen Stolz aus, der ihn trieb, einen erhabenen und ungewöhnlichen Ruhm zu suchen. Er wollte ein großer Mann fein, und er hatte in den Alten gelesen, durch was für Thaten man den Ruhm gewinnt. Gleichzeitig gaben die Bildung eines Geifes und ein gewifes natürliches Anstandsgefühl einen schlechten Leidenschaften eine der Humanität fich nähernde Verfeinerung. Anstatt einem überwundenen Feinde den Kopf zu spalten, zwang er ihn, feinem religiösen Bekenntniß zu entsagen, indem er eine vollständigere Rache darin fand, ihn zu entehren, als darin, ihn zu tödten. Wenn er fich auf den Schlachtfeldern oft menschlich und großmüthig zeigte, fo kannte er dagegen in den politischen und theologischen Diskussionen kein Erbarmen: er offenbarte in denselben eine leidenschaftliche Gehäffigkeit, die nicht leicht. Jemand nach ihm überboten haben wird. Alle Waffen schienen ihm gut, selbst die fchwärzeste und unfinnigste Verleumdung; denn in feiner Wuth verlor er allen Takt und jedes Maß. Trotz der Ritterlichkeit, deren er sich rühmte, behandelte er die Frauen nicht beffer, als die Männer. Besonders aber ist er gegen die Abtrünnigen seiner Partei unversöhnlich, ein bekehrter Hugenotte ist in feinen Augen ein aller Verbrechen schuldiges Ungeheuer. Merkwürdig! dieser Mann, so voll von Galle, ist unter den Schriftstellern feines Jahrhunderts vielleicht derjenige, defen Werke die alte französische Heiterkeit am besten wiedergeben. Oft zwar artete die Heiterkeit bei ihm in Zügellosigkeit aus, und er verdiente häufig die Vorwürfe, welche ihm die gewissenhaften Frommen feiner Partei machten. Weder feine aufrichtige Frömmigkeit, noch die bis zur Strenge gehende Sittlichkeit eines reifen Alters waren im Stande gewesen, ihm den Ton und die Ausdrucksweise des Soldaten und des Hofmannes zu nehmen. Die Berührung mit dem Laster fürchtete er niemals, ob aus Vertrauen auf feine Willenskraft oder ob aus Mißachtung gegen das Urtheil Anderer, muß dahingestellt bleiben. Die entsetzliche Lüderlichkeit an den Höfen Heinrichs III. und Heinrichs IV. hatte ihn nicht verderben können; er hatte inmitten dieser Welt fich immer fein eigenes Wesen bewahrt, obwohl er an den Orgien, ohne Furcht, sich zu verunreinigen, als ein dieselben mit Verachtung, aber doch auch mit Neugierde betrachtender Zuschauer Theil genommen hatte. Durch das Alter und durch die Strapazen mürbe gemacht, liebte er es immer noch, im Geiste sich mit den Thorheiten feiner Jugend zu beschäftigen. Seit langer Zeit hatte er die Rolle eines ernsten Mannes und eines Moralpredigers angenommen, aber er predigte immer in der Ausdrucksweise der korrumpierten Gesellschaft, in der er sich bewegt hatte. Er versteht es, die Laster feiner Zeit in edler und beredter Sprache darzustellen; aber sobald eine lustige Geschichte fich feinem Gedächtnis aufdrängt, verstummt der Prediger mitten im Sermon, und der ergötzliche Erzähler, der sich keinen Zwang anthut, tritt in die Rolle. Da das Werk, welches wir in einer neuen Ausgabe wieder veröffentlichen, nicht für die Frauen bestimmt ist und im Grunde auch viel zu ernst und viel zu sehr belehrend ist, um die Schüler amuren zu können, so haben wir kein Bedenken getragen, manche ungeschliffen heiten, von denen keiner unserer alten Schriftsteller frei ist, unverändert abdrucken zu laffen. Es darf nicht befremden, daß man im Anfang

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des siebzehnten Jahrhunderts die Wendungen falschen Zartgefühls nicht kannte, mittels deren man heutzutage im Stande ist, unanständige Dinge anständig zu fagen. Der Fortschritt scheint mir, genau betrachtet, wenig auf sich zu haben, da er nur andere Ausdrücke mit sich gebracht, während die Gegenstände, an denen der französische Witz fich gewöhnlich übt, beinahe dieselben geblieben find. Die Anzahl der Gegenstände, die das Lachen zu erregen geeignet find, ist wirklich sehr beschränkt. Soll man sie verbannen oder nur mit heuchlerischer Behutsamkeit andeuten? Verzeihen wir es wenigstens unseren Vorfahren, daß sie offener und ungezwungener gewesen, und hüten wir uns, uns für beffer zu halten, weil wir ernsthafter sind, oder weil wir ihre alten Späße hinter neuen Ausdrücken verstecken. Die „Abenteuer des Barons von Fänefte“ find, wie alle Werke d'Aubignés, in einer ganz eigenthümlichen Sprache (es ist darunter kein Patois zu verstehen) geschrieben; dieselbe hat noch die ungezügelte Kraft und Naturmächtigkeit des sechzehnten Jahrhunderts, und doch entdeckt man in ihr schon Spuren von jener Abschleifung, die sie im fiebzehnten Jahrhundert erfuhr. Der Verfaffer hat einen Styl, der den Kavalier verräth; jedoch zeigt seine Prosa den Einfluß gründlicher klaffischer Studien und verräth gleichzeitig auch die genaueste Bekanntfchaft mit dem Volke, „dem Sprachmeister par excellence”. Aus diesen beiden Ouellen haben alle unsere großen Schriftsteller geschöpft. „Fämester ist eines der interessantesten Sittengemälde; wenn man die Uebertreibungen, die dem Genre der Satire eigen find, in Abzug bringt, giebt es ein lebensvolles und getreues Bild der Gesellschaft zu der Zeit des Verfaffers. Vorzugsweise bewundernswerth ist in den Dialogen die Wahrheit der auftretenden Charaktere und das feltene Beobachtungstalent, welches sich in den kleinsten Zügen verräth. D'Aubigné war leider im höchsten Grade nachlässig in Bezug auf seine Werke. Es ist bekannt, daß die Hauptwerke fast heimlich gedruckt wurden. Gewiß ist, daß er seine Arbeiten fast gar nicht korrigierte; ja, es ist wahrscheinlich, daß er sie nicht einmal wieder durchlas. Daher sind alle seine Bücher und besonders „Fäneste“ heutzutage nicht leicht zu lesen. Die Interpunction ist durchaus mangelhaft, die Orthographie ganz willkürlich, oft fehlen Wörter; die Sätze sind oft nicht zu Ende geführt; mitunter, und dies ist besonders in dem vorliegenden Buche der Fall, werden verschiedene Provinzialdialekte ohne eine geregelte Orthographie angewendet; endlich kommen viele dunkle Anspielungen auf Personen und Ereigniffe vor, von denen wir in der Geschichte fast keine Spur mehr finden. Die Kommentare von Le Duchat, welche den Ausgaben von 1729 und 1731 beigefügt sind, find durchaus nicht vollständig und können an manchen Stellen den Leser sogar irreführen. Unter Anderem leiden sie an dem Uebelstand, daß sie den Leser fortwährend auf die Confession de Sancy hinweisen, ein Buch von d'Aubigné, welches noch viel schwerer zu verstehen ist, als das vorliegende. Wir haben aus diesem Werke die Stellen und die Bemerkungen ausgezogen, welche zur Erklärung des Textes Etwas beitragen, und unsere Erklärungen hinzugefügt, wo der gelehrte Kommentator gar keine Erklärungen gegeben oder den Sinn des Textes unrichtig aufgefaßt zu haben scheint. Unser Streben ist hauptsächlich darauf gerichtet gewesen, denjenigen, welche sich für das Studium unserer Literatur und unserer Gefähichte interessieren, einen korrekten und leicht zu lesenden Text zu liefern. Der ersten Ausgabe des ersten Buches habe ich nie habhaft werden können. In dem „Manuel du libraire” heißt es: „Die vier Bücher vom Baron von Fäneste sind hinter einander herausgegeben worden: das erste zu Maillé, vor 1617; das zweite mit dem ersten zu Maillé von J. M. im Jahre 1617; das dritte mit den beiden ersten zu Maillé im Jahre 1619; endlich das vierte im Jahre 1620.“ Der unbestimmte Ausdruck: „vor 1617“, deffen. Herr Brunet sich bedient, läßt vermuthen, daß er diese Ausgabe des ersten Buches nie gesehen, und ich kenne Niemanden, der das Glück gehabt, sie zu fehen. Daher bezweifle ich, daß eine besondere Ausgabe des ersten Buches je existiert habe. Die Jahreszahl 1620, die der Ausgabe des vierten Buches gegeben wird, ist falsch; es ist dafür 1630 zu fetzen. Im ersten Kapitel schon spielt der Verfaffer auf die Schlacht von Val Saint-Pierre an, die im Jahre 1638 (es muß wohl heißen 1628) geliefert worden ist. In dem dritten 1619 veröffentlichten Buche ist noch die Rede von dem Kredit, in welchem Barbin und Mangot stehen, und von dem höchsten Einfluß, den Marschall d'Ancre und seine Frau ausüben. Da die Gunst, in welcher der General-Controlleur Barbin seit dem Ende des Jahres 1616 fand, den Tod des Marschalls d'Ancre, der im April 1617 ermordet wurde, nicht lange überdauerte, so muß das dritte Buch mit den beiden ersten fast in derselben Zeit gefchrieben worden sein. Eine Art von Prophezeiung in Bezug auf das tragifche Ende des Marschalls (Kap. XX) scheint mir ein nach dem Tode des unglücklichen Günstlings gemachter Zusatz zu sein. Wenn man die es dritte Buch und die Vorrede des Herausgebers mit Aufmerk- - - -

famkeit liest, so kömmt man zu der Ueberzeugung, daß d'Aubigné oder der Herausgeber aus Vorficht unterlaffen habe, dieses Buch vor dem Tode des Marschalls zu veröffentlichen. Im vierten Buch (1630) findet man keine Anspielung auf die despotische Gewalt des Kardinals von Richelieu. Dies kann befremdend erscheinen, wenn man weiß, daß der Verfaffer im Jahre der Herausgabe dieses Buches außerhalb Frankreichs in freiwilliger Verbannung und unter dem Schutze einer calvinistischen Republik lebte. Bei einem so oppositionsfüchtigen Manne ist eine folche Schonung des Kardinals schwer zu erklären. Soll man sie einer Klugheitsrücksicht zuschreiben und annehmen, daß d'Aubigné es habe vermeiden wollen, den Zorn des Kardinals auf die Republik Genf zu ziehen; oder soll man gar annehmen, daß d'Aubigné trotz feinem leidenschaftlichen Haß für den Kardinal Richelieu eine Art von Dankgefühl empfunden habe? Der Kardinal Richelieu hatte, nachdem er die Protestanten als eine politische Partei unterdrückt hatte, feinen Sieg nicht dazu gemißbraucht, sie als eine Religionspartei zu verfolgen. Es ist möglich, daß d'Aubigné ihm für diese Mäßigung. Dank gewußt. Vielleicht bewunderte er auch in Richelieu den Staatsmann, der Frankreich zu einer fo hohen Stufe des Ruhms in Europa erhoben hatte; der Patriotismus des Franzosen hätte in diesem Falle in ihm den Sieg über den alten Parteihaß des Hugenotten davongetragen.“

Mannigfaltiges.

Maitre Pierre Pate/in.“) Dieser für die Geschichte der älteren französischen Literatur wichtigen und willkommenen Schrift widmet E. Littré eine ausführliche Besprechung im zweiten Juliheft der Revue des deux Mondes. Mit Uebergehung der speziellen Untersuchungen über Sprache und Archaismen des Stücks, so viel Anziehendes fiel auch für den Liebhaber linguistischer Studien haben mögen, wenden wir uns sofort zu der noch intereffanteren Frage, wer der bisher unbekannt gebliebene Verfaffer jener alten, berühmten, bekanntlich von Brueys und Palaprat für die moderne Bühne bearbeiteten Poffe gewesen sein mag. Einige Data schienen für die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts oder das Zeitalter Königs Johann zu stimmen. Dem aber widerspricht vor allem Anderen die ganz augenfällige Verschiedenheit der Sprache im „Maistre Patelin” von der im besagten Jahrhundert üblichen. Trägt die Sprache des Stücks ein entschieden späteres Gepräge, so können noch weniger, nach der Annahme. Einiger, Guillaume de Loris, der Dichter des Romans von der Rose, aus der Mitte des dreizehnten, oder ein Fortfetzer Jean de Meung aus dem Anfange des vierzehnten Jahrhunderts die Verfaffer fein. Aber auch nicht Pierre Blanchet, den z. B. Pierer und Brockhaus als wahrscheinlichen Verfaffer nebst der Jahreszahl 1480, wo die Poffe zum ersten Mal von den Clercs de la Bajoche aufgeführt worden sein soll, nennen. Denn sehr deutliche, von Génin entdeckte Anzeichen und Anspielungen verrathen, daß das Stück bereits im Jahre 1470 so ziemlich allgemein bekannt war, in welchem Jahre der 1519 als Sechzigjähriger verstorbene P. Blanchet erst zehn Lebensjahre zählte. Der Wahrheit näher scheint Génin und mit ihm sein Referent zu kommen, wenn er den 1398 geborenen Antoine de La Sale als muthmaßlichen Autor bezeichnet. La Sale ist anerkannt der Verfaffer des niedlichen Romans: „Petit Jehan de Saintré", zwischen welchem und „Maitre Patelin” nicht geringe, theils formale, theils geistige Uebereinstimmung stattfindet, vielleicht auch Verfaffer der „Quinze Joies du Marriage” und außerdem einer der jovialen Erzähler, welche durch ihre lustigen Stücklein in den „Cent Nouvelles nouvelles” so viel zu Belustigung des Dauphins, nachmals Ludwigs XI., beitrugen. Nächst der geistigen Verwandtschaft, die als innerer Beweis dienen kann, macht der Verfaffer der Schrift mit vieler Urtheilschärfe noch ein äußeres, indirektes Zeugniß geltend, hergenommen von der Geld- und Kostenberechnung für Gegenstände des Lebens und Luxus, die im „Petit Jehan” und im „Maitre Patelin" völlig gleichlautend ist. – Man fieht nach dem Gesagten, daß das Resultat der Untersuchung auch jetzt nur noch auf Wahrscheinlichkeitsgründen ruht. . K–r.

– Sir Thomas Fowell Buxton. Von dem Leben des Sir Thomas Fowell Burton, von welchem wir bereits eine deutsche Ueberfetzung aus der Feder des Herrn E. v. Treskow befitzen, ist kürzlich eine zweite Bearbeitung von Dr. Bernhard Brandis in Aachen im Verlage des „Rauhen Hauses“ in Hamburg erschienen. Der Charakter Buxton's verdient allerdings auch im deutschen Volke allgemein gekannt zu werden; er war ein Freund der Unterdrückten und der Leidenden. Wir können daher auch die zweite Bearbeitung, die ebenfalls zu billigem Preise verkauft wird, nicht für überflüffig erklären.

*) Texte revu sur les manuscrits, les plus anciennes éditions, avec une introduction et des notes, par F. Génin. Paris, 1855. 8

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Ruffisches Reich. Dr. Karl Neumann’s Hellenen im Skythenlande.“)

„Die kulturhistorische Thätigkeit der Hellenen im Nordosten der damals bekannten Welt näher an das Herz der griechischen Geschichte zu ziehen, mahnen die Alterthümer, die im Laufe dieses Jahrhunderts am Nordgestade des Schwarzen Meeres zu Tage gefördert find. Sie legen ein beredtes Zeugniß ab, daß auch die Steppen Süd-Rußlands einen bedeutenden Schauplatz hellenischer Strebsamkeit bildeten, die vielleicht in demselben Maße, als ihre Erfolge vorübergehend waren, an innerem charakteristischem Verdienste gewinnt.“ Das ungemein reichhaltige Werk, defen Vorrede mit den citierten Worten anhebt, überzeugt uns auf jeder Seite, daß dem Verfaffer keine Eigenschaft fehlt, die zu Bewältigung und Verarbeitung so mannigfachen Stoffes erforderlich war.“) Durch das Ganze waltet nie erkaltender Eifer, umfaffendes und gründliches Studium, kritischer Geist und rein objektive, niemals von vorgefaßten Meinungen getrübte Auffaffung. Indem der Verfaffer feine Ansichten entwickelt, übersieht er keinen wirklichen und kaum einen möglichen Einwand; ja, man kann fagen, daß er Vieles weit gewifenhafter widerlegt, als es behauptet worden. Die Sache der Wahrheit geht ihm über Alles; aber auch der verdiente Ruhm wird gewiß nicht ausbleiben. Zuerst erhalten wir eine meisterhafte Skizze der gegenwärtigen Beschaffenheit Neu-Rußlands, und hierauf fußend, veranschaulicht uns Herr Neumann die Natur dieser Steppen im Alterthume. Alsdann geht er zu ihren Bewohnern über, hauptsächlich bei den Skythen verweilend und einen möglichst vollständigen Kommentar über dasjenige liefernd, was Herodot und Hippokrates von diesem Volke berichten. Endlich kommen Untersuchungen über die Lage der einzelnen griechischen Ansiedelungen, über das Gemeinwesen des Chersonefos, und eine Uebersicht der vornehmsten, bei Kertsch und Taman entdeckten Alterthümer.“) In der Einleitung macht der Verfaffer auf die Bedeutung der nordpontischen Küstenländer für den Handel aufmerksam und giebt eine Uebersicht der Unternehmungen der Griechen, Genuefer und Ruffen. Im Alterthume war dieser Küstenstrich die wichtigste Kornkammer für die übervölkerten Landschaften des eigentlichen Hellas. Daß die damals und – wenn auch nicht in fo umfaffender Weise – zur Zeit der Italiäner hierher verpflanzte Kultur nach längerer oder kürzerer Blüthe wieder unterging, lag nicht an Ungunst der Natur, sondern an zufälligen Ereigniffen. Doch bemerkt man unter den Gründem, welche den Flor der griechischen, genuesischen und russischen Städte bewirkt haben, manche erhebliche Verschiedenheit. Der Verfaffer zeigt, wie das überraschende Emporkommen. Odeffa's nur einer der beiden Triebkräfte, welche den Handel emporbrachten, zu danken ist, und wie Griechen und Genuesern noch Anderes förderlich war, was zum Wohle Odeffas nicht mehr mitwirken kann. In einzelnen Abschnitten bespricht er nun die Boden-Erhebung der füdrussischen Steppen, ihren landwirthschaftlichen Charakter, ihre Qualification zum Ackerbau, ihr Klima, wie es heute ist und wie es im Alterthume gewesen, und die WaldVegetation alter Zeit. Das erste Buch muß für den Geographen, den Statistiker, National-Oekonomen und Kaufmann gleich große Bedeutung haben. Zweites Buch: die Bewohner. Hier bemerkt Herr Neumann mit vollem Rechte: „Die Vermuthungen über den Ursprung der Sky

*) Ein Beitrag zur alten Geographie, Ethnographie und Handelsgeschichte. 1 ter Band. Berlin, Georg Reimer, 1855.

**) Man verwechsle Herrn Dr. Karl Neumann (zur Zeit in Berlin

angeseffen) nicht mit Professor Dr. Karl Friedrich Neumann in Mün

chen, der unter vielem Anderen auch das im vorliegenden Werke angeführte Buch - „die Völker des südlichen Rußland“ verfaßt hat.

***) Der ' Band soll drei Abschnitte enthalten: Handelsverhältniffe der pontischen Kolonieen in ihrer Blüthezeit. – Olbia und die Völkerbewegung,

welche den ersten Anstoß zum Verfall der griechischen Pflanzstädte gab. – Zu

stand und Geschichte des Bosporischen Reiches bis zum Untergange des Mithridat.

then haben das Reich der Möglichkeit fo vollkommen erschöpft, daß nur die Satire eine neue Hypothese aufstellen könnte.“ Die weiland fehr fchwankende Bezeichnung Skythen wird durch Herodot viel befimmter, da er zuerst die Stammverschiedenheit der nordpontischen Völker im Ganzen und Einzelnen mit Nachdruck hervorhebt. Herodot"s vier Traditionen über die Abkunft dieses Volkes werden von dem Verfaffer gründlich gewürdigt. Nach einer derselben wären die Skythen, von den Maffageten gedrängt, über einen Fluß Araxes gesetzt und in das Land der Kimmerier eingefallen, welche ihnen freiwillig Platz gemacht hätten und zu Lande nach Klein-Afien bis auf die Halbinsel Sinope gewandert wären. Die Skythen follen sie verfolgt, aber verfehlt haben und dann in Medien eingefallen sein. Dieser Einfall der Skythen in Vorder-Afien kann aber mit jenem Abzuge der Kimmerier und ihrer Anfiedelung auf Sinope in keiner Verbindung stehen. Was die Maffageten betrifft, so weiß man nur, daß fiel in den Steppen östlich vom Kaspischen Meere und nördlich vom Oxus wohnten. Der angebliche Araxes, über welchen die Skythen fliehen mußten, könnte nur ein turanischer Strom oder auch die Wolga gewesen sein; denn im Gebrauche dieses Namens herrscht bei Herodot, der offenbar (wie Herr Neumann scharfsinnig ausführt) irgend ein Arisches Appellativ für Fluß überhaupt fortwährend mit einem Eigennamen verwechfelt, große Verwirrung, und an den Araxes in Armenien ist keinenfalls zu denken. Beffer, als die vorstehende Tradition, empfiehlt sich eine andere, welche der griechische Abenteurer Aristeas von den Iffedomen heimbrachte. Dieser zufolge hatte das eben genannte Volk, von feinen nördlichen Nachbarn (den Arimaspen) gedrängt, fich auf die Skythen geworfen und diese zum Vordringen nach Westen genöthigt, wo sie dann die Kimmerier vertrieben. Die Iffedonen mußten, wie Herr Neumann später nachweist, am oberen Laufe des Jaik und im benachbarten Theile der heutigen Kirgisenfeppe wohnen; wenn also die Skythen in füdwestlicher Richtung vor ihnen wichen, fo waren die (relativ) ursprünglichen Sitze dieses Volkes ungefähr auf den Weidestrecken gewesen, welche fich im füdlichen Theile des heutigen Orenburg vorfinden. Einen hohen Grad von Glaubwürdigkeit erhält Arifeas durch verschiedene Umstände. Wie Herodot versichert, faß noch zu feiner Zeit westlich von den Iffedonien ein Volksstamm, in welchem die pontifchen Skythen ihre Stammesgenoffen erkannten, und durch das Gebiet dieser Leute führte die große Handelsstraße der hellenischen Kolonisten von den Küsten des Schwarzen Meeres nach Nordost. Es mußte also ein Theil der von den Iffedonen gedrängten Skythen im heutigen Orenburgfchen zurückgeblieben fein. Waren nun die früheren Sitze der Skythen in diesen Gegenden, fanden fie dort noch Stammesgenoffen vor, fo wird die eigenthümliche Handelsrichtung der pontischen Griechen ganz begreiflich. Als diese im Norden des Schwarzen Meeres fich anfiedelten, zogen sie ihre ersten Erkundigungen über entferntere Völker und Gegenden von den hier nomadisierenden Skythen ein, und nichts ist natürlicher, als daß diese auf ihre alten Stammfitze zurückwiesen, auf den Weg, den ihre Vorältern zurückgelegt hatten. Wenn aber die Sage des Aristeas unbestreitbar den Vorzug verdient, so braucht die maffagetische darum nicht geradezu verworfen zu werden; denn die Maffageten konnten, als nahe Nachbarn der Iffedonen, bei jenem Ereigniffe betheiligt gewesen fein, und unter dem Arares dieser Tradition ist als dann kein anderer Fluß als die Wolga zu verstehen. Sind nun die Skythen aus dem heutigen Orenburgfchen nach dem Schwarzen Meere gezogen, fo erscheint die Behauptung, daß sie Arier (Indo-Europäer) gewesen, höchst bedenklich; denn jener Landstrich ist, fo weit die Geschichte reicht, nur der Tummelplatz folcher Völker gewesen, die zum altaifchen (finnisch-tatarifchen) Geschlechte gehörten. Des großen Niebuhr Anficht über den mongolischen Ursprung der Skythen haben spätere Gelehrte ohne zureichende Gründe verworfen. Der Verfaffer zeigt die Absurdität der Behauptung J. Klaproth's, wonach türkische Stämme erst im fünften oder sechsten, mongolische gar erst im dreizehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach Europa vorgedrungen fein könnten. Dann wendet er sich zur Kör

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